Mein Schiff 6

Mein Schiff 6

Die „Mein Schiff 6“ ist fertig geworden, drei Tage früher als geplant, und liegt jetzt am Kreuzfahrtterminal Hamburg Altona. Vor der Taufe durch die Titularorganistin* der Hamburger Elbphilharmonie, Iveta Apkalna, haben wir Gelegenheit, das neueste Schiff der TUI Cruises zu besichtigen. Es ist der vierte Neubau der TUI Cruises GmbH.

Dem Anlass angemessen reise ich mit einem Kreuzfahrtschiff an: Eine Fähre der Linie 62 bringt mich in 10 Minuten von den Landungsbrücken zum Kreuzfahrt-Terminal in Altona. Ein mitreisender Tourist sinniert beim Betrachten des Kolosses, dass der Name nicht stimmt: „Also, mein Schiff ist das nicht!“ Das hindert weder ihn noch andere Passagiere, das neue Kreuzfahrtschiff ehrfurchtsvoll zu fotografieren.

Fundamental Neues gegenüber den Schwesterschiffen gibt es nicht. Es gilt der Grundsatz „Kennste eine, kennste alle“.Neu ist die Hologramm-Show (Punkt 8).

Nun, ich kenne von der „Mein Schiff“-Serie nur die „Mein Schiff 3“ und das auch nur von außen. Ich bin neugierig, wie das Schiff von innen aussieht, wie es auf mich wirkt, und ich bin offen für neue Erfahrungen.

Hier sind sie in 10 Punkten und einem Bonus zur Taufgesellschaft mit Bildern:

1. „Mein Schiff 6“ ist noch ein Schiff

Moderne Kreuzfahrtschiffe haben oft kein Promenaden-Deck. Das ist das Deck, auf dem der Gast rund ums Schiff promenieren kann. Auf der „Mein Schiff 6“ ist das noch möglich. Der Weg ähnelt wegen der Rettungsboote zwar eher einer Tunnelstrecke mit Treppenschikane, aber der freie Blick vom Bug und Heck entschädigt für alles.

Mein Schiff 6: Blick hinauf zur Brücke

Mein Schiff 6: Blick hinauf zur Brücke

Außerdem gibt es Einkehrmöglichkeiten in die Außenbereiche zweier Restaurants. Fest montiert sind auf dem Promenaden-Deck auf beiden Seiten jeweils drei Aschenbecher. Da muss man dann durch.

2. „Mein Schiff 6“ hat ein Sonnendeck

Der Trend im Kreuzschiffbau geht zum Aquarium. Die Konstrukteure mühen sich nach Kräften, den Gast von den Unbillen der See wie Wind und Wetter fernzuhalten, indem sie möglichst viel Fläche überdachen. So ist der Bereich, in dem der Gast das spezielle Kreuzfahrt-Feeling genießen kann, oft sehr begrenzt.

Die „Mein Schiff 6“ macht da eine lobenswerte Ausnahme. Man findet wohl Sonnensegel, die Schatten spenden. Aber der Wind streicht ungehindert über das Deck. Es gibt eine große Zahl von unterschiedlichen Liegestätten: von klassischen Liegen über Matratzen auf Podesten bis hin zu Lümmelwiesen.

Die Reling ist zwar verglast, aber nicht übermannshoch. So kann man noch die Nase in den Wind halten, ohne sie sich zu stoßen. Der Aufenthalt auf dem Sonnendeck bietet Ausblick auf das Treiben am Pool, das wohl eher ein Schwimmbad genannt werden muss: 25m Länge ist mal eine Ansage! Ein weiterer Pool, Lagune, ist kleiner, aber im Vergleich mit Pools anderer Schiffe immer noch respektabel. Eine Bar gibt es nur an dem 25m-Pool, Whirl-Pools neben beiden Badestellen.

3. Es gibt viel Platz auf „Mein Schiff 6“

Angenehm überrascht bin ich von dem Raumangebot auf „Mein Schiff 6“ in den öffentlichen Bereichen. Das beginnt auf dem Sonnendeck, das den Gästen Luft zum Atmen lässt, setzt sich fort auf den unteren Decks mit vielen Sitzmöglichkeiten und Ruhezonen und zeigt sich -last, but not least – in den Buffet-Restaurants. Der Raum zwischen Speisen und Tischen ist hinreichend breit, um Kollisionen und Rempeleien zu verhindern.

Mein Schiff 6 Leseecke

Mein Schiff 6 Leseecke

Es gibt genügend Sitzplätze in den Restaurants, so dass alle Passagiere gleichzeitig essen können. Darum gibt es auch keine „Schichten“. Viel Platz und die damit verbundene Ruhe genießt der Gast in der Bibliothek. Hier kann er Bücher oder auch eBook-Reader ausleihen – und wenn das Buch langweilig ist, einen Espresso trinken.

Für mich ist das Raumangebot in den öffentlichen Bereichen wichtiger als der inkludierte Schnaps.

Das Raumangebot in den Kabinen ist naturgemäß zurückhaltender. Auf unsere Rundgang sahen wir eine Junior-Suite und eine Standard-Balkonkabine. Sehen sie hier die Bilder der Kabinen. Immerhin kann man auf dem Balkon tatsächlich bequem sitzen.

4. Alles inklusive

Bis auf ganz wenige Ausnahmen ist mit dem Reisepreis jeglicher Verzehr abgegolten. Während sich der Gast bei anderen Anbietern mit einer Matrix über die inkludierten Leistungen orientieren muss, setzt man sich auf „Mein Schiff 6“ irgendwo hin, verzehrt, was beliebt und gut ist. Auch Sauna und Fitness-Geräte stehen ohne Zuzahlung zur Verfügung. Wie sich das betriebswirtschaftlich rechnet, muss den Gast nicht kümmern. „Mein Schiff 6“ ist klassenloses Schiff: alle Bereiche stehen jedem Gast offen. Auf jedem Deck gibt es zudem einen Wasserspender, an dem sich die Gäste ihre Karaffen auffüllen können.

5. Das zahlenmäßige Verhältnis von Personal zu Gästen ist befriedigend

Um die max. 2.534 Passagiere kümmern sich ca. 1.000 Besatzungsmitglieder. Das bedeutet zwar fürs Personal noch immer Stress, aber verglichen mit anderen Schiffen, bleibt schon mal Zeit für ein freundliches Lächeln. Je nach Auslastung kann die Besatzungsstärke schwanken: wenn 500 Kinder angemeldet sind, sind mehr Betreuer an Bord, als wenn nur 60 Kids bespielt werden wollen. Der Kapitän der „Mein Schiff 6“, Kjell Holm, legt Wert auf die Feststellung, dass die Besatzungsmitglieder aus über 50 Nationen kommen. An Bord selber wird deutsch gesprochen: ich habe so gut wie keine Hinweise in anderer Sprache gefunden. „Das Angebot der TUI-Cruises richtet sich an das deutschsprachige Publikum.“

6. Das Entertainment ist zurückhaltend

Manchmal fällt angenehm auf, wenn etwas fehlt. Auf „Mein Schiff 6“ gibt es keine Zwangsbeschallung an Deck. Es gibt Reedereien, die beim Gast den horror vacui unterstellen: die Angst vor der Leere, der Stille. Die Gegenmaßnahmen reichen von stumpfer Fahrstuhlmusik bis hin zu infernalischer Beschallung mit Musik. Während der Besichtigung, die während des normalen Betriebes stattfand, fiel mir die angenehme Abwesenheit von Musik auf. Auf Nachfrage erhielt ich die Auskunft, dass auf „Mein Schiff 6“ kein Geräuschteppich über das Naturerlebnis gelegt wird. Woll’n hoffen, dass diese Aussage stimmt.

7. „Mein Schiff 6“ ist kinderfreundlich

An Bord können sich Eltern und Großeltern auf ein stabiles und fachkundiges Betreuungskonzept verlassen. Die Kinder werden in drei Altersstufen zusammengefasst und nicht nur verwahrt. Es gibt Schnitzeljagd übers Schiff, Themen wie „Pirat“ oder „Drachen“, bei denen Verkleidungen angesagt sind. Eine kleine Bühne bietet Raum, einstudierte Kunststücke aufzuführen. Auch die Arena wird für die älteren Kinder für Spiel und Spaß genutzt. Jugendliche finden einen altersgerechten Aufenthalt in der Teenie-Bar „Sturmfrei“. Auch hier ist der Nachwuchs nicht sich selbst überlassen.

Die Antwort auf meine Frage, ob ich denn mit Straßenschuhen auf die Matte treten dürfe, machte mich fassungslos: „Ja, klar, hier wird alle halbe Stunde feucht gewischt.“ das nenne ich mal einen anständigen Reinigungszyklus!

Die Betreuung geht bis abends 22:30, für das gemeinsame Essen mit den Eltern schließt das Angebot mittags und abends für eine kurze Pause.

Ach ja, zu den Kosten. Alles inklusive.

8. Neuigkeit auf „Mein Schiff 6“

Es gibt auf „Mein Schiff 6“ wenig Schnickschnack, von dem Glasboden in 35m Höhe mal abgesehen: kein Riesenrad, keine Klettergärten, kein Spielsalon oder sonstigen Blingbling. Die Farbgebung von Fußböden und Einrichtung ist zurückhaltend, aber markant. Es gibt natürlich ein Theater, es bietet Platz für die Hälfte der Passagiere: 1.050 Plätze. Und dann gibt es auf „Mein Schiff 6“ ein Studio mit vielleicht 100 Plätzen. Hier präsentiert das Bespaßungsteam eine verblüffende Hologramm-Show.

Mein Schiff 6 Hologramm Illusion

Mein Schiff 6 Hologramm Illusion

Ich kam während der Vorstellung dazu (Fotografen hängen immer hinterher) und hatte anfangs das Außergewöhnliche der Show gar nicht wahrgenommen: da gab es einen singenden Entertainer auf der Bühne.

Na gut – und wann fängt die Show an?

Die Show ist der Entertainer: es gibt ihn nämlich gar nicht. Alles, was auf der Bühne zu sehen und zu hören ist, ist virtuell. Diese Show ist sensationell, sehen Sie selbst.

9. „Mein Schiff 6“ ist fertig

Ich bin bei Besichtigungen schon über Farbeimer hinweg gestiegen, sah Handwerkern zu, wie sie Teppiche verlegten, Fitness-Geräte einrichteten, Leimflecken aus dem Teppichboden schrubbten oder Folien von Glasflächen abzogen. Das ist bei Neubauten nicht ungewöhnlich und führt nicht zur Abwertung.

Anders bei der „Mein Schiff 6“: Keine Handwerker, keine Löcher in Decken oder Kabel, die aus der Wand hängen; per Augenschein ist das Schiff beim Start zur Jungfernreise fertig. Chapeau!

Ob es Probleme beim Bau gegeben habe, frage ich den Kapitän. Der schmunzelt still, als er antwortet: „Nein, keine Probleme, nur Lösungen“

10. Mein Lieblingsplatz und rätselhafte Kuschel-Container

Ganz oben, nur über viele Stufen ist eine kleine Plattform zu erreichen, auf der ein Fernglas installiert ist. Hier ist der Ausguck, mutmaßlich ist es hier auf See windig und wohl auch feucht, aber die Aussicht ist grandios!

Auf Deck 15 fallen mir kleine Container auf. Die Tür ist verschlossen und öffnet sich nur stundenweise: 9,00 Euro/Stunde Es handelt sich um „Entspannungsinseln und Sonnenmassagen“. Sind das Behandlungsräume, wie man sie man auch in einem gut geführten Bordell buchen kann? Spielwiese für die großen Jungs? Die Stundentaktung erinnert jedenfalls fatal an eine Stundenhotel 😉

11. Taufe

Es ist gute Sitte und alter Brauch, dass ein Schiff dieser Größe nicht einfach so getauft wird: Flasche an’n Bug, Taufspruch und fertig. Nein, da wird ein Fass aufgemacht mit Feuerwerk, A- und B-Promis, Musik und Lightshow.

Das war bei der Taufe der „Mein Schiff 6“ nicht anders. Als Gag hatten sich Eventmanager ausgedacht, dass man die Elbphilharmonie nicht nur als Hintergrund wählt, sondern als gleichsam handelndes Objekt die Taufe durchführen lässt. Elbphilharmonie tauft „Mein Schiff 6“ lautete die Idee.

Als personifizierte Elbphilharmonie trat die Titularorganistin Iveta Apkalna auf. Beim Kapitänsempfang vor dem Ablegen trafen sich die Promis, die sich immer irgendwo treffen, zu einem maritimen Smalltalk. Etwas unglücklich war das Fehlen des Intendanten der Elbphilharmonie Christoph Lieben-Seutter. Statt seiner stand der Pressesprecher neben Wybcke Meier, Chefin der TUI-Cruises GmbH vor den Gästen. Protokollarisch ein Fauxpas. Einen buchstäblich großen und farbenprächtigen Eindruck hinterließ Oliver Knöbel, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Olivia Jones, Travestie-Künstler(in) und Drag Queen mit (auch Einkürzung) Gardemaß.

Mein Schiff 6 Kjell Holms und Olivia Jones

Mein Schiff 6 Kjell Holms und Olivia Jones

Back Stage

Die TUI Cruises ist ein Gemeinschaftsunternehmen TUI AG mit Sitz in Hannover und der Royal Caribbean Cruises Ltd. Mit Sitz in Nigeria. Die „Mein Schiff“-Kreuzfahrtschiffe fahren alle unter maltesischer Flagge. Auf Malta, der EU-Entsprechung für Panama, gibt es auch einen Briefkasten mit der Aufschrift: „TUI Cruises MS Mein Schiff Ltd.“ Möglicherweise ist dieser Briefkasten mit dafür verantwortlich, dass die TUI Cruises GmbH so gut wie keine Steuern zahlt:

Laut Jahresabschluss musste TUI Cruises an den deutschen Fiskus auf 126,5 Millionen Euro Profit lediglich 63.787,75 Euro Steuern vom Einkommen und vom Ertrag abführen. Das entspricht einem Satz von 0,05 Prozent; auch 2014 waren es nur 0,06 Prozent. (Spiegel Online, aufgerufen am 2. Juni 2017;15:33)

* Titularpianist wird man, wenn man besonders virtuos die Manuale einer herausragenden Orgel bedient