Marrakesch

Marrakesch

Zwischenstation Casablanca

Casablanca, wer denkt da nicht an den Filmklassiker! Steht Ingrid Bergmann an der Gangway und umarmt mich mit der Verheißung einer wunderbaren Freundschaft? Oder trägt Humphrey Bogard meinen Koffer zum Bus und lädt mich auf einen Cocktail in „Rick’s Café“ ein?

Ich erwache in einem verregneten Casablanca, das uns unsentimental mit niedrigen einstelligen Temperaturen empfängt. Der Flughafen von Casablanca ist ein abgenutzer, liebloser Zweckbau ohne Flair und Ausstrahlung. Es wäre ein Akt der Nächstenliebe, ihn durch einen Neubau zu ersetzen.

Zum Weiterflug öffnet sich eine Tür zum Flugfeld, auf der zwei Maschinen mit unterschiedlichen Zielen auf Passagiere warten. Welche ist unsere? Die Linke oder die Rechte? Wir entscheiden uns für das linke Flugzeug.

Treffer: es trennen uns noch 50 Minuten Flug bis zu unserem Ziel Marrakesch.

Ankunft in Marrakesch

Marrakesch, Perle des Südens, Rote Stadt, magische Metropole vor den schneebedeckten Gipfeln des Hohen Atlas, orientalische Farbenpracht und Geschäftigkeit in der Medina! Ich bin neugierig, was davon PR-Folklore und Nachklang an vergangene Zeiten ist – und was ich davon erleben und fotografieren kann.

Der Flughafen von Marrakesch ist sehr modern, blitzblank und auch bei Nach sehenswert.

Der Flughafen von Marrakesch ist sehr modern, blitzblank und auch bei Nach sehenswert.

Der Flughafen Marrakesch lässt zwar  jegliche Nähe an nostalgisch verklärten Niedergang vermissen. Es ist ein Neubau, der selbst bei unserer nächtlichen Ankunft hell und freundlich wirkt. Das Gebäude ist aus selbsttragenden Stahlrohrelementen zusammengesetzt. Der Architekt hat diese Elemente in die Gestaltung des Innenraumes einbezogen. Freundliche Dekorationen, die landestypische Elemente aufgreifen und Grenzbeamte, die an offenen Schaltern zufrieden auf die wachsenden Warteschlangen blicken.

Wer die längsten hat, gewinnt.

Zuguterletzt sind aber alle Teilnehmer unserer Fotoexkursion durch die Kontrollen, und wir sind fertig für den letzten Teil unserer Anreise: die Fahrt zum Hotel.

Riad ist mehr als eine Hauptstadt,
Medina mehr als ein Wallfahrtsort

Wir werden die Fahrt über in Riads übernachten. Riad leitet sich vom arabischen Wort für Garten ab und beschreibt ein großen Haus oder einen Palast – vorzugsweise in der Altstadt – mit Innenhof oder innen liegenden Garten. Der Innenhof ist für südeuropäische, arabische und persische Häuser selbstverständlich. In Spanien sind sie unter dem Namen „Patio“ bekannt. Nach außen hin sind die Häuser mit einer fensterlosen Mauer abgeschottet. Wem aufgetan wird, der staunt über die Großzügigkeit des Innenbereichs. Die Zimmer sind um diesen Innenhof gebaut. Nicht selten schwirren auch Vögel in der Gartenanlage und wecken gegebenenfalls den Schläfer zu morgendlicher Stunde naturnahe. Riads sind landestypische Herbergen. Es gibt zwar auch auch moderne Riads, die sich in Komfort und Ausstattung mit europäischen Luxushotels messen können. Aber der Ursprung ist eben eine eher schlichte und zweckmäßige Ausstattung.

Viele Riads, so auch unseres, liegen in der Medina (Altstadt). Unseres bietet bei der Anreise spezifische Herausforderungen. Die Straßen und Wege in der Medina sind eng, unübersichtlich und zu jeder Tag- und Nachtzeit von Zweirädern aller Art frequentiert.

Wir steigen aus unserem Kleinbus aus. Nach deutscher Zeit ist es jetzt 22:00. Wir verfolgen gespannt die Verhandlungen unseres Reiseleiters mit den Gepäckträgern. Endlich wird man sich einig und der Gepäckträger stapelt die die Koffer kunstvoll auf dem Handkarren.

Riad Dar Sara in Marrakesch

Die Riads liegen oftmals in schmalen Gassen in der Medina. Ohne Guide wird man da unsicher, ob das wirklich der richtige Weg ist. marrakesch

Die Riads liegen oftmals in schmalen Gassen in der Medina. Ohne Guide wird man da unsicher, ob das wirklich der richtige Weg ist.

Der Weg führt zunächst durch eine ziemlich breite Einkaufsstraße. Die Läden haben des nachts geschlossen, die Straße entsprechend bis auf wenige Einwohner und uns Touristen menschenleer. Trotz der späten Stunde sind eine Menge Motorräder unterwegs, die fernab aller Regel ihren Weg suchen und beim Finden nicht eben rücksichtsvoll sind, weder gegenüber den anderen Fahrern noch gar gegenüber den Fußgängern.

Nach knappen hundert Metern wenden sich unsere Schritte nach links, Über der Straße hängen Hinweisschilder auf Riads, die auf diesem Wege zu erreichen sind. Es sind nicht wenige. Die Straße wird enger und dunkler, links und rechts gehen Gänge ab, die zum Teil überbaut sind. Es gibt hier nur noch wenige Motorräder. Nach weiteren hundert Metern eine weitere Wendung nach links und nach ein paar Schritten nach rechts.

Die Straße ist jetzt endgültig ein Gang, wenig mehr als zwei Meter breit, von hohen, fensterlosen Mauern begrenzt und ziemlich dunkel. Niemals hätte ich diesen Weg ohne vertrauenswürdige Begleitung gefunden oder gar betreten.

Unser Guide klingelt an einer niedrigen, unscheinbaren Tür. Sie öffnet sich, und wir werden warm und freundlich empfangen.

Hinter den Mauern öffnet sich – wie erhofft – ein kleiner Garten mit Baum und Wasserbecken. An den Seiten finden wir unter Arkaden gemütliche Sofas. Oben sieht der nächtliche Himmel hinein. Wir bekommen nicht nur die Zimmerschlüssel, sondern als Begrüßung ein Glas heißen, süßen Tee. Das ist gute Sitte in Marokko und arabischen Staaten.

Den späten Gast erwartet eine einladende Tafel.Marrakesch

Den späten Gast erwartet eine einladende Tafel.

Wir passieren einen langen schmalen Raum, in dem für uns eingedeckt ist. Es gibt trotz der späten Stunden – auch in Marrakesch geht es jetzt auf 23:00 Uhr – noch ein Nachtmal. Durch eine zweite Tür gelangen wir in einen weiteren Innenhof, auch wieder mit einem Wasserbecken mit der Anmutung eines kleinen Pools.

Eine Treppe, wie alle Treppen in Marokko ohne Handlauf, führt nach oben. Das Zimmer ist erstaunlich groß, die Fenster gehen zum Innenhof hinaus, so dass wir morgens von Vogelgezwitscher geweckt werden. Manchmal aber auch vom Muezzin. Andere Teilnehmer finden ihr Zimmer im Erdgeschoss oder im ersten Innenhof. Trotz der langen Anreise finden sich alle Teilnehmer zur Tafel ein, um sich zu stärken und zu erfahren, wie das weitere Programm aussieht. Wir lernen schnell, dass alle Programme und Pläne vorläufig sind und jederzeit revidiert werden können.

Medina von Marrakesch

Andere Länder, andere Sitten. Die praktische Auswirkungen dieser Lebensweisheit lernen wir beim Frühstück kennen. Die Auswahl ist begrenzt, zwischen süß und klebrig und sehr süß und backsig. Immerhin, der Kaffee hat gewohnte Trinkstärke mit der erhofften Wirkung auf müde Augen. Die Baguette-Scheiben werden mich von Zeit zu Zeit über den Tag retten. Wer Marokko als Gourmet-Tourist besucht, wird mutmaßlich enttäuscht. Ich habe keine Ahnung, was die Leute mit den vielen Gewürzen auf den Märkten machen: in den Küchen der Restaurants sucht man sie vergebens. Ich verzichte auf der Reise in vielen Fällen auf einen Restaurantbesuch: es gibt viel zu entdecken in Marokko. Gastronomische Highlights sind es nicht.

Gesehen in der Medina von Marrakesch: eine Frau kauft mit Unterstützung ihres Kindes an einem kleinen Stand Lebensmittel.

Gesehen in der Medina von Marrakesch: eine Frau kauft mit Unterstützung ihres Kindes an einem kleinen Stand Lebensmittel.

Bei Tag sieht die Medina schon etwas freundlicher aus und verheißt fotografische Herausforderungen. Die Reisegruppe trifft sich ausgeschlafen auf der Dachterrasse des Riads und lernt sich sich und den Plan für unsere Rundreise kennen.

Als erstes erkunden wir die Medina. Die Läden und Werkstätten haben geöffnet. Fußgänger, Motorradfahrer und Kleinlaster teilen sich die meist engen Verkehrsfläche. Dabei steht das schnelle Vorankommen im Vordergrund, nicht das Einhalten von Verkehrsregeln oder die Rücksichtnahme auf andere Verkehrsteilnehmer.

Links und rechts säumen Werkstätten und Verkaufsstände den Weg. Erstaunlich viele Werkstätten bieten Dienstleistungen für Fahrräder an. Tatsächlich sind viele Menschen mit einem Drahtesel unterwegs. Hier und da öffnen sich kleine Durchgänge zu respektablen Innenhöfen. Auch hier bieten Händler und Handwerker ihre Produkte an. Gewürze und Kräuter, Schmuck und farbenfrohe Kleidung: hier findet der Fotofreund die erhofften Motive.

Das klassische Bild beim Schlendern durch die Medina vom Marrakesch. An vielen Ständen werden Gewürze und Kräuter angeboten.

Das klassische Bild beim Schlendern durch die Medina vom Marrakesch. An vielen Ständen werden Gewürze und Kräuter angeboten.

Auch Tiere, wie dieses Chamäleon werden auf den Märkten in der Medina von Marrakesch feil geboten.

Auch Tiere, wie dieses Chamäleon werden auf den Märkten in der Medina von Marrakesch feil geboten.

Auch andere Erwartungen erfüllen sich: Bakschisch. Auf Schritt und Tritt springt jemand auf den Fotofreund zu und hält die Hand auf. Die Amateur-Models sind dabei nicht zimperlich im Eintreiben ihres Entgeltes.

Von den Häusern hängen in den oberen Stockwerken Teppiche herunter. Zum Lüften oder zum Verkaufen? Wer weiß das schon.

Neben Kunsthandwerk, Klamotten und Gewürzen findet der Besucher auch Tiere. Ein Chamäleon turnt auf seinem Käfig herum und lockt zahlende Fototouristen an.

Hier finden Sie ein paar Eindrücke, die ich beim Schlendern durch die Straßen, Gassen und Wege der Medina von Marrakesch festgehalten habe.

Am Straßenrand tauchen wir überraschend in die Geschichte der Werkzeugmaschinen ein. Kunsthandwerker bieten neben kleine Holzkästen mit Geheimfach auch Schachfiguren und kleine Anhänger an. Zum Drechseln verwenden sie Knochen und Holz.

Die Handwerker drechseln diese Figuren direkt vor Ort auf einer Schnurzugdrehbank. Sie schnurrt, von Hand mit einer Spindel betrieben, seit Pharaos Zeiten. Die erste bildliche Darstellung dieser Drehmaschine stammt aus dem Grab des Petrosiris (~300 v.u.Z), die ersten sicher als gedrechselten erkannten Werkstücke sind schon aus der frühen Bronzezeit bekannt. Sehen Sie hier ein Video von der Schnurzugdrehbank von der Herstellung des kleinen Anhängers.

Auf dem Boden sitzen Kunsthandwerker und produzieren mit einer Schnurzugdrehbank Anhänger und schachfiguren. Marrakesch

Schnurzugdrehbank

Für diesen Anhänger hat der Kunsthandwerker in Marrakeschauf der Schnurzugdrehbank eine Minute gebraucht.

Herstellungsdauer: eine Minute .

Die eine Hand führt den Bogen der Spindel und sorgt für den Schnurzugantrieb (Fiedelbogenantrieb), ein Fuß bedient das Werkzeug. Es ist zwischen die Zehen geklemmt. Ein Handwerker stellt für uns einen Anhänger her. Werkzeug wie Arbeitshaltung mögen den Besucher Gefühle zwischen „armselig“ und „ungesund“ entlocken: das Ergebnis ist in weniger als einer Minute fertig, inklusive dem freischwingenden Ring. (Literatur: Mommertz, Karl- Heinz: Bohren, Drehen und Fräsen, Geschichte der Werkzeugmaschinen; Reinbek 1981)

Eine Alternative zu den Diesel-Stinkern? Eselskarren in Marrakesch

Eine Alternative zu den Diesel-Stinkern? Eselskarren in Marrakesch

Auch beim Transportwesen fühlt sich der Besucher einige Jahrzehnte zurückversetzt. Wenig Stickoxid, dafür reichlich Feinstaub und übelriechende Abgase. In den engen Straßen und Wegen der Medina bahnen sich Motorräder, Liefer-Dreiräder und auch Fahrräder unbeeindruckt von den Fußgängern ihren Weg. Die Vehikel sind zum Teil grotesk überladen.

Wer Alternativen zu Schummel-Dieseln sucht, findet hier Anregungen für die Bewältigung von Transportaufgaben.

Koranschule Medersa Ben Youssef

Wie so oft erleben wir, dass sich interessanten Momente hinter Türen, Toren und unscheinbaren Durchgängen verbergen. Das betrifft nicht nur Höfe mit Läden und Werkstätten, sondern auch die ehemalige Koranschule Medersa Ben Youssef. Das Ensemble ist heute ein Museum.

Die Wände im Innenhof der ehemaligen Koranschule in Marrakesch sind mit Fliesenmosaiken, Stuckornamenten und Kalligrafie im Stuck versehen

Die Wände im Innenhof der ehemaligen Koranschule

Ein Kalligraf bietet im Innenhof der ehemaligen Koranschule in Marrakesch seine Dienste an

Kalligraf im Innenhof der Koranschule

Die Koranschule wurde bereits im 14. Jahrhundert gegründet, das jetzige Gebäude stammt aus dem 16. Jahrhundert. Im Innenhof befindet sich das obligate Wasserbecken, das zum Zeitpunkt unseres Besuches allerdings leer ist. An den Wänden befinden sich Fliesenmosaiken und kalligrafische Koranverse in Form von Stuckornamente.

Der Eindruck ist weit von der Komplexität und Formenreichtum in Isfahan und anderen Moscheen in Iran entfernt, ist aber auf jeden Fall einen Besuch wert. Die Besucher dürfen auch die ehemaligen Schlafsäle der Koranschüler in der oberen Etage besuchen.

Die Moschee schließt sich hinteren Teil des Innenhofs an und bietet eine sehenswerte Gebetsnische (Mihrab). Die Gebetsnische in Moscheen zeigt immer nach Mekka.

Im Innenhof bietet ein junger Mann mit sehr blauem Turban seine Künstler als Kalligraph an. Flugs war für die Gruppe eine Aufgabe formuliert: „Porträtiert den jungen Mann mit dem dekorativen Turban und dem tief-sinnigen Blick!“

Gesagt – getan!

Museum Douriria de Mouassine

Wir besuchen das Museum Douriria de Mouassine. Es steht in den Reiseführern nicht an erster Stelle, lohnt aber auf jeden Fall des Besuch. Es widmet sich dem Erhalt marokkanischer Geschichte. Franzosen und andere Besatzer haben sich zielstrebig und ziemlich erfolgreich bemüht, die Geschichte Marokkos und der Berber vergessen zu machen. In dem Museum, das in Privatinitiative aus einem Riad entwickelt wurde, werden Fotos gesammelt und ausgestellt, mit denen marokkanische Identität vor de Vergessen bewahrt wird. Das selbst- und ungerechte Auftreten des europäischen Imperialismus hat nicht nur in Süd- und Nordamerika seine Spuren hinterlassen. Auch und gerade in Afrika muss sich der Besucher an jeder Ecke dem Erbe der europäischen Hegemonialpolitik stellen. Außerdem gibt es in dem Museum Ausstellungen zu traditioneller marokkanischer Kunst und Konzerte. Das Museum ist im Jahre 2015 nach vierjähriger Umbauzeit eröffnet worden.

Im Museum Douriria de Mouassine in Marrakesch werden Gesichter und Geschichten der Berber bewahrt.

Gesichter und Geschichte im Museum Douriria de Mouassine

Besuchergruppe im Museum Douriria de Mouassine in Marrakesch werden Gesichter und Geschichten der Berber bewahrt.

Besuchergruppe im Museum Douriria de Mouassine

Wir sind nicht nur lernende Besucher. Der Direktor des Museum, Patrick Manac’h,  führt uns mit ausführlichen Erläuterungen zu den ausgestellten Fotografien und der Geschichte des Hauses durch die Ausstellung.Er kauft auf Versteigerungen und im Antiquitätenhandel alte Fotografien mit Gesichtern und Geschichten des Marokkos vor oder während der Besetzung durch europäische Staaten und die USA auf.

An den Fotografien sollen wir uns abarbeiten. Die Aufgabe lautet, die großen Fotografien so abzulichten, dass keine Reflexionen oder Spiegelungen zu erkennen sind. Ich hätte mir ein paar eingrenzende Hinweise gewünscht, dass Fotografieren in Museen oft strengen Beschränkungen unterworfen ist und auf manchen Exponaten noch Urheberrechte liegen können.

Von der Dachterrasse haben wir einen ungetrübten Blick auf die Bergkette des Hohen Atlas. Wir trinken einen kleinen Becher Tee.

Exkurs: Marokkanischer Tee

Mit diesem Tee hat es seine Besonderheit. Kennen Sie auch dieses unwiderstehliche Aroma und den erfrischenden Geschmack von Tee aus frischer marokkanischer Minze?

Gut. Behalten Sie ihn in Erinnerung. Der Tee in Marokko ist stocksüß und wird augenscheinlich aus einer Art Granulat hergestellt. Zum Tee gehört eine Zeremonie, deren wesentlicher Teil darin besteht, mit einer Teekanne aus 60cm Höhe das Glas zu treffen. Das sieht akrobatisch aus.

Allerdings weiß ich nicht, was in der Flüssigkeit oxidiert werden muss.

Zurück zur Dachterrasse. Fern der Aufgeregtheit in den Gassen und Straßen legen wir eine kurze Pause ein, dutzende von Mauerseglern umschwirren die Häuser und fordern die Fotokünstler, sie auf den Chip zu bannen. Abends besuchen wir ein Konzert mit traditioneller Musik.

Der Platz der Gehenkten

Das muss ja wohl sein: Der „Platz der Gehenkten“ ([D]Jemlaa el Fna) steht in allen Reiseführern ganz weit oben auf der Liste mit den Sehenswürdigkeiten. Einst diente er den örtlichen Herrschern als Richtplatz, auf dem der Scharfrichter das Ergebnis seines Schaffens zur Abschreckung zu Schau stellte. Platz und Treiben wird gerne überhöht als „Herz von Marrakesch“ oder der „schönste Platz Afrikas“ dargestellt, Die Unesco hat dem Platz den Status eines immateriellen Weltkulturerbes zuerkannt.

Ebenso gut gälte das auch für das Bremer Sechstagerennen, das Alstervergnügen, den Hafengeburtstag oder das Münchner Oktoberfest.

Es ist eine lärmende, unübersichtliche Ansammlung von Gauklern, Tänzerinnen, Artisten, Taschendieben, Wegelagerern und einer Fressmeile. Die Kleinkriminellen machen sich oft nicht einmal die Mühe, ihr Vorhaben zu kaschieren. Sie marschieren zielstrebig auf ihr Opfer zu, sondieren ihre Chancen und können sich sicher sein, dass eine Verfolgung in der Menschenmenge aussichtslos ist. Verschraubte Rucksäcke und Stacheldraht in den Taschen sind Pflicht.

Fliegende Händler bieten Marken-Sonnenbrillen zu erstaunlich günstigen Preisen an. Ob man damit in Deutschland ungestraft durch den Zoll kommt, darf bezweifelt werden.

Der Platz der gehenkten in der Primetime: Viele Menschen, viel Rausch von Grills, viele Gaugler und Tänzer marrakesch

Der Platz der Gehenkten in der Primetime: Viele Menschen, viel Rauch von Grills, viele Gaugler und Tänzer

Fotografierende Touristen werden robust um Geld angegangen oder zum Löschen von Aufnahmen gezwungen, die verbotene Attraktionen wie Schlangen ablichten. Ähnlich rabiat werden Besucher zu den gastronomischen Angeboten gedrängt: wer noch mal erleben will, welches hohe Kulturgut der Hamburger Senat einst mit dem Verbot des handgreiflichen Ankobern auf dem Kiez beseitigt hat, kann das auf dem Platz der Gehängten noch in Reinkultur erleben.

Der Plan lautete: Abendessen auf dem Platz, dann Nachtaufnahmen mit Stativ vom Dach der Restaurants. Wie das so ist mit den Plänen … Unsere Gruppe beschloss, die Stative mitten im Gewühl der Touristen und Einheimischen aufzubauen. Auch die Lichtverhältnisse stellen eine große Herausforderung an unsere Fotofreunde dar. Auf jeden Fall entstehen dabei einige sehr hübsche fotografische Betrachtungen. Sie bleiben allerdings den Teilnehmern der Fotogruppe vorbehalten.

Bis zum Essen setze ich mich auf einen Treppenabsatz bei der großen Postfiliale am Rand des Platzes der Gehenkten. Der Ruf des Muezzin übertönt, elektrisch verstärkt, den Trubel auf dem Platz – und wird überraschend mit Pfiffen quittiert. Ein junger Mann wechselt abseits des Platzes im Halbdunkel in Frauenkleider und schließt sich einer Gruppe Frauen an.

Abseits des eigentlichen Trubel spüre ich dann doch ein bisschen von Magie des Ortes.

Ich komme mit einer Besucherin aus Frankreich ins – nun ja – Gespräch und lerne dabei: der Ursprung aller Sprachen und der Kommunikation ist nicht das Indo-Europäische, sondern das das Radebrechen mit begleitenden Hand- und Fußbewegungen.

Immerhin hatte unser Guide eine Restauration gefunden, die ansprechendes Essen bot. Wir knabbern an Spießen mit gegrillten Hähnchenfleisch und Gemüse. Über den Köpfen der Besucher erhob sich der Rauch diverser Grills, untermalt mit folkloristischen Gesangs- und Musikdarbietungen, für deren qualitative Einschätzung mir die Fachkenntnisse fehlen.

Nach dem Essen setzen wir den ursprünglichen Plan um. Die Gruppe trifft sich auf der Terrasse eines Restaurants, um sich in Nachtaufnahmen zu üben Ich verzichte auf die Übung und schließe mich der kleinen Gruppe an, die es in das schmuckes Restaurant Dar Donab in der Medina zieht. Es lockt mit einem kühlem, einladenden Innenhof mit viel Ruhe und einem funktionierenden Rotweinausschank.

Koutoubia-Moschee

Vor dem Platz der Gehenkten gibt es eine quirlige Straße, auf deren anderer Seite die Koutoubia-Moschee liegt.

Das Minarett der Koutabia-Moschee in Marrakesch

Das Minarett der Koutabia-Moschee in Marrakesch

Sie ist von einem interessanten Ruinenfeld mit symmetrisch angeordneten Säulenbasen umgeben. Man sieht es der KoutoubiaMoschee (Moschee der Buchhändler) nicht an: sie ist schlanke 650 Jahre alt und die größte Moschee in Marrakesch. 25.000 Gläubiger finden in ihr Platz. Wie auch der gegenüber liegende Platz der Gehenkten befindet sich die Moschee der Buchhändler außerhalb der Medina. Wir umkreisen das Bauwerk, ohne es zu besichtigen und ohne uns eine bildgebende Aufgabe zu stellen. Leider habe ich auch im Nachgang nicht herausgefunden, welche Bedeutung die Ausgrabung hat.

Die Moschee ist aus Stampflehm errichtet, das Minarett aus Sandsteinblöcken.

Mit über 70m Höhe ist das Minarett ein weithin sichtbares Wahrzeichen  von Marrakesch – und steht bei den Reiseführern ganz weit oben auf der Empfehlungsliste. Wir sind um die Anlage herumgegangen. Ob man die Moschee besichtigen kann, weiß ist nicht.Ich habe schon beide Varianten erlebt: Ungäubige dürfen das oder eben auch nicht.

Jardin Majorelle

Auch der Jardin Majorelle, der botanischen Garten, den einst ein mittlerweile vergessener Maler namens Majorell anlegen ließ, ziehen die Reiseführer hohe Wertungskärtchen.

Wir erreichen den Garten von unserem Quartier aus mit mehreren Taxis. Die rituellen Verhandlungen um den besten Preis ertragen wir mittlerweile mit stoischer Gelassenheit.

Die Schlange der Wartenden vor der Kasse ist überschaubar. Die Vorsaison ist Dein Freund. Vor dem Garten verlegen ein Dutzend Arbeiter neues Kopfsteinpflaster. Ein Stand mit Leihfahrrädern unterstreicht die Bedeutung des Drahtesels für die Stadt.

Besucherin im Jardin Majorelle

Besucherin im Jardin Majorelle

Im Jardin Majorelle in Marrakesch gehen Grün und Kobaltblau eine sehenswerte Verbindung ein.

Kobaltblauer Säulengang im Jardin Majorelle

Touristen zahlen für den Eintritt fast das doppelte vom Preis für Anwohner. Es fehlt hier eindeutig ein Diskriminierungsverbot. Wir betreten den Garten mit dem naheliegenden Auftrag, den Zauber des Gartens mit seinen farbenprächtigen Pflanzen, aufwendigen Gestaltungsdetails und nicht zuletzt mit dem unbeschreiblichen Kobalt-Blau fotografisch einzufangen. Wer es nicht gesehen hat, glaubt es nicht: dieses Blau (Majorelle-Blau) ist wie ein Unfall, nicht schön, aber man muss hingucken. Wir haben eine Zeit angepasst, in der die Sonne das perfekte Licht für unser Vorhaben liefert.

Das besondere Blau, das sich einer bildlicher Wiedergabe entzieht, schlägt auf allen Sichtachsen durch. Die Mauer zur Straße ist von einem rauschenden Vorhang von prächtigen Bougainvillea verhüllt. Dass diese pompösen Pflanzen auch Drillingsblumen heißen, erfährt man erst durch Wikipedia. Ber dass sie zur Familie der Wunderblumengewächse gehören, glaube ich nach dem Eindruck in dem Garten vorbehaltlos.

Bis auf das Grabmal von Yves Saint Laurent gibt es allerdings in dem Garten nicht viel mehr zu sehen als in jedem gut sortierten botanischen Garten mit angeschlossenem Gewächshaus. Yves Saint Laurent hat den Garten einst gekauft und ihn so dovor bewahrt, mit einem Hotel überbaut zu werden. Dass er seine Asche im eigenen Rosenbeet hat verstreuen lassen, ist aber etwas übertrieben. Immerhin kann man der Besucher von sich sagen: „Ich steh‘ auf Yves Saint Laurent.“

Dieser Bericht wird mit Wort und Bild fortgesetzt. Kommen Sie gerne wieder vorbei.