AIDAcara im Sturm

AIDAcara im Sturm

Der Sturm überrascht uns nicht, nur hatten wir ihn am Kap Horn erwartet. Jetzt schicken uns Sturm und Brandung schon 2.000km nördlich auf eine Achterbahn. Seit fast drei Tagen rockt der Atlantik und zeigt uns, was eine Harke ist. Windstärke 8-9 Beauforts, Wellenhöhe 5m bis 8m. Gischt, die der Sturm von den Wellenbergen abreißt und in lebendigen Streifenmustern über die graue See treibt. Und das alles bei meist blauen Himmel.

Es ruckelt und kracht und scheppert. (Sehen Sie sich dazu dieses Video an.) Man glaubt, der Käp’t’n steuert die Cara über Bande. Ab und an kracht das Schiff gegen eine Wasserwand, bei der es kein Durchkommen gibt. Dann steht die AIDAcara für einen Moment, schüttelt sich, neigt dann den Bug ins Tal. Das Heck wächst nach oben und weckt unschöne Erinnerungen an das Ende einer bekannten Jungfernfahrt. Manchmal kracht die AIDAcara bei ihrer Talfahrt auch schon auf die nächsten Wellenberge. Dann muss man schnell das wichtigste vor dem Absturz retten (die Weingläser).

Die Besatzung leistet bewundernswerte Dienste. Reinigung, Kochen und Schadensbeseitigung laufen reibungslos. Die Passagiere sind überwiegend resistent gegen Seekrankheit. Sie futtern und schlucken, als sei nichts los. Allerdings wissen wir nicht, wie es den Passagieren geht, die nicht im Restaurant, an Deck oder in den Aufenthaltsräumen sind. In den Treppenhäusern hat die Besatzung Spucktüten aufgehängt, für den Fall, dass es jemand nicht bis aufs Klo schafft.

AIDAcara Sturm Blick aus der Kabine

Für solche Aussichten auf die stürmischen See liebe ich die Seeblickkabinen auf den unteren Decks.

In der Showtruppe gibt es hingegen eine Menge Landratten. Infolge Seegang-geschuldeter Ausfälle entfällt das Showprogramm. Dafür zeigt das Kino in der AIDAcara den Streifen: Titanic. (Das mit dem Kino stimmt, aber der Film heißt irgendwie anders.)

Ausflüge zum Filme und Fotografieren gestalten sich zur Herausforderung, es ist schwer, sich auf den Beinen zu halten. Laternen und Geländer geben Halt.

Die AIDAcara sendet bei ihrem Streit mit den Elementen unüberhörbare Signale maritimen Unwohlseins. An das Ächzen, Jammern, Poltern und Stöhnen haben wir uns schnell gewöhnt und sitzen auf Deck 9 und lesen (und schreiben). Unten soll laut Kapitän das schlimmste vorbei sein. Halte ich für eine Propagandalüge: schlimmer geht immer!

AIDAcara Sturm kochende See

Das Kreuzfahrtsschiff AIDAcara wühlt sich durch die kochende See auf dem Weg zum Kap Horn.

Unten, in unserer Kabine auf Deck 4 lugt der Südatlantik schon mal in die Kabine. Manchmal zieht er sich auch zu einem Tal zurück, dann blicken wir 10m in die Tiefe und hoffen, dass die AIDAcara mindestens das Seepferdchen gemacht hat. Hier oben auf Deck 9 ist – was sonst – die Bar. Über der Theke hängen die Gläser in Schienen und begleiten jeden Wellencrash mit markerschütternden Klirren. Glockenspiel ist anders, es klingt eher wie eine verstimmte Glasharfe. Außerdem gibt es hier eine kleine Bibliothek, und es sehr gemütlich und unterhaltsam, beim Lesen gelegentlich durch die Fenmster auf die tosenden Elemente zu werfen und sich entspannt zurückzulehnen: „Uns kann keiner.“

Das Gehen ist sehr spannend bei Seegang: mal sind die Schritte schwer wie Blei, dann huscht man gleichsam schwerelos die Stufen hoch. Der ondulierte Gang ist den Schiffsbewegungen geschuldet, nicht etwa den Cocktails.

AIDAcara Sturm Brecher

Die AIDAcara kämpft sich durch 8m hohe Brecher im Südatlantik.