Steigenberger auf dem Petersberg

Enttäuschung pur: Steigenberger auf dem Petersberg

Es ist schon ein paar Jahre her, als ich mit dem Raddampfer „Frieden“ von Andernach nach Köln fuhr und zwecks Besichtigung der Ruine auf dem Drachenfels in Königswinter einen Zwischenstopp einlegte. Damals fiel mein Blick auf das, wie es mir schien: Schloss auf dem Petersberg. Es lag wie ein Märchenpalast in der Sonne auf einem respektablen Hügel am Rhein und schien mir sehr viel verlockender als die öde Ruine auf dem Drachenfels, die wir zudem bei sengender Sonne zu Fuß erklimmen mussten. Der Weg war von kleinen Häuschen gesäumt, in denen Märchen dargestellt wurden. Für mich war klar, das wirkliche Märchenschloss lag knappe drei Kilometer Luftlinie rheinaufwärts auf dem Petersberg.

Auch bei regenverhangener Sicht sieht der Drachenfels spannend aus.

Auch bei regenverhangener Sicht sieht der Drachenfels spannend aus.

Viele Jahre später – aus dem Gästehaus der Bundesregierung war ein Luxushotel geworden, das „Steigenberger Petersberg“ – bot sich die Gelegenheit, in dem Märchenschloss der Jugend zu übernachten. Die Hotelkette Steigenberger, die das Hotel betreibt, hatte auf „Travelzoo“ preiswert Übernachtung und Abendessen angeboten.

Das war meine Chance. Endlich von der steilen Auffahrt zum Eingang vorfahren, von diensteifrigen Mitarbeitern empfangen werden. Dann durch luxuriöse Treppenhäuser und Flure mit knietiefen Teppichen in ein riesiges Zimmer mit allem Komfort schweben, den die Zeit bereithält zu betreten. Ich würde ehrfurchtsvoll auf wertvollem Bodenbelag zum Fenster huschen, um einen Blick auf den Rhein zu erhaschen.

Das mit dem Rheinblick hat sich erfüllt.

Ansonsten könnte das Hotel auch in Neuhausen im Kanton Schaffhausen stehen und dem Rheinfall eine ganz neue Bedeutung geben.

Die Enttäuschung beginnt beim Betreten des Hotels. Noch nie habe ich in einem 5-Sterne Hotel gesehen, bei dem die Rezeption von so wenigen Mitarbeitern besetzt war. Meist war es nur einer. Und das Aus-Checken von drei Gästen kann so schon mal dauern.

Steigenberger Petersberg

Nun gut, ich bin auf Urlaub, nicht auf der Flucht. Die vier Tische mit Sitzmöbeln, die nicht nur unbequem aussehen, sondern es auch sind, zaubern eine Willkommensatmosphäre, die mir zuletzt in der Eingangshalle des Frankfurter Hauptbahnhofes entgegen schlug. Der Weg zum Fahrstuhl führt an Fotos von Autokraten, Diktatoren und Kriegstreibern von Adenauer bis Karsai vorbei. Die Fahrstuhltür schließt schneller als, man mit dem schwergängigen Gepäckwagen hineinkommt. Ich kann es mir aussuchen, ob die Tür gegen den Wagen kracht oder gegen meine Schulter. 30 Meter vor unserem Zimmer kann ich mir nichts mehr aussuchen. 9 Stufen mit fleckigem Teppichboden beenden je die Fahrt des Gepäckwagens: den Rest muss man schleppen. Der Teppichboden in unserem Flur dürfte seine beste Zeit gehabt haben, als ich vor 45 Jahren den Petersberg mit dem Raddampfer passierte, und von jemandem ausgesucht worden zu sein, dem jeglicher Sinn für Eleganz und Luxus fehlte.

Zur Besenkammer fehlen nur die Besen

5 Sterne Zimmer im Steigenberger auf dem Petersberg. Spartanisch, verschlissen. Immerhin kein Spind wie in Jugendherbergen.

5 Sterne Zimmer im Steigenberger auf dem Petersberg. Spartanisch, verschlissen. Immerhin kein Spind wie in Jugendherbergen.

Das Zimmer überrascht mit einem minimalistischen Angebot an Fläche, Stauraum und Intelligenz: keine Schubladen, kümmerliche Korbstühle statt gemütlicher Sessel. Es rief mir gleichsam entgegen: „Hau ab!“ Den Gefallen tun wir dem Zimmer -noch- nicht, sondern verteilen unsere Wäsche mangels Ablageborde im Schrank auf der Fensterbank.

Die Steckdosen und Schalter für die Nachttischlampen sind am Nachttisch der Marke „Sparta“ auf der Seite angebracht, die zum Bett zeigen. Immerhin nicht auf der Rückseite, Aber erleichtert wird die Nutzung dieser Bedienelemente nicht.

Die Stehlampe demonstriert die Enge im Raum: Man kann am Bett nicht vorbei kommen, ohne sich den Kopf am Lampenschirm zu stoßen. Der Fernseher – noch gute alte Röhrenqualität der Marke Grundig – steht da, wo man ihn weder von Korbstühlen noch vom Bett aus bequem sehen kann.

Ein sonderbares Möbel in Form eines Holzwinkels, der zum Zimmer hin mit einem Rohr gestützt wird, gibt Rätsel auf: was wollte uns der Architekt damit schenken?

Die Bodenfliesen im Badezimmer sind so langweilig kleinteilig, dass auch leidgeprüfte Besucher in kommunalen Freibädern bei deren Anblick einschlafen. Dafür hält das Badezimmer immerhin zwei Waschbecken bereit und eine Badewanne. Bei deren Einbau haben sich die Klempner von den zwei Möglichkeit für die entschieden, die für den Benutzer von Wanne oder Dusche die größtmögliche Anstrengung abverlangt und darüber hinaus den Waschvorgang in ziemlicher Dunkelheit vonstatten gehen lässt.

Das Licht ist nämlich über den Waschbecken eingebaut und von der Dusche (in der Wanne) vom Raum mit einer dicken Wand getrennt. Der Teppichboden zerfasert am Übergang zum Badezimmer. Die Korbstühle haben auf Höhe der Lehne die Tapete mit einem sehr individuellen Schmuckstreifen versehen. Die Tapete selber wirft Falten, so dass man sich fragt, was der Tapezierer beruflich macht. Die Matratze ist von einer Konsistenz, bei der man nicht weiß: ist sie verbraucht oder zu weich?

Alles da – eigentlich

Beim Frühstück, bei dem es eigentlich an nichts mangelt, kann ich anfangs noch grinsen: Zwar entdecke ich endlich losen Tee und die Teefilter. Aber leider passen die Filter nicht in die – wirklich – sehr hübsche Kannen. Bleibt also nur wieder der Griff zum Beuteltee. Allerdings heißen die Beutel hier „Caddy“ und sind viel vornehmer.

Das war das Angebot an Weichkäse, 1 Stunde vor Ende der Büfett-Zeit.

Das war das Angebot an Weichkäse, 1 Stunde vor Ende der Büfett-Zeit.

Die Käsescheiben wirken wie abgezählt und wellen sich am Rand. Sie werden doch wohl nicht von gestern sein? Wenn man die trockene Seite nach unten legt,, fällt es auch gar nicht auf. Es ist zwar eigentlich „alles da“, aber das Angebot wirkt peinlich abgezählt und ungepflegt. Ich greife mit Freuden zu den Ceralien, aber augenscheinlich hat niemand seit gestern die Gläser aufgefüllt.

Ist das Käse, oder kann das weg?

Das Rührei hat die Konsistenz eines festen Blocks, den man aber noch durchstoßen kann. Ich verzichte auf diese Übung und bestelle mir ein Omelett mit Käse und Kräutern. Es kommt nach guten 10 Minuten und hat die gleiche Beschaffenheit wie der große Bruder in der großen Schale. Käse ist drin, das merkt man an den Ziehfäden. Kräuter auch.

Der Koch ist Lokalpatriot und hat sich für Petersilie entschieden. Das ist auf dem Petersberg eigentlich auch naheliegend. Er ist innovativ und wendet sich bewusst ab vom langweiligen Schnittlauch-Standard. Und er ist sparsam: einige Blätter sind vergilbt und so aktuell wie eine Zeitung von gestern, und sie schmecken auch so.

Unter einer Käseglocke hockt ein Käsebröckchen von 2,5cm Kantenlänge und hofft, dass der Gast ihn verschonen möchte. Ich tue ihm den Gefallen und bin überzeugt, dass sich das positiv auf mein Karma auswirkt.

„Ja, Ihre Frau hat mir schon erzählt, dass Sie den Tee auf dem Zimmer trinken möchten,“ hauchte die Bedienung am Frühstückstisch – und räumt die Teetasse ab.

Immer wieder gern.

Dieses Frühstücksbuffet wird mir in Erinnerung bleiben. Es markiert den absoluten kulinarischen und gastronomischen Tiefpunkt.

Im Omelett fand sich welke Petersilie. Steigenberger petersberg

Im Omelett fand sich welke Petersilie.

Betreten auf eigene Gefahr

Das Steigenberger auf dem Petersberg bietet eine unbestreitbar sehenswerte Aussicht. Der Kaffeegarten ist gut bestückt und weitläufig. Allerdings empfiehlt sich beim Schlendern durch die Anlagen eine gewisse Vorsicht. Hier und da sind die Stufen ausgebrochen und am besten mit festem Schuhwerk oder Gottvertrauen zu benutzen. Das Bistro erinnert in Ausstattung und Angebot an das Café am Bootsanleger. Nur, dass da die Bedienung schneller ist, weil der Gast ja die Fähre erreichen will. Von solchem Zeitdruck ist man auf dem Petersberg weit entfernt. Und auch von der 5-Sterne-Kultur der Teebereitung.

Unlängst habe ich in Heiligendamm auf einen Tee vorbei geschaut, einen grünen. Heiligendamm spielt in der gleichen Liga wie das Steigenberger auf dem Petersberg. Nicht nur wegen der Sterne, sondern auch wegen der Lage abseits allen Trubels. In Heiligendamm bekomme ich zwei Kannen: eine mit heißem Wasser, eine, um darin den losen Tee in einem passenden Teesieb aufzugießen. Klar: das ist perfekt, das ist Luxus pur. Aber 5 Sterne signalisieren dem Gast: hier hat der Überfluss sein Heimspiel. Auf dem Petersberg bekomme ich einen Beutel. Pardon: einen Caddy.

Und abends Totentanz

Waren Sie schon mal in einem 5-Sterne-Hotel, Luxusklasse? Haben abends in der Lobby gesessen, einen Happen gegessen, einen Cocktail getrunken, dem Pianisten gelauscht: die Seele baumeln lassen, in Zeitschriften, vielleicht gar internationalen, geblättert?

Gut, dann wissen wenigstens Sie, wie 5 Sterne gehen.

Wir sind abends durchs Hotel gestreift, haben sterile Tagungsräume mit sorgfältig abgedecken Tagungsstühlen und Kaminzimmer gefunden, die so rein gar nicht einluden, sich hinzusetzen, zu lesen, zu plaudern oder zu sehen, wer noch so abgestiegen ist.

Das einzige was hier abgestiegen ist, ist das Hotel.

Selbst die Bar, Fluchtpunkt aller Einsamen, Verzweifelten und Verlorenen, ist leer. Nicht einmal der Barkeeper hält die Stellung. Es hat den Anschein, wir sind die einzigen Gäste. Warum nur kommt mir gerade jetzt „Psycho“ von Hitchcock in den Sinn? Ein großer Fernseher, sogar ein neues Modell mit Flachbildschirm verhieß mit dem Glimmen der Bereitschaftsanzeige ein bisschen Unterhaltung. Allein: es fehlte die Fernbedienung.

Nun ist es aber nicht so, dass es gar keine Unterhaltung gäbe. Spannend war bei meiner Wanderung durch die leeren Flure, mit welchem Fahrstuhl ich mit welcher Taste zu meinem Flur komme. Einmal ist es die Taste „Z“ (vielleicht von „Zwischengeschoss“?) ein anders mal erreiche ich die Zimmernummern „4“, wenn ich auf die „3“ drücke. Das ist unterhaltsamer als Sudoko, weil sich etwas bewegt.

Gibt es auch was Positives zu berichten?

Ja, das Menü im Restaurant ist perfekt. Schmackhaft, handwerklich in Ordnung und man kommt, anders als in anderen Restaurants in der Liga, sogar auf den Geschmack, weil auch die Menge stimmt. Man findet das Fleisch nicht zufällig unter dem Salat, sondern das Filet thront prominent, selbstbewusst mit überzeugender Luftverdrängung auf dem Teller.

Allein die Aussicht auf das Frühstück lässt mich zusammen zucken. Nein, das tue ich mir nicht mehr an.

Als wir einen Tag früher abreisen als geplant, ruft die Glocke der Kapelle vor dem Hotel zum Gottesdienst. Es ist eine sehr kleine Glocke mit einem zarten, fast schüchternem Klang.

Es klingt wie das Sterbeglöckchen.