Iran: Wüsten – Safranernte

Der Bericht ist nicht fertig, sondern entsteht.  Damit es nicht unübersichtlich wird, habe ich einige Hinweise und die Literaturhinweise ausgelagert. Hier finden Sie „Iran – gut zu wissen

Tag 1 – Anreise nach Mashhad

Iran Wüsten Safranernte Zivilgesellschaft: jetzt geht’s los!

Ich sitze im Taxi zum Flughafen. Der Hamburger Oktober zeigt, dass er auch im Zeitalter der Klimaerwärmung nichts von seiner fröstelnden und nasskalten Natur verloren hat. Die Bäume trennen sich zwar noch unwillig von ihrem Laub. Aber es sind schon genügend Blätter gefallen, um Straßen und Bürgersteigen mit einer matschigen Pampe aus verfaulendem Laubwerk zu überziehen.

Da sind die Erwartungen an meine Reise doch sehr viel sonniger. Die Ungewissheiten im Vorfeld sind nicht vergessen, aber verdrängt: Jetzt gilt nur noch Zuversicht und Vorfreude!

Ich bezahle den Taxifahrer und verstehe, dass einem mit allen Franken gewaschenen Kollegen aus der Schweiz bei den Taxipreisen in Hamburg Tränen in die Augen gestiegen sind. Die Hamburger Taxifahrer müssen eine Bomben-Verbindung zum Senat haben, der in der Stadt der Pfeffersäcke und Krämer die Tarife festlegt.

Geduldsprobe: Warten

Sei es, wie es ist: ich danke meiner Ungeduld, dass ich den Schalter von Turkish Airline mit einem dicken Zeitpolster erreiche: Vor dem Schalter warten wohl über 150 Passagiere, von breiten Bändern in eine windungsreiche Schlange geformt, auf ihre Abfertigung. Beim Betrachten der Gepäckmengen meiner Mitreisenden werfe ich einen nachdenklich Blick auf meinen einzelnen Koffer und überlege, ob ich nicht doch etwas vergessen habe. Die Abfertigung zieht sich, weil nicht alle Schalter besetzt sind und viele sperrige Gepäckstücke zeitraubende Sonderbehandlungen erfordern.

Schlange stehen und Warten zählen nicht zu meinen Parade-Disziplinen.

Meine Geduld und Toleranz wird bei der Sicherheitskontrolle auf eine weitere Probe gestellt.

Dieses ritualisierte Misstrauen und die ruppige, mit Verachtung vorgetragene Machtdemonstration ähnelt mehr dem menschenverachtenden Grenzregime der VOPO als dem eines demokratisch verfassten und Grundregeln der Menschenwürde verpflichteten Sicherheitsapparates.

Natürlich werden meine Schuhe wieder einer genauen Untersuchung unterzogen. Und die (vergebliche) Suche nach Sprengstoff in meinem Rucksack zählt auch zu den grenzdebilen Routinen., die jeden Flug teurer aber keinen sicherer machen.

Hamburg nach Istanbul

Zu guter Letzt sitze ich tatsächlich vor dem Abflug-Gate. Ich habe mir einen Platz weit hinten in der Maschine ausgesucht und darf mit der ersten Gruppe einsteigen.

Aus Gründen, die sich mir nicht erschließen, startet der Flieger mit 40 Minuten Verspätung. Wir fliegen über das neue Drehkreuz von Turkish Airways: den Flughafen Istanbul. Von da geht es abends weiter zu unserem ersten Ziel in Iran: Mashhad. Auf den neuen Flughafen Istanbul bin ich gespannt.

Ich erhasche noch einige graue Blicke auf Stadt und Hafen. Dann verschwindet der unfreundliche, graue Herbst unter einer grauen Wolkendecke.

Wie mit dem Lineal gezogen nimmt der Flieger auf seinem Weg nach Istanbul dieselbe Route wie bei den vorangegangenen Flügen: Später sehe ich nämlich, dass ich die selben Landmarken fotografiert habe, wie bei unseren anderen Flügen nach Istanbul

Die Verpflegung an Bord der Turkish Airlines ist auch für die Holzklasse vorbildlich. Es gibt zusätzlich zu Wasser und Kaffee ohne Aufpreis eine vollwertige warme Mahlzeit. Nur eine Vorsuppe fehlt. Für den kleinen Salat gibt es sogar eine kleine Tüte Dressing aus Olivenöl und Zitronensaft. Ach ja: ich wähle „Hühnchen mit Reis und Gemüse“.

Zwischenlandung in Istanbul

Der Anflug auf den neuen Flughafen von Istanbul (Hat er eigentlich schon einen Namen?) ist weniger spektakulär als das Einschweben auf den bisherigen Flughafen. Man sieht zwar einige monotone Neubausiedlungen, erlebt aber nicht die spannende Skyline mit Hochhäusern, die der Erdbebengefahr spotten.

Wir landen mit Verspätung. Alle Passagiere klauben Handgepäck und Kleidung aus den Gepäckfächern und drängeln sich schon vor dem Ausgang. Dann heißt es „April, April. Alles wieder hinsetzen und anschnallen“.

Der Flieger muss noch 30cm vorziehen, weil die Gangway nicht passt. Aus 30cm werden weitere 10 Minuten Verspätung.

Und darum heißt es : Beine in die Hand und los.

Der neue Flughafen von Istanbul

Der Flughafen von Istanbul ist die Pest:

Auf der Rückseite der Bordingkarte war zwar ein Übersichtplan abgedruckt Aber der liefert auch nicht mehr Informationen, als dass die Flugzeuge an mehreren Armen andocken. Leider fehlen auf dem Plan Andeutungen, wie lange man wohl von einem Ende eines Armes zum Gate am anderen Arm unterwegs ist.

Rückseite der Bordingkarte mit einem Lageplan des Flughafens

Rückseite der Bording-Karte mit einem Lageplan des Flughafens Istanbul

Und die Wege sind dann sehr lang. Im Schweinsgalopp (soweit der in einem moslemischen Land erlaubt ist) bin ich wohl 30 Minuten (na gut: mit Fotostopps) den „D“-Arm runter, die Treppe hoch, den Verbindungstrakt zum „B“-Arm lang, Treppe wieder runter zum „B“-Arm zum Gate 12a.

Hoch und unzweckmäßig

Zwischendurch ein hastiger Blick auf die Architektur, die eher hoch als ausgeklügelt ist. Die Touristen finden u. a.ein anatolisches Restaurant und dann keine Worte, wenn im Duty Free-Bereich ein Händler 200g Haselnüsse für 10€ anbietet.

Man beachte die Sitze, unten. Dann kann man abschätzen, wie hoch die Gebäude im Flughafen Istanbul sind.

Die Sitze geben eine Ahnung, wie hoch die Gebäude im Flughafen Istanbul sind.

Es gibt die bekannten Laufbänder. Die sind allerdings für den zeitlich knappen Transfer ungeeignet. Sie bewegen sich wirklich sehr langsam und werden immer wieder von ermattet stehenden Fluggästen blockiert.

Links und rechts der Laufbänder erkennt der sehstarke Fluggast schwache grüne Markierungen. Das sind die Fahrstrecken der Transportfahrzeuge für Reisende mit Handicap.

Auch außerhalb des grünen Streifen ist der Fußgänger nicht sicher.

Auch außerhalb des grünen Streifen ist der Fußgänger nicht sicher.

Wer nicht angerüpelt werden will, muss diese Markierungen sorgfältig meiden. Allerdings halten sich die Fahrer der flinken Elektrokarren nicht immer an ihre Spuren, sondern hupen auch schon mal Fluggäste aus dem Weg, die gar nicht auf dem für Fahrzeuge reservierten Bereich gehen.

An einer Stelle der Odyssee werden die Passagiere mit Ziel „Istanbul“ ausgeschleust, die Transitpassagiere durchgewunken.

Es fehlen Wasserspender, dafür sind die Toiletten gut ausgeschildert und reichlich vorhanden, so dass der Durstige Labung aus dem Hahn zapfen kann. Englisch-kundige Bedienstete sind Mangelware. Kaum zu glauben, dass der neue Flughafen Istanbul das internationale Drehkreuz für Turkish Airlines ist. Der Fluggast lernt besser türkisch, als auf englisch-sprachige Hilfe zu hoffen.

Nein, ein großer Wurf ist der neue Flughafen von Istanbul nicht. Statt Architekten-Hirnschmalz tropft hier vor allem Fluggast-Schweiß von der Decke.

Leute: baut keine größeren Flughäfen, die Passagiere zu sportiven Sprints nötigen, sondern versteigert die vorhandenen Slots der bestehenden Flughäfen.

Dann hat sich das Problem der Billigflieger auch bald erledigt.

Hütchenspiel: Zwei Gates nur ein richtiger Flieger

Am „Gate 12a“ gibt es zwei große Schlangen. Man ahnt, dass es auch ein „Gate 12b“ gibt. Eine Reihe steht vor der Tür, die nach Zürich führt. Die andere wartet vor der Tür, hinter der das Flugzeug nach Mashhad andocken soll.

Neuer Flughafen Istanbul - Indoor-Garten

Neuer Flughafen Istanbul – Indoor-Garten

Ein Dutzend Mitarbeiter von Fluglinie und Flughafen setzen alles daran, ein möglichst großes Durcheinander der Reihen zu erzeugen. Da wird gestempelt, werden die Pässe und Bording-Karten geprüft, umdirigiert und ratlos die Schulter gezuckt. Es entsteht ein munteres und ratloses Hin- und Her.

Da ist es ganz hilfreich, dass es keine Sitzmöglichkeiten gab.

Wie ich schon sagte: architektonisch und unter dem Gesichtspunkt der Kundenfreundlichkeit muss der neue Flughafen von Istanbul gar erst nicht an den Start gehen: zwei Gates, aber keine Sitzmöglichkeit! Der Indoor-Garten rettet den schlechten Eindruck auch nicht.

Das Bemühen der Fachkräfte für Verwirrung und Desinformation ist vergebens: zuletzt steigen doch alle Passagiere in den richtigen Flieger.

Als unser Airbus abhebt, ist es bereits dunkel. Wir lernen dann die Lektion 1 für Verhalten in Iran: Die weiblichen Passagiere müssen ihre Haare mit Kopftüchern verhüllen. Von der Vorschrift, auch den Schritt mit wallendem Textil unsichtbar zu machen, erfahren wir weder im Flieger noch später in Iran nichts. Unteressen verteilt das Kabinenpersonal das Abendessen. Wir können beim Abendessen wählen zwischen Beef und Pasta.

Die Sitze sind so schmal, dass man strategisch wählen muss: welches Mahl kann man mit einer Hand essen? Ich wähle Beef und bin zufrieden.

Istanbul nach Mashhad

Der Flug nach Mashhad ist sehr abwechslungsreich. Ich habe wieder einen Platz ziemlich weit hinten gebucht und genieße mal klare Sicht auf verschiedene große und sehr große Städte. Mal verwandeln sich die Lichter unter den Wolken in Sternnebel. Und dann sah ich sie auch selber: die Mutter aller Sternnebel: die Milchstraße.

20 Minuten lang rumpelt der Flieger, schüttelt sich und wirkt sehr unfroh in seinem Element. Ich mag das nicht und bin froh, als wir ruhig und sicher unseren Zielflughafen Mashhad erreichen.

Anflug auf Mashhad bei Nacht Iran Wüsten Safranernte Zivilgesellschaft

Anflug auf Mashhad bei Nacht

Flughafen Mashhad

Das Flughafengebäude hat die Form eines Hangars, ein A380 würde vielleicht gerade reinpassen. Am Eingang wacht die Passkontrolle flankiert von zwei Soldaten. An meinem Visum hat der Beamte etwas zu mäkeln und berät sich mit seinem Kollegen.

Das ist immer eine etwas kribbelige Situation, besonders bei der Einreise nach Iran.

Das Terminal im Flughafen von Iran Mashhad Iran Wüsten Safranernte Zivilgesellschaft

Das Terminal im Flughafen von Iran Mashhad

In der Zwischenzeit befragt mich ein Ziviler nach meinem Beruf. Ich stellte mich als Lehrer für Deutsch im Ruhestand vor. Und werde schließlich nach einer Rücksprache mit einem Beamten im Backoffice durchgewunken.

Fotografen hängen bei Gruppenreisen immer etwas hinterher. Darum erfahre ich erst später von einem Mitreisenden der Reisegruppe, dass die Teilnehmer am Flughafen die Lektion 2 für korrektes Verhalten in Iran lernen: unser Local Guide verweigert bei der Begrüßung der Reisegruppe den weiblichen Mitgliedern den Handschlag. Das macht man so in Iran. Er wird dafür von anwesenden Iranerinnen heftig gescholten. Aber wenn der Local Guide sein Patent behalten will, muss er die Vorschriften penibel einhalten. Zur Ehrenrettung unseres iranischen Begleiters sei gesagt, dass er uns im Verlauf der Reise wie eine Mutter ohne Brust betreut und vor allem Unbill bewahrt hat.

Kontrollen und Kontrollen

Vor dem Ausgang: wieder Personen- und Gepäckkontrolle.

Oha: 2 große Kameras im Rucksack? Der Kontrolleur wird neugierig und will wissen, was ein Tourist im Ruhestand mit zwei solchen Kameras will. Ob ich nicht doch beruflich hier sei und darum ein anders Visum benötigte? Die Handschlaufe meiner Hemdentaschenkamera lasse ich diskret im Reißverschluss verschwinden. Die Reserve-Kamera (wenn alles kaputt geht) im Koffer hatte das wache Auge des Kontrolleurs nicht entdeckt.

Ein anderer Wachmann erlöst mich: er hat eine Flasche entdeckt, in der ca 2qcm helle Flüssigkeit schwappen. Wollte da jemand Alkohol schmuggeln? Es war ein skurriles Bild,wie zwei uniformierte Männer eine so gut wie leere Plastikflasche angestrengt beobachten und vorsichtig wenden und bedächtig schütteln. Wir lernen die Lektion 3 des Verhaltens in Iran: Alkohol ist sowas von böse, dass Import oder gar Genuss desselben schlimmen Strafen unterworfen ist. Unser iranischer Begleiter kleidet das in das Bonmot: wer nach Iran reist, unternimmt zwei Reisen gleichzeitig: eine persönliche mit den gebuchten Eindrücken von Land und Leuten und eine Kur für die Leber 🙂

Alkohol ist darum natürlich viel interessanter als Kameras, weil richtig bei Strafe verboten. Das Mitführen von Kameras hingegen ist auch in Iran kein Straftatbestand. Ich gratuliere mir im Stillen zu dem Entschluss, alle alkoholhaltigen Tropfen und Säfte im heimatlichen Medizinschrank gelassen zu haben.

Anfahrt zum Hotel Teheran

Endlich sind alle Mitreisenden durch alle Kontrollen durch und steigen ermattet erstmals in den Reisebus, der uns ein paar tausend Kilometer durch Gebirge und Wüsten tragen soll. Es ist ein Bus, in Lizenz von Volvo hergestellt. Baujahr 1385.

Kalenderspiele

Baujahr 1385?!

Wir lernen die Lektion 4: In Iran gilt der Islamische Kalender. Er beginnt in dem Jahr, als der Prophet Mohammed von Mekka nach Medina zieht. Das war, wenn alles so richtig dokumentiert und überliefert ist, im Jahre 622 nach gregorianischem Kalender. Man muss sich also weder um die Haltbarkeit des Joghurts noch um die Entwicklungsstand des Busses Sorgen machen. Einfach 622 Jahre addieren: dann ist der Bus im Jahre des Herrn 2007 hergestellt worden.

Der islamische Kalender geht nach dem Mond (wäre also perfekt für die Deutsche Bahn), während sich der gregorianische Kalender nach dem Geburtsjahr des Propheten Jesus und dem Sonnenjahr richtet. Jahreszahlen nach gregorianischem Kalender werden mit dem Kürzel A.D. (anno domini; im Jahre des Herrn) kenntlich gemacht wird. Die Jahreszahlen des islamischen Kalender werden mit mit dem Kürzel d.H. oder AH versehen. Das „H“ steht für Hegirae und beschreibt die oben erwähnte Auswanderung des Propheten nach Medina.

Der Bus bietet Platz für 40 Leute. Wir sind 15. Da habe ich hinten wieder wie schon bei meiner ersten Reise nach Iran 5 Jahre zuvor meine zwei Bänke, auf denen ich zu Fotozwecken hin und her rutschen kann, ohne jemanden mit dem Gehampel zu stören.

Fotografenglück

Das Glück ist vollkommen, als meine Kamera nach einiger Zeit eine ausreichende Zahl GPS-Satelliten findet und die entsprechenden Daten in die Bilddateien hineinschreiben kann.

Einer informativen (nicht zuletzt: Foto-)Reise steht nichts mehr entgegen.

…Kontrolle ist besser!

Links vor dem Busfahrer ist ein kleiner Kasten angebracht. Darin steckt sein Führerschein. Auf der Scheckkarten-großen Karte ist das Bild des Fahrers als Foto und digital vorhanden. Außer der Karte ist in dem Kasten eine Kamera, die auf den Fahrer ausgerichtet ist. Sie prüft per Gesichtserkennung, ob der Mensch auf dem Fahrersitz mit dem Führerscheininhaber identisch ist. Und natürlich erfasst der Kasten die Fahr- und Ruhezeiten und die jeweilige Geschwindigkeit. Haut der Fahrer über die Stränge, hat der Kasten ihn in die Pfanne, und er darf dann künftig Touristen mit der Rikscha durch das Hochland von Iran fahren.

Die Kontrolle funktioniert. Laut Google-Auswertung der GPS-Daten waren wir nie schneller als 89km/h.

Die Fahrt zum Hotel Teheran dauert keine 20 Minuten und zeigt schon mal das prächtig beleuchteten Gelände, auf dem sich der Schrein des 8. Imams Reza befindet.

Wir werden einige Gebäude auf dem Gelände (es ist ist ca. 100ha groß) morgen besichtigen.

Der Schrein des 8. Imam - Reza - nachts Iran Wüsten Safranernte Zivilgesellschaft

Der Schrein des 8. Imam – Reza – nachts 100ha Pracht

Es ist kurz nach 3:00 Uhr, als ich einen kurzen Bericht an die Lieben daheim sende und eilends eine Mütze Schlaf suche: Um 10:00 brechen wir schon schon zu unserem ersten Ausflug auf.

Tag 2 Imam Reza und Dichter

Das Hotel Teheran liegt in Gehentfernung zum Heiligtum, das wir am späten Vormittag besichtigen werden. Es ist eines von vielen, sehr vielen Hotels in der Stadt. Es überrascht mich zum Frühstück mit einem Set, das ich hier nicht erwartet hätte. Lockende Klänge und eine galant gereichte Frucht. Wenn das nicht ein guter Tag wird.

Das Set ist hier wichtiger als der Kaffee: Musik, Verlockung, offene Haare Iran-Wüste-Safran

Das Set ist hier wichtiger als der Kaffee: Musik, Verlockung, offene Haare

Schrein des 8. Imams Reza

Ich hatte vor der Reise noch nichts von Mashhad, oder wie es auch geschrieben wird: Mesched oder auch Masschad, gehört. Es liegt, wie fast alle großen Städte in Iran sehr hoch, rund 1000m über NN. Wir bewegen uns also auf Höhe des Brockens. Ich war überrascht, dass unser erstes Ziel fast soviel Einwohner und Touristen hat wie Berlin.

Alle wollen natürlich zum Schrein des 8. Imams, Reza pilgern.

Wir dürfen als Nicht-Muslime (Als „ungläubig“ würden sich wohl nicht alle aus unserer Reisegruppe bezeichnen. Ich glaube zum Beispiel an das Gute im Menschen.) den Schrein nicht sehen. Aber rund um den Schrein sind viele Gebäude, Einrichtungen, Läden und Museen entstanden, dass es auch für uns noch genug zu sehen gibt.

Nach dem Frühstück, das mich noch nicht so ganz im Tag hat ankommen lassen, gehen wir als Gruppe geschlossen die paar Schritte zum Eingang des Schreins.

Wir müssen zwei Straßen überqueren. Bei der ersten wedelt unser Guide die unruhigen Auto- und Motorradfahrer zurück. Bei der zweiten Straße nutzen wir eine Fußgängerbrücke. Wir lernen so die 5. Lektion für das Überleben in Iran: Fußgänger sind im Straßenverkehr weiche Ziele.

Kameras und Verhüllungen

Meine Kameras lasse ich im Hotel, jedenfalls die meisten, weil das Fotografieren auf dem Gelände des Schreins streng reglementiert ist. Am Eingang müssen auch die verdeckt getragenen Westenaschenkameras abgegeben werden. Kameras in Mobilkameras dürfen hingegen mit auf das Gelände und auch benutzt werden.

Das verstehe, wer will.

Ich habe ein antikes iPhone, mit dem ich noch nie fotografiert habe. Das kann ja was werden! Die ersten Aufnahmen zeigen einen dicken Daumen, hinter dem blauer Himmel zu sehen ist. Nicht ganz das, was ich wollte.

Bevor ich meine ersten Aufnahmen unter „Produktionsbedingungen“ mache, berücksichtige ich die Instruktionen. Fotos in Richtung Eingang sind verboten, in alle anderen Richtungen darf fotografiert werden. Hintergrund für die angespannte Genehmigungspraxis ist vielleicht ein Attentat, bei dem 1994 70 Menschen starben und über 100 verletzt wurden.

Vor dem Betreten des Geländes müssen die weiblichen Mitglieder unserer Reisegruppe sich in eine Art Laken hüllen. Die Männer sind keinen Kleidungsvorschriften unterworfen. Wenn alte Männer mit Bart Verhaltensregeln für ihre Mitmenschen festlegen, ziehen Frauen immer den Kürzeren. Das hat mit Gott nichts zu tun, sondern mit den Verklemmungen alter Männer.

Der große Platz

Wir gehen als Gruppe über den großen Platz, der vielleicht Haram genannt wird. An einer Wand stehen Karren, auf denen viele Teppiche zusammengerollt sind. Sie werden zu Gebetszeiten ausgerollt und dienen den Betenden als Unterlage. Aus großen Lautsprechern, die über das ganze Gelände verteilt sind, tönen blechern Gebete oder Predigten. Auf mehreren leinwandgroßen Monitoren erkennen wir einen Geistlichen, dessen Worte gerade übertragen werden.

Auf dem großen Platz Schrein des 8. Imam Reza in Mashhad

Auf dem großen Platz Schrein des 8. Imam Reza in Mashhad

Unser Guide erklärt, dass die Gebäude auf dem Gelände bei Erdbeben zum Teil beschädigt oder gar zerstört worden sind.

Aber in kürzester Zeit wurden sie erdbebensicher neu errichtet und die antiken Fassaden mit ihren komplizierten und komplexen Fliesenmosaiken restauriert. Schade, dass bei diesen Gelegenheiten die Audio-Anlagen nicht gleich auf den neuesten Stand gebracht wurden.

Das schnöde Geld

Der Schrein des 8. Imam Reza wird von der Organisation Astan-e Qods-e Razavi betreut. Es handelt sich um eine Stiftung, die wohl seit dem Tod des Imam Reza existiert und seitdem ein bemerkenswert glückliches Händchen für wirtschaftliche Zusammenhänge entwickelt hat. Der Ayatollah Tabassi leitet sie seit Khomenies Zeiten und kann auf glänzenden Reichtum blicken, der nicht zuletzt von erfolgreichen Wirtschaftsunternehmen erzeugt wird. Belastungen durch Steuern entfallen, weil die Stiftung steuerbefreit ist.

Vielleicht reicht es ja bald zu einer angenehmen Beschallung des Schreins.

Informationsveranstaltung

Die Fragen, wie der Reichtum der Stiftung entsteht und verwendet wird, stand naturgemäß nicht auf der Agenda der Informationsveranstaltung, die wir über ein phantastisches, verspiegeltes Treppenhaus erreichten. Es ist guter Brauch und alte Sitte, dass Besucher in muslimischen Ländern immer mit frischem Wasser empfangen werden. So auch hier.

Wir lauschten ein paar einführenden Worten und betrachteten dann ein Video.

eine Reisegruppe in der Info-Veranstaltung zum Schrein des 8. Imam Reza

eine Reisegruppe in der Info-Veranstaltung zum Schrein des 8. Imam Reza

Ich nehme die Glaubensäußerungen meiner Mitmenschen, seien es eindrucksvolle Kathedralen oder Moscheen, Kunstwerke oder Gesangstücke zur Kenntnis, respektiere sie, bin aber immer wieder traurig, wie viel Elend, Schmerz und Unterdrückung aus den Religionen erwächst.

Das muslimische Glaubensbekenntnis gefällt mir am besten. Jedenfalls die ersten vier Worte:

„Es gibt keinen Gott.“ *

Der Schrein

Uns war der Blick und der Zugang zu dem Schrein verwehrt. Die Schweizer Weltenbummlerin, Fotografin und Reporterin Annemarie Schwarzenbach hatte entweder 1939 Zugang zu dem Schrein oder hat sich die Situation vor Ort eindrücklich schildern lassen. Sie berichtet in dem Buch „Orientreisen“** auch von Mashhad und dem Schrein .

Sie verlässt Mashhad 1939 und erinnert sich an

„…. das Dunkel und die Spiegelpracht im Inneren des Heiligtums, und das Stöhnen und Weinen ausgemergelter Pilger, – Schiiten aus allen Teilen Asiens, die Jahrzehnte ihres Lebens davon geträumt haben, die Gitterstäbe es Sarkophags zu küssen, und Wüstenstrecken zurückgelegt, Strapazen erduldet haben, um heute barfuss den Marmorboden zu betreten, die vierzehn silbernen und zwei goldenen Türen sich öffnen zu sehen. Da knien sie schluchzend , da klammern sie sich mit rauen Schreien der Erschöpfung und hysterischer Luft an die Eisenstäbe, hinter denen im Dunkel der Imam ruht, zwischen modernen Teppichen, Turbanen, Votivgaben und heiligen Schriften.“ (S.80)

Auf dem Gelände des Schreins gibt es (mindestens) zwei Museen. Einmal das Zentralmuseum, in dem wir unter anderem einige der erwähnten silbernen und goldenen Türen sehen werden. Und das Teppichmuseum, bei dem mich ein Exponat fassungslos macht. Aber sehen Sie selbst die Bilderstrecken vom Zentralmuseum und dem Teppichmuseum.

Zentralmuseum

Im Zentralmuseum finden wir vor allem Beispiele muslimischer Kunst am Bau: Türen, Fenster, große Trinkgefäße. Bewundernswert finde ich immer wieder die kalligrafischen Texte.

Beispiel für kalligrafische Kunst im Zentralmuseum

Beispiel für kalligrafische Kunst im Zentralmuseum

Sie sind aus Holz geschnitzt oder aus Blech getrieben und umlaufen als schmückendes Beiwerk prächtige Türen. Und wir sehen eine Kopie oder eine Vorgängerversion des Schreins. Er ist hinter Glas und ähnelt dem Schrein, in der Ajatollah Khomeini in seinem Mausoleum ruht. Ein Blick in die Bilderstrecke lohnt sich.

Teppichmuseum

Das Teppichmuseum zeigt Teppiche neueren Datums. Ich erinnere mich an keinen, der älter als 200 Jahre gewesen wäre. Es sind viel „gespaltene“ Teppiche darunter. Das waren Teppiche, die Wohnräume trennten oder als Tür funktionierten. Im Gedächtnis sind mir einige Teppiche geblieben, deren Motive nach geltendem muslimischen Moralkodex als frivol gelten könnten. Entspannt musizierende und tanzende Frauen mit offenem Haar, Maria und Josef auf der Flucht nach Ägypten.

Besucherin vor Expolaten im Teppichmuseum

Besucherin vor Exponaten im Teppichmuseum

Aber ich traue meinen Augen nicht, als ich einen wirklich großen Teppich sehe, auf dem Wilhelm II in vollem Wichs steht. Europa unter seinen Stiefeln. Für England reichte die Schuhgröße oder die Phantasie nicht aus. Ihm, der 1914 einen Weltenbrand entzündet, der bis heute nicht wirklich gelöscht ist, wird im Jahre des Kriegsausbruchs schon als „Dem Sieger“ gehuldigt.

Ich würde gerne wissen, wer diesen Teppich in Auftrag gegeben hat.

Für sachdienliche Hinweise bin ich dankbar.

Wir verlassen das Gelände, ich bekomme meine kleine Kamera zurück. Am Nachmittag machen wir uns dann auf den Weg zu unserem nächsten Ziel.

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Intermezzo

Eigentlich sollte jetzt der Text mit dem Bericht über Grabmäler für Dichter und Mathematiker und einer Türkismine weitergehen.

Allerdings drängt sich immer wieder der Klang von Kriegstrommeln in die sanfte Melodie der Erinnerung. Die Tötung eines iranischen Generals im Irak war schon mal ein schlechtes Omen. Aus der Bahn geworfen hat mich die Ankündigung des US-Präsidenten, wichtige und bedeutende Kulturstätten Irans zerstören zu wollen. Tür auf! für Kriegsverbrechen? Die Gefühlsmischung von Wut und Trauer drängt die Reise zu Wüsten und Safranernte in den Hintergrund.

Kutschfahrt auf dem Meidan in Isfahan. Im Hintergrund die Lotfalla Moschee Kutschen auf dem Meidan in Isfahan (Imanplatz, ميدان نقش جهان)

Kutschfahrt auf dem Meidan in Isfahan. Im Hintergrund die Lotfalla Moschee Kutschen auf dem Meidan in Isfahan (Imanplatz, ميدان نقش جهان)

Statt dessen habe ich einen kurzen Bericht mit Bildern und Videos von bedeutenden Meisterwerken islamischer Architektur und Weltkulturerbe-Stätten in Isfahan verfasst. Er hat den Titel: Besucht Iran, solange es das Land noch gibt!