Besucht Iran, solange es das Land noch gibt

Besucht das Land … war mal ein Sponti-Spruch, als Europa zum nuklearen Schlachtfeld zu werden drohte. Besucht Iran ist jetzt ein trauriges deja-vu.

Taliban im Weißen Haus

Man fasst es nicht! Amerika, das selbsternannte Land der Freien und Vorkämpfer der Demokratie (was es nie war) reduziert sich auf das Niveau der Barbaren und Kulturverächter.

Donald Trump, 45. Präsident der USA, verkündet in seinem Amts- und Verlautbarungsblatt „Twitter“ (70 Millionen Leser), die US-Streitkräfte hätten 52 Ziele in Iran ausgesucht, die für die Kultur des Landes sehr wichtig seien.

Wir müssen uns für solche Verbündete schämen, die antike Strategien zur Vernichtung eines Volkes oder einer Religion in das Arsenal moderner Kriegsführung heben. Seinerzeit war es üblich, nationale und identitätsstiftende Symbole zu vernichten: Die Sieger sägten heilige Eichen ab, ermordeten besiegte Feldherren und Könige oder schmolzen Waffen und Zeromiengeschirr ein. Der letzte Akt dieser Strategie liegt zwar erst knappe 20 Jahre zurück, als die Taliban im März 2001 die großen Buddah-Statuen in Afghanistan sprengten. Aber geistig-kulturell sind die Taliban der Antike näher als der Moderne.

In diesem Tweet droht der US-Präsident mit der Zerstörung wichtiger Kulturgüter in Iran. Besucht Iran

In diesem Tweet droht der US-Präsident mit der Zerstörung wichtiger Kulturgüter in Iran.

Welt. Kultur.Erbe

Wem die Welt egal ist, weil er sich auf die USA konzentriert, für den Kultur das Recht bedeutet, Waffen zu tragen und der bei Erbe an die Hinterlassenschaft seines Vaters denkt, für den hat der Begriff „Weltkulturerbe“ keine Bedeutung.

Darin sind sich Donald Trump und die Taliban ähnlich, Gegner werden nicht besiegt, sondern vernichtet, verhöhnt und erniedrigt. Die „sehr wichtigen Kulturstätten“ Irans sind also trotz eines halbherzigen Dementis in Gefahr, zerstört zu werden (Wir werden genau so viel Kultur zerstören, wie die internationalen Abkommen hergeben.) (sinngemäß).

Leider beweisen die USA im Monatstakt, dass sich die Regierung um alles kümmert, nur nicht um internationale Abkommen. Also:

Besucht Iran, solange es das Land noch gibt

Meidan in Isfahan

Wohin zuerst? Ich empfehle die alte persische Hauptstadt Isfahan. Ich habe die Stadt 2014 besucht und die Orte besichtigt, die Donald Trump gerne zerstören will.

Springbrunnen und Wasserbecken auf dem Meidan in Isfahan Im Hintergrund die Lotfalla Moschee Kutschen auf dem Meidan in Isfahan (Imanplatz, ميدان نقش جهان) Besucht Iran

Springbrunnen und Wasserbecken auf dem Meidan in Isfahan, Im Hintergrund die Lotfalla Moschee, Kutschen auf dem Meidan in Isfahan (Imanplatz, ميدان نقش جهان)

In Isfahan findet Sie nicht nur eine große Anzahl von Meisterwerken islamischer Kunst. Leider gibt es in der unmittelbaren Nachbarschaft viele Atomanlagen. Wir sind an sehr vielen Stellungen vorbeigefahren, in denen großkalibrige FLAK und Raketen auf Angriffe warteten. Das bedeutet: Isfahan ist Ziel, und die Bauwerke sind zusätzlich gefährdet.

Da ist der Meidan zu nennen. Meidan-Plätze gibt es in ziemlich jeder islamischen Stadt. Der Meidan in Isfahan ist besonders. Sein Name wechselt:Naqsch-e Dschahan (Abbild der Welt), oder Königsplatz oder nach der islamischen Revolution auch Platz des Iman

Der Meidan beeindruckt zunächst durch seine bloße Größe und seine harmonische Architektur. Er hat eine Fläche von über 9ha. Zum Vergleich: die größten Plätze in Deutschland in Heide und Freudenstadt sind nicht halb so groß. Der Platz wurde im 16. Jahrhundert von dem safawidischen Herrscher Abbas I geplant und in Auftrag gegeben. Die Arkaden und Gebäude folgen keinem Wildwuchs, sondern strahlen in ihrem Gleichklang eine Ruhe und Gelassenheit aus, die jeden Besucher sofort gefangen nimmt.

Meidan: groß und harmonisch

Ich habe den Platz sowohl tagsüber bei mittägliche Temperaturen besucht und als auch abends und in den Nachtstunden. In den Arkaden residieren Werkstätten für Metall, Teppiche und Textilprodukte, es gibt Restaurants und eine Vielzahl von Läden und Marktständen. Tagsüber muss man dicht an den Gebäuden gehen, wenn man einen Blick auf die Auslagen erhaschen will, weil die Ladenbesitzer überdimensionale Sonnensegel herunter ziehen. Die Fontänen in den Wasserbecken sind noch nicht in Betrieb. Vielleicht ist der Wasserverlust durch die Hitze zu groß. Dennoch plantschen und spritzen viele Kinder in den Becken und genießen die Erfrischung.

Scheich Lotfallah Moschee mit Fontänen im Wasserbecken Besucht Iran

Scheich Lotfallah Moschee mit Fontänen im Wasserbecken

Anders am Abend, wenn die Sonne beim Untergehen den wolkenlosen Himmel in kitschiges Rosa taucht und die Kaskaden und Fontänen in den Wasserbecken in Aktion treten. Der Besucher taucht dann in ein fast surreales Treiben ein. Kutschen ziehen ihre Bahn um die großzügigen Grünanlagen. Auf dem Rasen sitzen Paare und Familien, einen soliden Kocher vor sich auf dem eine große Teekanne siedet. Es ist bei all dem Treiben bemerkenswert still. Nur das Juchen der Kinder ist nennenswert zu hören, wenn sie unter den Fontänen der Wasserbecken hindurchlaufen oder sich absichtsvoll nass spritzen lassen.

Ich habe mich auf eine Begrenzungsmauer gesetzt und dem Treiben eine ganze Weile zugeschaut. Der Eindruck klingt lange nach. Und als ich die Bilder für diesen Bericht zusammenstellte, war ich wieder drin in dieser unerklärlichen Atmosphäre.

Aber der Meidan ist nicht nur die Bühne für das Freizeitreiben der Isfahaner, er ist auch Kristallisationspunkt für zwei Bauwerke, die ihresgleichen in der Welt nicht haben – und deswegen natürlich auf der Kill-Liste eines Präsidenten stehen, dessen Land kulturell zwischen Mondlandung und Sklaverei angesiedelt ist.

Königsmoschee

Da fallen dem Besucher zunächst zwei schlanke Minarette auf. Zwischen ihnen ist der Eingang zur Königsmoschee, die im Laufe der Zeit ihren Namen auch mehrfach gewechselt hat. Zur Zeit heißt sie Imam-Moschee. Die bloße Größe des Meidans macht es möglich, sich der Moschee von Weitem zu nähern. Viele Kirchen und Münster in Europa kann der Besucher nur aus der Nähe betrachten. Die enge Bebauung macht es dann schwer, die Architektur zu erfassen, weil der Betrachtungswinkel so groß ist, dass man oft kaum die Spitze erkennen kann.

Königsmoschee in Isfahan

Königsmoschee in Isfahan

Anders bei der Königsmoschee.

Der Bau der Moschee hat fast 25 Jahre gedauert und war sehr aufwendig.

Zunächst musste der Architekt Ostad Abu’l-Qasim ein religiöses Problem lösen: der Meidan ist in perfekter Nord-Süd Richtung ausgerichtet. Eine anständige Moschee ist aber nach Mekka ausgerichtet. Darum steht die Königsmoschee in einem Winkel von 45° zum Meidan, die beiden Minarette und die Eingangstür sind aber noch zum Meidan ausgerichtet. Der Schwenk vollzieht sich so quasi hinter den Kulissen.

Shah, Königs- oder Ajatolla Chomeini Moschee Besucht Iran

Shah, Königs- oder Ajatolla Chomeini Moschee

Aber nicht nur deswegen gilt die Königsmoschee als ein Meisterwerk islamischer Kunst und Architektur. Schlendern Sie durch durch die phantastische Welt der Königsmoschee. Bestaunen sie die irrwitzigen Ornamente, die ausgeklügelten Kuppeln und Säulen und die Pracht der Iwane (auch Liwane) und Hallen, die eher an einen Palast erinnern als ein Gebetshaus.

Alles das hat über 350 Jahre überstanden. Weder Kriege noch Erdbeben konnten der Königsmoschee etwas anhaben.

Einer für alle

Links und rechts vom Eingang sieht man zwei eindrucksvolle Fliesenmosaiken. Das linke ist noch nach einem alten Verfahren hergestellt worden: Für jede Farbe wurden Fliesen individuell bemalt und bei einer genau auf die Farbe abgestimmten Temperatur gebrannt. Jede Farbe erforderte eine eigene Temperatur. Anschließend wurden die Fliesen dann zugeschnitten und aus ihnen die Mosaiken gelegt. Das Ergebnis sind Farben, die auch Jahrhunderte später den Betrachter mit einer unglaublichen Leuchtkraft beeindrucken.

Säulen und Kuppeln in der Königsmoschee Besucht Iran

Säulen und Kuppeln in der Königsmoschee

Das rechte Fliesenmosaik entstand nach einem vereinfachten Verfahren. Dabei wurden Farben gemischt, die alle bei einer einzigen Temperatur gebrannt wurden, Das hat den Bedarf an Brennmaterial und Zeit und den Ausschuss natürlich verringert.

Aber die Farben wirken nicht so lebendig und klar, wir nach dem bis dahin angewandten Verfahren.

Scheich-Lotfallah-Moschee

Dieser Kuppelbau steht ein bisschen zurückgesetzt, ist aber nicht zu übersehen. Was Pracht, Kunstfertigkeit und Aufwand angeht, stellt die Scheich-Lotfallah-Moschee die Königsmoschee in den Schatten. Auch dieser Bau ist ein Meisterwerk. Schon die Mosaiken links und rechts vom Eingang lassen den Betrachter in dem Versuch versinken, den Linien und Mustern zu folgen. Schlussendlich gibt er auf, tritt zurück und zieht den Hut vor den Künstlern, die vor Jahrhunderten solche Pracht erschaffen haben.

Eingang zur Scheich-Lotfallah-Moschee. Besucht Iran

Iran Isfahan Eingang zur Scheich-Lotfallah-Moschee. Gesehen von der Terrasse der Hohen Pforte

Allerdings hat die Lotfallah-Moschee die Zeitenläufte nicht unversehrt überstanden. Vor 100 Jahren hat Reza Shah Pahlavi die Moschee aufwendig restaurieren lassen. Reza Shah Pahlavi war der Vater von Mohammad Reza Pahlavi, dessen brutales, US-gestütztes Unterdrückungsregime die Iraner dem Ayatollah Ruhollah Musawi Chomein in die Arme trieb.

Ob der Bau, der seinen Namen dem Schwiegervater des Bauherren verdankt, tatsächlich eine Moschee ist, wird hier und da bezweifelt. Es fehlt ein Minarett, es fehlen die Innenhöfe und es fehlen – ganz schlimm – die Wasserbecken, deren Spiegelwirkung die spiritualität der Gebete sehr wichtig sind.

Gold statt Türkis

Angeblich war die Scheich Lotfallah-Moschee darum auch keine Moschee, sondern ein privater Gebetsraum für den Harem des Abbas I. Ein Tunnel zwischen der Lotfallah-Moschee und der „Hohen Pforte“ soll diese Theorie stützen. Allerdings habe ich wenig bis keine Hinweise gefunden, dass in Persien die Tradition des osmanischen Harems verbreitet gewesen wäre. So wurde der angebliche Harem in Persepolis als Bürogebäude identifiziert.

Eingangsbereich zur Scheich Lotfollah Moschee Besucht Iran

Eingangsbereich zur Scheich Lotfollah Moschee

Sei es wie es ist: wer den L-förmigen, schon reich ausgekleideten Flur durchquert und den Gebetsraum betritt, ist bei offenem Mund sprachlos. Statt dem „einfachen“ Blau bestimmen orange- und goldfarbene Fliesen den Charakter der über 30m hohen Kuppel. sie sollen ihre goldige Farbe tatsächlich von Goldkörnchen haben, die in die Fliesen eingebrannt sind.Schlichte weiße Fliesen sind als Text ausgelegt und zitieren 3 Koran-Suren, deren Botschaft auch in christlichen Kirchen gerne überbracht wird: eine reine, gottesfürchtige Seele ist wichtig, wenn sie nicht in der Hölle braten will.

Auch bei dieser Moschee, deren Zugang auf der Ostseite des Meidans liegt, musste die Architekten (Sheikh Baha’i (Chefarchitekt) und Ustad Mohammad Reza Isfahani) von der Flucht zum Meidan abweichen, damit der Gebetsraum nach Mekka ausgerichtet werden konnte. So entstand der fantastische Flur.

Diese Bilderstrecke der Lotafallah-Moschee bringt Ihnen die Schönheit. Pracht und Meisterleistung der Architekten, Handwerker und Künstler näher.

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