Büste der Nofretete Fake oder Fakt

Ist sie nun 300 Millionen Euro wert oder gar 500? Man weiß es nicht. Und weil die Preußische Stiftung für Kulturbesitz die Büste der Nofretete gar nicht verkaufen will, werden wir das auch nie erfahren.

Wissenschaftlich ist der halbe Meter Gips und Kalkstein von geringem Interesse. Er bringt keinen Erkenntnisgewinn gegenüber einer Situation ohne diese Statue. Moderne archäologische Untersuchungen zum Aufbau der Büste, der Farbpigmente, dem mutmaßlichen Alter werden von der Kulturstiftung vehement verweigert. Ja, am neuen Standort darf man Nofretete nicht einmal fotografieren. Künstlerisch, so sagt man, gibt es nichts Vergleichbares in Ägypten. Das kann auch bedeuten, dass sie gar nicht Werk eines ägyptischen Bildhauers ist.

Büste der Nofretete echt, Fake, Vorlage?

Die Büste sieht sehr modern aus – so wie man sich die Nofretete vor hundert Jahren halt vorgestellt hat. Die Farben sind bemerkenswert frisch – wir wissen nicht, woraus sie hergestellt wurden und ob es ähnliche Mischungen an anderen Orten in Ägypten gibt. Die Farben sind um so bemerkenswerter, wenn man berücksichtigt, dass die Büste der Nofretete 3000 Jahre im schmirgelnden Wüstensand lag, Regen und Grundwasser ausgesetzt war. Der Ort wird zudem seit 3000 Tausend Jahren bewohnt und und von Nomaden durchstreift. Französische Raubgräber haben sich bereits im 18. Jh. dort umgesehen. Und auf den Basaren in Kairo waren schon vor dem grandiosen Fund Borchardts viele Büsten und Statuten aus Amarna, dem Fundort der Büste, zum Kauf angeboten worden.

Die Büste ist idealtypisch: die Gesichtshälften sind spiegelbildlich identisch. Kein Mensch hat ein so ebenmäßiges Gesicht. Ob die Büste überhaupt Nofretete darstellt, ist nicht sicher. Es gibt keine erklärenden Hieroglyphen. Die Büste der Nofretete wurde zudem in der Werkstatt des Hof-Bildhauers von Echnaton gefunden und war entgegen ägyptischer Bildhauertradition nicht aus dem vollen Kalkstein geschnitzt. Der ansehnliche Kopf wurde mit Gips in Form gebracht.

Die Büste der Nofretete ist zudem unvollendet geblieben, das linke Auge wurde augenscheinlich mit Absicht nicht ausgeführt. Die Mutmaßung, es handele sich bei der Büste der Nofretete um eine Vorlage für andere Statuen, ist nicht per se von der Hand zu weisen.

Bemerkenswert ist, dass wichtige Mutmaßungen des Ausgräbers Borchardt bis heute unkritisch wiedergegeben werden.

Er hat die Ruinen als Werkstatt eines Bildhauers identifiziert. Wie ist er zu dieser Aussage gekommen? Auf einem winzigen Teil einer Scheuklappe waren ein Name und die entsprechende Berufsbezeichnung zu lesen. Auch die vielen unfertigen Statuen machten es für Borchardt klar. Hier wohnte ein Bildhauer.

Vielleicht war es auch das Zuhause eines Plünderers oder Grabräubers? Vielleicht hat jemand die Scheuklappe, die Borchardt übrigens noch als Teil eines Deckels identifiziert hatte, geklaut oder aus dem Abfall geklaubt?

Ich habe nirgends eine archäologische Deutung gefunden, warum die mutmaßliche Werkstatt zerstört wurde und warum so mächtige Statuen wie die von Echnaton zerstört wurden, die filigrane und empfindliche Büste der Nofretete die Zerstörung der Werkstatt und den Bildersturm aber so trefflich überstanden hat.

Und natürlich gibt es Forscher, die sich zunächst wie jeder andere Besucher wundern, aber dann zur Feder greifen und ihre Verwunderung in Fundamentalkritik verwandeln. Henri Stierlin 2009 hat es mit einem Beitrag zur Echtheit der Büste der Nofretete in viele Zeitungen geschafft. Er vermutet, das die Büste der Nofretete bestenfalls 100 Jahre alt und von einem gelangweilten europäischen Bildhauer hergestellt wurde, um eine Halskette zu präsentieren. Nachdem die Honoratioren beim Anblick seines Werkes einen feuchten Schritt bekommen hatten, traute sich der Bildhauer nicht mehr, von seinem Spaß zurückzutreten.

Das alles kann sein, kann aber auch nicht sein. Der Besucher der Büste der Nofretete erfährt nichts davon, weder von den Fundumständen, noch von den Zweifeln. Die Büste der Nofretete ist aber auch wirklich toll.

Wenn die Büste unerkannt in einem Museum für Kunst und Gewerbe irgendwo in der Provinz stände: es wäre weder für die Ägyptologie noch für die Kunst ein Verlust.

Aber schon Wilhelm II, dem Wegbereiter des Faschismus, fand die Büste schon toll, Hitler, sein Vollender, ließ sich auch ein paar Kopien machen, so toll fand er die Büste von Nofretete. Dann muss die Büste der Nofretete wohl wirklich toll sein. 700.000 Besucher tappern jährlich im Halbdunkel an der Büste vorbei, vom Personal mit Argusaugen beobachtet, dass nicht jemand ein Foto von der Büste der Nofretete macht. In einer Ecke steht eine Büste der Nofretete zum Anfassen. Es ist eine geschrumpfte Replik für die Sehbehinderten und Blinden. In Blindenschrift finden sich Erklärungen. Wahrscheinlich: „Fotografieren verboten!“

Ja. die Preußische Stiftung ist ein Gollum: „Mein Schatz!“

Die penetrante Weigerung, die Büste der Nofretete der Öffentlichkeit auch fotografisch und mit allen archäologischen Daten zugänglich zu machen, wirft ein sehr trauriges Bild auf das Demokratieverständnis und die Haltung zu einschlägigen Wissenschaften. Unter diesen Umständen gewinnen Kunstaktionen wie diese um so mehr an Bedeutung, auch wenn die IT-Gurus von Heise Vorgehen und Ergebnis bezweifeln.

Nofretete Lebensdaten

Nofretete ist die Schwieger- und Stiefmutter von Tutanchamun, dessen Grab von Carter 1922/23 entdeckt wurde. Tutanchamun war, soweit man das weiß, mit einer Halbschwester verheiratet. Der Pharao Echnaton war mit Nofretete in 2. Ehe oder gleichzeitig mit anderen Frauen verheiratet. In die Geschichtsbücher hat Echnaton es zum einen wegen seiner tollen Frau und dem Grab seines Sohns Tutanchamun gebracht. Außerdem sagt ihm nach, seine Neuordnung der ägyptischen Götterwelt sei ein erster Versuch zum Monotheismus gewesen. Dann wäre Echnaton ja schon weiter gewesen als die Christen mit ihrer merkwürdigen Dreifaltigkeit und den 500 Heiligen. Meyers Enzyklopädie von 1905 kennt weder Nofretete noch Echnaton. Man hatte damals ja auch weder die Büste der Nofretete noch das Grab des Tutachamun entdeckt.

Nofretete Fundgeschichte

Büste der Nofrotete von vorne rechts

Büste der Nofretete von vorne rechts

Bemerkenswert ist an der Büste der Nofretete auch ihre Fundgeschichte. Sie wirft ein Schlaglicht auf ein paar heute gerne vergessene Gegebenheiten vom Ende des 19. und dem Anfang des 20. Jahrhundert.

Durch den Nahen Osten zogen Europäer aller Nationen raubend und plündernd durch antike Fundstellen, als sei der Tisch nur für sie bereitet und die Einheimischen wären zum Schaufeln und Fächern da.. Ausgräber sicherten für ihre Geldgeber „wertvolle Antiken“, und verfeuerten in den kalten Nächten in der Wüste schon mal Papyri zum Wärmen und wegen des aromatischen Duftes, der von den Rollen ausging, wenn sie im Lagerfeuer loderten. Ägypten war von Großbritannien besetzt, die Antikenverwaltung wurde von Frankreich geleitet. Wenig überraschend, dass sich Ausstellungssäle und Magazine im Britischen Museum und im Louvre mit Büsten, Statuen, Mumien und Särgen füllten. Der Nahe Osten war Spielwiese und Vorgarten, in dem man seine Macht erproben konnte.

An den Folgen leidet die Welt noch heute.

Wilhelm II wollte da nicht nachstehen, aber es war ein Kaufmann Simon, der die Ausgrabung mit 30.000 RM jährlich finanzierte. Borchardt leitete die Ausgrabung. Der Baumwollhändler hatte mit seinem Beitrag zugleich alle Funde erworben. Es ging nicht um Forschung: die Ausgrabungen waren ein Beutezug!

Welche Funde wer bekam, entschieden zwei oder drei Leute vor Ort. Die Büste der Nofretete soll bei dieser Gelegenheit einen schmucklosen Lehmüberzug getragen haben.

Ob die strikte Weigerung von Borchardt, die Büste der Nofretete öffentlich auszustellen, einem Betrug bei der Fundteilung oder bei der Datierung des Kunstwerkes geschuldet war, ist nicht bekannt.

Der spendable Kaufmann hatte die Büste der Nofretete ein paar Jahre in seiner Villa stehen und schenkte sie 1920 dem Preußischen Staat. Wilhelm II blieb nur eine (gute) Kopie, die er auch ins Exil in die Niederlande mitgenommen hat. Vielleicht wurde der 3D-Scan an dieser Kopie durchgeführt.

Weitere Einzelheiten zur Büste der Nofretete finden Sie in dem ausführlichen Artikel bei Wikipedia – und vergessen Sie bitte nicht, sich mit einer Spende am Erhalt dieses Wissensportals zu beteiligen.

Büste der Nofretete Besucher

Büste der Nofretete Besucher

Zu diesem Beitrag:

Die Büste der Nofretete befand sich 2006 im Alten Museum. Am 26. August 2006 war  sie im Rahmen der Nacht der Museen frei zugänglich und durfte auch fotografiert werden. Seinerzeit entstand ein Bericht zur Nacht der Museen. Einige der Bilder, die den Artikel damals illustrierten, finden Sie auf dieser Bilderstrecke.