Goldrausch am Elbstrand

Goldrausch am Elbstrand

Als erste hatten Hundeführer das Wunder entdeckt. Aber sie führten die Erscheinung des „Riesen Nugget“ auf Restalkohol nach der Silvesterfeier zurück: Goldrausch oder Restrausch?Kann ja wohl nicht sein: dass sich der Findling „Alter Schwede“ über Nacht in pures Gold verwandelt hat!

Am 3. Januar drang die Nachricht der märchenhaften Verwaltung in die Zeitungsspalten der Hamburger Tageszeitungen.

Die Geschichte klang, obgleich nicht im SPIEGEL erschienen, nach einer trostreichen Erfindung.

Also muss der sorgfältige investigative Journalist die Lage vor Ort erkunden.

Granit zu Gold

Alchemisten versuchten einst, aus Blei Gold zu machen. Einem sehr späten Angehörigen dieser Profession gelang in der Silvesternacht 2018/2019 eine sensationelle Umwandlung. Er verwandelte Granit in Gold!

Ein unbekannter Künstler hatte den Findling nächtens und unbemerkt von oben bis unten mit einer Goldfarbe überzogen. Die Arbeit ist makellos. Ein Handwerker kann es also nicht gewesen sein. Hamburg ist im Goldrausch!

Die Hafenverwaltung (HPA) entdeckte das Wunder erst am 3. Januar. In der Zwischenzeit hatten die Hamburger das Goldstück bereits adoptiert und mit Bilder fest in die mediale Web-Öffentlichkeit entlassen. Der Sprecher der HPA druckste darum im Interview mit dem NDR Hamburg Journal herum, als es um die Frage ging, wie mit dem Farbüberzug nun umzugehen sei. Die HPA ist sichtlich nicht im Goldrausch.

Auf dem Weg zum Goldstück

Standesgemäß besuche ich den „Alten Schweden“ per Hafenfähre, der Linie 62. Sie folgt, von den Landungsbrücken kommend den letzten Metern, die der Findling seinerzeit vom Gletschereis getragen wurde.

Die Linie 62 ist beliebt: jährlich erkunden 2,5 Millionen Fahrgäste mit den Schiffen dieser Linie den Hamburger Hafen.

Die heutige Expedition findet bei prächtigem Winterwetter statt. Es ist frisch, die Sonne lacht, und nur ab und zu kündet eine schwache Wolke vom morgigen Regen. Im Dock 17 liegt eine Milliardärs-Yacht zur Überholung. Der gestrige Sturm hat den Sichtschutz zerrissen. Die Baustelle sieht aus wie nach einem Feuerüberfall. Aber den Namen des Schiffes kann man nicht erkennen.

Auch im Dock 10 liegt eine Mega-Yacht. Sie ist der Länge nach zwar nur auf Rang 14 der größten Yachten der Welt, wird aber dennoch sorgfältig mit Planen vor neugierigen Blicken geschützt. Gerüstbauer gehören wohl zur Stammbesatzung von Blohm+Voss. Es handelt sich um die „Octopus“ des Microsoft Mitgründer Paul Allan.

Die Yacht hat ihren Besitzer überlebt. Wer der neue Eigner ist, weiß ich nicht. Aber er scheint größere Änderungen an der Yacht vorzunehmen.

Die Mega-Yacht "Octopus" von Paul Allan im Dock 10 von Blohm+Voss

Die Mega-Yacht „Octopus“ von Paul Allan im Dock 10 von Blohm+Voss

Das Dock 11 ist abgesenkt und wartet auf ein Schiff. Gebucht ist die „MS Spirit of Britain“ der P&O Ferries. Im wirklichen Leben fährt sie auf dem Ärmelkanal und stellt zusammen mit der „MS Spirit of France“ die Seeverbindung zwischen den Britischen Inseln und Europa her. Es sind die größten Fähren im Ärmelkanal und können bis zu 1.000 PKW und 2.000 Passagiere transportieren. Heute gleitet sie von Schleppern gezogen am „Goldenen Schweden“ vorbei und wird bald eingedockt.

Die P&O-Fähre "MS Spirit of Britain" auf dem Weg ins Dock Goldrausch

Die P&O-Fähre „MS Spirit of Britain“ auf dem Weg ins Dock

Eine „Beluga“, das sind die riesenhaften Transportflugzeuge von Airbus, bricht den Landeanflug auf das Werk Finkenwerder ab, als der Pilot die Fähre erkennt.

Ein halbes Dutzend Schlepper fahren elbabwärts, um bei Wedel die Containerriesen auf den Haken zu nehmen. Wie aufgereihte Perlen retten sich die Riesenpötte auf dem Scheitel des Hochwassers über die Untiefen des Elbgrundes in den Hafen.

Es ist ordentlich was zu sehen auf dem Weg zum Goldstück.

Glanz am Strand

Vom Anleger Oevelgönne sind es noch 800m über den Elbstrand zu laufen. Die Kioske haben geöffnet und versorgen die Besucher mit der notwendigen Stärkung.

Der Goldbrocken leuchtet schon von weitem. Man erkennt viele Menschen, die um den verwandelten Findling herumstehen.

Der Alte Schwede im Goldgewand Goldrausch

Der Alte Schwede im Goldgewand

Von Zeit zu Zeit eilen Besucher zum Stein und lassen sich von Bekannten und Freunden vor diesem neuen Wahrzeichen fotografieren.

Ein BILD-Fotograf ist vor Ort und lichtet eine begeisterte Besucherin vor dem goldigen Hintergrund ab. Und als ob sich ganz Hamburg dort träfe, begegnen sich Freunde und Bekannten mit herzlichen Umarmungen.

Es ist ein heiteres Bild: zwei Kinder versuchen, den Findling wegzurollen, viele Besucher streicheln den schimmernden Überzug, um sich zu vergewissern, dass es wirklich wahr ist.

Ein Besucher prüft die Farbe.

Ein Besucher prüft die Farbe.

Viele umrunden den erfreulich veränderten Findling, um neugierig den Backstage-Bereich zu erkunden.

Mit dem Goldüberzug wirkt der "Alte Schwede" gleich viel majestätischer. Goldrausch

Mit dem Goldüberzug wirkt der „Alte Schwede“ gleich viel majestätischer.

Ich höre keine Kritik an dieser „Denkmalsschändung“. Der sanfte Glanz des Goldmäntelchen wärmt das Herz und stimmt gnädig: in den spontanen und natürlich nicht repräsentativen Umfragen sprechen sich die meisten Bürger dafür aus, dem „Alten Schweden“ sein goldenes Mäntelchen zu lassen. Hamburg im Goldrausch!

Der "Alte Schwede" strahlt golden über die Elbe.

Der „Alte Schwede“ strahlt golden über die Elbe.

Hintergrund: Der „Alte Schwede“

Der „Alte Schwede“ ist ein großer Felsbrocken, der 23. Oktober 1999 bei Baggerarbeiten in der Elbe aus dem Weg geräumt werden musste. Er wurde von den Gletscher der Elster-Eiszeit aus Südschweden vor ca. 400.000 Jahren den Hamburgern vor die Füße geworfen. Das stattliche Gewicht von 230t erwies sich als Herausforderung für die Hebewerkzeuge im Hamburger Hafen. Erst im zweiten Anlauf gelang es, den Granitbrocken auf den Elbstrand bei Oevelgönne abzusetzen. Findlingsexperten schätzen das Alter „ältesten Einwanderer Hamburgs“ auf 1,8 Milliarden Jahre, Ich meine, er ist nicht älter als 1.750 Millionen Jahre. Aber ich bin ja auch kein Experte 😉

Eine Weile diskutierten die Hamburger, was mit dem Klumpen geschehen sollte. Sprengen?

Zu guter Letzt entschieden die Hamburger, den schwedischen Granitbrocken „einzubürgern“.

Seit dem 6. Juni 2000 gilt der „Alte Schwede“ als Hamburgs ältester Einwanderer.

Ein kleines Schild neben dem schwedischen Sendboten informiert über die Einbürgerung.

Selbstverständlich nahm sich das Denkmalschutzamt des schweren Jungen an, stellte ihn stande pedes unter Denkmalschutz und listet ihn als „Naturdenkmal“.