Die Geburt des Kunstmarktes

Die Geburt des Kunstmarktes

Ausstellung im Bucerius Kunstforum

Was hätte das für eine Ausstellung werden können: Geburt des Kunstmarktes!

Allein in Deutschland werden hier über 2 Milliarden Euro umgesetzt. Weltwelt mehr als 40 Milliarden!

 

Fragen

Wie fing es an, dass „Kunst“ zur „Ware“ wird? Wann hatte die Kunst einen „Gebrauchswert“, wie entstand der „Preis“ für Kunst? Wie sah der „Markt“ aus: hatten die Künstler einen Stand, an dem die Käufer vorbeischlenderten?

Fragen über Fragen – und dazu noch die einmalige Chance, „Markt“, „Wert“ und „Preis“ in einem wirtschaftsphilosophischen Rahmen zu erörtern: vor genau 150 Jahren erschien – keine 300m vom heutigen Bucerius-Kunstforum entfernt – „Das Kapital“ von Karl Marx. Welch wunderbare Vorlage, um Gäste zu Vorträgen zum Thema „Markt und Wert“ einzuladen. Immerhin thematisiert die Ausstellung das erstarkende Bürgertum und die schwindende Bedeutung von Adel und Klerus – das sind klassische Prozesse, die Marx im Kapital diskutiert.

Verpatzt und verkorkst

Franz Wilhelm Kaiser ist Direktor des Bucerius Kunstforums

Franz Wilhelm Kaiser ist seit Mitte 2016 Direktor des Bucerius Kunstforums

Hätte, hätte, Fahrradkette. Selten habe ich eine Ausstellung besucht, die ihr Thema so gründlich verfehlt hat, wie „Die Geburt des Kunstmarktes“.

„Die Geburt des Kunstmarktes“ ist die erste Ausstellung, die Franz Wilhelm Kaiser, Direktor und künstlerischer Leiter des Bucerius-Kunstforums alleinverantwortlich kuratiert hat.

Er setzt die „Geburt des Kunstmarktes“ in den Beginn des 17. Jahrhunderts. Die Niederlande hatten die spanische Besetzung abgeschüttelt, der 30-Jährige Krieg ging zu Ende, und der Gewürz- und Sklavenhandel spülte große Reichtümer in die Taschen des Bürgertums.

Diese Ära gilt als das „Goldene Zeitalter der Niederlande“.

Mit dem Reichtum kam, so legt uns die Ausstellung nahe, der Wunsch des Bürgers auf, sich mit den selben Attributen wie Adel und Klerus zu schmücken. Als Abnehmer für Kunstwerke fiel dieser Kundenkreis mit dem Schwinden ihrer gesellschaftlichen Bedeutung mehr und mehr aus.

Jetzt also wurde der Kunstmarkt geboren.

Aha, der Kunstmarkt wurde Anfang des 17. Jahrhundert in den Niederlanden geboren.

Echt?

Im Ernst, jetzt?! In den Niederlanden!

Gegenprobe

Markt ist eine Veranstaltung, auf der sich Leute, die etwas anzubieten haben, mit Leuten treffen, die etwas brauchen. Vielleicht waren sogar ein paar steinzeitliche Felszeichnungen Auftragsarbeiten. Der eine konnte den Büffel zeichnen, der andere wollte sich schon angucken, was er morgen jagen wollte.

Ich gehöre zu der kleinen Minderheit, die kein Kunststudium absolviert haben. Mir ist darum kein Zeitabschnitt bekannt, in dem es nicht Künstler gab, die etwas anfertigten, was ein anderer nicht konnte, aber haben wollte. Und es ist der Normalfall, dass ein Künstler mehr Werke produziert als verkauft.

Dem Besucher geht es wie dem Arzt auf diesem Genre-Bild: Wo ist der Sinn?

Dem Besucher geht es wie dem Arzt auf diesem Genre-Bild: Wo ist der Sinn?

„Die Geburt des Kunstmarktes“ ist für den Kurator Franz Wilhelm Kaiser mit den Kunsthändlern verbunden.

Natürlich standen die Künstler nicht selbst auf dem Marktplatz, sondern hinter ihrer Staffelei. Gerne hätte man jetzt einen Hinweis gefunden, worin die spezielle Bedeutung der Kunsthändler lag.

Boten sie dem reichen Käufer eine Antwort auf die Frage: „Wohin mit dem Geld?“.

Ein in der Ausstellung genannter Kunsthändler ist Hendrick van Uylenburgh, dessen Vater im 17. Jahrhundert aus religiösen Gründen nach Polen (das ist aber schon lange her) und Preußen ins Exil ging. Hendrick van Uylenburgh lernte Malerei, vertickte aber auch schon im Exil Luxuswaren, darunter auch Gemälde. Leider ist nicht überliefert, wer die Künstler und Kunden waren.

Rembrandt und Uylenburgh

Um 1625 kehrte Hendrick van Uylenburgh aus dem Exil nach Amsterdam zurück. Dort lernte er Rembrandt Harmenszoon van Rijn kennen, ein junger, aber augenscheinlich schon sehr erfolgreicher Maler. Man kennt ihn heute unter seinem Vornamen: Rembrandt. Immerhin beteiligte er sich mit 1.000 Gulden an der Kunsthandlung von Hendrick van Uylenburgh. 1.000 Gulden waren ein seinerzeit ein sehr hoher Geldbetrag,

Leider verrät uns die Ausstellung nicht, wie Rembrandt Harmenszoon van Rijn ohne „Kunstmarkt“ seine Bilder so erfolgreich vermarkten konnte, dass er 1.000 Gulden abdrücken konnte. Im Pressetext wird lediglich Constantin Huygens, Sekretär am Hof von Den Haag, genannt, der „Rembrandt entdeckt“ hat.

Was sagt uns das bisherige?

Schon vor der „Geburt des Kunstmarktes“ handelten Menschen mit Kunst und lieferten Kunst an Kunden.

Was also wurde da denn nun geboren?, und von wem? Wie sah der Zeugungsakt aus?

Hmm.

Vielleicht die prekäre Situation der Künstler, die nun für einen anonymen Markt produzierten und den Produktionsprozess durch verringerte Farben und standardisierte Vorlagen beschleunigten? Ich finde in der Ausstellung darauf keine Antwort.

Noch mehr Fragen ohne Antwort

Auch vermisse auch Antworten auf die Frage, welchen Einfluss der Kunsthändler auf die Bewertung eines Bildes hatte:

Wie fand er einen Preis? Wie entstand auf der Kundenseite, ein „Kenner“, der „Feinmalerei“ von den öden Ölschinken unterschied, die Kunsthändler bei Lotterien und Schießwettbewerben unters bürgerliche Volk brachte?

Hatten Kunsthändler neben dem kommerziellen Ansatz auch eine kunstpädagogische Ader? War er nur ein Transmissionsriemen, ein Makler? Oder hat er Kunstentwicklungen kanalisiert und entwickelt?

Wer beim Thema „Geburt des Kunstmarkt“ die Erwartung hegt, eine Zuordnung von Händlern zu Künstlern (und vielleicht Kunden) zu finden, wird enttäuscht. Die Werke, es sind 118, sind rein nach ihren Themen zusammengehängt. Seestücke für sich, Historienbilder, Portraits oder Landschaften. Wenn der Besucher den Titel der Ausstellung: „Die Geburt des Kunstmarktes“ hätte wiederfinden sollen, wäre eine Zusammenstellung nach Kunsthändlern hilfreich gewesen: Welcher Händler hatte wen unter Vertrag und hat wen beliefert?

Randnotiz

Im Fränkischen ist ein Pinsel- und Stichelkünstler recht bekannt. Seine Kunst wurde ab 1497 in ganz Europa nachgefragt. Er ist Eingeweihten auch heute noch als „Albrecht Dürer“ geschätzt.

Und warum? Er war der erste Künstler, der für sich ein Markenzeichen reklamierte: das große A über dem kleinen D. Markenzeichen sind untrennbar mit „Markt“ verbunden. Zusammen mit seinen Nachbarn (Drucker, Handwerker, Händler, Ratsherren usw.) in der Burgstraße schuf er 200 Jahre vor Rembrandt und seinen Zeitgenossen einen wahrhaft grenzüberschreitenden Kunstmarkt.

Diese Nachbarn in der Nürnberger Burgstraße veröffentlichten seine Stiche im Buchdruck, öffneten mit ihren Kontakten Türen zu vielen Käufern.

Albrecht Dürer war klassischer Marktteilnehmer und erhielt Aufträge aus allen Ecken Europa, sogar der deutsche Kaiser bestellte über 100 Grafiken. Und das alles auf einem prä-natalen Kunstmarkt.

Kunstmarkt vor dem Goldenen Zeitalter

Fast jeder kennt aus dem Schaffen von Dürer mindestens den „Feldhasen“ oder das „Rasenstück“. Auch diese Aquarelle entstanden mit wenigen Farben. In der Ausstellung „Geburt des Kunstmarktes“ firmiert diese „Ton in Ton“- Technik als Ausdruck der Rationalisierung.

Dürer mag diese Technik aus anderen Gründen angewandt haben.

Auch das Arbeiten mit Vorlagen, die von Mitarbeitern in der Werkstatt flink zu neuen Bildern komponiert wurden, ist keine Reaktion niederländischer Künstler auf die Produktionszwänge eines anonymen Kunstmarktes. Lukas Cranach d.Ä. war ein Meister dieser Technik – und die Werke seiner Werkstatt wurden auf protestantischer Seite wie auf Seiten ihrer katholischen Fressfeinde nachgefragt.

Wenn das kein Kunstmarkt war!

Desgleichen war auch z.B. die Werkstatt von Peter Paul Rubens perfekt arbeitsteilig durchrationalisiert, um die vielen Aufträge schnell und präzise nach Kundenwunsch abzuarbeiten. Der Kunstunternehmer Rubens war ein äußerst lebhafter und erfolgreicher Teilnehmer auf dem Kunstmarkt. Warum ich den Namen dieses Künstlers weder im Pressetext noch auf den Wandtafeln in der Ausstellung „Die Geburt des Kunstmarktes“ finde, erschließt sich mir nicht. Sein Wirken liegt genau im „Goldenen Zeitalter“. War Rubens kein Künstler, hatte er keine Kunden? Oder habe ich etwas überlesen?

Diese kurzgefassten Randnotizen verdeutlichen die Schwäche der Ausstellung: Wo immer „Künstler“ tätig werden, sind sie Teilnehmer eines Marktes. Dürer ist nur ein wuchtiges Pfund, das den Ansatz, die „Geburt des Kunstmarktes“ auf das Zusammentreffen von Rembrandt und Uhylenburgh festzulegen, ad absurdum führt.

Immerhin kommen in der Ausstellung einige hübsche Exponate zusammen, die unter einem anderen Ausstellungstitel nicht so enttäuscht hätten; zum Beispiel „Genre-Malerei im ‚Goldenen Zeitalter der Niederlande’“.

Aber der Feldhase hätte alles in den Schatten gestellt.

Besucher in der Ausstellung im Bucerius-Kunstforum "Die Geburt des Kunstmarktes"

Besucher in der Ausstellung im Bucerius-Kunstforum „Die Geburt des Kunstmarktes“