Nordkap

Zum Nordkap mit einem Hauch Abenteuer

Wir laufen mit der Midnatsol in den Hafen von Honningsvag ein: Das ist der Nordkap-Hafen. Das Mittagessen ist heute früher, gleich nach dem Frühstück. So können die Teilnehmer vor der Fahrt zum Nordkap beide Mahlzeiten einnehmen. Die meisten Passagiere haben diesen Ausflug gebucht. Wir haben uns echt norwegische Spikes für unsere Wanderschuhe gekauft. Sand ist knapp in Norwegen.

Auf dem Weg zu den Bussen kommen wir an einem alten Walfänger aus Klaipeda vorbei. Ein einsamer Schweißer arbeitet gegen den Verfall. Honningsvag ist hoch eingeschneit. Endlich mal Schneelandschaft in Norwegen. Es dürften so ungefähr 120cm sein, die von Schneefräsen zur Seite gepustet worden sind. Der Himmel wechselt im Minutentakt von schneeschweren grauen Wolken, die knapp über den Schornsteinen schrammen und dabei auch schon mal ein paar waagerechte Flocken lospusten.

Die Sonne beleuchtet die Szene mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Der Wind ist flau, die Temperatur liegt wohl um den Gefrierpunkt. Kalt ist das nicht. Dabei legen die Schneeberge eher ernste Frostgrade nahe.

Wir sind froh über unsere Spikes. Wir staksen knirschend über den vereisten Parkplatz zum Bus Nr.5 „deutsch“. Die Busse starten und zimmern unbeeindruckt von den Straßenverhältnissen in Richtung Nordkap. Unser Guide beruhigt uns, alle Autos in Norwegen haben Spikes, und der Busfahrer hätte ein gutes Karma.

Unser Bus ist der letzte in der Reihe. Wir fahren am Badestrand von Honningsvag vorbei, der keck „Copacabana“ genannt wird. Im Sommer erreichen die Wassertemperatur lauschige 6 Grad. Ostern ist „anbaden“. Während unsere Fahrt nach oben gewinnt die Sonne zunehmend die Oberhand und verwandelt die Landschaft in eine Traumkulisse. Ein Fjord liegt im Schatten und wirkt wie ein schwarzes Loch in der weißen Pracht. Das ist nicht selbstverständlich. 14 Tage vorher war der Ausflug wegen Schneesturm abgesagt worden. Eine ganze Reihe anderer Mitreisender wissen von Freunden oder eigener Erfahrung, dass die Tour zum Nordkap keine Selbstverständlichkeit ist – und bei bewölkt-blauem Himmel mit guter Sicht die absolute Ausnahme.

Wir basteln einen Konvoi

Nordkap im Winter Busse bilden eine Kolonne mit Schneefräse und Sicherungsfahrzeug.

Nordkap im Winter Busse bilden eine Kolonne mit Schneefräse und Sicherungsfahrzeug.

Die Busse biegen nach rechts ab auf einen Parkplatz. Die Busse bilden eine Reihe. Eine Schneefräse setzt sich vor die Busse. Ein Sicherheitsfahrzeug mit Abschleppausrüstung wartet, um sich als letztes Fahrzeug hinter die Kolonne zu setzen.

Auf dem Weg zum Nordkap gilt winters Konvoi-Zwang. Der Weg ist dann gesperrt und darf nur in einer Kolonne benutzt werden. An deren Spitze fährt eine Schneefräse. Als Nachhut sichert ein Sicherungsfahrzeug mit Abschlepphilfen. Diese Regelung gilt in der Finnmark auch für den normalen Autoverkehr, wenn Sicht und Straßenverhältnisse für Einzelfahrer zu gefährlich wäre. Die entsprechenden Informationen kommen übers Radio. Wegen der witterungsbedingten Gefährdungen der Stromversorgung halten alle Haushalte batteriebetriebene Radios bereit. Bis Mitte der 60er Jahre hatte Honningsvag eine eigene Stromversorgung. Als Generator diente ein Aggregat des Schlachtschiffes „Tirpiz“.

Ein Hauch von Abenteuer liegt in der Luft, als sich die Schneefräse in eine rollende Schneekugel verwandelt und die Busse sich im Gänsemarsch dahinter einreihen. Auf dem letzten Stück, es fehlen noch 250 Höhenmeter, steigen die Schneewände auf Fensterhöhe der Busse an. Oft erhaschen wir einen Blick über die Auffahrt, auf der die vorausfahrenden Fahrzeuge wie kleine Perlen durch die weiße Landschaft rollen.

Sonnenstreifen und Schatten machen die Einöde lebendig und spannend. Der Parkplatz auf dem Nordkap ist abgesehen von 150cm Schnee, leer. Der Busparkplatz ist geräumt, die Fahrer setzen ihre Fahrzeuge routiniert parallel zueinander an die Schneewand. Beim Aussteigen raubt uns der Wind den Atem. Schnee beißt im Gesicht, teils frische Flocken, teils aufgewirbelt vom Schneefeld. In der Sonne schimmert der Schnee in langen Wolken oder hohen Wirbeln.

Das runde Ding, was uns zuerst ins Auge fällt, erweist sich NATO-Radarstation. Die Weltkugel (1978 errichtet) entdecken wir erst, nachdem wir um das Nordkap-Haus herumgegangen sind.

An Ende Europas

Im Vergleich zum Sommer ist es heute leer, aber wir müssen uns eine Weile gedulden, bis wir „an der Reihe“ sind für das Erinnerungsfoto vom (fast) nördlichsten Punkt Europas. Die kleine Landzuge, auf die gerade die Sonne scheint, ist noch ein paar Bogensekunden nördlicher. Aber es gibt dort keine Zuwegung und keine Weltkugel. Also feiern wir hier.

Einen meiner Spikes habe ich schon verloren. Ich suche und finde statt dessen einen anderen. Er ist anders gebaut, aber funktioniert. Im Nordkaphaus läuft ein Film übers Nordkap an. Er wird auf mehreren Leinwänden gleichzeitig gezeigt und vermittelt ohne Worte einen schönen Eindruck vom Nordkap über die Jahreszeiten hinweg.

Ich laufe noch ein bisschen auf der Ebene herum und fotografiere Schnee in unterschiedlichsten Beleuchtungen mit unterschiedlichsten Leuten, die die unterschiedlichsten Dinge tun. Wind und Sonne kehre ich den Rücken zu und sehe so den strahlend hell beleuchteten Felsen unter der Weltkugel vor rußigschwarzen Wolken. Ab und an wage ich ein schnelles Bild gegen die Sonne und fange den bewegten Schnee ein.

Alle Teilnehmer kommen rechtzeitig zur Abfahrt zum Bus – wer zu spät kommt hätte bis morgen warten und den nächsten Konvoi warten müssen. Auch auf der Fahrt zurück gibt Petrus noch mal alles. Sonne, blauer Himmel, dekoriert mit grauen Schneewolken. Toll! Ein unvergesslicher Ausflug!

Nordkap Ein scharfer Wind wirbelt Schnee auf und nimmt zeitweise die Sicht.

Nordkap Ein scharfer Wind wirbelt Schnee auf und nimmt zeitweise die Sicht.