Fotoreise nach Marokko

„Fotoamateure sind die Pest!“

Die Klage der Rundfahrt-Touristen ist allen Foto-Freunden ebenso bekannt wie die Klage der Fotografen über die Hektik, mit der Reiseleiter ihre Schäfchen von Besichtigung zu Besichtigung treiben und dabei schon mal einen Lichtbildner verlieren.

Fotografen unter sich Marokko

Fotografen unter sich

Wie entspannend ist es da, nur mit Fotofreunden unterwegs zu sein: Da ist die Suche nach der richtigen Perspektive und das Warten auf das richtige Licht wichtiger als ein weiterer Palast oder die dritte Moschee.

Man fachsimpelt über den Goldenen Schnitt, den Zusammenhang von Blende, Zeit und Schärfentiefe und vergleicht die Ergebnisse gemeinsamer Exkursionen. Und keine zappeligen Touristen, die die meditative Betrachtung der Welt stören.

Für Fotografen besteht die Welt vor allem aus Motiven und der Herausforderung, aus Motiven ansprechende, anrührende, spektakuläre und unvergessliche Bilder zu formen.

Gedacht, gesagt, gebucht: eine Reise mit Fotofreunden nach Marokko!

Marokko! Schon das Wort weckt Assoziationen! Landschaften zum Träumen, Farben, Menschen und Leben in den Medinas! Orient meets Atlantik!

Dass ich nicht schon eher auf die Idee gekommen bin.

Der gemeinsame Flug startet ab Frankfurt. Ich reise mit der Bahn an und notiere, was mir auf der Reise durch den grauen Sonntagmorgen auffällt.

Abenteuer Teil 1 Anreise mit der Bahn

Die gemeinsame Anreise der kleinen Gruppe beginnt am Flughafen von Frankfurt. Die Bahnanreise ist so schon das erste Abenteuer: Reisen mit der Deutschen Bahn!

Der Hauptbahnhof von Hamburg ist über 100 Jahre alt. Bahn

Der Hauptbahnhof von Hamburg ist über 100 Jahre alt.

Es ist Sonntag, früh am Morgen. Um die richtige Wagenreihung muss ich mir keine Sorgen machen: ich habe gar nicht reserviert. Der ICE ist nahezu menschenleer, und er verlässt den Hauptbahnhof in Hamburg pünktlich.

Die Fahrt durch die verregnete, nebelgraue und trostlose Landschaft ist nichts für depressive Mitmenschen. Je nach Geschwindigkeit des Zuges variiert der Winkel der Regenschnüre am Abteilfenster. Hier und da stehen Wiesen unter Wasser. Büsche und Bäume warten zerzaust und zerrupft darauf, mit frischem Grün in den Sommer zu starten. Ein Rudel Rehe knabbert am frischen Grün einer Aussaat. Sie heben nicht mal den Kopf, als der ICE lautstark an ihnen vorbeirast.

Die meisten Orten bleiben hinter Lärmschutzwänden unsichtbar. Der Fahrgast registriert die Vielzahl von unterschiedlichen Konstruktionen. Ob sie den Anwohnern dahinter wirklich mehr Ruhe vor dem Kreischen, Rattern und Scheppern der Züge bringt oder nur mehr Schatten? Das bleibt ungewiss angesichts der Energie, mit der ein ICE oder seine lärmende Verwandtschaft, die Güterzüge, durch Felder, Wälder und Städte scheppert.

Grau ist auch eine Farbe

In Hannover wartet der ICE auf einen verspäteten Zubringer. Ich liebe es, wenn Erwartungen erfüllt werden. Nach der Abfahrt lösen sich die Perlenschnüre des Regens auf und geben den Blick auf das Bahnhofstreiben frei. Ein Metronom zieht seiner Wege. Die Dächer über den Bahnsteigen sind grün. Algen und Moos sind hier schon lange nicht mehr entfernt worden. Aber Rost ist auch ein Bindemittel. Vielleicht gilt ähnliches auch für verrottete Dächer.

Zahlreiche Wände mit Graffitis ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Wir trist wäre doch die Stadt ohne diese Farbsprengel. Das UFO der Landesbank zeugt von dem Versuch der Stadtväter, Hannover architektonisch ins 20. Jahrhundert zu katapultieren. Die gläsernen Tunnel am Messebahnhof setzen diesen Versuch fort. Bald verschwinden Architektur und Natur hinter Tunnelwänden.

Zwischen den Tunnelstrecken fällt der Blick auf weite, menschenleere Landschaften, hier und da ein Gehöft. Da und dort zeugen Tanks und Lagerflächen von alternativer Energieerzeugung. Surrealistisch steht ein PKW einsam und verlassen auf freier Fläche auf einem Feldweg. Gassigeher? Jogger? Und warum da und nicht an der Teerstraße? Bahnfahrer genießen das Privileg, Gedanken und Aufmerksamkeit gefahrlos schweifen zu lassen. Und noch ein Genuss steckt in Form eines Bahnmitarbeiters den Kopf ins Abteil: ob es wohl ein Kaffee sein dürfte? Kaffee am Platz?! Hallo! Ich sitze in der 2. Klasse! Aber er meint es ernst und recht mir gegen kleine Münze einen anständigen Pott Kaffee. Pluspunkt Bahn.

In Göttingen drängt sich Architektur auf, die sichtlich in der Lego Krabbelgruppe einer konservativen Elternschaft entstanden ist. Als Kontrapunkt steht auf einem Abstellgleis ein uralter Güterwagen. Vielleicht entsteht hier ein Eisenbahnmuseum. Neben der sonntäglich leeren Autobahn steht ein uringelber Klinkerbau: eine Haftanstalt – aber ohne Autobahnanschluss.

Auf einem Bahnhof wirbt Duderstadt für „StartUp Cluster Landlust meets Future Technologies“. Was man so alles auf einer Bahnfahrt durch Deutschland lernen kann: StartUp Cluster in Duderstadt!

Die Fulda mäandert sich archaisch durch die Äcker. An ihren Ufern erweisen Trauerweiden ihrem Namen alle Ehren. Nebel und Regenschauer verhüllen den Blick gnädig oder stanzen die Konturen aus dem düsteren Hintergrund heraus. Der Blick auf die Fulda ist die Ausnahme. Der ICE kachelt über eine Strecke, die extra für ihn gebaut wurde: immer gerade aus: Brücken überspannen Täler, Tunnel verdeutlichen dem Berg: nichts hält die Bahn auf ihrem geraden Weg auf. Wo es weder Tunnel noch Brücken gibt, rast der Zug in Wannen aus Erde oder Beton. Ob sie dem Lärmschutz dienen oder der Streckenführung geschuldet sind, ist ungewiss. Jedenfalls ist nichts zu sehen. Es ist wie mit den Tunneln: sie sind keine Sinnenfreuden, sondern zweckmäßig. Man besteigt die Bahn ja nicht mit der Hoffnung auf abwechslungsreiche Landschaften, sondern um ein Ziel möglichst störungsfrei und pünktlich zu erreichen.

Die Fahrt durch die Städte lässt vielerorts auch beim Bahnreisenden den Wunsch nach mehr Lärmschutz wach werden: zu trist ist der Anblick von verblassten Graffitis, schummrigen Eingängen zu Spielsalons und leblosen Innenstädten. Nur der Zug, der 60 Container nach Bremerhaven oder Hamburg zieht, lupft einen Zipfel vom grauen Mehltau der Provinz hoch und zeigt: es gibt außerhalb des Kleinstadtmiefs, der Klärwerke, Haftanstalten, veralgten Wohnsilos, Schrebergärten und Arbeitsagenturen noch eine Welt der Farben und Abenteuer.

Mein Abenteuer beginnt in Marrakesch. Auf dem Weg dahin muss ich aber noch das Abenteuer „Flughafen“ bestehen.