Folter ist schön – bizarre Werbung für Freixenet

Werbung bizarr

Freixenet ist eine alkoholhaltige Prickelbrause aus Spanien. Die deutsche Niederlassung in Wiesbaden hat die Agentur Jung von Matt beauftragt, den Absatz des perlenden Leberkleisters mit zündenden Worten (Neudeutsch „Claims“) und einer unvergesslichen Bildersprache anzukurbeln.

Alles das wüsste ich nicht, hätte der Sommer heute nicht zum Abschied gezeigt, was er uns die vielen Wochen vorher hat vermissen lassen. Der strahlend-blaue Himmel und das ungestörte Leuchten unseres Zentralgestirns lockten mich zum Mittagessen zu meinem Lieblingsitaliener.

Sonne und Sekt

Die Gäste suchen sich bevorzugt Plätze im Außenbereich. Der Kellner entsinnt sich an meine Tendenz, die Rechnungsbeträge gerne mal aufzurunden und räumt flink das Schild „Reserviert“ ab, um mir meinen Lieblingstisch einzurichten. Er bietet Aussicht auf das abwechslungsreiche Treiben auf dem Markt und – eine Plakatwand.

Folter ist Schön - Bizarre Werbung für Freixenet

Folter ist schön – Bizarre Werbung für Freixenet

Darauf ist heute eine junge Schönheit zu sehen. Sie steht augenscheinlich in einem heruntergekommenen Berliner Hinterhof. Rechts von ihr steht ein Fotograf, der dort vielleicht ein billiges Atelier gemietet hat.

Er schießt eine paar Fotos von der, wie ich schon sagte, jungen Schönheit. Am tollsten findet die Agentur das Bild, auf dem sich die Schönheit schwungvoll zum Betrachter umwendet, mit der rechten Hand ihre fettigen Haare bändigt und von oben nach unten einen Schmachtblick in die Linse wirft, der pubertierende Jünglinge um das bisschen Verstand bringt, der sie vor dem Gebrauch von halbtrockenem Sekt (Spanisch: Cava) warnen könnte.

Alles Schöne beginnt mit F…

Soweit normal, soweit billigste PR-Routine: wenn dir nix einfällt, lass ein nacktes Mädel aus der Torte springen. Und hübsch anzusehen ist das Mädel allemal, auch wenn der Betrachter registriert, dass das Kleid rückwärtig nicht ausgeschnitten ist, sondern aus einem hautfarbenen Einsatz besteht.

Die Flasche mit der moussierenden Zuckerlösung hat ein Grafiker so in das Bild montiert, dass die Schönheit mit den nach einer wilden Nacht noch ungewaschenen Haaren ihren Blick von dem Behältnis abwendet. Ich kann das verstehen.

Soweit normal, soweit schon tausendfach hingeschlurte, uninspirierte Werbung gesehen und vergessen.

Aber da ist ja noch der Claim: „Alles Schöne beginnt mit F…“

Das geschwungene „F“ nimmt die Schrifttype des Markennamens auf („Das ist ist ja genital“). Der Schmachtblick soll zwar den Deutungsspielraum der Punkte einschränken: Früher nannten wir diese klebrigen Sprudelalkoholika auch „Büchsenöffner“.

Der Betrachter beginnt allerdings zwischen der Vorsuppe und der Dorade die Wortliste mit „F“ zu deklinieren und zweifelt: natürlich zuvörderst am Verstand des Texters.

Alles Schöne fängt mit F… an?

Na, das woll’n wir doch mal seh’n!

Aha: Frostbeulen, Folter, Fettleibigkeit, Furunkel, fade, Falschgeld. Flohbiss, FDP, Feindschaft, Fessel, Furz, Fieber, Finster, fischig, Flutkatastrophe, Fußpilz, Fisteln, Falkenews …

„Cappuccino, Grappa …?“ bietet der Kellner bei der Rechnung an.

„Nein,“ sage ich, „Heute hätte ich gerne einen Fernet Branca.“

„Na denn: Frosit,“ verabschiedet mich Mario, mein Lieblingskellner.

Gesehen am 2. September 2017 in Hamburg-Poppenbüttel