Paula Modersohn-Becker: Der Weg in die Moderne

Wäre Paula Becker als Junge namens Paul zur Welt gekommen, oder wenigstens in Paris als Pauline: vielleicht hätte sich eine Art Gauguin entwickelt.

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Aber Paula Modersohn-Becker hieß nun mal Paula, und manch Kunsthistoriker reduziert sie noch heute auf „Paula“. Keiner würde nur von „Paul“ sprechen, wenn er Gauguin meint. Frauen hatten (und haben) es in der Kunstweltwelt schwer, als Künstler beachtet und anerkannt zu werden. Sie war übrigens eine Zeitgenossin von Rosa Luxemburg. Diese schrieb sich an der Uni in Paris ein, weil im damaligen Europa nur dort Frauen gleichberechtigt studieren konnten. Paula Modersohn-Becker fand nach einem Kochkurs, zu dem sie ihre Mutter gedrängt hatte, in Berlin immerhin einen Zeichenkurs für weibliche Teilnehmer.

Der Weg in die Moderne

Die Ausstellung „Paula Modersohn-Becker – Der Weg in die Moderne“ im Bucerius Kunstforum in Hamburg zeichnet das Suchen und Tasten in die Welt des Zeichnens und der Malerei nach. Rund 80 Exponate, von flüchtigen Kohleskizzen von Passagieren auf einem Pariser Pferdeomnibus bis zu Gemälden, hat der Kurator Uwe M. Schneede bei diversen Museen und Sammlern zusammengetragen. Darunter sind auch selten ausgestellte Werke, die aber als Meilensteine auf dem „Weg in die Moderne“ wichtig sind. Natürlich findet der Besucher auch das Bild, das Paula Modersohn-Becker an ihrem 6. Hochzeitstag malte. Zu der Zeit hatte sie sich vorübergehend von ihrem Mann getrennt, war aber wohl guter Hoffnung, dass sie wieder zueinanderfinden. Auf dem Bild stellt sich Paula Modersohn-Becker vielleicht deshalb als Schwangere dar.

Provinz, Wilhelm II und Kleinstaaterei

Abgesehen vom Geschlecht, waren auch die Zeitenläufte gegen Paula Modersohn-Becker. Sie lebte im spießigen Preußen – zudem in allertiefster Provinz in Worpswede. Das war schön idyllisch, und es gab auch viele idyllische Gräben im Moor, an denen idyllische Birken darauf warteten, gezeichnet zu werden. Allerdings waren die Künstler in der Kolonie vor allem auf sich selbst zurückgeworfen – der Austausch mit anderen Entwicklungen in der Kunst fehlte. Die Werke der Künstlerkolonie neigten zu redundanter und schwermütiger Torfprosa.

Bucerius Paula Modersohn-Becker Blick in die Ausstellung - Birken Der Weg in die Moderne

Bucerius Paula Modersohn-Becker Blick in die Ausstellung – Birken

Paula Modersohn-Becker entfloh dieser provinziellen, weltabgewandten Dunstkreis durch mehrere Studienaufenthalte in Paris. Hier vervollkommnete sie ihre zeichnerischen Fähigkeit und erweiterte durch Besuche in Galerien, im Louvre und bei Kunsthändlern ihre Vorstellungen über Entwicklungen der zeitgenössischen Kunst. Künstler wie Picasso, der sich im Louvre an der selben altägyptischen Statue zeichnerisch versuchte, Monet, Gauguin, Manet zeigten, was in der Kunst möglich war. Sie wirbelten die etablierten Salons durcheinander, ignorierten sie und bauten eine künstlerische und merkantile Parallelwelt auf.

Paula Modersohn-Becker zeichnete und malte nach diesen Besuchen wie verwandelt. Der moorige Provinzmief war wie weggeblasen – es zählt zu den besonderen Pluspunkten der Ausstellung „Weg in die Moderne“, das dieser Einfluss weltstädtischer lebendiger Kunstwelt auf das Werk von Paula Modersohn-Becker deutlich wird.

Bucerius Paula Modersohn-Becker Blick in die Ausstellung Nach Paris Der Weg in die Moderne

Bucerius Paula Modersohn-Becker Blick in die Ausstellung

In Deutschland, nach 1871 konnte man immerhin von so etwas sprechen, war nach wie vor von Kleinstaaterei und wirtschaftlicher Rückständigkeit geprägt. Es gab zwar ein zunehmend wohlhabenderes Bürgertum, aber es fehlte, anders als in Wien und Paris, die Bereitschaft, zeitgenössische Kunst kennenzulernen und zu sammeln. Hinzu kam der lähmende Einfluss von Wilhelm II. Ihn hätte man vielleicht mit naturrealischen Seestücken locken können. Ansonsten ging sein und damit das Kunstverständnis des Bürgertums selten über Darstellungen der griechischen Mythologie hinaus.

Der Katalog stellt Paula Modersohn-Becker in weiteren Facetten vor und ordnet ihr Werk in die Zeit ein. Bemerkenswert gut sind die Reproduktionen der Exponate. Selten so gut gesehen.

Bucerius-Paula-Moderson-Becker Der Weg in die Moderne

Bucerius Paula Modersohn-Becker Der Weg in die Moderne