Hieronymus Bosch Verkehrte Welt Hamburg

Bosch ohne Bosch

Verkehrte Welt: eine Ausstellung zum Hieronymus Bosch Jahr, ohne ein Werk von Hieronymus Bosch.

Eigentlich richtet sich das Ausstellungsprogramm des Bucerius Kunstforums in Hamburg nicht nach Jubiläen, Gedenk- oder Geburtstagen. Mit „Verkehrte Welt“ machte das Haus eine Ausnahme. 1516 war ja auch nicht Geburts-, sondern das Todesjahr von Hieronymus Bosch. Also gut. Hieronymus Bosch sollte es sein.

Aber es gab ein Problem: alle bedeutenden Gemälde und Zeichnungen befinden sich zur Zeit im Prado in Madrid.

Was tun? Sehen Sie hier die Bilderstrecke zur Ausstellung und den Exponaten.

Der Kurator der Ausstellung, Michael Philipp, stand vor einer schier unlösbaren Aufgabe. Es war seine letzte Ausstellung für das Bucerius Kunstforum, und die Lösung der schwierigen Aufgabe ist rund herum gelungen.

Franz Wilhelm Kaiser ist Direktor des Bucerius Kustforums

Franz Wilhelm Kaiser ist seit Mitte 2016 Direktor des Bucerius Kustforums

Der neue Direktor des Bucerius Kunstforums, Franz Wilhelm Kaiser, hatte mit der Ausstellung nichts weiter zu tun, als sie zu eröffnen und dabei auf den Katalog hinzuweisen. Die Botschafterin des Königreichs der Niederlande in Deutschland Monique van Daalen übernahm die Schirmherrschaft für die Ausstellung, die unter dem Titel „Verkehrte Welt“ eröffnet wurde. Wichtiger als diese eher symbolische Bedeutung war die Mitwirkung der Museen in Dresden, die einen Großteil der Exponate zur Verfügung stellten. Die Botschafterin hatte nicht mal Gelegenheit zu einem Grußwort im Katalog.

Ausstellungskonzept

Der Untertitel der Ausstellung: „Das Jahrhundert des Hieronymus Bosch“ verdeutlicht den Ansatz. Sie stellt die Wirkungsgeschichte von Hieronymus Bosch vor: welche Elemente seiner Bildsprache fanden Eingang in das Werk seiner Zeitgenossen und Nachfolger? Der Titel der Ausstellung „Verkehrte Welt“ deutet den Versuch an, den Bedeutungswandel der Bildschöpfungen zu thematisieren. An den Begriff „Verkehrte Welt“ selbst knüpft sich eine lange Deutungsgeschichte.

Hieronymus Bosch im Bucerius Kunstforum Verkehrte Welt

Hieronymus Bosch im Bucerius Kunstforum Verkehrte Welt

Verkehrte Welt in Fabeln und Satire

Seit Römerzeiten halten Künstler ihren Zeitgenossen mit Texten und Bildern vor Augen, wie „Soll“ und „Sein“ auseinanderklaffen. Gerne wird die Kritik ins Tierreich verlagert. Die Literaturgattung der Fabeln verdankt sich diesem Umweg. Das beste Beispiel für eine treffende, giftige Fabel ist „Reineke Fuchs“ von Goethe. Er hat das Thema nicht erfunden, aber unübertroffen getextet und mit einer noch heute erschreckender Aktualität ausgestattet. Auch Satire und Ironie bedienen sich der Elemente der Verkehrten Welt. Nicht zu vergessen der Hofnarr, der dem Herrscher ungestraft das sündhafte Leben als Possenspiel vortragen durfte, ohne anschließend geköpft zu werden.

Die Zeichnungen und Grafiken in der Ausstellung sind eher in der Nachbarschaft der Fabeln angesiedelt. Statt Löwen, Adlern und Zaunkönigen zerren kleine und große Monster die Fehlbarkeit der Menschen und Mächtigen ans Licht.

Die Phantasiegestalten erhalten ihre aufklärende Kraft aus der Spannung zischen der Absurdität ihrer Erscheinung und ihrer Realitätsnähe: die Monster, ihre Verhaltensweisen und die Umgebung ihres Handels sehen „möglich“, irgendwie real aus.

Ob Hieronymus Bosch diesen Ansatz der verkehrten Welt verfolgte, ist ungewiss, aber in der Wirkungsgeschichte lässt sich diese Deutung durchaus festmachen.

Deutungshilfe Katalog

Der Katalog steht in der Tradition des Buverius Kunstforums und ist das Ergebnis eines Symposiums. Entsprechend greifen die Texte weit tiefer als die Erklärungen in den Wandtexten und bieten viele Informationen und Verweise auf parallele Entwicklungen in Kunst, Klerikalpolitik und gesellschaftlichen Veränderungen im Jahrhundert des Hieronymus Bosch.

Hieronymus Bosch Verkehrte Welt Nachfolger

Hieronymus Bosch Verkehrte Welt Nachfolger

Ich empfand den Text diesmal aber weniger ermüdend und abgehoben. Der Interessierte Besucher erfährt auch die Übersetzung der lateinischen Sinnsprüche auf den Grafiken. Keine Hilfestellung bietet der Katalog bei der Frage: was wollen uns die Monster und ihre Freunde sagten. Immerhin war das Werk von Hieronymus Bosch überfrachtet mit Begriffen, die in Bildelementen versteckt waren. Eigentlich ein guten Anknüpfungspunkt für „Verkehrte Welt“. Eigentlich. Wen es interessiert: hier ist das ultimative Buch zu Hieronymus Bosch: Stefan Fischer: jheronimus Bosch, 2016 Taschen-Verlag ISBN 978-3-8365-3821-2

Verkehrte Welt: kein Platz für Surrealisten

Das Werk von Hieronymus Bosch hat zwar Nachfolger gehabt, ist aber trotz eines prominenten Fans* für viele Jahrhunderte verschollen, vergessen. Die meisten Werke verfaulten in den Magazinen. Sogar die geringe Zahl von Werke die „El Bosco“ wie Hieronymus Bosch in Spanien genannt wird, zugeschrieben werden, ist zweifelhaft. Die Eröffnung der großen Hieronymus Bosch-Ausstellung wurde von Zweifeln überschattet, ob populäre Werke tatsächlich aus des Künstlers Hand sind. Nur am Rande sei hier vermerkt, dass diese Zweifel von den Leuten vorgetragen werden, die selber Werke des Künstlers bis zur Unkenntlichkeit restauriert haben.

Die Logik der Ausstellung „Verkehrte Welt“ lässt allerdings keinen Raum für die Auffassung, Hieronymus Bosch sei der Stammvater der Surrealisten.

*Viele seiner Werke entstanden im Auftrag des spanischen Königshauses oder wurden in dessen Auftrag erworben.