Vicelin-Kirche Pronstorf

Vicelin-Kirche in Pronstorf

Am Anfang stand ein Anflug von Ärger. Die Strecke von Bad Segeberg nach Scharbeutz war gesperrt. Der Verkehr wurde ziemlich weiträumig umgeleitet. Nach einem Stück Autobahn, die wir doch vermeiden wollten, führt uns die Umleitung über Land.

Und es zeigt wieder mal, der Weg kann ein Ziel sein. Eine weiche, wellige Landschaft, ein paar Knicks, heimelige Häuser unter Reet. Dörfer, deren Bewohner noch vor der eigenen Tür kehren. Die Äcker sind frisch gepflügt, die Furchen bilden in der Herbstsonne entspannte Muster. Nur der Mais steht noch auf dem Halm, aber oft kommt ein Erntefahrzeug entgegen, den Hänger übervoll mit Maishecksel. Biogas oder Viehfutter? Man kann heute nicht mehr erkennen, ob der Landwirt für den Teller oder den Tank produziert.

„Prostorf“ heißt das nächste Dorf. Rechterhand auf einer kleinen Anhöhe steht eine Feldsteinkirche. Nicht ungewöhnlich für die Gegend. Aber halt mal! Ein runder Turm und ein kleiner Campanile?

Auf dem Seitenstreifen parken wir, steigen ein paar Stufen hoch und stehen auf dem Kirchhof. Neben dem Campanile steht etwas abseits die Aussegnungshalle. Wer dort in der Horizontalen liegt, hat sein Ziel erreicht. Die Grabsteine zeigen, dass der Friedhof schon lange und noch immer die letzte Ruhestätte der Gemeindemitglieder war und ist.

Die Vicelin-Kirche ist offen

Das Motto ist Programm. Das Portal ist unverschlossen. Niemand ist vor Ort. Ein kleines Faltblatt informiert den Besucher über die Geschichte und die baulichen Besonderheiten der Vicelin-Kirche. Erstmals urkundlich erwähnt wurde sie um 1200. Der Name verdankt sich einem rührigen Missionar, namens Vicelin, auch mit „z“ als Vizelin bekannt und, wie es bei Glaubenszeugen üblich, vom Klerus als Heiliger verehrt wird. Es ist eine lesenswerte Lebensgeschichte. Vor 800 Jahren legten die Priester locker die Strecken zwischen Hameln, Laon in Frankreich, Magdeburg und Neumünster zurück. Es ging auch ohne EU 😉 Bei seiner Missionsarbeit folge er den gewalttätigen Metzeleien, mit denen die Ureinwohner der Slawen, Wagrier und Abodriten von der Mächtigkeit des morgenländischen* Christus überzeugt wurden.

Vicelin-Kirche in Pronstorf Altar

Vicelin-Kirche in Pronstorf Altar

Das Faltblatt informiert nicht nur über den Namenspatron der Kirche, sondern auch, wie der Ort zu seinem Namen kam: Hier war einst eine Opferstätte eines heidnischen Gottes namens „Prone“, auch Prono genannt. Obacht: Google wertet die Suche nach „Prone“ als Tippfehler …

Die Decke mit den belehrende Bibelmotiven (die Allianz von weltlichen und geistlichen Herrschern, hat lange versucht, den Gläubigen die Kulturtechnik des Lesens vorzuenthalten) wurde erst 1957 wiederentdeckt. Im 19. Jahrhundert konnte man mit den Bildern nichts mehr anfangen. Man hat sie mit einer Gipsdecke verdeckt. Die Orgel ist neu, 1999 wurde sie eingeweiht. Die Orgel ist konzerttauglich.

Die Vicelin-Kirche Pronstorf ist schlicht

Große und farbenprächtige Fenster sucht man vergebens – das macht vielleicht gerade den Reiz des Innenraums aus: die Gläubigen sind für sich, brauchen keinen Pomp und Protz.  Selten wie der runde Turm ist eine Bibelszene, die aus Wolle gelegt wurde. Vergleichbare Darstellungen habe ich in der Domkirche von Bodö in Norwegen gesehen

Vicelin-Kirche Pronstorf Bibelszene aus Wolle

Vicelin-Kirche in Pronstorf Bibelszene aus Wolle

 

Feldstein und Steinzeit

Ein Muldenstein liegt auf der Südseite der Kirche. Er sieht aus wie ein Stein so aussieht, der einem auf dem Acker den Pflug verbeult. Aber auf seiner Oberfläche befinden sich mehrere Hundert kleine Mulden. Sie werden als Artefakte aus der Steinzeit gewertet.

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Ja, das Christentum hat seinen Ursprung – wie auch der Islam – im Morgenland. Die Herrscher im Abendland fanden es nur praktisch, die Ideologien für die Unterdrückung der eigenen Bevölkerung zu nutzen.