Mein Schiff, mein Balkon

Vor 50 Jahren warb eine Bausparkasse mit abschreckenden Bildern von Massen-Wohnanlagen für einen Bausparvertrag: „Wir holen Sie da raus!“, lautete die Botschaft unter den verschmierten Klingeltafeln und den seelenlosen Fassaden der Wohnsilos. Heute plündern die Erben der Bauspargeneration das Festgeldkonto: „Wir wollen da rein“. Und meinen die seelenlosen Balkon-Pontons, mit denen man eine Kreuzfahrt machen kann, ohne auf einem Schiff zu sein.

Der Trend zum balkonbewehrten Einzelzimmer an Bord begann mit der Indienststellung der Mutter aller Kreuzfahrtschiffe: der „Queen Mary 2“. Neben einer der kolossalen Breite des Schiffes geschuldeten erklecklichen Anzahl von Innenkabinen bot die „QM2“ auch eine erstaunlich große Anzahl Kabinen, die den Passagieren einen luftigen Platz auf einem eigenen Balkon bot.

Besser drinnen als draußen

In der Folge wuchsen immer pompösere und größere Häusermeere aus den Ozeanen. Am Liegeplatz der „Mein Schiff 3“ konnte man die Entwicklung sehr schön sehen. Direkt vor der „Mein Schiff 3“ lag das Kreuzfahrtschiff „Azamara Journey„. Es ist 14 Jahre alt und wirkt eher wie das Beiboot der aktuellen Kreuzfahrt-Riesen. Sehen Sie auch dieses Video. Es wurde von einem Riesenrad aufgenommen, das am Kreuzfahrt-Terminal eine gute Sicht auf die dicken Pötte gestattet.

Balkone auf der "Mein Schiff 3"

Balkone auf der „Mein Schiff 3“

Den Vogel abgeschossen hat 2014 das Schiff „Mein Schiff 3″, ein Neubau der TUI. Dort hatte man zunächst zwei abgelegte Schiffe aus Amerika gekauft und für den mutmaßlichen deutschen Geschmack umgerüstet. Kreuzfahrten verkaufen sich wie geschnitten Brot, und so fiel die Entscheidung, ein Kreuzfahrtschiff zu bauen, das genau auf die deutschen Kreuzfahrtkunden zugeschnitten ist.

Und die Passagiere wollen vor allem Balkone! Und so entstand der schwimmende Häuserblock mit 25m-Pool und parzellierten Wohneinheiten.

Es fällt schwer, diese Schiffe im Allgemeinen und die „Mein Schiff 3“ im besonderen schön oder ansprechend zu finden. Dann müsste man beim Anblick einer Brick-Packung Milch in ästhetisch motivierte Ekstase verfallen. Klar, drinnen ist alles wie zu Hause: Espresso-Maschine, Fitness-Center, Restaurants, Kino, Hospital, von einem Bordell steht zwar nichts geschrieben. Aber man weiß es nicht. Wenn man dann schon nicht einfach zu Hause bleiben will, dann schnell rein und nicht lange geguckt. Die Aussicht von einem Wohnsilo ist meistens auch besser als die Aussicht auf das Wohnsilo.

„Mein Schiff 3“ und andere Fehlgriffe

Mit der Namensfindung für das Designer-Kreuzfahrtschiff bleibt die Reederei dem verquasten Schema „Mein Schiff X“ treu. Das führt zu grammatikalischen Brüchen oder verfehlten Besitzbekundungen. Es ist kein Problem zu sagen: Ich fahre mit der ‚Queen Mary 2‘, der ‚AIDAstella‘ oder der ‚Europa 2‘. Aber „Mein Schiff“? „Ich fahre mit ‚Mein Schiff 3‘.“ Das schmerzt den deutschen Sprachgeist, der hier „meinem“ erwartet, auch wenn das inhaltlich falsch ist: Die Passagiere bezahlen das Schiff zwar, aber es gehört ihnen nicht. Die Beschriftung des Rumpfes folgt den Schwesterschiffen. Das macht die Schiffe zu den peinlichsten Bettenburgen der Kreuzfahrtindustrie. Die Bordwand ist mit Wohlfühlworten (Genuss, Fernweh, Staunen, Meeresrauschen, Neuland [ja, Internet gibt es an Bord natürlich auch.]) in urlaubsbeschwingter Schreibschrift vollgeschrieben: Mein Schiff, mein Katalog.

„Mein Schiff 3“ Schall und Rauch

"Mein Schiff 3" vor der Jungfernreise am Terminal Grasbrook in Hamburg

„Mein Schiff 3“ vor der Jungfernreise am Terminal Grasbrook in Hamburg

Die „Mein Schiff 3“ wurde in Finnland gebaut und in Hamburg getauft. Ein Schlagersternchen zerdepperte vor einer Tribüne mit lauter Promis die obligate Flasche Sekt. Dabei schwebte sie an einem Ballon, was auch immer die Eventmanager uns damit sagen wollten: Ballon ist besser als Rettungsweste? Nach 3 Wochen Fressdiät in den Restaurants seht ihr aus wie ein  Ballon, nur schwerer?

Abends gab das Sternchen noch einige selbst gesungene Noten zum Besten. Ob die Zuschauer den Zusammenhang des Gratiskonzerts mit dem Häuserblock auf der Elbe in Zusammenhang gebracht haben, ist ungewiss. Ungewiss ist auch das Verständnis der Eventmanager vom Zusammenhang zwischen Feuerwerk und Dunkelheit. Es gilt: je dunkel, desto Feuer. Blöd, dass keiner daran gedacht hatte, dass in Hamburg zum geplanten Beginn des Feuerwerk kaum die Dämmerung eingesetzt hatte. Dunkel wäre es eine Stunde später gewesen. So blieb es bei Schall und Rauch.

Jungfernreise am 13., einem Freitag!

Blöd auch, dass kein Skipper bei den Planungen dabei war: die Jungfernreise an einem Freitag, den 13. zu beginnen, wäre ihm nicht in den Sinn gekommen. Das Video vom Auslaufen der „Mein Schiff 3“ sehen Sie hier.

Hier finden Sie eine Bilderstrecke, mit den besten Bildern der „Mein Schiff 3“.