Heilig Abend im St. Pauli-Theater

Terror zu Weihnachten

Heilig Abend Terror-Thriller auf der Bühne

Tagesaktuelles im alten Gemäuer

Es ist an der Zeit, dass Sie hier etwas über das St. Pauli-Theater lesen. Es ist das älteste Privattheater in Hamburg, aber jung geblieben. Es lockt ein bunt gemischtes Publikum immer wieder mit spektakulären Inszenierungen von Klassikern und modernen Stücken in den plüschige Zuschauerraum. Auf dem Programm finden sich auch Musicals, Comedy sowie politisches Kabarett.

Es ist aber nicht nur das Programm, mit dem sich das St. Pauli-Theater einen festen Platz auf dem Besuchsplan der Hamburger Theaterfreunde erspielt hat sondern Regie und Bühnenbild müssen auch stimmen.

Der Regisseur von "Heilig Abend" bespricht mit Johann von Bülow die Probe.

Der Regisseur Ulrich Waller von „Heilig Abend“ bespricht mit Johann von Bülow die Probe.

Der größte Schatz dieses Theaters sind seine Schauspieler.

Augenscheinlich haben nicht nur die Theaterfreunde das St. Pauli-Theater in ihr Herz geschlossen, sondern auch die Creme de la Creme der Schauspieler.

Gerade läuft ein tagesaktuelles 2-Personen-Stück mit Barbara Auer und Johann von Bülow. Beide Schauspieler sind vielbeschäftigt und finden sich in langen Listen von Filmen und Theaterstücken. Es ist förmlich ein Wunder, dass sich ein Zeitfenster aufgetan hat, in dem die beiden Schauspieler für das Stück  „Heilig Abend“  zusammen auf der Bühne stehen können. Lesen sie hier eine Theaterkritik.

Heilig Abend

Worum geht es in dem Stück? Warum ist tagesaktuell? Und warum funktioniert es nur mit sehr guten Schauspielern der ersten Garde?

Heilig Abend ist ein Kammerspiel für zwei Personen. Sie heißen Judith und Thomas. Die beiden ringen auf einem minimalistischen Bühnenbild, das von einer großen Uhr dominiert wird, miteinander. Judith arbeitet an einer Universität als Philosophie-Professorin. Thomas, im Krawatten-gekrönten äußerst korrekten und konservativen blauen Dreiteiler, ist Ermittler.

Wir erfahren nicht, für welchen Dienst er tätig ist. Wir erfahren auch nicht, in welcher Stadt sich das Geschehen abspielt.

Philosophin oder Terrorbraut?

Wir erfahren, dass die Befragung am Weihnachtsabend stattfindet, und zwar kurz vor Mitternacht.

"Heilig Abend" ist ein Stück für zwei Personen und eine Uhr

„Heilig Abend“ ist ein Stück für zwei Personen und eine Uhr

Wir erfahren, dass Thomas Judith aus einem Taxi heraus zur“ Befragung gebeten“ hat. In der Befragung wird Judith  im Unklaren gelassen, ob sie verhaftet wurde oder als Zeugin befragt wird. Das ist eine gerne genutzte Ungewissheit, die den Befragten verunsichert und einschüchtert.

Thomas eröffnet Judith Erkenntnisse, wonach sie eine Bombe in Stellung gebracht habe. Thomas konfrontiert sie mit Ermittlungsergebnissen, die sie sich nicht erklären kann. Wir nehmen teil an Diskussionen, Dialogen und Monologen über gesellschaftliche Macht, revolutionäre Gegenmacht und den Missbrauch beider. Die älteren Soziologiesemester können bei Betrachtungen über „strukturelle Gewalt“ in studentischen Jugenderinnerungen schwelgen. Thomas und Judith räsonieren ausführlich über Religionen und deren Gewaltpotential.

"Heilig Abend" mit Barbara Auer und Johann von Bülow im St. Pauli-Theater

„Heilig Abend“ mit Barbara Auer und Johann von Bülow im St. Pauli-Theater

Made in Germany

Und diese Diskussion um religiös motivierte Attentate und Messerangriffe ist tagesaktuell. Mancher Zuschauer wird die aufgeworfenen Fragen zu Terror, Freiheit und Gewalt auf dem Nachhauseweg oder bei der nächsten Tagesschau aufgreifen und mit Familie oder Freunden diskutieren. Es ist bemerkenswert, dass ein Theaterstück mit dieser Thematik und dieser Intensität aus deutscher Feder stammt und nicht aus dem Amerikanischen oder Englischen übersetzt werden musste.

Thomas hat sich durch die Dissertation von Judith gearbeitet und viele Anknüpfungspunkte für viele Fragen zu ihrem Verhältnis zu Gewalt und Freiheit gefunden. Darüber hinaus präsentiert Thomas Texte aus vergangenen Tagen, in denen sich Judith als Jugendliche in die Nähe von Baader-Mainhof gebracht hatte.

Thomas (Johann von Bülow) befragt Judith (Barbara Auer)

Thomas (Johann von Bülow) befragt Judith (Barbara Auer)

Merke: nicht nur das Netz hat ein gutes Gedächtnis, sondern auch das Archiv von Verfassungsschutz und BND.

Judith (Barbara Auer), im eleganten Mantel, unter dem ein hautenges Beinkleid hervorlugt, erweist sich thematisch wie auch schauspielerisch dem Ermittler als ebenbürtig. In dem Ausschnitt, der uns präsentiert wurde, gibt sie nicht klein bei oder bricht gar unter den Fragen, Verdächtigungen und Vorwürfen zusammen.

Hohe Schauspielkunst

Der Zuschauer erlebt ein Duell auf Augenhöhe. Es ist ein Genuss, dem Ringen mit seinen Drohungen, Finten, Fallen und Protesten zu folgen. Das alles funktioniert ohne Multimedia oder Klavierbegleitung – nur mit den zwei Schauspielern, die ihr Handwerk in Vollendung beherrschen.

Während der Befragung ergeben sich dann auch Fragen zu Judiths geschiedenem Mann. Ob das nur das voyeuristische Interesse des Publikums bedient oder zur Bombe führt, ist ungewiss.

Barbara Auer in "Heilig Abend" im St. Pauli-Theater

Barbara Auer in „Heilig Abend“ im St. Pauli-Theater

Wer schon mal von einem „Zivilen“ zu einer „Befragung“ separiert wurde, kennt die Ungewissheiten: Was will er? Was weiß er? Kann ich mich rausreden? Wo ist die Nummer von meinem Anwalt? Warum geht er nicht ans Telefon?!

Thomas (Johann von Bülow) kennt und zeigt die vielen Gesichtern der Ermittler: Er ist mal drohend-aufbrausend, mal freundlich-zugewandt, mal offen und verständnisvoll. Aber immer lässt Thomas Judith die Machtposition spüren, sie festzuhalten. Stets versucht er, sie mit Worten und Gesten einzuschüchtern und zur Zusammenarbeit zu ermahnen.

Wer diese Situation noch noch nicht selbst erlebt hat, kann das in „Heilig Abendin allen Einzelheiten beobachten. Barbara Auer und Johann von Bülow tragen alle Facetten dieser Situation überzeugend vor. Der Zuschauer erlebt hohe Schauspielkunst.

Barbara Auer in "Heilig Abend": Was weiß er?

Barbara Auer in „Heilig Abend“: Was weiß er?

Die Bühne ist karg aber klug eingerichtet und greift den Untertitel des Stücks überzeugend auf. Die Uhr, als dritter Akteur, steht dominant im Hintergrund und rückt unaufhaltsam auf Mitternacht vor. Ausgefuchst aufgestellte Spiegel führen den Zuschauer gerne in die optische Irre und eröffnen metaphysische Betrachtungen, ob die Fragen von Gewalt, Macht, Revolution und Religion nicht vielleicht Spiegelfechtereien sind.

„Heilig Abend“ ist auch für Auswärtige ein perfekter Anlass, den Aufenthalt in Hamburg um einen Tag zu verlängern. Wer rechtzeitig reserviert, kann seine Lieben daheim mit der Botschaft schockieren: „Das junge Gemüse im Freudenhaus war aber auch nicht von schlechten Eltern.“

Noch ein Stück. Das Musical Cabaret ist zwar älter als Heilig Abend, aber nicht minder aktuell – und auf jedenfall unterhaltsamer

Informationen zu Stück und Bericht

Bericht und Bilder entstanden während einer Pressevorführung am 17. Januar. Wie das Stück ausgeht, weiß ich nicht. Mein Eindruck beruht auf einem kurzen Ausschnitt.Ob er für das ganze Stück gilt, bleibt offen.

Heilig Abend oder „Stück für zwei Schauspieler und eine Uhr“

von Daniel Kehlmann

Regie: Ulrich Waller

St. Pauli Theater (ehemals Ernst Drucker Theater)

20. Januar 2020 – 14. Februar 2020

Hinweis: auch für diese Aufführungen finden Sie Angebote bei Viagogo. Ignorieren Sie diese Angebote und beachten den Bericht über Viagogo.