Hieronymus Bosch

Ich habe das Werk von Hieronymus Bosch zum ersten Mal im Rahmen einer Ausstellung im Bucerius-Kunstforum näher kennengelernt. Es ging um die Versuchung des Heiligen Antonius, der Lissabonner Altar stand als Kopie in der Ausstellung. Die Vielzahl von kleinen Monstern, Phantasiefiguren und skurrilen Handlungen nahmen mich sofort gefangen.

Eine meiner folgenden Reisen führte mich folglich nach Lissabon, wo ich dann das Original in Ruhe und Ausführlichkeit betrachten konnte. Der Saal war menschenleer und hell beleuchtet. Nichts und niemand störte die Betrachtung. Das sollte in der Ausstellung zum 500. Todesjahr des Künstlers in ’s-Hertogenbosch ganz anders sein.

500 Jahre tot, aber quicklebendig

Man weiß über Hieronymus Bosch nicht viel. Sicher ist, wann und wo er gestorben ist: 1516 in s‘-Hertogenbosch, wo er auch geboren wurde. Nicht nur dass über Hieronymus Bosch, der sich selbst jheronimus Bosch nannte, kaum belastbare Informationen vorliegen. Es sind auch nur sehr wenige Werke überliefert. Außer diversen Zeichnungen handelt es sich dabei um Gemälde, die Hieronymus Bosch auf Eichenholz gemalt hat. Einzelheiten zum Leben und Werk von Hieronymus Bosch finden Sie zum Beispiel hier.

Hieronymus Bosch Ausstellung im Noordbrabants Museum

Im Noordbrabants Museum selbst gibt es keine Werke von Hieronymus Bosch. Trotzdem wollte man zum runden Todestag eine Ausstellung zu Ehren des bekanntesten Bürgers der Stadt ausrichten.

Der Wunsch wurde wahr, der Plan ging auf: viele Leihgeber stellten dem Noordbrabants Museum ihre Exponate zur Verfügung. Und so kam unter dem Titel „jheronimus Bosch-Visionen eines  Genies“ eine eindrucksvolle Sammlung zustande. Der Titel ist eher reißerisch als beschreibend. Aber fürs Marketing ist das sicherlich hilfreich.

Hieronymus Bosch Lissabonner Altar

Hieronymus Bosch Lissabonner Altar

Maßgeblich an der Zusammenstellung und Durchführung der Ausstellung war das „Bosch Research and Conservation Project (BRCP)“ beteiligt. Die Homepage ist unbedingt empfehlenswert. Sie liefert einen interaktiven Röntgenblick durch viele Werke von Hieronymus Bosch. Dieser Organisation ist auch zu danken, dass 12 Werke überhaupt wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden konnten. Während man von Picasso auch noch eine bekritzelte Zigarettenschachtel ehrfurchtsvoll und pfleglich behandelt, vergammelten viele Werke von Hieronymus Bosch in den Magazinen. Die Kuratoren hatten die Bedeutung von Hieronymus Bosch für die Kunstgeschichte aus den Augen verloren oder nie verstanden. Entsprechend vermodert wurden viele der Werke aus den Kellern und Dachböden geborgen.

Das betrifft 12 Werke. Dazu später mehr.

’s-Hertogenbosch im jheronimus Bosch-Fieber

Hieronymus Bosch werke im Stadtbild von s-Hertogenbosch

Hieronymus Bosch Werke im Stadtbild von s-Hertogenbosch

In der Stadt wird allerorten dem bekanntesten Sohn der Stadt gedacht. Läden sind mit verkaufsfördernden Monstern gestaltet. Im Angebot gibt es Kleider, die mit den skurrilen Bildern bedruckt sind. Und im Stadtbild springen Schreckgestalten aus Böschungen und Wassern.

Den Drachenbrunnen vor dem Hauptbahnhof, der auch Bildelemente von Hieronymus Bosch aufgreift, gibt es schon länger. Auch sein Denkmal auf dem Marktplatz gehört seit Jahren zum Stadtbild. Aber es gibt keine Schachtabdeckung, die einen Bezug zur Stadt oder gar zu Hieronymus Bosch hätte. Viele Städte gießen ihr Wappen oder ein Symbol auf Schachtabdeckungen und Gullys.

Ausstellung mit Zeitfenster

Mal eben reingehen, weil man gerade in der Nähe ist: ist nicht. Ich hatte Glück, dass ich 4 Wochen vor meinen Besuchstermin im Internet ein Zeitfenster zu abendlicher Stunde ergattern konnte. Die Ausstellung selber ist handwerklich perfekt. Die Exponate befinden sich vielfach in Glasvitrinen, die auch die Beleuchtung enthalten. Blendungen und Reflexionen entfallen dadurch. Werke, deren Vorder- und Rückseite bemalt wurden, hängen so, dass man beide Seiten betrachten kann. Für die Besucher liegen in mehreren Sprachen kleine Hefte mit kurzen Hinweisen zu den ausgestellten Werken bereit. Hier und da flimmert eine Videoanimation, in der einige Exponate im Detail vorgestellt werden.

Die Ausstellung lebt von den Bildern, die Gliederung ist beliebig – man vermisst einen Zeitstrahl, der die geschätzte Entstehungszeit der Bilder verdeutlicht. Nicht schlecht wäre es gewesen, das Werk von Hieronymus Bosch auch geschichtlich einzuordnen.

Immerhin erfuhr man seinerzeit von der Entdeckung Amerikas: die Autorität der Kirche, die von der Kanzel stets die Erde als Scheibe gepredigt hatte, begann zu bröckeln. Der Buchdruck revolutionierte die Kommunikation. Opulente Gemälde zu Heiligen, Märtyrern und Bibelgeschichten verloren an Bedeutung. Im Osten eroberten die Osmanen Konstantinopel und wandelten die Hagia Sophia, die seinerzeit größte und bedeutendste Kirche der Christenheit, in eine Moschee um. Dass Hieronymus Bosch diesen Sachverhalt kannte, zeigt sich daran, dass in dem Werk „Ecce homo mit Stiftern“ im Hintergrund die Fahne des Kalifen gehisst ist.

Und, kleine Randnotitz: Hieronymus Bosch wurde im Herrschaftsbereich des Wieners Maximilian I geboren, der später als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation auch Brabant mit der Stadt ’s-Hertogenbosch verwaltete. Zum Niederländer wurde Hieronymus Bosch erst später.

Bosch Blick in die Ausstellung in s-Hertogenbosch-Mike Brink_02

Hieronymus Bosch Blick in die Ausstellung in ’s-Hertogenbosch Foto: Mike Brink

Das geschichtliche Umfeld hat – wie erwähnt – den gottesfürchtigen Herrgottsillustrator Hieronymus Bosch beeinflusst und sicher in seiner Arbeit motiviert. Immerhin ist sein Werk von christlicher Symbolik und gottesfürchtiger Bildsprache in jeder Schaffensphase durchdrungen.

Museumsdidaktik Fehlanzeige

Während man auf den geschichtlichen Bezug noch kopfschüttelnd verzichten kann, schmerzt das Fehlen einer Übersicht, welches Element welche Bedeutung hat. Die großen Triptychons beeindrucken vor allem durch ihre schiere Größe, Farbenpracht und die Vielzahl der Neben- und Hauptfiguren. Welche Geschichten sie erzählen, die christlich-mythischen Hintergründe, die Forderungen und die gesellschaftliche Kritik der Werke, all das bleibt hinter dem ahnungslosen Staunen zurück. Schade, diese Vielschichtigkeit war es, was die Werke seinerzeit so populär machte.

Es gab viele leere Wände, an denen man Details mit Erläuterungen hätte darbieten können. Statt dessen läuft in Endlosschleife ein 3 Minuten Film zur Restaurierung eines Triptychons in Venedig. Zu erkennen ist eine Kiste, die unter der Rialto-Brücke hindurchgeschippert wird, durch Gänge geschleppt und wieder zurückgebracht wird.

Hieronymus Bosch Vierfuessler Skizzenblatt

Hieronymus Bosch Skizzenblatt

Zwischendurch matschen Hände mit Farben und Füllmassen. Von Hieronymus Bosch ist tatsächlich nichts zu sehen. Auch nach zweimaligen Betrachten wird der Sinn des Films nicht deutlich.

Passend dazu bleibt dem Besucher auch verborgen, welche Wirkung die Bildersprache des Hieronymus Bosch bis in die Neuzeit hatte. Surrealisten wie DaliRené Magritte oder Max Ernst hatten mit Hieronymus Bosch einen mächtigen Trittstein für die Entwicklung eigener künstlerischer Auseinandersetzung mit ihrer Zeit.

Wer sein Vergnügen darin findet, einem bekannten Original einmal so richtig nahe zu sein, der ist in der Ausstellung gut aufgehoben. Wer inhaltlich etwas über die Exponate erfahren will und die Zeit ihrer Entstehung, der kauft sich ein schönes Buch. Einen Hinweis dazu finden Sie am Schluss dieses Beitrages.

Zu schön, um wahr zu sein

Die gute Ausleuchtung der Exponate verdeutlicht ein Problem: Zunächst fällt bei einigen Exponaten die Makellosigkeit der Firnis auf. Wer dann genauer hinschaut, entdeckt eine pastöse, satt aufgetragene, vollfette Farbschicht. Die Feinheit des Pinselstrichs, das gefühlvolle Überlagern und Durchscheinen der Farben, an denen Experten Hieronymus Bosch erkennen, sind zugekleistert. Nein, das kann man nicht als Restaurierung durchgehen lassen, das ist – wohlmeinend – ein Bild „nach Hieronymus Bosch“, – böswillig: eine neuzeitliche Interpretation des Themas. Schon das Entfernen der Firnis beschädigt bei Gemälden auf Eichenholz fast immer auch die Farbschicht irreversibel. Das Ergebnis ist dann Brennholz. Darauf kann man natürlich in Anlehnung an das mutmaßliche Original ein neues Bild malen – aber bitte- nennt es dann nicht Original!

Das Triptychon „Die Versuchung des Heilgen Antonius“ oder der „Lissaboner Altar“ befindet sich in Lissabon und ist nicht Gegenstand der Ausstellung in ’s-Hertogenbosch. Dieses Triptychon soll, wenn es so kommt, wie angekündigt, zusammen mit den Exponaten der ’s-Hertogenbosch-Ausstellung im Prado in Madrid ausgestellt werden.

Buch-Tipp

Wenn Sie kein Zeitfenster erwischen oder die Reise nach ’s-Hertogenbosch oder Madrid scheuen, empfehle ich das Buch von Stefan Fischer: jheronimus Bosch, 2016 Taschen-Verlag ISBN 978-3-8365-3821-2

Ich habe noch kein ausführlicheres, kenntnisreicheres Buch zu Hieronymus Bosch gesehen. Die Abbildungen sind grandios und von hervorragender Qualität. Die Bildelemente werden in großen Detail-Aufnahmen verdeutlicht. Und es gibt kein Gedränge beim Erkunden der Neben- und Hauptfiguren.