Hurtigruten Midnatsol

Hurtigruten Midnatsol

Die Midnatsol ist eines der neueren Schiffe der Hurtigruten. Wer zeitlich ungebunden ist und die norwegische Küste auf der klassischen Postschiffroute kennenlernen möchte, ist gut beraten, einen passenden Termin zu wählen.

Die Midnatsol passt gerade noch so durch die vielen Brücken hindurch und bietet trotz ihres Einsatzes auf der Postschiffroute den Fahrgästen viele Annehmlichkeiten eines Passagierschiffs. Hier geht es direkt zu den Bildern der Midnatsol.

Gute Aussichten

Im Bug gibt es einen vollverglasten Aussichtssalon über zwei Decks. Unabhängig vom Wetter gleitet die dramatische Landschaft mit ihren Felsen- und Wolkenformationen wie eine bewegliche Kulisse am Gast vorbei. Abends ist der Raum mit vielen kleinen „Sternen“ beleuchtet. Man kann dort sitzen solange man will und lesen, schreiben, schauen oder malen. Es gibt keinen Verzehrzwang. Die Midnatsol bietet aber eine Reihe mehr Sitzmöglichkeiten. Ich vermute, dass auch bei Vollauslastung alle Passagiere ein Plätzchen finden.

Midnatsol - Aussichtssalon über zwei Decks

Midnatsol – Aussichtssalon über zwei Decks

Internet

Es gibt eine Handvoll PC mit Internetanschluss, die kostenfrei benutzt werden können. Es sind eher schwache PCs. Um so ärgerlicher ist es, dass in den Browsern kein Adblocker installiert ist. Anzeigen fressen Bandbreite und Prozessorleistung. So musste man sich in Geduld fassen und Abstürze mit Gelassenheit hinnehmen.

Aber: „Einem geschenkten Gaul schaut man nicht in den Browser.“ …..

Das gilt auch für das WLAN. Es ist gratis und funktioniert auch in der Kabine. Aber wichtige Ports sind gesperrt. Wer seine Emails über sichere Verbindungen austauscht, hat Pech. Und dass der Administrator den „heiligen“ SSH-Port gesperrt hat, wird ihm hoffentlich Alpträume mit Bluescreens bescheren. Ich habe mir in Bodö eine Prepaid-Karte für meinen UMTS-Stick besorgt und war aller Sorgen ledig. Die Midnatsol fährt fast immer in Reichweite der Netzabdeckung.

Midnatsol-Whirlpool vor nächtlichem Bergen

Midnatsol-Whirlpool vor nächtlichem Bergen

Restaurant

Im Reisepreis ist die Vollpension enthalten. Das Frühstück wird als Buffet und ist schon mal hervorragend ausgestattet und ansprechend aufgebaut. Freunde maritimer Speisen werden seligen Augen in den Tag starten: Fisch gibt es in reicher Auswahl, aber natürlich werden auch Gäste zufrieden sein, die sich aus Schuppentieren nichts machen. Wir waren im Winter unterwegs und fanden die Fläche vor dem Buffet durchaus noch ausreichend. Bei einem ausgebuchten Schiff mag es etwas eng und je nach Erziehung der Gäste drängelig werden. Beim Frühstück gibt es freie Platzwahl, mittags und abends werden die Plätze fest vergeben.

Niemand kommt in das Restaurant, der nicht seine Hände desinfiziert hat. Angesichts der laxen Regelung auf vielen Kreuzfahrtschiffen halte ich das strenge Reglement für vorbildlich.

Abends wird am Tisch serviert. Und was sich beim Frühstück schon andeutete, vollendet sich abends: Kein Fisch aus der Tiefkühltruhe, da kommt Fisch auf den Tisch, der tagsüber noch im Nordmeer oder dem Fjord geschwommen ist. Die Kochkunst ist es eigentlich schon wert, eine Reise mit Hurtigruten im allgemeinen und der Midnatsol im besonderen zu buchen. Es schmeckt nicht nur, es ist nicht nur ansprechend angerichtet, es gibt auch reichlich: niemand muss hungrig oder unzureichend gesättigt aufstehen. Um Nachschlag muss man nicht betteln.

Getränke sind, Sie werden es schon ahnen, unter deutschen Blickwinkel teuer. Hurtigruten bietet ein Weinpaket, das für fast 600 Euro eine Flasche Wein und Wasser täglich bietet. Wer’s braucht …

Vor Ort konnten wir eine Kaffee- und Tee-Flatrate buchen. Für beschauliche 40 Euro bekommt man einen Alu-Becher, den man an den verschiedenen Stationen beliebig oft füllen kann. Der Becher ist isoliert, so dass er auch bei niedrigen Temperaturen an Deck seine wohltuende Wirkung entfaltet.

Touristenkram

An Bord gibt es alles, was heute ein modernes Passagierschiff ausmacht: Deck 9 beherbergt das Sonnendeck, einen Fitnessraum, eine Sauna und ein Wellness-Center sowie zwei Whirlpools und den Panoramasalon.

Midnatsol ganz dicht unter der winterlichen Küste

Midnatsol ganz dicht unter der winterlichen Küste

Ein weiterer Panoramasalon ist auf Deck 8, zusammen mit einer Tanzbar, einem Lese- und Fernsehraum (norwegische Programme), dem Platz für die beiden Reiseleiter und der Internetecke mit 5 PCs. Auf Deck 5 sind das große, zweiteilige Restaurant, ein Café, ein Shop und ein Raum für Filme und Vorträge aller Art. Außendecks sind auf Deck 9 und 6, hier mit einer 250 m langen umlaufenden Promenade. Und wer Bedarf hat, kann einen Waschsalon benutzen.

Wer Spektakel erwartet, ist an Bord der Hurtigruten verkehrt. Kein Klettergarten, kein Riesenrad, je nicht ein mal Beschallung: Es ist still an Bord, keine Fahrstuhlmusik, nur hin und wieder eine Durchsage der Reiseleiter zu den Häfen, den Landschaften oder der Geschichte des Landes. Die Reiseleiter parlieren dabei in drei bis vier Sprachen. So ganz muss niemand auf Ertüchtigung verzichten. Fahrradtrainer und Laufband stehen zur Verfügung. Und in einem Hafen gibt es einen kleinen Käfig im Wasser. Wer mutig ist, darf ihn kostenlos zu einem (meist) kurzem Bad nutzen.

Das Publikum kommt aus aller Herren Länder. Wir haben unter anderem Gäste aus Großbritannien, Frankreich, der Schweiz, Japan und Australien getroffen.

Gute Reisezeit

Wir waren Ende Februar unterwegs und haben den Ausblick auf die schneebedeckten Felsen und Häfen genossen. Morgens stiegen bezaubernde Nebel auf. Vielleicht ist die Winterlandschaft noch dramatischer und abwechslungsreicher als sie sich im Sommer zeigt. Und natürlich ist das Schiff leerer, besonders auf der Rückfahrt von Kirkenes nach Bergen hat man Deck und Salons für sich allein. So mag es sich anfühlen, wenn man mit einer großen Privatjacht durch die Sunde und Fjorde gleitet. Mitte Februar ist es bis rauf zum Nordkap mit der ewigen Polarnacht vorbei. Der Tag ist schon helle 7 Stunden lang. Die Temperaturen sind natürlich nicht so schweißtreibend wie am Amazonas. Aber selten müssen sich die Gäste vor knackigem Frost schützen. Mitreisende aus Deutschland haben sich immer wieder verwundert die Augen gerieben, weil in allen Häfen die Boote auch winters im Wasser blieben. Der Golfstrom verhindert zuverlässig das Zufrieren der Häfen an der norwegischen Küste.

Reisetipp für den Winter: Zwar sind in Norwegen viele Straßen und Wege mit Fußbodenheizung von Schnee und Eis befreit An einigen Stellen aber eben auch nicht. Und da gilt der Zweite Hauptsatz des Norwegischen Winters: es wird nicht gestreut. Es ist örtlich wirklich a*glatt. Nehmen sie sich also stabile Spikes zum Unterschnallen mit. Die Dinger, die man im Hurtigruten-Shop an Bord kaufen kann, taugen leider gar nichts. Nach wenigen Schritten im Schnee verlieren sie sich in den Weiten Norwegens. Vertrauen Sie lieber vor der Reise dem Outdoorhändler vor Ort und nehmen Sie die Schuhe zum Anprobieren mit, die Sie auch bei den Ausflügen benutzen wollen.

Reisetipp für die Kabinenwahl: Die meisten Schiffe der Hurtigruten stehen im Liniendienst. In den Häfen gibt es darum auch nächtens Ladevorgänge. Autos fahren raus und rein, Paletten werden herangefahren und entladen. Die Autos und Paletten werden an Backbord verladen. Wer es in der Nacht und überhaupt gerne leise hat, sollte sich um eine Kabine auf der anderen Seite bemühen. Die Deckspläne sind Dein Freund.

Kabinen

Wir hatten eine Außenkabine auf Deck 7 gebucht und fanden die Idee, ein Bett als Bettsofa anzubieten, sehr praktisch.

Midnatsol Schlafsofa in Sitzposition

Midnatsol Schlafsofa in Sitzposition

Tagsüber war der Raum nicht dauernd mit einem breiten Doppelbett zugestellt. Und schlafen kann man sehr gut auf dem Schlafsofa. Der Rest der Ausstattung ist schnell erzählt. Einen Fernseher gab es nicht. Das war für uns aber nur deswegen wichtig, weil dadurch eine weitere Steckdose vorhanden war, um unsere Akkus  aufzuladen. Ansonsten gibt es nur eine Steckdose am Schreibtischchen. WC und Dusche waren für unseren Bedarf ausreichend groß.

Midnatsol Schlafsofa in Schlafposition

Midnatsol Schlafsofa in Schlafposition

Es gab auch genügend Stauraum für alles, was wir für die 12 Tage benötigt hatten. Die Kabine befand sich in angenehm gepflegten Zustand. Es gibt auch Innenkabinen mit Schlafstellen, die an die klassischen Kojen erinnern. Vier in einem Raum, nicht mein Traum. Anders da schon die Suiten. Einige haben eine eigene Terrasse. Es gibt Badezimmer mit Bad und Dusche, separatem Wohnzimmer und großen Doppelbetten. Allerdings kann ich für mich den Mehrwert nicht erkennen, weil ich mich zwar auch gerne mal in meiner Kabine zurückziehe, aber doch vorzugsweise an Deck oder in den Aufenthaltsräumen bin.

Personal

Anders als bei allen anderen Kreuzfahrtschiffen gehören Schiff und Besatzung zusammen: Schiff und Crew sind Norweger. Wir haben die Besatzung als sehr freundlich, fröhlich, hilfsbereit, sorgfältig und zugewandt erlebt. Es gab auf der Fahrt keine Probleme, aber ich bin sicher, man hätte sie schnell und zufriedenstellend gelöst. Anders als auf den „normalen“ Kreuzfahrtschiffen muss der Gast hier kein schlechtes Gewissen bekommen. Auf den Schiffen der Hurtigruten sucht man die Kollegen aus Fernost oder Südamerika, die für einen Hungerlohn 9 Monate oder länger am Stück arbeiten müssen, vergebens.

Postschiff-Kram

Die Midnatsol, wie die anderen Schiffe auf der klassischen Postschiffroute, legt alle Naslang in einem Hafen an. Häfen, die nordwärts nachts angelaufen werden, sieht man südwärts bei Tag. Der Aufenthalt misst manchmal nach Minuten, oft kann man aber den Hafen ein bisschen auf eigene Faust erkunden (und eine Prepaid-Karte kaufen) oder einen Ausflug buchen. Einige Ausflüge führen über Land zum nächsten Hafen. Eine Anzeige über dem Ausgang verkündet jedem, wann das Schiff unwiderruflich wieder ablegt. Und die Hurtigruten ist nicht die Deutsche Bahn. Hier ist man pünktlich 🙂

Seit mehr als 30 Jahren fahren die Schiffe der Hurtigruten zwar als Postschiffe auf der Postschiffroute, sind aber aus dem Postdienst entlassen. sie transportieren außer den Ansichtspostkarten der Touristen keine Post mehr. Und wenn der Reiseleiter an Bord seine Postuniform anzieht und die Touristenpost stempelt, dann ist das Touristenfolklore.

Hurtigruten-Kram

Die Hurtigruten-Schiffe sind auch im Zeitalter von Autos und Flugzeugen unverzichtbarer Bestandteil der Verkehrsinfrastruktur an der norwegischen Küste. Die Reederei erhält dafür hohe Zuschüsse vom norwegischen Staat. Ein weiterer Mittelzufluss kommt von den vielen Touristen, die auf den Hurtigruten-Schiffen die norwegische Küsten und Fjords so erleben, wie es mit keinem Kreuzfahrtschiff möglich ist. Nur ein kleiner Teil des Etats wird von Fährgästen mit oder ohne Auto und dem Transport von Waren und Post erwirtschaftet. Wohl zu wenig.

Hurtigruten an Finanzinvestoren verkauft

Im Oktober 2014 hat der britische Finanzinvestor „Silk Bidco“ alle Anteile der Hurtigruten übernommen. Richtig gut geht es dem Käufer wohl auch nicht: eine Investition in Firmen mit B2 Rating ist eher etwas für Wagemutige.

Auf diesem Hintergrund erklären sich manche Veränderungen.

Die Midnatsol wird Ende 2016 aus dem regulären Liniendienst ausscheiden und „Expeditionsfahrten“ in die Arktis, Südamerika und die Antarktis anbieten. Es wird neben den Linienschiffen auch spezielle Touristenschiffen geben, die auf der Fahrt nach Kirkenes und zurück nicht mehr jeden Hafen ansteuern.

Zu einigen Zeiten wird die klassische Postschiffroute von kleineren Schiffen angesteuert. Der Norwegische Staat subventioniert die Reederei nach wie vor, wofür diese sich im Gegenzug verpflichtet, den Postschiffsverkehr auf der bekannten Route aufrecht zu erhalten und die Schiffe nicht auszuflaggen. Parallel dazu gräbt die Reederei aber auch zahlungskräftige und neugierige Kundschaft. Auf den Expeditionsfahrten können die Gäste Vorträgen lauschen oder eigene Studien betreiben. Die Midnatsol wird für den neuen Einsatz umgebaut. Ob dann noch alle Einzelheiten dieses Artikels gelten, kann ich nicht versprechen.

Ich bin auch neugierig – und zwar vor allem, wie es mit der Hurtigruten weitergeht.
(23. Dezember 2015)

Midnatsol Pool im Winter

Midnatsol Pool im Winter