Brocken im Winter: Dämonen, Geister und Hexen

Der Brocken ist ein rauer Gesell. Von der Form eher wulstig als Berg, die meiste Zeit des Jahres in Nebel und Regen gehüllt und von Stürmen umtost. Die Sonne scheint selten auf das Plateau, dafür steigt das Thermometer auch im Sommer selten über 10 Grad Celsius.

Da wurden wir hellhörig, als der Wetterbericht für das Wochenende festen Frost, fiesen Wind und Fernsicht bis zum Mond ankündigte.

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Zum Brocken per Bahn

Wir buchen kurzentschlossen auf einem Online-Portal ein Zimmer in Wernigerode und ein Niedersachsenticket für die Hin- und Rückfahrt. Das Stückchen Bahn zwischen der Landesgrenze Niedersachsen und Wernigerode zahlen wir im Zug extra.

Am Bahnhof Wernigerode besteht direkt Anschluss an die Brockenbahn. Es bleibt keine Zeit, um uns beim Hotel anzumelden. An der Kasse erhalten wir noch „richtige“ Fahrkarten aus Karton. Die Waggons sind ziemlich leer, als sich die kleine Schmalspur-Dampflok ins Zeug wirft und die Waggons durch Wernigerode in Richtung Brocken zieht. Es gibt darum keine strafenden Blicke, weil Reisende ihre Schlitten, Rucksäcke und die voluminöse Winterklamotten auf den Sitzbänken ablegen. Das Wernigeroder Schloss zieht majestätisch an uns vorbei, Auch ein paar verfallene Gebäude gleiten an uns vorbei, wirken aber nicht so majestätisch.

Dann der Anstieg: Schon die Fahrt auf den Brocken ist eine Augenweide. Die Dampflok ist nicht Deko oder Museum, sondern ein Arbeitspferd.

Brocken Wasser für die Brockenbahn

Brocken Wasser für die Brockenbahn

Weiße Dampfwolken durchziehen die dichten Wälder links und rechts der Strecke. Am Bahnhof Drei Annen Hohne legt der Zug eine Pause ein: es muss Wasser nachgefüllt werden, damit auch auf dem Rest der Strecke der Schmalspurlok nicht die Puste ausgeht. Und natürlich nutzen die Nostalgiger die Gelegenheit, um die schwarze, schnaufende Lok auf weißem Hintergrund ausführlich zu fotografieren.

Die Fahrt geht weiter, sie führt immer um den Berg herum nach oben.

Die Fichten werden kahler, hin und wieder geben die Stämme die Sicht auf den Wurmberg frei mit seinen Wintersportanlagen. Ein paar Wanderer suchen tastend den Wanderweg, Nach oben werden sie heute nicht mehr kommen, aber vielleicht gibt es ja einen Rundweg, auf dem man die Harzbahn im winterlichen Wald fotografieren kann.

Zwischen den Waggons gibt es eine kleine Plattform, auf der sich große und kleine Passagiere zusammendrängen, einige zum Fotografieren, andere, weil dieses Erlebnis wirklich nostalgisch ist.

Oben regieren Gnome und Dämonen

Und dann sind die Bäume weg! Nur noch weiße Gnome ducken sich im Wind und tanzen zwischen den Schatten der wenigen höheren Fichten. Die Abhörstation und der Turm sind vom eisigen Schneesturm der letzten Tage mit einer Zuckerkruste versehen.

Ankunft mit der Brockenbahn auf dem Brocken.

Ankunft mit der Brockenbahn auf dem Brocken.

Wir steigen aus und schnappen nach Luft: die eisige Luft raubt uns den Atem. Wir hüllen uns enger in unsere Mäntel, zurren sie mit dem Gürtel gegen Sturm und Kälte fest und freuen uns, dass wir doch die extra dicken Handschuhe mitgenommen haben.

Gnome, Riesen und Dämonen

Alle Widrigkeiten des Wetters sind vergessen, als wir in das Winterwunderland eintauchen, das Schnee, Frost und Sturm gestaltet haben. Was im Sommer mitleiderregenden, vom Wind zerzauste und gedrungene Fichten sind, verwandelt sich im Winter in fast sprechende Gestalten mit Gesichtern und bizarr verbogenen Körpern. Sie stehen einzeln oder in Gruppen zusammen und zeichnen je nach Perspektive und Sonnenstand unvergessliche Bühnenbilder in den Wintertag.

Brocken Eine Anzahl Kiefern hat sich zu einer Gruppe von Geistern und Dämonen zusammengestellt.

Brocken Eine Anzahl Kiefern hat sich zu einer Gruppe von Geistern und Dämonen zusammengestellt.

Der Wind furcht nicht nur die Zweige und Stämme, sondern bei gemessenen Minus 16 Grad, gefühlten Minus 25 Grad Celsius auch die Gesichter der wenigen Besucher. Aber wir haben Glück, die Gaststätte hat offen. Selten haben wir Erbsensuppe mit soviel Genuss gelöffelt wie in der ansonsten ungastlichsten Gaststätte, die ich kenne.

Bald zieht es uns wieder raus. Wir stapfen durch die versammelten gefrorenen Gestalten und versuchen, dieses unglaubliche Naturschauspiel mit der Kamera einzufangen. Die Wolken liegen unter uns, die dämonisch verwehten Bäume werfen Schatten auf den Wolken. Das hat man auch nicht so oft. Zwischendurch zieht eine Lok der Harzbahn mit einer dickwanstigen Qualmwolke an uns vorüber. Die Kälte lässt den Rauch noch eindrucksvoller erscheinen: die bleigraue Wolke ist von schneeweißen Rändern eingerahmt und rabenschwarz durchzogen.

Brockenbahn – der letzte Zug

Viele Besucher haben sich aus der Versammlung der Gnome und Dämone zurückgezogen und bringen sich für den ultimativen Fotokick in Stellung. Der für heute letzte Zug ist angesagt und erreicht den Gipfelbahnhof mit einer Dampfwolke, die von der untergehenden Sonne überirdisch rosa beleuchtet wird.

Brocken Brockenbahn erreicht im Winter die Hochebene auf dem Brocken.

Brocken Brockenbahn erreicht im Winter die Hochebene auf dem Brocken.

Auf der letzten Talfahrt für heute sind fast alle Sitzplätze besetzt. Auf den Plattformen zwischen den Wagons steht jetzt niemand mehr. Es ist dunkel und bibbernd kalt. Alle suchen die Nähe der Heizung. Hier und da qualmt die Sohle eines Stiefels, wenn der Wärmebedarf größer ist als die Wärmebeständigkeit des Schuhwerks.

In Wernigerode ist es deutlich wärmer. Nach dem Aussteigen gehen wir noch einmal um die fauchende und beleuchtete Dampflok herum. Unser Wirt hat nicht mehr mit uns gerechnet und schlurft etwas angesäuert in die Rezeption. Auch wenn wir an diesem -im Tale- garstigen Abend die einzigen Gäste sind, fehlt es uns an nichts. Auch der Wirt taut schnell auf, als wir ihm von unserem Ausflug und den Eindrücken berichten. Er hat schon mal davon gehört, aber die Geister, Gnome und Dämonen selbst noch nicht gesehen.

Anderntags streifen wir noch durch Wernigerode und besichtigen das Schloss.

Von der Terrasse sehen wir den Brocken, der die Geheimnisse der Gespenster den Besuchern im Tal verschweigt, als wollte er sagen:

Kommt einfach mal selber hoch, wenn’s Wetter danach ist.