Dresden Grünes Gewölbe Glanz und Elend

Grünes Gewölbe – Bauchnabelschau eines Egomanen

August I, mit vollem Namen Friedrich August I. von Sachsen war ein übergewichtiger (110kg Sterbegewicht), eitler und geltungssüchtiger Pfau, der durch das Ansammeln von teuren Preziosen von seiner im europäischen Maßstab geringen politischen Bedeutung ablenken wollte. Er scharte zweitklassige Philosophen und Komponisten um sich. Seine Prunksucht schlug sich in barocken Protzbauten nieder.

Er ruinierte und dezimierte sein Land, um sich den Titel „König von Polen“ kaufen zu können. August der Starke nahm den Namen „August II. König von Polen-Litauen“ an. Außer Geld verlangten die polnischen Fürsten auch, dass August der Starke seinen Glauben wechselte. Fortan war der Papst sein oberster Chef. Die Bevölkerung in Sachsen (immerhin das Stammland der Reformation) durfte beim evangelischen Glauben bleiben.

So blöd muss man erst mal sein: große Teile seines Landes verscherbeln, um von korrupten Regionalherrschern einen faktisch bedeutungslosen Titel zu kaufen.

Der Titel ermöglichte nämlich August dem Starken leider keinen Zugriff auf die finanziellen Ressourcen des Landes, sondern streichelte vor allem sein Ego. Bezahlt haben das darum alles seine Untertanen. Immerhin durften die sich schon mal ansehen, welche Wertgegenstände ihr Staatsoberhaupt von ihrem Geld angeschafft hatte.

Grünes Gewölbe 1723 fürs Publikum geöffnet

August der Starke stellte einige seiner Juwelen und Pokale in einem Teil des Residenzschlosses aus. Die Säulen und Kapitelle der Säulen waren schon 1547 grün angemalt worden, so dass der Name „Grünes Gewölbe“ nahe lag, als ab 1723 die Untertanen die funkelnden Diamanten und prunkvollen Pokale besichtigen konnten.

Im Zweiten Weltkrieg fielen die Gebäude allesamt den Bomben zum Opfer. Sie erstrahlen jetzt aber als inoffizielles Disney-Land wie zu Zeiten des Bauherrn kritiklos in altem Glanz, als ob August der Starke ein Schöngeist und die Deutschen nie einen Diktator zum Kanzler gewählt hätten, dessen Krieg auch Dresden zum Opfer fiel.

Dresden, Grünes Gewölbe Ein Indisches Diorama mit vielen Diamanten

Dresden, Grünes Gewölbe Ein Indisches Diorama mit vielen Diamanten

Die Wertgegenstände waren beizeiten ausgelagert worden und kehrten über den Umweg über Moskau nach Dresden zurück. Es gab zwar einige Abflüsse, die dem Etat der DDR guttaten, aber die meisten Klunker haben die Zeiten tatsächlich überdauert.

Grünes Gewölbe: die Ausstellung

Es gibt zwei Grüne Gewölbe: das historische, dessen grünen Säulenbasen und Kapitelle die Räume in Frühlingsgrün schimmern lassen. Und das Neue Grüne Gewölbe, dessen Gestaltung vergleichsweise nüchtern und zeitgemäßer wirkt. In der Bilderstrecke sehen Sie beide Grüne Gewölbe.

Beide Grünen Gewölbe sind mit einem Ticket zugänglich. Die Anzahl derTagesbesucher und der gleichzeitigen Besucher ist streng begrenzt. Die Besucher müssen alles abgeben, was größer ist als eine kleine Damenhandtasche. Fotografieren ist nicht gestattet.

Die Exponate sind gut sichtbar, es gibt an den Vitrinen nur wenig Reflexionen. Allerdings kann ich mich nicht erinnern, wo die Erklärungen zu den Exponaten befestigt waren.

Zwei Sachverhalte sind noch bemerkenswert:

Erstens: die Exponate sind bezahlt und nicht (wie z.B. viele im Louvre) geklaut. Das hat zwar das Land ruiniert. Aber die Besucher müssen sich nicht schämen, dass sie Kunstwerke bestaunen, die als Beute- oder Raubkunst nach Dresden kamen.

Zweitens: bei vielen Exponaten steht der Besucher ratlos davor und weiß nicht, wie z.B. die Juweliere vor über 200 Jahren diese Unmengen an Edelsteinen zusammentragen und schleifen konnten. Gerne hätte ich erfahren, woher die Diamanten kamen. Und wer hat August dem Starken den Grünen Diamanten verkauft? (Näheres über den Dresdener Grünen Diamanten finden Sie bei hier und hier.)

Dresden, Grünes Gewölbe: der Grüne Diamant. Für 400.00 Taler aus Holland gekauft.

Dresden, Grünes Gewölbe: der Grüne Diamant. Für 400.00 Taler aus Holland gekauft.

Und warum haben die Kuratoren nicht eine kleine Ecke eingerichtet, in der ein Diorama dem Besucher vor Augen führt, wie seinerzeit die Juweliere, Steinschneider und Tischler gearbeitet haben und wie ihre Werkzeuge aussahen.

Vorbildlich ist allerdings, dass viele Exponate Online zu sehen sind und über eine schwache Suchfunktion durchforstet werden können. Zu einzelnen Exponaten findet der Besucher Informationen über den Künstler, die Materialien und das Herstellungsjahr des Ausstellungsstücks.

Einbrecherprofis und Sicherheitsamateure

Im November 2019 ereignete sich ein Diebstahl, dessen Begleitumstände so hanebüchen waren, das sie als Musterbeispiel für selbstgefällige Pseudosicherheit in einem Extraraum des Grünen Gewölbe ausgestellt werden müssten:

Es ist was dran: Dunkeldeutschland 🙂

Die Diebe zündeten zunächst außerhalb des Residenzschlosses einen Verteilerkasten für Strom an. Sie hatten herausgefunden, welcher Kasten die Straßenlaternen und vielleicht auch das Residenzschloss mit Strom versorgt. Das Feuer fiel weder den Wachen des Grünen Gewölbes auf, auf deren Monitoren mutmaßlich auch der Außenbereich des Residenzschlosses zu sehen gewesen sein mag.

Das Feuer fiel auch den Stadtwerken nicht auf, als ein wichtiger Knoten per Kurzschluss ausfiel. Morgens um 5 war auch keine Polizeistreife unterwegs, die sich über das Feuer Gedanken hätte machen können. Und Passanten gab es wohl auch keine, jedenfalls keine, die über das Feuer erstaunt gewesen wären.

Nachdem die Straßenbeleuchtung ausgefallen war und das Arbeitsfeld der Einbrecher in schützendes Dunkel getaucht hatte, flexten die Einbrecher entschlossen den Weg zu einem Fenster frei, indem sie ein schützendes Gitter wegoptimierten.

In der Wachstube wurde das Eindringen von Personen gemeldet. Es gab keine Aufschaltung bei der Polizei. Die Wachleute warteten ab. Vielleicht war das ja der Brötchenbote.

Video gucken in der Wachstube

Die Wachleute beobachteten die Einbrecher auf ihrem zielstrebigen Weg zur Vitrine mit den Diamanten, Orden und Brillanten über ihre Monitore. Eingreifen sollten sie nicht, weil die Diebe so brutal mit der Axt umzugehen wussten. Warum die Wachleute nicht eingriffen, bevor sie von dem Spaltwerkzeug wussten, ist ungeklärt.

An der Vitrine angekommen zerschlugen die Täter mit neun Axthieben das Sicherheitsglas, das mehr Glas als Sicherheit war.

Jetzt kam es den Wachleuten in den Sinn, dass die morgendlichen Besucher unlautere Absichten hatten und suchten die Nummer der Polizei heraus. Die jetzt alarmierten Beamten waren innerhalb von, so wird berichtet, 5 Minuten vor Ort. Die Diebe hatten da schon mit einer Handvoll Preziosen das Weite gesucht und auch rechtzeitig gefunden. Dass sie auf dem Rückzug ihre Spuren durch das Versprühen von Löschpulver und dem Verbrennen ihres Fluchtautos lehrbuchmäßig verwischt haben, rundet das Spektakel ab.

Dresden, Grünes Gewölbe: das Schmuckstück: ein Polnischer Orden mit vielen Brillis, speziell für August den Starken hergestellt.

Dresden, Grünes Gewölbe: das Schmuckstück: ein Polnischer Orden mit vielen Brillis, speziell für August den Starken hergestellt.

Scherbengericht

Die einzigen Profis in diesem Schurkenstück waren die Diebe.

Blamiert stehen die Leute da, die dem Museum das die Sicherheitsüberwachung verkauft haben, und blamiert sind auch die Leute, die den Pfusch als sicher abgenommen haben:

Dunkel und still

Es gab keine Beleuchtung in den überwachten Räumen, sei es per Infrarotlicht oder gleißendem Flutlicht im Alarmfall. Ober war die Raumbeleuchtung etwa nicht akku-gepuffert?!

Darum erkennt man auf den veröffentlichten Videos der Überwachungskameras so viel wie bei einer Keilerei zwischen zwei Pfarrern im unbeleuchteten Kohlenkeller.

Es gab keine Alarmaufschaltung bei der Polizei.

Es gab keine Sirenen oder andere akustische Meldungen innerhalb oder außerhalb des Gebäudes. Haben Sie schon mal eine private Alarmanlage gesehen, die nicht optisch und akustisch einen Einbruch nach außen meldet?

Es gab augenscheinlich keine Feuerschutztüren, die automatisch oder durch das Wachpersonal ausgelöst worden wären. Der Fluchtweg wäre für die Diebe etwas mühsamer geworden.

Reaktion der Dresdener Polizei: Meckert nicht, spendet lieber Geld, damit sich das Museum endlich eine vernünftige Alarmanlage leisten kann.

Traditionelle Sicherheit

Dabei wären auch ohne technische Hilfsmittel die Diebe in ihrem Tun behindert worden oder gar davon abgehalten worden:

Ein Wachmann mit einem trainierten Dobermann hätte die Situation vielleicht anders aussehen lassen.

Und: die Beute war deswegen vergleichsweise mickrig, weil viele Exponaten an der Unterlage festgenäht waren. Warum das mit Fäden geschah, die nicht reißfest waren, oder auch gar nicht geschah, ist nicht geklärt.

Und last but not least: warum müssen eigentlich die Originale ausgestellt werden? Hübsche Repliken glitzern auch sehr nett und entspannen die Sicherheitslage.

Grünes Gewölbe: Fahndung

Die Polizei bittet um Hinweise auf die Täter und deren Fluchtweg.500.000€ sind als Belohnung ausgelobt. Ob das einen Mitwisser weich werden lässt?

Vermutlich haben die Ermittler alle Mobiltelefone auf dem Schirm, die zwischen 3:00 und 6:00 ausgeschaltet und/oder eingeschaltet wurden. Und dann gibt es ja auch noch die Überwachungskameras an Kreuzungen und auf Privatgrundstücken. Und an den Scherben der Vitrine werden auch ein paar auskunftsreiche Fasern hängen geblieben sein.

Was bleibt: ein Rennen zwischen Hase und Igel, bei dem im Idealfall der Igel gewinnt und die gestohlenen Gegenstände stolz zurückbringt.

Ich bin gespannt und drücke die Daumen.

Das Tödlein wartet vielleicht vergebens auf die Rückkehr der gestohlenen Exponate.

Das Tödlein wartet vielleicht vergebens auf die Rückkehr der gestohlenen Exponate.