Autoteile Unger wirbt mit Stinkefinger

Werben mit dem Stinkefinger?

Steige ich gestern aus dem Auto und blicke schrechensstarr auf einen riesigen Stinkefinger: Die Firma „Autoteile Unger“ oder kurz „A.T.U.“ verantwortet diese Geschmacklosigkeit. Ausgedacht hat sich dieser Anschlag auf die guten Sitten die Werbeagentur „BBS“ aus Stuttgart („Wir bringen Marken zum Leuchten“). Geschmacklosigkeit trifft es nicht: es ist nach einschlägiger und gängiger Rechtsprechung eine Beleidigung.

Das Bild hängt an einer Plakatwand. Auf Plakatwänden heischen Firmen um Aufmerksamkeit beim Kunden. Und der konsumkonditionierte Betrachter erwartet hier Kaufempfehlungen.

Ich habe schon bei vielen trostlosen und langweiligen Plakaten verzweifelt den Kopf geschüttelt, wenn viel Aufwand für nichts getrieben wird.

Aber dieses hier?

Ich kann mich an keine Werbung erinnern, die so schlecht war und auf einem einzigen Bild so viele Regeln der Kommunikation und des Anstandes verletzt.

1. Beleidige Deine Kunden nicht

Klar, Werbung soll im ersten Schritt individuelle Aufmerksamkeit erregen, um dann im zweiten Schritt das Interesse und die Gunst des Betrachters zu gewinnen. Der erste Schritt ist hier mutig getan. Aber gewinne ich die Gunst meiner Mitmenschen, wenn ich ihn beleidige? Der Betrachter steht vor einer überlebensgroßen Beleidigung. Der Stinkefinger ist die zentrale, laute Botschaft des Plakates und erstickt jegliches Interesse am weiteren Inhalt des Plakates.

2. Werbe nicht mit dem Gegenteil Deiner Aussage

Abgebrühte Betrachter mögen sich das Plakat dennoch näher ansehen. In Leserichtung von oben links nach rechts unten lernt der Zeitgenosse

„Herstellergarantie braucht Vertragswerkstätten“

Der deutsche Sprachgeist hätte freut sich über ein Satzendezeichen, vulgo „Punkt“ gefreut. Nun dienen Satzzeichen dazu, eine Aussage zu strukturieren und ihren Wesensgehalt herauszustellen.

Was ist aber was ist der Wesensgehalt dieses Plakates?

Richtig!

Herstellergarantie braucht keine Vertragswerkstätten. Oder so ähnlich. Oder doch?

Wer ist Hersteller von was? Welche Verträge mögen gemeint sein und binden welche Werkstätten? Und was wird in den Werkstätten eigentlich gewerkelt? Und ist „Garantie“ oder doch eher „Gewährleistung“ gemeint? Und was wird eigentlich garantiert?

3. Verrate, was du verkaufst

Viele Fragen treiben den nachdenklichen Zeitgenossen um. Er versucht herauszufinden, um was es eigentlich geht.

„Schluss mit den Märchen!“

brüllt die Plakatwandwand, sogar mit einem passenden Satzendezeichen in Form eines Ausrufezeichens.

Und erklärt auch gleich was das Märchen ist:

„Inspektion nach Herstellervorgaben ab €149,99*“

Aber was ist das Märchen? Und warum soll damit Schluss sein? Märchen sind Prosadichtungen, die von wundersamen Begebenheiten erzählen. Sie sind anerkanntes immaterielles deutsches Kulturerbe.

Autoteile Unger wirbt mit Stinkefinger.

Autoteile Unger wirbt mit Stinkefinger.

Und damit soll jetzt Schluss sein?

Sie ahnen es schon: Mit Märchen ist nicht die „Inspektion nach Herstellervorgaben ab €149,99*“ gemeint.

„A.T.U.“ bietet ganz im Gegenteil genau das an! Da muss man erst mal drauf kommen.

Sternchen und Sterntaler

Übrigens ist Inspektion eine Nachschau. Mit Ersatzteilen hat das zunächst einmal gar nichts zu tun. Und ob in den ATU-Werkstätten tatsächlich zu allen marktgängigen Autos die passenden Diagnoserechner zur Verfügung stehen und fachgerecht bedient und ausgewertet werden können? Man weiß es nicht.

Ich unterbreche an dieser Stelle, um darauf hinzuweisen, was die werbetreibende Firma macht, wenn sie nicht gerade mit grottenschlechter Werbung Kunden verschreckt. „Autoteile Unger“ verkauft und montiert Ersatzteile für Autos.

Hätten Sie’s gewusst?

Wer das Logo mit dem stilisierten Auto in den Buchstaben A.T.U. nicht kennt, wird es nicht hier nicht erfahren. Es ist überhaupt nicht von Autos die Rede.

Und was „A.T.U.“ erreichen will, bleibt völlig im Verborgenen: „Autoteile von Unger: so sicher wie das Original!“ hätte Licht ins Dunkel gebracht.

Haben Sie das kleine Sternchen bei den „€149,99*“ gesehen? Kleine Sternchen auf großen Plakatwänden sind immer von Übel, weil sie meist zu Erklärungen und Einschränkungen führen, die noch kleiner sind.

Das ist hier nicht anders. Der kleine Text rechts unten füllt eine DIN A5 Seite knapp zur Hälfte und ist wahrlich ein Märchen, das mutmaßlich kein immaterielles Kulturerbe wird.

Aber diese Plakatwand wird in den Werbefachschulen vielleicht doch noch Leben danach haben: als abschreckendes Beispiel.

Übrigens hatte sich „Autoteile Unger“ schon im Januar 2018 gegenüber dem Österreichischen Werberat verpflichtet, dieses Werbemotiv nicht wieder zu verwenden.

Gesehen in Hamburg Poppenbüttel am 9. Januar 2019

Update 18. Januar 2019

Ich habe Post vom Deutschen Werberat bekommen.

Ich zitiere aus der Antwort auf meine Beschwerde:

Sie (die Stinkefinger-Werbung) verstößt gegen die Grundregeln der kommerziellen Kommunikation des Deutschen Werberates. … Nach Ansicht der Werberatsmitglieder demonstriert die großformatige, statische Visualisierung des gestreckten Mittelfingers im öffentlichen Raum ein aggressives und unsoziales Verhalten, das … zur Nachahmung animiert.

Die Firma Autoteile Unger hat, um einer öffentliches Rüge zuvorzukommen auf eine weitere Verwendung dieses Motivs verzichtet.

Mal sehen, wie lange dieser Schwur dieses mal hält.

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Folter ist schön!