Auf dem Michel über den Wolken

Mit dem Fahrstuhl über die Wolken

1. Januar 2020. Die Qualitätskollegen der schreibenden und sendenden Medien verkaufen ihren Lesern und Hörern dieses Jahr als den Beginn der 20er des 21. Jahrhunderts. Das ist natürlich Quatsch, weil 2020 nicht der Beginn der 20er ist, sondern das Ende der 10er.

Egal, nach erholsamen Schlaf erwachen wir nach einem entspannten Abend mit Freunden an einem frischen Mittag bei -2°C. Die Sonne lockt uns zu einem Neujahrs-Spaziergang. Unser Ziel ist die Hafencity oder der Hafen. Mal sehen, wo wir einen Parkplatz finden.

Wir finden einen schon an der Außenalster. Statt „carpe diem“ gilt jetzt „carpe locus automobilis“. Wir würgen unsere Blechliesel in die Lücke und reihen uns in den Strom der nach Tausenden zählenden Schar ein, die unsern aufgestauten Fluss bei prächtigen Wetterverhältnissen umrunden.

Hamburger auf Neujahrsspaziergang

Es sind wirklich Tausende, deren Spaziergang an eine Völkerwanderung erinnert.

Wir steigen über zerbrochene Flaschen, die wohl vor ein paar Stunden als Startrampe für Raketen gedient haben mögen. Böller- und Batteriereste säumen den Weg und die Grünanlagen. Ein verbeultes Gitter zeugt von dem vergeblichen Versuch eines vielleicht betrunkenen Autofahrers, die buchstäbliche Kurve zu kriegen. Hoffentlich hat er auf dem Weg in die Botanik keinen unbeteiligten Silvesterfan erfasst.

Der Hamburger Michel ist im Nebel nur schemenhaft zu erkennen. Michel über den wolken

Der Hamburger Michel ist im Nebel nur schemenhaft zu erkennen.

Beim Blick nach Westen komme ich ins Grübeln:war da etwa Alkohol in den Getränken der Feier? Jedenfalls wächst unser „Telemichel“* aus einer psychodelischen, orange eingefärbten Wolke in den Himmel. Das macht er doch sonst nicht. Und wo ist unser „Michel“? Ich entdecke den neobarocke Turm schemenhaft, als wir zu unserem Auto zurückgehen.

Türme aus dem Nichts

Auch er steht nicht etwa erdverbunden an seinem angestammten Platz, sondern schwebt gleichsam in der Luft. Ein Mirakel? Ein Menetekel? Ist das schon das Ende?

Hinter dem Turm baut sich eine bedrohlich grau-schwarze Wolke auf. Es ist wirklich ein spektakulärer Anblick, der eher an Weltuntergang als an einen entspannten Start in ein friedliches Neues Jahr denken lässt.

Anderseits: Unten Wolken und Nebel und die Aussichtsplattform darüber? Das schreit nach spannenden Fotomotiven.

Also rein in den Dieselstinker und ab zur „Englischen Planke“, der Postadresse unseres Wahrzeichens e.h. Das offizielle Wahrzeichen der Stadt ist seit einigen Jahren die Elbphilharmonie.

Michel über den Wolken

Nach einer Fahrzeit, die alle öffentliche Verkehrsmittel alt aussehen lässt, erreichen wir eine der 5 Hauptkirchen Hamburgs: St. Michaelis. Das ist der offizielle Name für den „Michel“. Wir schreiten durch das Tor, über dem der Heilige Michael seit über 100 Jahren das Böse tötet. Am Ticketschalter für den Turmaufstieg kaufen wir eine Eintrittskarte für den Turm. Der Spaß kostet € 5,00 und beinhaltet eine kräfte- und zeitschonende Fahrstuhlfahrt.

Der Telemichel und ein Hochhaus ragen aus dem Wolkenmeer heraus. Michel übe den Wolken

Der Telemichel und ein Hochhaus ragen aus dem Wolkenmeer heraus.

In 106m Höhe öffnet sich nicht nur die Fahrstuhltür sondern such ein Ausblick, der mir ein ehrfürchtiges hanseatisches „Oha, Alter Schwede“ abringt:

Michel oder Elphi

Hamburg mit seinem Häusermeer, den Straßengewirr und geschäftigen Treiben im Hafen ist weg! Verborgen unter etwas, was Nebel sein kann oder Wolken. Ich bin kein Meteorologe, der in 106m Höhe eine Nebelbank von einer inversen Wetterlage oder verirrten Woken unterscheiden kann. Es sieht bedrohlich aus, und spannend. Es wogt und brodelt. Türme verschwinden und werden wieder sichtbar. Die Abendsonne haucht die Szene mit einem zarten Rosa an.

Der Turm der Nikolaikirche trotz den anstürmen Wolkenbänken. Michel übed den Wolken

Der Turm der Nikolaikirche trotzt den anstürmenden Wolkenbänken.

Die Elbphilharmonie in bedrohlichen Wolken

Aber das muss ich auch nicht, um begeistert die surreale Sicht auf die „Tanzenden Türme“, die Türme der Stadt und die nur noch mit einem zaghaften Zacken sichtbare Elbphilharmonie zu fotografieren: der „Michel“ rules! Er ragt eindeutig höher aus dem Gewaber aus Wolken und Nebel als die „Elphi“! Um den Prachtbau dem vielfach berühmten Konzertsaal brodelt eine schwarz-graue Masse, die von der Abendsonne mit einem versöhnlichen Rosa angehaucht wird

Die Kräne der Neubaugebiete in der „Neuen Mitte“ in Altona ragen nur noch mit ihren Auslegern aus einer bedrohlichen grauen Wolkendecke.

Nur noch die Ausleger der Neubaugebiete sind sichtbar. Michl über den Wolken

Nur noch die Ausleger der Neubaugebiete sind sichtbar.

Solche Bilder bieten sich nur alle Jubeljahre, und dann ist es zweifelhaft, dass ich davon etwas mitbekomme. Ein paar Kilometer stadtauswärts ist von dem Nebel nämlich schon nichts mehr zu sehen. Wohl dem, der in Hafennähe wohnt und diese Wetterlagen hautnah erleben kann.

Die Besucher auf der Aussichtsplattform sind verwirrt und begeistert. Nur wenige Fotofreunde haben die Gunst der Stunde erkannt. Das sensationelle Wetterphänomen wird überwiegend von den Kameras in den Mobiltelefonen eingefangen und in die Welt der Freunde und Verwandten versendet.

schwarze und graue Wolkenbänke umtosen die Elbphilharmonie. Michel über den Wolken

Schwarze und graue Wolkenbänke umtosen die Elbphilharmonie.

Die Kollegen von Presse, Funk und Fernsehen verpassen das Ereignis. Sie berichten nur von einer Wetterwarnung des Deutschen Wetterdienstes, wonach in Hamburg mit Nebel und Sichtbehinderungen zu rechnen sei.

Falsch, der Nebel behindert die Sicht nicht, sondern eröffnet buchstäblich herausragende Ansichten. Zumindest in 106m Höhe über den Wolken.

Die Aussichtsplattform ist über dem Wolkenmeer Michelüber den Wolken

Die Aussichtsplattform ist über dem Wolkenmeer

Lust auf überwältigende Landschaften? Begleiten Sie mich zu den Landschaften in Marokko!
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* Telemichel ist der Spitzname für den Hamburger Fernsehturm. Offiziell heißt er „Heinrich Hertz Turm“. Heinrich Hertz war ein Hamburger Jung, ohne dessen Arbeiten zu elektrischen Wellen unsere Kommunikation wohl noch immer mit Rauchzeichen und Flaggensignalen von statten ginge.