Deutsches Historisches Museum

Was haben eine portugiesische Landmarke aus Namibia, die Türken vor Wien, Ludwig XIV, Napoléon I und eine Spinnmaschine gemeinsam: Richtig sie stehen im Deutschen Historischen Museum (DHM) für die Darstellung der deutschen Geschichte im internationalen Zusammenhang.

Was haben Friedrich II der Staufer, Freiherr vom Stein, Fürst von Hardenberg, Wilhelm II, Karl Marx und Rudolf Diesel gemeinsam? Richtig: sie spielen bei der Darstellung der deutschen Geschichte im DHM keine Rolle.

Deutsches Historisches Museum

Das Deutsche Historische Museum zählt mit fast 1 Million Besuchern zu den am besten besuchten Museen der Hauptstadt. Es ist sogar ein bisschen international: die meisten Beschriftungen sind auch in englischer Sprache zu lesen. Unter dem Motto „Faszination Geschichte“ sollen die 7.000 Exponate deutsche Geschichte in Bildern und Zeugnissen darstellen und dem Besucher ein lebendiges Bild unserer Vergangenheit liefern.

Vielleicht war es ein schlechtes Omen, dass ausgerechnet der Autokrat und Verächter von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, Helmut Kohl, dieses Vorhaben anschob. 16 Experten kuratierten auf sein Geheiß hin eine Ausstellung, deren Konzept selber ins Museum gehört, und zwar in die Zeit um 1968, bis der „linke Pöbel“ (Kohl) den Muff unter den Talaren gelüftet hat.

Museale Museumsdidaktik

Den Besucher erwartet eine Ahnengalerie, eine Waffensammlung und ein paar Bücher und Dokumente. Begleitet wird der Rundgang von Klerikalkitsch unterschiedlichen Alters.

Das Deutsche Historische Museum zeigt Waffen, Portraits und Kruzifixe.

Das Deutsche Historische Museum zeigt Waffen, Portraits und Kruzifixe.

Weite Strecken erinnern an einen Rundgang in der Eremitage: An andachtheischenden roten Stellwänden prangen Portraits vergangener Potentaten, Schlachtengemälde und hier und da ein Blick in bürgerliche Prunk- und Protzorgien. Davor jede Menge Schusswaffen unterschiedlicher Kaliber und Technik, Armbrüste natürlich und Rüstungen (auch fürs Pferd) und Schwerter.

Zum Ende des ersten Teils, der mit dem Mittelalter (mit 100 v.u.Z sportlich terminiert) beginnt und dem ersten Weltkrieges endet, platzt der Killerzwerg Napoléon I vor Stolz aus seinem Krönungsornat. Wie Franken an Bayern fiel? Der Besucher wird es nicht erfahren.

Knapp 30 Meter hinter Napoléon steht eine Spinnmaschine für die beginnende Industrialisierung. Drei Schritte dahinter ist bereits der Weltkrieg trotz der ausgestellten Propaganda-Utensilien verloren, wovon ein paar zerschossene Helme beredtes Zeugnis ablegen.

Geschichten statt Geschichte

Auf einer Schautafel wird keck die falsche Behauptung aufgestellt, die Erklärung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges sei für die USA Anlass für den Kriegseintritt gewesen. Das ist nicht richtig. Vielmehr war es die „Zimmermann-Depesche“ an den mexikanischen Präsidenten Venustiano Carranza. Hierin bot Deutschland Mexiko die Unterstützung an, wenn es die USA angriffe. Merke: viele Historiker klittern die Geschichte.

Raubkunst im Foyer

Spinnmaschinen sind Symbol des 18. Jahrhunderts, hätten also vor Napoléon hingehört. Die Stein-Hardenbergschen Reformen, das Aufkommen des industriellen Proletariats und der Arbeiterbewegung, das innen- wie außenpolitische Wirken Bismarcks? Ich habe es in der Ausstellung nicht gefunden. Die Großmannssucht Wilhelms II? Da muss man schon mal vor die Tür gehen und sich die Berliner Repräsentations und Repressionsarchitektur ansehen.

Natürlich fehlt trotz des Ansatzes, „deutsche Geschichte im internationalen Zusammenhang“ darzustellen, ein Hinweis auf Ereignisse in Russland, wo Lenin dem dortigen Zaren einigen Ärger bereitete, den Kieler Matrosenaufstand – und wo wir schon bei Defiziten sind: Anders als bei der Darstellung der spanischen Erbfolgekriege (wir befinden uns, nur mal zur Erinnerung, im Deutschen Historischen Museum) wird das Interessengemenge vor dem 1. Weltkrieg nicht dargestellt.

Ich beende meinen Rundgang vorzeitig, schreite die herrschaftliche Treppe des Zeughauses hinunter und schaudere bei der Statue, die den Sieg deutscher Truppen von 1870/71 bildhauerisch mit martialischer Herkuleskeule manifestiert.

Und ich entdecke dann doch noch einen Hinweis auf die bolschewistische Revolution: Lenin grüßt, feist und zufrieden. Allerdings soll hier nicht verschwiegen werden, dass es sich bei der überlebensgroßen Statue um Raubkunst handelt: deutsche Truppen haben sie aus Leningrad gestohlen und zum Einschmelzen nach Deutschland gebracht. Dazu ist es dann nicht mehr gekommen, das Reich der Sowjetunion schmolz dennoch im Laufe der Zeit dahin. Aber das ist eine andere Geschichte.

Des Rätsels Lösung

Bleibt noch das Rätsel zu lösen, was die portugiesische Landmarke im DHM verloren hat: sie wurde von deutschen (aha!) Kolonialisten in Deutsch-Südwest-Afrika gefunden. Der einzige Hinweis übrigens auf deutsche Kolonialbestrebungen.

Die Dauerausstellung im Deutschen Historischen Museum markiert einen Tiefpunkt der Museumsdidaktik und Geschichtswissenschaft. Das Maß an „Nicht-Geschichte“ ist vielleicht politischer Opportunität geschuldet, aber für ein Museum dieser Bedeutung unentschuldbar. Die Ausstellung hangelt sich an Oberflächlichkeiten entlang, vereinigt historische Ungenauigkeit mit der geschichtlichen Unwahrheit und vermittelt vor allem eines: den Auftrag an einen Kurator: bring deutsche Geschichte in die Säle, ehrlich, korrekt und didaktisch zeitgemäß.

Im derzeitigen Zustand ist das Deutsche Historische Museum vielleicht ein bisschen deutsch, jedenfalls nicht historisch, im Grunde nicht mal ein richtiges Museum, sollen doch in einem Museum Depotstücke als Exponate fachgerecht aufbewahrt und dem Besucher zugänglich gemacht werden.

Die Arbeit, aus Depotstücken Ausstellungsstücke zu machen, steht dem Museum noch bevor.

Deutsches Historisches Museum Manche Exponate sind unfreiwillig komisch, wie diese drei Reiter ohne Pferd.

Manche Exponate im Deutschen Historischen Museum sind unfreiwillig komisch, wie diese drei Reiter ohne Pferd.