Kunst der Vorzeit: Felsbilder aus der Sammlung Frobenius

Gleich rechts von der Topologie des Grauens steht der Martin-Gropius-Bau. Quadratisch, praktisch, hoch. Kunst der Vorzeit Felsbilder Frobenius Hier finden regelmäßig zeitlich befristete Ausstellungen statt. Das Gebäude umflort der rückwärtsgerichtete wilhelminische Geist, der sich auch im Neubau des Berliner Schlosses materialisiert. Bemerkenswert ist die Organisation des Martin-Gropius-Baus. Er ist Teil der Berliner Festspiele, der Bund spielt mit, und nicht weniger als sieben Köche gestalten die Speisekarte des Dargebotenen, darunter auch die Spezialisten, die für das Deutsche Historische Museum verantwortlich zeichnen. Kein gutes Omen.

Trotzdem ist bei der AusstellungKunst der Vorzeit – Felsbilder aus der Sammlung Frobenius“ alles gelungen! Es ist eine sehenswerte, informative und gut kuratierte Veranstaltung geworden. Sie handelt von Felsbildern, die der Ethnologe Leo Frobenius mit seinem Team aus Forschern und Zeichnern aus vielen Teile der Erde zusammengetragen hat.

Felsbilder – Dokumentation

Das Team war in unterschiedlicher Zusammensetzung in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhundert unterwegs. Die Zeichnerinnen und Zeichner kopierten die Zeichnungen in Höhlen nd unter Felsüberhängen. Die Arbeitsbedingungen waren miserabel. Gleich am Eingang und auch später am Ende der Ausstellung lohnt sich ein Blick auf die zeitgenössischen Fotos. Dem Besucher wird hier deutlich: die folgenden Bilder entstanden nicht im wohltemperierten und gut ausgeleuchtetem Atelier, sondern in dunklen, muffigen, feuchten und staubigen Höhlen. Die Kopisten standen auf wackeligen Leitern oder wurden von Kollegen gestützt. Die Bilder, sie fanden sich in Höhnen zwischen Norwegen und Südafrika, wurden direkt vor Ort abgezeichnet.

Kunst der Vorzeit: Felsbilder Frobenius Bewegungsstudien

Schon in prähistorischer Zeit konstruierten die Künstler Bewegungen mit Hilfslinien. Asterix und die Legionäre lassen grüßen.

Viele der Zeichnungen zeigen Bilder, die es nicht mehr gibt, oder die aus kriegerischen Gründen (Libyen u.a.) nicht mehr zugänglich sind. Die offenkundige Kunstfertigkeit hat die Lebenslüge der Kolonialstaaten zerstört, dass Afrika kulturell rückständiger, geschichtsloser Kontinent gewesen sei.

Die ausgestellten Felsbilder lassen den Betrachter auch heute nicht teilnahmslos. Das betrifft die Inhalte, wie die Form. Man beginnt hochzurechnen, welche Feinmotorik notwendig war, Findigkeit nach Farben und Werkzeugen. Und vor allem staunt man über die künstlerischen Fähigkeiten unsere Altvorderen. Die Tiere sind plastisch und naturgetetreu, dass man sie auch heute noch erkennen kann. Die Menschen erscheinen in einer Abstraktion, die auf eine lange Auseinandersetzung mit der Umwelt und den eigenen Fähigkeiten hinweisen.

Dass die Fertigkeiten nicht naturgegeben sind, wird in den eher schlichten Darstellungen aus Norwegen deutlich. Man erkennt zwar einen frühen Skiläufer, aber auch, das der Künstler noch nicht die Muße hatte, aufwendige Darstellungen von Natur und Mensch zu schaffen.

Inhaltlich bieten die Felsbilder Stoff zum Fabulieren, Diskutieren und Deuten. Ich kann mich an keine Ausstellung erinnern, über die wir uns während des Besuchs und danach so intensiv gesprochen haben: Was sind das für Tiere, warum sind sie meist realistisch bis hin zum zotteligen Fell dargestellt, während die Menschen oft in kunstfertiger Abstraktion erscheinen? Sind es Lehrbilder: wie fange ich ein Beutetier? Welche Werkzeuge sind erkennbar?

Die bis zu 10m langen Felsbilder gleichen oft Wimmelbildern: beim Abzeichnen der Felsbilder haben die Zeichnerinnen und Zeichner (es waren übrigens überwiegend Zeichnerinnen) das Gesehene kopiert, nicht interpretiert. So ist nicht erkennbar, welche Figuren zusammen gehören, in welchem Zeitrahmen sie entstanden sind. Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Film, in dem dargestellt wird, mit welchen Werkzeugen und Techniken moderne Forscher Felsbilder analysieren und deuten.

Der Ethnologe Leo Frobenius steht bei der Ausstellung „Kunst der Vorzeit – Felsbilder aus der Sammlung Frobenius“ nicht im Mittelpunkt. Seine Forschung trug zwar reiche Früchte in Form von Fotos und Zeichnungen, aber seine Nähe zu Kaiser Wilhelm II und den Machthabern im Dritten Reich, stellten ihn nach dem Krieg in die Ecke mit den wissenschaftlichen Schmuddelkindern.

Frühe Kunst Felsbilder Frobenius Moderne Kunst

Diese zeitgenössisch-abstrakte Linienführung entstammt vorhistorischer Zeit.

Auf der Homepage der Frobenius-Stiftung, die übrigens der Frankfurter Goethe-Universität angegliedert ist, habe ich keine Texte von Leo Frobenius gefunden. So bin ich leider auf die Bewertung seiner Forschungen von Dritten angewiesen. Allerdings lohnt sich der Besuch der Seite des Frobenius-Instituts. Es gibt dort einen sehr ausführlichen Katalog mit Bildern und Texten. Viele der Portraits wären eine eigene Ausstellung wert. Eine abwertende Betrachtung aus Herrensicht habe ich nicht entdeckt.

Felsbilder – Kunst der Vorzeit

Die Felsbilder werden aber zunehmend (wieder) aus einer ganz anderen Ecke beleuchtet. Schon in den 30er Jahren tourten die Felsbilder aus der Sammlung Frobenius praktisch durch die ganze Welt. Ironie der Geschichte: während Adolf Ziegler die Diffamierungsausstellung „Entartete Kunst“ als Präsident der Reichskammer der bildenden Künste durchführte und mit 3 Millionen Besucher mutmaßlich ungewollt die bisher erfolgreichste Ausstellung in Deutschland schuf, zeigte Leo Frobenius 1937 seine Felsbilder in der Zentrale der Entarteten Kunst (das war die abfällige Bezeichnung der NS-Kultur für jegliche moderne Kunst), dem MoMa in New York. Auch dort wurden die Bilder vom Publikum und von den Künstlern begeistert aufgenommen. Nachweislich haben Pollock in New York und Picasso in Paris die Bilder gesehen. Alleine in den USA wurde die Ausstellung in über 30 Städten gezeigt. Afrikanische Kunst war dort bis dahin weitgehend unbekannt, Afrika vor allem in Form von Sklaven gegenwärtig.

Frühe Kunst Felsbilder Frobenius Besucherin

Besucherin vor einem Felsbild aus prähistorischer Zeit.

Doch nun rücken die Felsbilder aus der Sammlung Frobenius in den Fokus der Kunsthistoriker. Sie untersuchen, ob und wie welche Künstler von den Felsbildern aus der Sammlung Frobenius inspiriert wurden. Das Alter der Felsbilder ist zwar bis aufs letzte Jahr nicht sicher festzustellen. Ein Alter von mehr 7.000 Jahren ist aber bei den meisten ausgestellten Bildern sicher.

Das hochinteressante Spannungsfeld: hier der historisch belastet Ethnologe und dort der Wegbereiter moderner Kunst wird in der Ausstellung Kunst der Vorzeit – Felsbilder aus der Sammlung Frobenius erfreulich entspannt beleuchtet. Frobenius besucht Wilhelm II in den Niederlanden, der NS-Kulturapparat vermeldet das Ableben von Frobenius, Rezensionen der Ausstellungen, Einladungskarten an die zeitgenössischen Künstler, all das hat Raum und wird mit aussagekräftigen Exponaten belegt.

Der Katalog

Zu jeder Ausstellung gehört ein Katalog, vielfach hinterlassen sie trotz ihres Gewichts wenig Eindruck. Diesen Katalog sollten sie kaufen – und wenn Sie per Bahn oder Bus anreisen, werden die hochwertigen Reproduktionen Ihnen die Reisezeit unterhaltsam verkürzen. Es gelingt in einigen Fällen, auch die langen Bilder in Lesegröße abzubilden, ohne dass ewig lange Fahnen das Lesen verleiden. Der Katalog ist aber mehr als ein Bilderbuch. Die Beiträge beleuchten die Vitae der Künstlerinnen, Leo Frobenius‘ Aufenthalt in New York anlässlich der Ausstellung im MoMa und und..

Und wenn Ihr Lieblingsmuseum mal wieder fragt, welche Ausstellung man präsentieren soll: wünschen sie sich einfach Felsbilder, Portraits und Genre-Zeichnungen aus der Frobenius Sammlung.

Kunst der Vorzeit- ein Fazit

Die Ausstellung „Kunst der Vorzeit – Felsbilder aus der Sammlung Frobenius“ hebt einen Schatz ans Licht. Sie ist mustergültig kuratiert, Die großformatigen Bilder kann man zwar nicht „auf einen Blick“ betrachten, dafür reicht an keinem Punkt der Abstand aus. Allerdings leben die Felsenbilder davon, dass man sie aus der Nähe betrachten, an ihnen entlang gehen und immer neue Details entdecken kann. Einführende und erklärende Texte sind zweisprachig, deutsch englisch. In den Vitrinen findet der Besucher Ausrüstungsstücke (Kameras, Skizzenbuch usw.) der Expedition. Auch Hinweise auf Sponsoring fehlen nicht: der Name Leo Frobenius war bekannt und Firmen wie Ford hofften auf werbeträchtige Erwähnungen in den Expeditionsberichten. Ja, Leo Frobenius gab seinen Namen auch für eine Serien teurer Zigarren. Auch die zeitgenössischen Rezeptionen und Kontakte werden dargestellt: ein bemerkenswert offener Umgang mit dem Januskopf Leo Frobenius.

Frühe Kunst Felsbilder Frobenius Pferdefries

Besucher vor dem „Pferdefries“ in der Ausstellung Kunst der Vorzeit Felsbilder aus der Frobenius Sammlung.