Trollfjord

Trollfjord

Zweimal haben wir schon mit der Hurtigruten vor dem Trollfjord gestanden. Im Winter fahren die Postschiffe der Hurtigruten nicht in den Trollfjord hinein, sondern beleuchten den Eingang mit ihren großen Suchscheinwerfern oder kreuzen -südgehend- für ein paar Minuten vor der Einfahrt.

Klar, dass wir auf der Kreuzfahrt mit der NeoRomantica den Ausflug zum Trollfjord gebucht haben.

Costa hat wieder den Katamaran Helgeland gebucht. Er liegt schon am Kai, als unser Schiff anlegt. Nichts deutet mehr darauf hin, dass vorgestern viele Reisende auf dem Weg zur Walsafari ihr Frühstück Neptun gespendet hatten.

Die Fahrt verläuft sehr viel entspannter und bietet den Passagieren sehenswerte Einblicke in die eindrucksvolle Landschaft der Schären. Wer bisher die Nähe zur norwegischen Natur vermisst hatte, kommt hier endlich auf seine Kosten. Der Kapitän macht einen Abstecher zu dem kleinen Fischerdorf Henningsvær. Vor fast jedem Haus liegen Boote vertäut, und hoch über dem Dorf, das sich an einen Bergrücken kuschelte, kündet der Nachbau eines Wikingerbootes von vergangenem Wagemut. Die Trockengestelle für den Klippfisch waren noch eng gefüllt. Fischerei ist hier nach wie vor der Haupterwerbszweig.

Der weitere Weg führt uns an steilen Bergen, wuchtigen Felswänden und wolkenumdräunten Bergspitzen vorbei.

Trollfjord - Berge im Wechsel zwischen Sonne und Wolken

Trollfjord – Berge im Wechsel zwischen Sonne und Wolken

Das Wetter meint es gut mit uns: wenig Wind, kein Regen, ab und an Sonne zwischen den Wolkenfetzen. Die hier und da tief hängenden Wolkenfetzen betonen vielfach Geländeformationen, die sonst im Einerlei der Felsenwände untergegangen wären. Eindrucksvoll wischen Sonnenflecken über die teils schroffe und felsige, teils sanft geschwungene und begrünte Landschaft. Eine Vielzahl von kleinen und sehr kleinen Leuchttürmen hilft den Seeleuten, die vielen Felsen zu umfahren, die sich knapp unter der Wasseroberfläche liegend sonst nur durch etwas kabbeliges Wasser verraten.

Trollfjord - Die Felswände ragen steil bis zu 1000 Meter empor

Trollfjord – Die Felswände ragen steil bis zu 1000 Meter empor

Und dann ist er endlich in Sicht: die Einfahrt zum Trollfjord. Ich erkenne ein paar Häuser wieder, die mir schon im Frühjahr wegen ihrer einsamen Lage aufgefallen waren – und natürlich die Einfahrt. Ein Gletscher hat wohl vor vielen Jahren Fjord und Einfahrt aus dem Massiv heraus geschmirgelt. Zu mehr als 80 Metern hat es bei der Einfahrt nicht gereicht. Und auch der Rest des Fjordes beeindruckt nicht durch Größe, sondern seine eingebettete Lage in einem Gebirgsmassiv.

Im Schleichgang fahren wir in den Fjord ein. Links und rechts ragen eher drohend als einladend nackte und teils raue Felswände nahezu senkrecht hoch. Der Kapitän hat für den Besuch einen Zeitpunkt gewählt, zu dem die Sonne den Trollfjord bescheint und die vielen Wasserfälle theaterreif beleuchtet.

Trollfjord-Touristen vor einem wasserfall

Trollfjord-Touristen vor einem Wasserfall

Auf der Helgeland ist es still.

Auch in Zeiten, in der Wunder der Welt ohne Aufwand ins Wohnzimmer kommen, siegt doch die Erhabenheit der erlebten Naturwunder. An einigen Stellen sind die Wände glatt geschliffen. Einige Besucher haben sich dort mit Namen und Besuchsdatum verewigt. Warum sollte es dem Trollfjord besser gehen als den Pyramiden? Aber schön ist das nicht.

Trollfjord - Einige Besucher haben Graffiti hinterlassen.

Trollfjord – Einige Besucher haben Graffiti hinterlassen.

Der Kapitän gleitet mit dem Katamaran langsam und geräuschlos an den Wänden vorbei. Beim Wenden nähert sich das Boot den glatten und wie mit einer großen Säge zerteilten Felsen auf Armeslänge und bietet seinen Gästen sehr schöne Aussicht auf mehrere kleine Wasserfälle. Mein stiller Respekt gilt den Kapitänen der Hurtigruten, die in diesem knapp 800m breiten Fjord ihr Postschiff sicher wenden.

Trollfjord - Touristen blicken auf das Ende vom Trollfjord

Trollfjord – Touristen blicken auf das Ende vom Trollfjord

Unser Blick fällt auf ein Haus am Ende des Trollfjords. Hier steht ein Maschinenhaus, in dem ein Generator aus dem abgeleiteten Wasserfall Strom erzeugt. Das Rohr und die Stromleitungen wollen nicht recht zum Charakter eines Weltnaturerbe passen. Bis 1960 war hier ein Wasserfall.

Auf schmalen Felsvorsprüngen hocken ein paar Möwen und andere Seevögel und betrachten die Besucher auf dem Katamaran ganz entspannt. Für die erwartete Tierwelt ist es vielleicht noch zu früh. Es ist ruhig und friedlich hier und die Passagiere lassen die wuchtige Schönheit der Felsen auf sich wirken.

Trollfjord - Besucher vor einer Felswand im Trollfjord

Trollfjord – Besucher vor einer Felswand im Trollfjord

Nichts erinnert mehr an die kriegerischen Auseinandersetzungen im 19. Jahrhundert, als hier Fischer ihre Kollegen angegriffen hatten, weil die ihre Boote statt mit Segel und Riemen mit Dampf antrieben.

Die Schlacht im Trollfjord

Hintergründe, Verlauf, Ergebnis

Im Trollfjord fand im Frühjahr 1890 die berühmte Schlacht zwischen den Küstenfischern mit ihren Ruderbooten und den Fischern mit modernen Dampfschiffe statt.Johan Bojer beschreibt sie ausführlich in seinem Buch  „Die Lofotfischer“:

Tagelang hatten die Fischer in Henningsvær vergeblich auf den Kabeljau gewartet, bis sie schließlich beobachten, dass die Seevögel ostwärts ziehen. Die Fischer folgen den Vögeln, rudern nach Kabelvåg und von dort mit vielen anderen Nordlandbooten wieder ostwärts in den Raftsund hinein. Es sind Wale gesichtet worden, und wo Wale sind, gibt es Hering, und wo Heringe sind, gibt es Kabeljau. Doch am Trollfjord müssen sie feststellen, dass Dampfschiffe sich quer über den schmalen Fjord gestellt, ihre großen Netze ausgeworfen und den Zugang für alle Ruderboote gesperrt haben. Wutentbrannt und verbittert stürzen sich die Fischer auf die Dampfboote und erkämpfen sich mit Rudern und Bootshaken den freien Zugang zum Fjord und zum Kabeljau. Sie erringen den Sieg und können ungehindert fischen.

Die Schlacht am Trollfjord war, historisch gesehen, der erste große Kampf zwischen kapitalkräftigen Unternehmern und armen Fischern um die Ressourcen des Meeres. Aber wie kam es eigentlich dazu?

Den direkten Anstoß gab Ole Johann Kaarbø, ein umtriebiger, erfolgreicher Geschäftsmann, dem mehrere Dampfschiffe gehörten und der sein Geld u.a. mit dem Verkauf von Fischköder verdiente. Das war auch der Grund, warum er Ende Februar 1890 mit einem kleinen Dampfschiff im Raftsund unterwegs war. So erfuhr er als einer der ersten, dass sich große Mengen Fisch in dem von einer dicken Eisschicht bedeckten Trollfjord eingefunden hatten. Kaarbø versuchte auf Bitten einiger Fischer, die im eisfreien Teil des Fjordes fischten, das Eis mit seinem Dampfschiff aufzubrechen, was ihm aber nicht gelang. Daher machte er den Vorschlag, ein größeres Dampfboot als Eisbrecher zu holen, allerdings wollte er dafür von jedem der etwa 500 Fischerboote im Raftsund 1 Krone haben. Die Antwort war ein empörtes Nein. Eine Einigung kam nicht zustande. Die Gemüter erhitzten sich. Mit Zustimmung der Fischereiaufsicht beschloss nun Kaarbø, ein Sperrnetz quer über den Fjord, direkt an der Eiskante auszulegen. Diejenigen, die im abgesperrten Bereich fischen wollten, sollten ihm die Hälfte ihres Fanges abgeben, ein Vorschlag, in den einige der von den Fischern gewählten Vertreter einwilligten. Als dann aber unerwarteterweise ein gewaltiges Unwetter das Eis aufbrach, stürmten die Fischer mit etwa 600 Booten in den Fjord und begannen unter chaotischen Umständen, ihre Leinen auszulegen. Jetzt waren nur noch wenige bereit, einen Anteil abzugeben. Karrbø entschloss sich nun zu dem Schritt, der die Schlacht auslösen sollte: Mit vier Dampfbooten und zwei Netzbooten riegelte er den Fjord ab. Der Ausgang der nun folgenden Schlacht ist bekannt: Die Fischer erkämpften sich den freien Zugang. Vom 6. März bis Anfang April 1890 wurden im Trollfjord 1 Mio. Kabeljau gefischt, ihr Wert wurde auf 240 000 Kronen veranschlagt.

Dies war aber nicht das Ende der Schlacht: Per Telegramm an das Innenministerium protestierten etwa 2000 Fischer gegen die Fjordabsperrung. Die in den nächsten drei Monaten im Storting folgenden Diskussionen um die Rechte der Fischer einerseits und die der kapitalkräftigen Dampfbootbesitzer andererseits, in denen es vor allem um die Verwendung der kapitalaufwendigen Senknetze ging, waren heftig, die Argumente in vieler Hinsicht bis heute aktuell: Die um 1880 neueingeführten Senknetze nämlich waren um ein vielfaches effektiver als die normalen Fangleinen und Stellnetze. Sie wurden ins Meer gesenkt, unter dem Fischschwarm auseinandergezogen und prall gefüllt, oben wieder zusammengezogen. Die einfachen Lofotfischer aber konnten sich diese Netze nicht leisten. Ein Nordländer etwa argumentierte im Parlament: »Die Fischer wissen, dass das Senknetz im Verhältnis zu den anderen die Gerätschaft des Kapitals ist. Wenn das Senknetz erst in Gebrauch kommt, werden viele jetzt noch selbständige, tüchtige Lofotfischer zu Dienern des Großkapitals erniedrigt werden.« Ein Oberlehrer aus Tromsø resümierte den Zorn der Fischer: »… Die Fischer fühlen sich klein und armselig gegenüber dem großen und mächtigen Kapital.« 1893 wurde die Fischerei mit Senknetzen u.a. als Folge der Schlacht im Trollfjord verboten.

Nach einer guten halben Stunde verlassen wir leise und langsam den Trollfjord und steuern Svolvaer an, wo uns ein ausführliches und schmackhaftes Buffet im Thon-Hotel und ein Bus zur Rückkehr zu unserem Kreuzfahrtschiff erwartet.

Trollfjord - Ausfahrt aus dem Trollfjord

Trollfjord – Ausfahrt aus dem Trollfjord

Die Busfahrt zurück verdeutlicht den Unterschied zwischen der rauen, groben und wilden Seeseite der Lofoten und der eher milden und einladenden Landschaft im Landesinneren. Und sie löst das Rätsel, wie die Leute zu ihren einsamen Häusern auf der Seeseite kommen: die Lofoten sind vollständig durch gut ausgebaute Straßen erschlossen. Hier stellen die Geschwindigkeitskontrollen der Polizei die einzige Gefahr für die Touristen dar. 10 km/h mehr werden bei uns gar nicht gemessen, kosten aber in Norwegen schon mal runde 180 Euro.

Da fährt man doch besser langsam und macht die Fahrt zum Trollfjord noch einmal. Wir haben die Fahrt genossen – hin und zurück