Miró Malerei als Poesie

Es ist nicht abwegig, das Werk Joan Mirós als inflationär zu bezeichnen: Ohne Keramiken und Skulpturen kommen da über 10.000 Arbeiten zusammen. Da ist für jeden etwas dabei, und jeder erkennt einen Miró, denn so unterschiedlich sind die Werke nicht. „Ich bin nie über Miró hinausgekommen,“ klagte mir unlängst ein Freund, der sich selbst als grafischen Analphabeten bezeichnet.

Malerei als Poesie

Buchillustration Miró Malerei als Poesie

Buchillustration Miró Malerei als Poesie

Ja, hätte er einen reichen Papa gehabt, der ihm die Welt vom Hals gehalten hätte, in einer WG mit angesagten Künstlern gelebt und gute Kontakte zum Kunsthandel und zu betuchten Kulturkonsumenten gehabt: vielleicht wäre ja was dabei herausgekommen. Der filigrane Feinmotoriker ist Miró sicher nicht, und Eltern machen sich mit Recht Sorge um die Entwicklung ihres Kindes, wenn am Ende der 8. Klasse im Kunstunterricht so etwas wie auf der Buchillustration von Miró herauskommt.

Was aber tun, um eine Ausstellung zu Joan Miró zu gestalten, wenn es doch 10.000 Werke gibt (mindestens)? Man schlägt mit einer raumgreifenden Frage eine erkenntnisleitende Schneise in das Werk und ordnet bekannte oder auch nicht so bekannte Werke dieser Frage zu.

So ist es auch in der Ausstellung „Malerei als Poesie“, die das Bucerius Kunstforum in Zusammenarbeit mit der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Dort wird die Ausstellung um einige Exponate erweitert und unter dem Titel Miró. Malerei als Dichtung gezeigt. Dichtung, Poesie und Dichtung sind Begriffspaare, die bisher mit Chagall in Verbindung gebracht werden. Aber warum nicht mal auch Miró und dichterische Poesie?

Juan Punyet Miró Enkel des Künstlers bei der Eröffnung der Ausstellung Malerei als Poesie im Bucerius Kunstforum 2015

Juan Punyet Miró Enkel des Künstlers bei der Eröffnung der Ausstellung Malerei als Poesie im Bucerius Kunstforum 2015

Ausstellungskonzept

Die Ausstellung wurde in Hamburg unter Anwesenheit des Enkels von Joan Miró eröffnet. Juan Punyet Miró eröffnet.

Update August 2016: Der Enkel Juan Punyet Miró hat einige Werke seines Großvaters zugunsten von Flüchtlingen versteigert. Mögen sich Kunstsammler daran ein Vorbild nehmen, die ansonsten gerne bereit sind, 100 oder Millionen Euro für einen Picasso auszugeben, der dann in einem Freihafen darauf wartet, noch teuerer zu werden.

Die Schneise, die die Kuratoren in das Werk schlugen, hieß „Poesie“ in Düsseldorf gar „Dichtung„. Dem entsprechend finden sich Werke, die Buchstaben, Zahlen und Schrift zeigen. Einige zeigen aber dergleichen nicht, sind aber wichtig, um die Entwicklung des Künstlers nachzuzeichnen oder waren gerade verfügbar.

Die Liste der Leihsteller ist eindrucksvoll, und die Ausstellung perfekt gestaltet. Ich liebe Ausstellungen, bei denen die Exponate beleuchtet werden, ohne dass sich das Publikum darin spiegelt.

Besucherin vor einem Miro-Gemälde in der Ausstellung Malerei als Poesie in Hamburg und Düsseldorf

Besucherin vor einem Miro-Gemälde in der Ausstellung Malerei als Poesie in Hamburg und Düsseldorf

Die Ausstellungsfläche des Bucerius Kunstforums ist nicht eben groß, knapp 500qm. Aber es gelingt den Kuratoren auch bei dieser Ausstellung eine sehenswerte und informative Aufteilung, die den Werken und den Besuchern gerecht wird. Besonders gefallen haben mir die Texte neben den Bildern und die Texttafeln an den Wänden. Wem der Zugang zu den ausgestellten Werken schwer fällt, sollte sich die Texte in aller Ruhe zu Gemüte führen. In meiner Bilderstrecke habe ich die schönsten Passagen zitiert. Sie sind durch An- und Abführung zu erkennen.

Ob es sich lohnt? Klar, Sie lernen ein paar Bilder kennen, die nicht in jeder Miró-Ausstellung zu sehen sind und können ein bisschen den Kunsthistorikern zusehen, wie sie aus wenigen Zeichen auf dem Bild eine Riesenbedeutung hineinzaubern.

Mir hat’s gefallen.