Essaouria Fotogene Stadt am Atlantik

Ja, es riecht nach Meer, als uns der Bus in Essaouria an der Promenade beim Place Moulay el Hassan absetzt. Unser Riad liegt in der Medina von Essaouria. Dort fahren nur Zweiräder und die landestypischen Motor-Dreiräder. Also gehen wir die 200m zu Fuß. Die Wege und Straßen in der Medina von Essaouria sind wenigstens auf dem Weg zum Riad Palais des remparts etwas breiter und freundlicher als der Weg zu unserer Unterkunft in Marrakesch.

Das Riad des remparts

Innenhof des Riads Palais-des_rempart in Essaouira

Innenhof des Riads Palais-des_rempart in Essaouira

Am Hafen von Essaouria befindet sich ein Festungswerk aus dem 17. Jahrhundert. Ein Besuch gestattet interessante Blicke auf den hafen, die Stadt und eine vorgelagerte Insel mit einer noch älteren Festung

Festung in Essaouria

Das Riad Palais des remparts hat schon fast die Anmutung eines konventionellen Hotels. Im Riad-typischen Innenhof plätschert ein Brunnen, kleine Palmen spenden spielerischen Schatten und der Service Tee. Es gibt ein großes, elegantes Restaurant, mit einladend gedeckten Tischen. Im ersten Stock findet der Gast ein Spa. Und das Restaurant auf dem Dach bietet eine wunderbare Sicht über die Stadt, den Hafen, die alten Festungsanlagen und den Atlantik.

Unsere Fotogruppe arbeitet sich eifrig am Innenhof des Riads ab. Die Zimmer werden verteilt, wir erhalten ein Zimmer, das über zwei Etagen geht: unten gibt es eine ausführliche Sitzecke, oben zwei Schlafzimmer. Die Fenster gehen zum Innenhof und zur Straße. Vor dort dringt das Rauschen der Brandung ins Zimmer. Das kennt ein Nordlicht natürlich in der Form nicht: wenn bei uns die Brandung mit solchem Lärm ans Ufer kracht, ist das immer mit Regen und Sturm verbunden.

Wir schwänzen die Gruppensitzung „Bildbesprechung und Bildkritik“. Das ist gruppendynamisch unverzeihlich, fotografisch wäre es aber ein ebenso unverzeihliches Versäumnis gewesen, die fotografische Chance nicht zu nutzen..

Gischt und Brandung

Essaouria liegt am Atlantik und beschert dem Fotografen tosende Brandung bei strahlendem Sonnenschein.

Essaouria liegt am Atlantik und beschert dem Fotografen tosende Brandung bei strahlendem Sonnenschein.

Der Weg zum Atlantik ist kurz und führt an einigen mobilen und festen Verkaufsständen und Restaurants vorbei. Zur dröhnenden Gischt gelangen wir über einen schmalen Pfad unterhalb der Stadtmauer und große Felsbrocken, die wohl als Wellenbrecher hier abgeladen wurden.

Die Aussicht auf den Atlantik versöhnt mit den Beschwernissen des Herkommens. Unablässig rollen die Wellen ans Ufer, bauen sich bedrohlich auf und zerschellen dann mit dröhnendem Krachen und dramatischer Gischt.

Die Möwen durchqueren die Wasserwände sicher und unbeschadet. Auf und zwischen den Felsen lagern Touristen und Einheimische und betrachten wie wir das beeindruckende Naturschauspiel. Wie wir wollen sich viele Besucher nicht auf die Sinneseindrücke verlassen und fangen das Spektakel mit Kameras und Mobiltelefonen ein. Natürlich will ich das Bild mit einem hohen Wellenberg, der an einem zerklüfteten Felsen zerschellt. Die Wogen rollen zwar unablässig auf uns zu, aber sie bauen sich auf dem Weg zum Strand unterschiedlich hoch auf. Also: beobachten, zählen, rechnen und dann den Auslöser für eine lange Serie drücken. Schon diese Betrachtungen, das Beobachten der Gischt macht Spaß. Tausende Tropfen fangen die Sonne ein und lassen die Wogen in leuchtenden Gischtwolken enden.

Es entstehen viele Bilder, sehr viele Bilder. Ein paar der knapp 1.000 Bilder fangen die Macht und Schönheit der Brandung ein.

Medina von Essaouria

Unser Riad liegt mitten in der Altstadt (Medina) von Essaouria. Wir haben es darum nicht weit, um unsere Erkundung zu beginnen. In einem Reiseführer fand ich die Aussage, dass die Straßen in der Medina von Essaouria im Gegensatz zu den anderen Altstädten rechtwinlklig geführt würden. Der Kollege kennt nicht den Unterschied zwischen einem Winkel und einem Kurvenlinael. In der Medina von Essaouria sind Straßen und Wege von vielen Zufälligkeiten geprägt, aber nicht vom Rechten Winkel.

Die Medina in Essaouria lebt und verändert sich. Häuser werden restauriert oder eben auch mal abgerissen

Die Medina in Essaouria lebt und verändert sich. Häuser werden restauriert oder eben auch mal abgerissen

Wir lassen uns Zeit beim Schlendern durch die Altstadt. An einigen Orten haben wir den Eindruck, dass Touristen hier eher die Ausnahme sind. Wir kommen an einem Abrißviertel vorbei. Hier wurden eine ganze Anzahl von Häusern niedergerissen. Es ist mir ein Rätsel, wie das mit dem Titel „Weltkulturerbe“ in Einklang zu bringen ist. Die Bewohner der abgerissenen Häuser haben gegenüber der Baustelle an der Stadtmauer ein Protestzelt errichtet. Sie haben ihre Wohnung verloren und leben nun als Flüchtlinge in ihrer eigenen Stadt.

Auch hier gibt es viele Werkstätten und Läden. In einem Haus stehen zwei Webstühle, in einem anderen Haus hat sich ein Bäcker eingerichtet. In der Backstube steht ein Ofen, der mit Holz beheizt wird. Draußen wartet der Lieferservice auf die Brote: ein Motorrad mit einem großen Korb auf dem Gepäckträger. Die Baguettes kommen noch backwarm in den Korb, der Fahrer spurtet los und liefert die Brote wortlos bei den Läden ab. Er nickt dem Ladeninhaber kurz zu und stapelt dann die frischen Brote in der Glasvitrine an der Straße. Mit einem weiteren Kopfnicken braust das Motorrad zum nächsten Kunden.

Viele Straßen sind überbaut und zwingen den Passanten in Demutshaltung. In den „Unterführungen“ befinden sich Hauseingänge, Läden und Galerien.

Besuch in einer Synagoge

Auf unserem Spaziergang durch die Medina in Essaouria kamen wir an einer Synagoge vorbei. Wir wurden freundlich auf einen Besuch eingeladen.

Synagoge in Essaouria.

Städte haben auch eine selten gesehene Landschaft über den Straßen. Auch Essaouria hat eine spannende Dachlandschaft.

Dachlandschaften Essaouria

In Marokko, oder wenigstens in Essaouria herrscht augenscheinlich eine Art von Religionsfreiheit: es gibt nicht nur eine christliche Kirche, sondern auch eine Synagoge. Nachdem ich in Iran bereits praktizierte Religionsfreiheit erleben durfte: Juden in Iran, war ich vielleicht ein bisschen überrascht, aber nicht grundsätzlich verwundert.

Eine Mitreisende fand etwas außerhalb der Medina eine christliche Kirche. Es werden dort Gottesdienste abgehalten, an denen mehr Gläubige teilnehmen als in manchen Kirchen in Sachsen.

Ein besonderer Blick auf die Medina bot sich vom Dach unseres Riads. Ich war zu verschiedenen Tageszeiten dort oben und habe versucht, die unterschiedlichen Stimmungen einzufangen.

Abendstimmung in Essaouria

Essaouria galt vor 50 Jahren als Mekka für Hippies, Aussteiger und Pop-Musiker. Einige sind hier geblieben oder suchen jetzt als Besucher den Zauber der Vergangenheit:

Die Möwe fliegt vielleicht zum letzten Mal für den Tag auf Futtersuche. Essaouria

Die Möwe fliegt vielleicht zum letzten Mal für den Tag auf Futtersuche.

Es ist Freitag und vielleicht kommen deswegen so viele hierher: die alten Herren, deren Haar grau und dünn aber lang zum Zopf geflochten sind, die gleichaltrigen Damen, deren Kleidung heute in Museen oder auf einem Schlagermove zu sehen sind. Auf jeden Fall gehören für Nostalgiker und Hiergebliebene beiderlei Geschlechts Jesuslatschen zum Outfit, barfuß natürlich.

Zum Abend sieht immer mehr Touristen. Mit ihrer Zahl wächst auch die Zahl der fliegenden Händler. Auf dem großen Platz zwischen der Medina und dem Hafen treffen Angebot und Nachfrage entspannt aufeinander. Kinder umringen einen Verkäufer von Luftballons, die Großen streben zum Hafen, um zu verfolgen, wie die Sonne vor ihrem Untertauchen im Atlantik die Gischt in unverschämt rosarote Lillifee-Wolken verwandelt.

Exkurs: Frühstück mit Möwen

Das Frühstück bekommen wir im Restaurant auf dem Dach. Das Wetter ist heiter, vom Atlantik weht ein leichter, schon angenehm warmer Wind herüber. Darum entscheiden wir uns für einen Tisch im Außenbereich. Hier sind wir nicht allein: zwei Möwen patrouillieren auf der Brüstung, drei weitere sitzen auf Mauervorsprüngen und Schornsteinen über uns.

Show down aus: wer kriegt die Wurst?

Wir sind zu zweit und teilen uns die Wache: während der eine sein Frühstück am Buffet zusammenstellt, verteidigt der andere den gedeckten Tisch.

Das war der Plan, den uns die Möwen routiniert durchkreuzen. Meine Handabwehr umfliegt eine Möwe souverän im Frontalanflug, eine andere zirkelt von hinten an meinem Ohr vorbei und klaubt mir das Brot gekonnt aus den Fingern, bevor ich es in den Mund schieben kann. 2:0 für die Möwen.

Wir nehmen es sportlich und entwickeln eine Strategie, mit der wir Brot und Kaffee zu uns nehmen können.

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