Über Wasser Bucerius Kunstforum

Über Wasser

Malerei und Photographie von William Turner bis Olafur Eliasson

Der Titel ist erfrischend mehrdeutig: sprechen wir über das Wasser oder bewegen wir uns über dem Wasser?

Schau’n wir mal: hier die Bilderstrecke.

Der Kurator der Ausstellung im Bucerius Kunstforum „Über Wasser“, Ulrich Pohlmann, will darin der Inspiration nachspüren, die das Element „Wasser“ in den vergangenen 200 Jahren, genauer auf Maler und Fotografen ausgeübt hat. Die Liste der Künstler ist lang. Leider ist der Name manchmal größer als der Beitrag seines Trägers zur Ausstellung. Wer bei Caspar David Friedrich an den Schiffbruch im „Eismeer“ gedacht hat, wird sich verwundert die Augen reiben, wenn er endlich die 3 Skizzen findet, die mutmaßlich in Vorbereitung zu dem Eismeer-Gemälde entstanden sind.

Verwässert

Bucerius Kunstforum Über Wasser Der Kurator der Ausstellung Ulrich Pohlmann vor Utagawa Hiroshiga: Plötzlicher Regenschauer am Abend (1857)

Bucerius Kunstforum Über Wasser Der Kurator der Ausstellung Ulrich Pohlmann vor Utagawa Hiroshiga: Plötzlicher Regenschauer am Abend (1857)

Und wirklich, es ist etwas besonderes, dass dem Besucher Fotos und Gemälde gleichwertig nebeneinander gezeigt werden. Wasserfälle gemalt und geknipst.

Man sieht einen jungen Mann, der in den 20er Jahren mit seiner Plattenkamera im Wasser steht und seine Liebste fotografiert. Vermutlich aufgenommen von ebensolcher Plattenkamera. Man sieht mehrere Menschen in verschiedenen Gewässern sind: im Pool, im Meer, im Regen. Man sieht Regentropfen, die ein Künstler auf der Scheibe seines Ateliers in New York fotografiert hat. Wenn in den Tropfen sich wenigsten die Skyline von New York widerspiegelt! Aber es sind nur Wassertropfen an einer Fensterscheibe.

Bucerius Kunstforum Über Wasser Präsentation

Bucerius Kunstforum Über Wasser Präsentation

Die Präsenation der Exponate ist im Bucerius Kunstforum wie gewohnt perfekt. Keine Blendungen, Texte, zwar für Bückhaltung, aber zweisprachig und gut zu lesen. Besonders gut gefallen hat mir die „Landschaft“ im Erdgeschoss, in der die Bilder nicht nur klassisch senkrecht hängen, sondern auf unterschiedlich geneigten Flächen auch mal schräg.

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass bei vielen Fotos das Entwicklungsverfahren, der verwendete Drucker oder der Hersteller des Papiers genannt wird. Als ob Dürer die Zusammensetzung seiner Farben dokumentiert hätte.

Bucerius Kunstforum Über Wasser - Stefan Hunstein Eis Nr.26 (2012-2014) UV-Direct Print auf geätztem Glas

Bucerius Kunstforum Über Wasser – Stefan Hunstein Eis Nr.26 (2012-2014) UV-Direct Print auf geätztem Glas

Manche Exponate lassen den Betrachter ratlos: die blauen Pigmentsprengsel von Yves Klein: Cos13 finden auch Katalog keine Erklärung: es sind keine Wassertropfen, sondern hier wurde Pigmentpulver auf die Fläche gesprüht, als ob es Regen sei.

Teile und herrsche

Bucerius Kunstforum Kunst im Zeitalter der Reprodzierbarkeit Dieses ist kein Gemälde von Richter, sondern ein Schnappschuß des Autors während einer Kreuzfahrt im Nordmeer.

Bucerius Kunstforum Kunst im Zeitalter der Reproduzierbarkeit Dieses ist kein Gemälde von Richter, sondern ein Schnappschuss des Autors während einer Kreuzfahrt im Nordmeer 🙂

Die Exponate werden von verschiedenen Themen strukturiert: Wasserfälle, Leute im Wasser, Eis, Schnee, Wellen, ungezähmtes Element und Reflexionen. Nein, nicht nur Wasser kann Licht spiegeln und brechen, wie in der Ausstellung behauptet wird, sondern auch Luft (Fata Morgana) oder Granit, wie Johann Erdmann Hummel in seinen Gemälden über das Biedermeierwunder, die große Granitschale im Lustgarten, sehr schön darstellt.

Was sieht man noch?

Man sieht Fotos, die kopflose Menschen auf regennasser Straße zeigen und eine Kollage und einen Holzschnitt. Besucher, die fotografisch interessiert sind und sich schon einmal in einem Volkshochschulkurs über Bildgestaltung wiedergefunden haben, werden die Ausstellung verstört und ratlos verlassen. Aber auch die Besucher, die jeder Ausstellung im Bucerius Kunstforum besuchen, werden sich fragen: was ist das besondere an diesem Foto? Ist es das Albuminpapier ist oder das spezielle Wasserzeichenpapier mit dem besonderen Druck (den es heute auch nur noch im Technischen Museum zu sehen gibt), oder sind es die Schwierigkeiten, in der Frühzeit der Fotografie schnelle Sequenzen abzulichten? Dann handelt es sich eher um den kreativen Akt des Ingenieurs. Aber die Schöpfungshöhe des Motivs?

Kunst im Zeitalter der Reproduzierbarkeit

Als Walter Benjamin seinerzeit über diese Frage nachdachte, ging es ihm um Kunstwerke, die reproduziert werden können. Heute wird das eher unter dem Rubrum Raubkopie und Diebstahl geistigen Eigentums diskutiert.

Wer heute Fotos ausstellt, muss dem Besucher auch erklären, warum er sich das Foto ansehen soll, was es so besonders macht. Reproduzierbar ist heute nicht nur das Bild selber, sondern auch das Motiv: Jeder Besucher hat schon mal Wolken Über Wasser fotografiert, oder das Spiegelbild eines Berges im See, von Regentropfen hier und da gar nicht zu reden. Und diese Bilder stehen im Auge des Betrachters im Wettbewerb zu den Exponaten, wobei nicht immer sicher ist, dass das Exponat gewinnt.

In dem Maße, wie die Aura der Kunst aus den Fotos schwindet, muss sich ein Kurator darum mühen, ihren Stellenwert im schöpferischen Akt im Prozess zwischen (Foto-) Künstler und seinem Sujet zu bestimmen und dem Besucher nahezubringen.

Bei Oden (Norwegen) spiegelt sich die Bergwelt im glasklaren Oldensee.

Bei Oden (Norwegen) spiegelt sich die Bergwelt im glasklaren Oldensee. Kein Exponat, sondern Beispiel für die Reproduzierbarkeit von Kunst.

Die Ausstellung Über Wasser drückt sich um diese Aufgabe herum und setzt auf die Macht des Faktischen: es hängt da, also ist es wichtig.

Im Rahmenprogramm veranstaltet das Bucerius Kunstforum auf einer Internetplattforum für Fotos eine Art Wettbewerb. Allerdings sollte man sich die AGBs von Instagram durchlesen: der Einsender gibt ein paar nicht unwesentliche Rechte an seinen Fotos preis – und dann ist man wieder beim Diebstahl von geistigen Eigentum.