Filmkulisse Aït-Ben-Haddou

Die meisten Menschen haben Aït-Ben-Haddou schon gesehen, auch wenn sie noch nicht vor Ort waren. Wann immer nämlich ein Filmproduzent eine Szene mit original Wüstenflair, Lehmhütten und Beduinenfolklore im Drehbuch findet, kreisen seine Gedanken um die Atlas-Filmstudios in Marokko und deren Filiale Aït-Ben-Haddou.

Aït-Ben-Haddou

Ait-Ben-Haddou So sehen es die Touristen bei ihrer Ankunft

Ait-Ben-Haddou

Aït-Ben-Haddou ist eine Siedlung aus Lehmhäusern, die sich um einen kleine Anhöhe herum windet. Ein meistens mickriger Fluss, der Asif Mellah, fließt am Berg vorbei. Er ist breit genug, um mit geeigneter Kamera-Einstellung wie ein richtiger Fluss zu wirken, aber flach genug, um auch Nichtschwimmer gefahrlos zum anderen Ufer zu bringen. Die meisten Häuser treffen wir im Zustand des fortgeschrittenen Zerfalls ein.

Das sollte nicht sein: Aït-Ben-Haddou ist seit über 30 Jahren Weltkulturerbe. Und diese Auszeichnung ist mit der Verpflichtung verbunden, das Erbe zu bewahren. Davon kann nach meiner Anschauung keine Rede sein.

In der Ruinenlandschaft fallen ein paar Prachtbauten auf: ein wehrhaftes Tor sticht besonders ins Auge. Es ist allerdings bedeutend jünger als der Rest des Ortes. Die zinnenbewehrte Anlage besteht aus Sperrholz und Draht und verdankt sich dem Wunsch der Filmschaffenden nach besonders authentischer Kulisse.

Der Staat Marokko hat für die Bewohner von Aït-Ben-Haddou auf dem gegenüberliegenden Ufer des Asif Mellah eine neue Stadt gebaut. Die meisten Bewohner haben das Angebot angenommen und längs der P1506 Souvenirläden, Pizzerien und Riads eingerichtet. Diese Straße führt direkt durch Aït-Ben-Haddou.

Allerdings gibt es, wie mancherorts auch zu beobachten, einen Trend: zurück zu den Wurzeln. So sind manche der Lehmbauten wieder bewohnt, sogar ein Restaurant gibt es dort wieder.

Ankunft in Aït-Ben-Haddou

Vor dem Ort Aït-Ben-Haddou gibt es einen Haltepunkt, der als Aussichtsplattform einen guten Blick auf den Ort bietet. Auch die Landschaft drumherum ist sehenswert. Der Blick auf den Hohen Atlas ist traumhaft. Wir erreichen diesen Punkt im Abendrot. Die Siedlung auf dem Berg ist im Streiflicht gut zu erkennen. Allerdings sind Häuser, Felsen und Sonnenlicht Ton in Ton, so dass die Ansicht trotz der Beleuchtung flach wirkt.

Der Blick ins Tal zeigt prächtig grünende und sorgfältig kultivierte Gärten.

Aït-Ben-Haddou Riad Maktoub

Lobby des Riads Maktoub in Ait-Ben-Haddou

Lobby des Riads Maktoub in Ait-Ben-Haddou

Nach der ersten fotografischen Begegnung fahren wir zu unserem Riad. Im Riad Maktoub werden wir mit einem Glas Tee begrüßt, das wir in einer bequemen Lobby einnehmen. Die Zimmer verteilen sich auf mehrere Etagen. Sie sind um den Innenhof gruppiert. Das Wasserbecken dort wird auf der Werbetafel draußen auf der Straße nicht zu Unrecht als Swimmingpool beworben.

Wir haben Glück mit unserem Riad: es gibt fließend Wasser, warm und kalt, Strom und Internet.

Das können nicht alle Beherbergungsstätten in Aït-Ben-Haddou von sich behaupten. Hier und da sieht man ratlose Touristen mit dem Ladegerät ihres Smartphones auf der Suche nach einer saftigen Steckdose durch die Straße ziehen.

Auch das Riad Maktoub hat ein begehbares Dach. Ich erklimme es nächtens und erlebe ein noch nie gesehenes Naturschauspiel: ein Sternenhimmel ohne Lichtsmog. In dem Ort gibt es keine nennenswerten Lichtquellen wie Neoreklamen, Straßenlaternen oder Ladenbeleuchtungen. Selbst Autos fahren jetzt sehr selten.

Der Himmel ist wolkenlos, und eine unübersehbare Anzahl von Sternen lässt den Betrachter in Ehrfurcht erstarren. Der Große Wagen, in unseren Breiten immer fett zu sehen, geht in dem Lichtermeer fast unter. Wie haben sich die Altvorderen in diesem Geflimmer auf Sternbilder einigen können?

Exkurs Sternenhimmel fotografieren

Sofort wird der Wunsch wach, dieses Erlebnis fotografisch zu konservieren. Also Stativ aus dem Zimmer holen und los.

Im Normalfall gilt bei Aufnahmen mit dem Stativ: niedrige ISO-Zahl, mittelgroße Blende und passend lange Belichtung. Fotografisch passend waren 30 Sekunden. Im Ergebnis hat der Große Wagen eine verstaubte Bremsspur auf dem Chip hinterlassen.

Mein Verdacht, mein Reisestativ sei dafür verantwortlich, zerschlägt sich, als ich die Kamera versuchsweise auf auf die Dachbrüstung lege. Nein, die Lösung ist einfacher: in den 30 Sekunden wandert mein Stativ um 240km in Richtung Osten! Also keine Sterne, sondern Langlöcher 🙁

Ich breche meine Versuche mit dem Stativ ab und versuche mein Glück auf die gewohnte Weise: 1/20 Sekunde, ISO volle Kanne. So entsteht der Nachweis, dass das Riad Maktoub ein Maison milles etoiles ist.

Rundgang durch Aït-Ben-Haddou

Marokko Ruinen statt Weltkulturerbe in Aït-Ben-Haddou

Ruinen statt Weltkulturerbe

Man kann Aït-Ben-Haddou einfach so besuchen. Es ist eine Siedlung wie andere auch, mit Wegen, Treppen und Häusern. Es ist kein Museum.
Aber mit einem örtlichen Guide erfährt man auf einem Rundgang mehr zur Geschichte des Ortes. Es gibt eine Tafel, auf derAït-Ben-Haddou aufgezeichnet ist. Der örtliche Guide erklärt die Veränderungen, die im Laufe der Geschichte eingetreten sind.

Auf dem Weg zu den Häusern durchqueren wir einen Garten. Im Gegenlicht muss sich der Fotograf schon mühen, um das saftige Grün aus dem hellen Hintergrund herauszustanzen.

Ein Kanaldeckel verrät, dass es auch in der Altstadt von Aït-Ben-Haddou eine Kanalisation gibt. Wo mag hier eine Kläranlage sein? In den Asif Mellah kann das Abwasser kaum geleitet werden. Da käme ja mehr Wasser zu als da ist 😉

Die großen Wohnburgen am Fluss besichtigen wir nicht. Ich weiß auch nicht, ob die echt, Kulisse oder original restauriert sind. Wir werfen hier und da einen Blick in Wohnanlagen. Die meisten Häuser sehen aus, als hätten sie eine frustrierende Begegnung mit einer Abrissbirne gehabt. Mitten in dem, was nach einem Erdbebengebiet aussieht, gibt es aber eine Galerie und Souvenirläden. Die Straßen sind hier schmale und zuweilen niedrige Gänge und Treppen.

Oben auf dem Berg gibt es einen Wachturm. Angreifer, die Aït-Ben-Haddou vielleicht übersehen hätten, können den Ort kaum verfehlen, weil der Turm sehr prominent aus dem strukturlosen Einerlei der Siedlung herausragt.

Aber man hat von dort oben einen prachtvollen meditativen Blick auf Aït-Ben-Haddou und die Landschaft. Die Wohnburgen werden von der untergehenden Sonne effektvoll beleuchtet.

Aït-Ben-Haddou Spaziergang in der Wüste

Diese Landschaft bei Ait-Ben-Haddou lässt den Besucher innehalten.

Diese Landschaft bei Ait-Ben-Haddou lässt den Besucher innehalten.

Wir nutzen einen freien Vormittag zu einem kleinen Erkundungsgang durch die Umgebung von Aït-Ben-Haddou. Ob das schon Wüste ist? Dann wären die Gärten unten am Asif Mellah eine Flussoase.

Der Boden ist hart, aber irgendwie weht uns irgend ein Wind feinen Staub zwischen die Zähne. Schlechte Aussichten für die Kameraausrüstung. Zwischen dem Geröll und den Steinen entdecken wir hier und da lebendige Vegetation, zum Beispiel ein paar Silberdisteln.

Etwas abseits von den Trampelpfaden der Aït-Ben-Haddou-Besichtigungsplattform sehen wir ein modernes Gebäude, das wie ein Hotel aussieht. In der Nähe gibt es eine kleine Siedlung. Sie muss sich in fußläufiger Entfernung von einem Laden befinden. Ich sehe einen Mann mit gefüllten Einkaufstaschen die staubige Straße entlang kommen.

Ein LKW durchquert den matten Fluss auf dem Weg zu einem kleinen Gewerbebetrieb.

Wir wandern am Fluss entlang nach Aït-Ben-Haddou zurück.

Am Fluss herrscht reges Treiben. Schulkinder und Touristen bevölkern die Ufer und arbeiten sich fotografisch an der Altstadt ab. Die Jeeps haben feste Spuren im trockenen Flussbett des Asif Mellah hinterlassen.

Ein halbes Dutzend Mauersegler erregt mein Interesse: die zu fotografieren ist eine echte Herausforderung. Mitziehen klappt nur so mäßig, die Mauersegler sind nicht nur sehr schnell, sondern auch sehr unstet. Und der Autofokus der Kamera weiß mit den wuseligen Pixeln auch nichts anzufangen. Ich schalte den Autofokus ab, fokussiere manuell auf eine Stelle, an der ich die Segler erwarte und warte. Ein paar mal habe ich Glück und eines der Serienbilder ist brauchbar.

Aït-Ben-Haddou Abendrot

Ait-Ben-Haddou im Abendlicht

Ait-Ben-Haddou im Abendlicht

Wie schon angedeutet: fotografisch ist Aït-Ben-Haddou eher an den Abendstunden interessant. Schon im März bevölkern viele Touristen mit Kameras aller Kaliber die Ufer des Asif Mellah.

Besonders beliebt sind die Trittsteine, auf denen man trockenen Fußes die seichten Wasser queren kann. Ich misstraue diesen Trittsteinen. Sie funktionieren nur solange unfallfrei, wie es zu keinen Staus und überraschenden Stopps kommt.

Das Wasser ist meistens knapp eine Handbreit tief, so dass ich mich auf die Bauart meines Schuhwerkes besinne und den Fluss zu Fuß durchquere. Stabile Stiefel und Tierowa sind deine Freunde, ob in der Wüste oder im Fluss.