Hammerfest

Hammerfest
Stadtluft im hohen Norden

Der Hurtigruten Ausflug 8b bringt uns das nahe, was hier auf der Nordfahrt verpasst haben. Hammerfest hatte die Midnatsol mitten in der Nacht angelaufen, und wir schliefen den Schlaf des gerechten Postschiffpassagiers. Aber die nördlichste Stadt der Welt wollen wir uns natürlich ansehen. Auf dem südwärtsgehenden Teil der Fahrt ist die Ankunftszeit günstiger.

Heute legt die Midnatsol morgens an. Vor der Einfahrt in den Hafen passieren wir eine Anlage zur Verflüssigung von Erdgas. Ein Flüssigkeitsgas-Tanker liegt am Pier und wird beladen. Das Erdgas kommt aus einer unbemannten, unterseeischen Förderanlage in der Nordsee und wird über eine Pipeline zur Anlage geführt.

Hammerfest Anlage zur Verflüssigung von Erdgas mit Gastanker

Hammerfest Anlage zur Verflüssigung von Erdgas mit Gastanker

Dort wird es verflüssigt und in die bereitliegenden Tanker gepumpt. Diese Schiffe sind leicht erkennbar an ihren drei oder vier kugelförmigen Druckbehältern. Jedes Schiff hat ungefähr den Energiegehalt der Hiroshima-Bombe. Ein bisschen zucken wir darum zusammen, als ein viermotoriger Fernaufklärer der NATO knapp 10m über unseren Köpfen donnernd seine Bahn zieht. Dabei qualmen seine Propellermotoren wie nach einem Flak-Treffer. Beim Militär messen sie die Abgase großzügiger als beim zivilen TÜV. Die Tanker fahren übrigens nach Spanien und von da weiter zu Häfen in den USA,

Aber alles ist gut. Wir fahren an einem Boot der Küstenwache vorbei und legen pünktlich in der nördlichsten Stadt der Welt an. Das Wetter ist wieder untypisch gut: 4 Grad über Null (Danke, lieber Golfstrom!), kein Regen, durch einige Wolkenlöcher streicht die Sonne über den Hausberg, kein Sturm und kein Erdbeben. Auf der Rundfahrt erfahren wir, dass die Wettergötter aber auch grimmiger sein und Hammerfest mit Stürmen, Schneemassen und Gewitter ordentlich durchschütteln können. Aber als Ski-Gebiet ist es wegen des Thermotransfers aus dem Golf von Mexiko nicht geeignet.

Hammerfest – Zweckbauten

Der erste Eindruck einer grauen, gesichtslosen Zweck- und Arbeitsstadt täuscht nicht. Hammerfest wurde im 2. Weltkrieg von deutschen Truppen auf ihrem Rückzug vor den russischen Truppen niedergebrannt*. Das älteste Gebäude von Hammerfest ist die kleine unscheinbare Friedhofskapelle aus dem Jahre 1937.

Für die Arbeiter der nach dem Krieg aufblühende Fischereiindustrie entstanden die einfachen Häuser, die noch immer das Gesicht der Stadt prägen. In der Innenstadt entstanden ein paar Wohn- Büro- und Geschäftshäuser, die überall in der Welt stehen könnten- Ein großer hufeisenförmiger Wohnblock thront wie eine graue Festung über der Stadt und wurde seinerzeit von der auch in Deutschland bekannten Firma Findus für ihre Arbeiter errichtet.

Hammerfest Dieses Wohnhaus entstand Anfang der 60er des vergangenen Jahrhunderts für die Arbeiter der Fischfabrik Findus.

Hammerfest Dieses Wohnhaus entstand Anfang der 60er des vergangenen Jahrhunderts für die Arbeiter der Fischfabrik Findus.

Die Fischerei ging, die Energie-Industrie kam und damit der Reichtum. Die Fußwege der Hauptstraßen haben Fußbodenheizung, und ein vielfältiges und abwechselungsreiches kulturelle Angebot führt die Bewohner durch die Polarnacht. Das Dauerlicht im Sommer ist aber nicht dem Reichtum, sondern der Mitternachtssonne geschuldet.

Hammerfest – Arbeitskräfte dringend gesucht

Hammerfest hat eine Arbeitslosenquote von 1%, Facharbeiter, Ingenieure und medizinisches Personal sind stark gesucht. Wer in Deutschland halbwegs qualifiziert ist und lieber von Hartz 4 lebt statt nach Norwegen oder Schweden zu ziehen, kann nicht auf mein Mitgefühl rechnen.

Unser Guide ist zum Beispiel ein waschechter Berliner, der vor knapp 2 Jahren mit minimalen Sprachkenntnissen nach Hammerfest zog und heute für die Touristenbehörde deutschen Touristen seine neue Stadt erklärt. Unser erste Stopp ist die Struve-Meridian-Säule. Friedrich Georg Wilhelm Struve war ein russischer Forscher (mit unverkennbarer deutscher Abstammung), der zwischen 1816 bis 1855 mit geodädischen Methoden die Erde genau vermaß und dabei die Vermutung Newtons bestätigte, dass die Erde keine ideale Kugel sei. Ich bin leider kein Erdvermesser und kann darum von der knapp doppelmannshohen Säule nur berichten, dass sie zum UNESCO Weltkulturerbe zählt und an den zähen Fleiß des Forschers erinnert, der den Nachweis erbrachte, dass die Erde keine vollkommene Kugel ist.

Struve-Meridian-Säule in Hammerfest

Struve-Meridian-Säule in Hammerfest

Sie ist am Äquator dicker als über die Pole gemessen. Er hat uns so das wunderschöne Wort: Rotationsellipsoid beschert. Der Messvorgang führte Russland, Schweden und Norwegen zu einer friedlichen Allianz zur Mehrung des Wissens zusammen. Auch daran erinnert die Inschrift auf der Struve Meridian-Säule. Die Vermessung war nicht mal eben, sondern zog sich über 39 Jahre hin und endete – genau: an der Stelle, wo heute die Säule steht, begann aber bei Istanbul und ging immer geradeaus bis nach Hammerfest.

Die Treppenstufen, über die man zur Struve Meridian-Säule hochsteigt, sind natürlich beheizt.

Wir lernen auf der Fahrt zu einem Aussichtspunkt, dass die Christuskirche dem Dreieck verpflichtet ist, was in der Form des Kirchenschiffes und der Fenster zum Ausdruck kommt und auch bei den Trockengestellen für den Fisch herkommt gesehen werden kann.

Hammerfest Christuskirche

Hammerfest Christuskirche

Und wir lernen, dass Hammerfest den Eisbären als Wappentier gewählt hat. Nicht, weil es davon jemals welche in der Gegend gegeben hätte, sondern weil sich die Bewohner dem König der Arktis im übertragenen Sinne verbunden fühlen.

Was als Erinnerung an Hammerfest bleibt, nachdem wir wieder an Bord der Midnatsol sind: touristisch von geringem Interesse, für Arbeitsuchende ein Paradies.

*In einem Merian-Heft aus dem Jahre 1974 fand ich den Leserbrief eines Zeitzeugen. In diesem Brief schildert der Autor, der mutmaßlich als Soldat in Hammerfest stationiert war, den Ausbruch des Feuers. Das sei, so seine Beobachtung, eher unbeabsichtigt in der Küche der Garnison ausgebrochen und hätte, gefördert durch die durchweg hölzerne Bausubstanz, schnell auf die ganze Stadt übergegriffen. Löschversuche auch der Besatzungstruppen seien erfolglos geblieben und hätten zudem Todesopfer gefordert. Hammerfest sei erst Wochen später von den deutschen Truppen auf dem Rückzug vor den sowjetischen Truppen geräumt worden.

Hammerfest Hausberg mit Lawinenschutz

Hammerfest Hausberg mit Lawinenschutz