AIDAcara Grönland

Stand 10. September 2018 – Fortsetzung folgt

Mit der AIDAcara nach
Schottland, Island und Grönland

Wir haben uns wieder für eine Kreuzfahrt abseits der Standardrouten entschieden. In 21 Tagen von Hamburg über Schottland, Island, Grönland, die Shetland-Inseln nach Hamburg. Der Kurs ist beliebt. Die AIDAcara absolviert den Kurs dreimal hintereinander. Wir haben die letzte Runde im September gebucht.

Informationen im Vorfeld

Auf der AIDAcara gibt es eine Webcam. Ihre Bilder sind zusammen mit dem aktuellen Wetterbericht online abrufbar. Wir stimmen uns schon mal ein und begleiten die AIDAcara auf ihrer 3-Länder-Tour. So erfahren wir, auf welche Temperaturen und Wetterverhältnisse wir uns einstellen müssen. Und wir erfahren, welche Schiffe gleichzeitig mit der AIDAcara im jeweiligen Hafen liegen. Besucher auf Wetter-Cams liefern weitere Informationen.

Es sieht alles sehr kommod aus. Die See sieht aus wie ein friedlicher Ententeich. Sogar die Temperaturen in Grönland muten angesichts der sommerlichen Temperaturen in Hamburg wie ein Sehnsuchtsort an. Ein Schock ereilt uns, als die AIDAcara in Invergorden auf die MSC Meraviglia trifft: über 5.000 Passagiere und mehr als 1.500 Mann Besatzung in einem Ort, der knapp 4.000 Einwohner hat! Wer macht denn so was?! Zum Glück wiederholt sich solche Situation in den folgenden Häfen nicht.

Dieser Klinkerbau am Hauptbahnhof beherbergt u.a. die Zentralbibliothek. Im Keller ist der Flohmarkt Grönland

Dieser Klinkerbau am Hauptbahnhof beherbergt u.a. die Zentralbibliothek. Im Keller ist der Flohmarkt

Die Webcam zeichnet ein sehr entschleunigtes Bild, man kann auch sagen: Küsten, Häfen und See wirken sehr langweilig. Gut zu wissen: wir decken uns mit einigen Büchern aus dem Keller der Zentralbibliothek der Hamburger Öffentlichen Bücherhallen (HÖB) ein. Dort, in dem prächtigen Klinkerbau (dem Hühnerposten) am Hauptbahnhof, kann man jede Menge Bücher für je einen Euro kaufen. Was man während der Reise durchgelesen hat, bleibt als Spende in der Bordbibliothek.

Kreuzfahrtterminal Steinwerder
An- und Abreise

Die AIDAcara legt am neuen Kreuzfahrtterminal in Steinwerder an. Das ist j.w.d., am verlängerten Rücken des Hafens. Er ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht zu erreichen. Taxen und Shuttle-Busse übernehmen den Transport.

Von einem lauschigen Spaziergang von den Landungsbrücken durch den Alten Elbtunnel zum Terminal rate ich ausdrücklich ab. Auch wer nur leichtes Gepäck mit sich führt, ist urlaubsreif, wenn er das Terminal schließlich erreicht. Steinwerder ist die Pest und eine der unglücklichsten Entscheidungen des ansonsten hochwohlweisen Senats der Freien und Hansestadt Hamburg.

Tipp am Rande: wer nervige Wartezeiten und Verzögerungen nach der Ankunft des Schiffes vermeiden will, reserviert sich telefonisch ein Taxi. Schon ein paar Stunden vor dem Anlegen kann man zum normalen Tarif telefonieren. Andernfalls wartet man ein paar Stunden auf ein Taxi.

Heute an Bord …

Es ist 8:00 Uhr. Die Koffer sind gepackt. In 10 Stunden legt die AIDAcara ab. Das Thermometer zeigt sommerliche 8°C. Da ist es Grönland gerade wärmer. Grönland als Karibik des Nordens, wer hätte das gedacht?

Heute an Bord,
morgen sind wir fort.

Die Anreise ist ein Familienausflug: Kind und Kegel bringen uns zum Terminal und winken uns zu, bis wir die Brücke zum Schiff betreten und wir uns aus den Augen verlieren.

Unsere Kabine ist noch nicht klar. Wir suchen uns ein schattiges und windstilles Plätzchen auf dem Sonnendeck. Nach und nach trudeln mehr und mehr Gäste ein. Wir beobachten eine lange Reihe von Rundfahrtschiffen. Sie zeigen ihren Passagieren zuerst die „MS Europa“, die am Kreuzfahrtterminal Altona festgemacht hat. Dann fahren sie weiter zur AIDAcara. Reedereien oder Hafenverwaltung können sich das als Vorbild nehmen: wenn die Rundfahrtkapitäne die Kreuzfahrtschiffe besuchen können, warum dann nicht auch ein Shuttle-Schiff von den Landungsbrücken?

Sicherheit und Survival-Kit

Das Sicherheitstraining findet bei angenehmen Temperaturen statt. Die Aussicht auf die Containerbrücken ist mäßig aufregend. Während die Passagiere das Deck in ein orangenes Meer verwandeln, läuft das selbe Band, mit dem selben Text, den jeder AIDA-Gast schon einmal gehört hat.

Von dem Überlebenspaket ist da nicht die Rede. Ich entdecke es, als ich den Schrank für unsere Sachen freiräume und Bademantel, Prospekte und so weiter in entlegene Schubladen verlade.

Es enthält warme Sachen und eine Notration Wasser und Lebensmittel. Es ist wohl für Reisen in die Arktis vorgeschrieben. Ein Hinweis, zusätzlich zu den Rettungswesten auch das Überlebenspaket zur Übung mitzubringen, wäre sicher angebracht gewesen.

Steinwerder hat für Kreuzfahrtgäste wenig zu bieten. Voraus gibt es auf einem hochwassersicheren Hügel einen „Stromspeicher“ zu sehen. Vielleicht werden da alte Akkus aus Elektroautos  weiterverwendet.

Die Kreuzfahrtgäste werden mit Sekt und Organgensaft begrüßt.

Die Kreuzfahrtgäste werden mit Sekt und Organgensaft begrüßt.

Aus dem Pooldeck baut die Besatzung die Bar für den Begrüßungssekt auf. In einige Gläser werden auch alkoholfreie Inhalte ausgeschenkt. Im Hintergrund ist ein Mitarbeiter damit beschäftigt, Sektflasche um Sektflasche zu öffnen. Es ist wohl für alle 1.000 Gäste ein Glas vorgesehen.

Der Tisch mit den Gläsern wäre ein sehr schönes Motiv für den Workshop „Fotografieren an Bord“. Aber der ist erst für einen der folgenden Seetage vorgesehen.

Hell die Gläser klingen,
ein frohes Lied wir singen.
Mädel schenke ein
Es lebe Lieb und Wein
Leb wohl auf Wiedersehn

 

Über der Elbe geht ein glutroter Vollmond auf. Ein Blutmond, wie er im Buche steht.

Über der Elbe geht ein glutroter Vollmond auf. Ein Blutmond, wie er im Buche steht.

Was für eine Nacht!

Von wegen „Ententeich“! Gleich hinter Helgoland zeigte die Nordsee, was man anständigerweise von einem Randmeer des Nordatlantik im Herbst erwarten darf. Schon auf der Elbe hatten die Wolken erst einen herbstlichen Anstrich bekommen, um sich dann zu einer schlichten grauen Decke zusammenzuschließen. Vor Brunsbüttel schaut ein knallroter Vollmond kurz am Horizont hervor. Aber schon nach 10 Minuten ist von dem Blutmond nur ein heller Fleck auf der Wolkendecke geblieben.

Die See beginnt schon bei Cuxhaven kabbelig zu werden. Der Bug der AIDAcara taucht tief in die Wellen ein. Wir werden mal sanft mal nicht so sanft auf die Matratze gedrückt. Manchmal kracht das Schiff gegen eine Wasserwand, verharrt wie ein angeschlagener Boxer kurz, um dann seinen Weg fortzusetzen. Unsere Mägen sind wohlerzogen und nehmen das Geschaukel gelassen. Die Nordsee zeigt sich bockig und widerspenstig. Unser Schiff stampft und rollt in der rauen See.

Wir lieben die Stürme…

Irgendetwas macht Krach. aber was. Auf der Suche nach störenden Lärmquellen taste ich durch die Kabine und werfe einen Blick nach draußen. Auf dem Wasser tanzen weiße Gischtkronen. Die  AIDAcara zaubert einen leuchtenden weißen Teppich. Die Gischt sprüht bis zu unserem Balkon hoch.

Der Seegang kommt zur Unzeit. Ich bin noch nicht an die unsicheren Gegebenheiten eines schwankenden Schiffes gewohnt und bin froh, dass ich die Freuden der Berg- und Talfahrt wieder in der Horizontalen genießen kann.

Wir lieben die Stürme, die brausenden Wogen,
der eiskalten Winde raues Gesicht.
Wir sind schon der Meere so viele gefahren,
und dennoch sank unsere Fahne nicht.

Mit dem Küchenpersonal, das jetzt am frühen Morgen sein Tagwerk beginnt, möchte ich nicht tauschen.

Gegen Morgen wird die See ruhiger und wir fassen noch eine ordentliche Mütze Schlaf.

Zu Beginn des Seetages spinnt der Kapitän eine Rolle Seemannsgarn: Die Nacht sei ruhig verlaufen und hätte keinen Grund zur Klage oder Beunruhigung geboten: vertell, vertell

Über Tag zeigen sich See und Wetter versöhnlich. Die AIDAcara schaukelt nicht mehr als ein ICE. Und die Sonne findet immer wieder ein Wolkenloch. Der Wind weht stramm und zaubert kleine Schaumkronen auf die Wellen.

Der erste Seetag bleibt ereignisarm: kein Schiff, keine Vögel und schon gar keine große Wassertiere. Die Crew versucht die Langeweile totzuschlagen und bietet unter anderem einen Vortrag: Der Norden Schottlands. Er dämpft die Erwartungen: aufregend und interessant wird es wohl nicht.

Schiff auf hoher See
Rings um uns her
nur Wellen und Meer
ist alles, was ich seh.

Invergordon

Wer bei „grauer Stadt am grauen Meer“ an Husum denkt, war noch nicht in Invergordon, eine Stadt, die der Gründer nach sich selbst genannt hat. Wir erreichen die Pier pünktlich. Kleine Häuser kuscheln sich um eine Kirche. Ihr Turm wird überragt von mehreren Bohrinseln.

In Invergordon findet eine Gesichtskontrolle statt: jeder Gast muss sich mit Pass und Bordkarte den Behörden vorstellen, bevor er auch nur zum Frühstück geht. Na gut – die Regeln sind hier so. Hintergrund, fama dicit, ist die Tatsache, dass Sachsen kein sicheres Herkunftsland ist. Darum müssen die Sachsen bis zum Auslaufen der AIDAcara im Ankerzentrum Krabben pulen.

Invergordon ist ein wichtiger Stützpunkt für die Wartung und Versorgung der vielen Plattformen für die Öl- und Gasförderung in der Nordsee. Allerdings werden hier keine Bohrinseln gebaut. Die aufragenden Masten der Bohrinseln künden nicht vom Aufbau der stählernen Insekten, sondern von deren Abriss. Invergordon ist ein bekannter Ort für das Abwracken ausgebrauchter Bohr- und Förderinseln.

Und es mittlerweile eine bekannter Hafen für Kreuzfahrtschiffe. Der örtliche Dudelsackverein begrüßt und verabschiedet die Kreuzfahrtschiffe. Bis Ende August hat der Hafen bereits über 100 Anläufe von kleinen, großen und sehr großen Kreuzfahrtschiffen verzeichnet. Entsprechend routiniert ist die Organisation der Ausflüge.

Ausflug „Highlights von Invergordon“

Wir haben den Ausflug „Highlights von Invergordon“ gebucht. Der Ausflug dauert 8 Stunden. An drei Orten gibt es eine längere Pause. Wer seine Gewichtszunahme nicht unterbrechen will, sollte das wissen. Es gibt weder auf der Fahrt eine Mahlzeit, noch bekommt der Ausflügler ein Lunchpaket.

Wir nehmen uns zwei Brötchen vom Frühstück und eine Flasche Wasser mit. Die Zeit auf den Ausflügen ist zu kostbar, als dass wir sie mit Restaurantaufenthalten vertrödeln möchten. Wir wollen viel sehen. Viel und gut essen können wir auch an Bord.

Schottischer Guide

An Land begrüßt uns ein original schottischer Mann, der auf seinem Sack dudelt. Abends kommen noch ein paar seiner Freunde aus dem örtlichen Dudelsackverein dazu.

Der Ausflug steuert drei Sehenswürdigkeiten an: Inverness, die selbsterklärte Hauptstadt der Highlands, Cawdor Castle, mit einem sehenswerten Garten und Urquhart Castle am Loch Ness.

Unser Guide ist Schotte und tut das durch entsprechende Kleidung auch kund. Sein gutes Deutsch verdankt er einem 9 Jährigen Aufenthalt in Deutschland. Auf den Weg zu den Sehenswürdigkeiten erfahren wir viele Einzelheiten über Land, Leute und Geschichte des Landes. Sein Wissen und seine Bereitschaft, uns daran teilhaben zu lassen, überfordert mich nach einer Weile. Die Geschichte der Schotten ist mir weniger geläufig als die des alten Persiens oder Ägyptens. Ich nehme einige Eckpunkte mit und werde wohl zu Hause meine Wissenslücken ein bisschen schließen.

Landschaft und Dörfer

Nach und nach überwiegt das Interesse an Orten und Landschaften meinen Wissensdurst. Beeindruckend ist das saftige Grün und die großen Getreidefelder. Klar, wo Whisky gebrannt wird, braucht es Getreide.

Ich sehe keinen Mais. Die Häuser sind klein und selten höher als 1 Stockwerk, gebaut aus Steinen, die aus den umliegenden Äckern zu stammen scheinen. Auch die Neubauten, von denen sehr viele entstehen, nehmen die Formensprache der alten Häuser auf. Und die Landschaftsgärtner setzen um die Gärten die gleichen Steinmauern mit dem selben komplizierten Mustern wie ihre Vorfahren. Alles in allem vermittelt die Fahrt den Eindruck einer sehr fruchtbaren und lieblich sanften Landschaft.

Urquhart Castle

Der erste Halt ist Urquhart Castle am Loch Ness. Das Schloss wurde von der eigenen Besatzung gesprengt. Der Feind sollte keinen Nutzen aus einer Eroberung ziehen. Die Überreste sind besucherfreundlich aufbereitet. Die Wege auf dem bemerkenswert großen Gelände sind hervorragend: Der Belag ist rutschfest, die Treppen bieten keine Stolperfallen.

Viele Informationstafeln geben auf englisch und gälisch Auskunft über den einstigen Zweck der Gebäude. Die eher künstlerische Interpretation wird ergänzt durch Fotos von archäologischen Funden.

Viele Gebäude und Flächen sind den Besuchern zugänglich. Selbst an einem Dienstag Ende August herrscht dort ein ziemliches Gedränge. Die engen Wendeltreppen erfordern Rücksichtnahme und Absprachen. Zwei Besucher mit Rucksäcke haben sehr große Schwierigkeiten, aneinander vorbei zu kommen.

Inverness

Auf der Fahrt nach Inverness erfahren wir einige Daten (Länge, Tiefe, Temperatur u.s.w.) über das Loch Ness. Freundlicherweise streift unser Guide das „Ungeheuer“ nur am Rande.

In Inverness hält unser Bus neben der Kathedrale, wir werfen einen kurzen Blick hinein. Uns fallen ein optisch sehr dominanter Lettner auf, sowie das hölzerne Tonnengewölbe. Es ist schlicht und weist keine Malereien auf. Für einen Stadtrundgang ist der Aufenthalt von 60 Minuten zu kurz. Darum streifen wir ohne rechtes Ziel an dem Caledonian Kanal entlang, der den Schiffen einst den gefährlichen Weg um den Norden Schottlands erspart hat und vom Loch Ness zur Westküste Schottlands führt. Am seinem Ufer reiht sich Hotel an Gästehaus an Hotel. In der Einkaufsstraße preist sich die Royal Army als unterhaltsamer Arbeitgeber an. Das Rathaus steht mit gehöriger Luftverdrängung im Stadtbild. Über allem thront eine Burg. Es gibt viele Blumenampeln, die dem Stadtbild eine freundliche Leichtigkeit verleihen.

Cawdor Castle

Von Inverness fahren wir zum Cawdor Castle. Es sieht aus, wie man sich ein Schloss vorstellt. Ein Palast, ein wuchtiger Turm mit kleinen Ecktürmchen und etwas, was man in einer Anlage, die ihre Besucher mit einer Kanone begrüßt, nicht erwartet. Ein Naturgarten zum Hinknien.

Besucher von Cawdor Castle warten vor dem Schloss Grönland

Besucher von Cawdor Castle warten vor dem Schloss

Wir folgen der Wegweisung und gehen zunächst durch die Räumlichkeiten. Die Ausstattung sieht aus, als hätte der Besitzer sich von den Nachlässen seiner Altvorderen nicht trennen können, macht aber einen gemütlichen, typisch englischen Landadel-Eindruck. Viele Gobelins, Sitz- und Liegemöbel aus verschiedenen Epochen und Gemälde von vorherigen Bewohnen. Es waren erstaunlich wenig weibliche darunter.

Dennoch ist der Besuch von Cawdor Castle mein persönliches Highlight, und zwar wegen der Gartenanlagen. Meine Empfehlung: sparen Sie sich das Schloss und gehen gleich in den Garten.

Garten von Cawdor Castle

Wildblumen im Garten von Cawdor Castle

Wildblumen im Garten von Castor Castle

Cawdor Castle Zwei Bänke unter einem großen Ahorn laden zur Rast

Cawdor Castle Zwei Bänke unter einem großen Ahorn laden zur Rast

Blumen in einer Pracht und Komposition, wie man sie bestenfalls in gelungenen Gartenschauen sieht. Dazwischen weite, offene Flächen, wie sie klassischer englischen Gartenarchitektur entsprechen. Wir sehen Kaskaden von Blumen, Beete mit kontrastierenden Blüten. Koniferen und Bäume bilden überraschende Blickachsen auf Beete und – natürlich das Schloss.

Unser Bus erreicht das Schiff mit ein paar Minuten Verspätung. Hinter mir baut die Crew die Gangway ab: uff, nochmal Glück gehabt 🙂

Beim Abschied gibt der örtliche Dudelsackverein ein kleines Abschiedskonzert. Die AIDAcara legt ab und gleitet durch den Moray Firth hinaus zur Nordsee. Die untergehende Sonne taucht die – bescheidene Steilküste in stimmungsvolles Orange.

Wir gehen zum Abendessen und lauschen der Ansage des Kapitäns, der für die kommende Nacht starken Seegang ankündigt.

2. Seetag Färörer Inseln

Ich habe es gewußt: der erste Schluck an Bord gehört Neptun! Ich stand beim ersten Schluck an der Bar und konnte nicht gut einen Schluck in die See spucken. Und was is‘? Neptuns Rache folgt auf den Fuß: Sturm, Schaukeln, Rollen und Stampfen!

Eine kräftige Brise und entsprechende Wellengang begleiten uns durch die Nacht. Über Tag wird der Wind stärker. Der Kapitän fährt die Stabilisatoren aus, um das Rollen des Schiffes zu verringern. Dennoch knabbern einige Gäste beim Mittagessen an Pillen gegen Seekrankheit. Das Einerlei von Wolken und Wasser wird heute durch die Vorbeifahrt an der Inselgruppe der Färörer unterbrochen. Wir haben Glück und nähern uns der Inselgruppe auf 4km, während Sonne und Wolken abwechslungsreiche Muster auf die Flächen zaubern. Einige Stellen sind sehr steil und abweisend. An einer Stelle, mitten im karstigen Umfeld entdecke ich eine kleine Siedlung mit einem Kirchturm. Im Norden gibt es ein sehr hohes Kap. Es ist Kap Enniberg und mit 754m das höchste senkrecht abfallende Kliff der Welt. Es ist so hoch, dass es im oberen Drittel von Wolken umkränzt ist.

Der steife Wind vertreibt, nachdem wir die Inseln passiert haben, die meisten Gäste unter Deck. Ich schließe mich da an. Das gleißende Nichts des Wassers und die ewig gleichen Wolken zu fotografieren, verliert dann doch an Reiz, obwohl manchmal sogar ein schöner Regenbogen dabei war.

Seydisfjordur

Nach gewohnt ruppiger Fahrt erreichen wir Seydisfjordur.

Die Kirche von Seydisfjordur in Island ist hellblau gestrichen.

Die Kirche von Seydisfjordur in Island ist hellblau gestrichen.

Regenbogen zur Kirche in Seydisfjordur Island Grönland

Regenbogen zur Kirche in Seydisfjordur

Mit uns liegt ein weiteres Kreuzfahrtschiff in Hafen von Seydisfjördur . Die „Pacific Princess“ liegt auf Reede. Darum müssen die Passagiere mit Tenderbooten an Land gebracht werden. Die AIDAcara liegt direkt am Pier. Wir müssen zwar die klapprige Hühnerleiter der Gangway hinunterwackeln. Aber das ist unterm Strich bequemer als auf ein Boot zu warten, überzusetzen und dann bei der Rückkehr wieder auf das Boot zu warten.

Seydisfjördur – Rundgang

Unser Ausflug „“Sey01: Naturreservat Skálanes beginnt erst gegen Mittag. Darum nutzen wir die Zeit, und machen eine kleine Erkundungstour durch den Ort.

An Bord findet eine Brandschutzübung für die Besatzung statt. Die Durchsagen schallen über den ganzen Ort und begleiten uns auf unserem Rundgang.

Es ist ein frommer Irrtum der Kreuzfahrtgäste, dass die Besatzung im Hafen Freizeit hat.

Seydisfjördur ist ein wirklich kleines Städtchen, eigentlich eher ein Dorf. Aber es hat mit der Seydisfjardakirkja eine markante, hellblaue Kirche, eine Schule, eine Jugendherberge, eine Kunstgalerie und eine Vielzahl von Hotels, Gästehäuser und Restaurants.

Ein provokant in Regenbogen gestrichener Weg führt geradewegs zur Kirche. Wir sehen Fabriken zur Fischverarbeitung und für Fischmehl.

Und in der Bischofsstraße gehen wir an sehr schön symmetrisch gebauten einstöckigen Bürogebäude aus Holz vorbei. Es beherbergt so ziemlich alle Dienste, die man als Bürger nachfragt: Sozialstation, Arbeitsamt, Kindergarten, Polizeiwache und Wahllokal. Selbstverständlich findet der Bewohner von Seydisfjördur einen Supermarkt und eine Möglichkeit, alkoholische Getränke einzukaufen.

Ausflug Naturreservat Skálanes

Der Bus sieht merkwürdig aus: hochbeinig und robust. Es befindet sich zwar vorne das Markenzeichen eines bekannten Herstellers, aber ich habe den Eindruck, dass das Gefährt in Handarbeit aus Beutepanzern zusammengeschraubt wurde.

Der Guide ist Isländer und erklärt uns die Welt auf englisch. Eine AIDA-Mitarbeiterin übersetzt – sehr zum Leidwesen vieler Gäste.

Als erstes erklärt uns der Guide, warum der Bus erstens keine wirksame Klimaanlage hat (Ich vergaß zu erwähnen, dass die Temperaturen bei knackigen 15°C liegen, am Fenster natürlich mehr.) und zweitens deswegen so hochbeinig ist, weil es auf dem Weg zum Naturreservat Skálanes zwar einige Wasserläufe gibt aber keine Brücken. Unser Bus muss also die Hosenbeine hochkrempeln und auf eigenen Rädern durch.

Lupinen und Ausgrabungen

Wir verlassen Seydisfjordur und kommen auf dem Weg zum Naturreservat Skálanes an weiten Feldern mit Lupinen vorbei. Der Guide erklärt, dass die Aussaat der Kanadischen Lupine der Versuch war, die Bodenerosion zu stoppen. Hintergrund der Erosion ist vor allem der starke Wind und das Fehlen von Vegetation. Die ersten Siedler, die kulturlosen Schlagetots aus Norwegen (Wikinger) trieben ihr Vieh in die Wälder. Dort verbissen die Schafe und Ziegen die Schösslinge, was, so unser Guide, infolge Nachwuchs zum Absterben der ursprünglich wohl mal sehr dichten Bewaldung geführt hat.

Wie immer, wenn Menschen versuchen, die Fehler vorheriger Generationen zu heilen, ging auch die Aussaat der Lupine schief. Die Pflanzen erwiesen sich als sehr aggressiv und verdrängten die mancherorts noch vorhandene heimische Vegetation.

Es gibt einen kurzen Halt an einer Ausgrabungsstätte. Zu sehen ist wenig bis nichts. Wir sind auf die Worte des Guides angewiesen. Wenig später quert der Bus dann, wie angekündigt, ein paar sehr steinige Wasserläufe. An einem kleinen Häuschen, vor dem zwei dekorative Hütten stehen, steigen wir aus und machen Platz für die vorherige Gruppe. Sie fährt jetzt wieder zurück zum Schiff. Die Hütte ist der Ausgangspunkt für die Wanderung durch das Naturreservat. Es ist eher ein kurzer Spaziergang. Nach knapp 300 Metern erreichen wir das Ziel: eine Plattform vor einem steilen Kliff, einem idealen Vogelfelsen. Auch hier sind wir auf die Erklärungen des Guides angewiesen. Es gibt keine Tafeln mit Bildern und Texten. Im Grunde genommen müsste es die Plattform gar nicht geben. Man sieht auf ihr auch nicht mehr als ohne sie.

Am Vogelfelsen

Trotz der abgelaufenen Brutsaison sind noch viele Vögel auf den Felsvorsprüngen zu sehen, die sich immer wieder aufs Meer begeben. Die meisten Vögel sind jetzt bei den Kreuzfahrtschiffen. Von Deck aus habe ich mehr dieser schnellen Segler gesehen als beim Vogelfelsen. Auf dem Rückweg zum Ausgangspunkt des kurzen Spaziergangs begegnet uns die nächste Gruppe erlebnishungriger Ausflügler. Im Gänsemarsch trotten wir aneinander vorbei.

In der Hütte warten wir auf unseren Bus. Während der Wartezeit bekommen wir Kaffee sowie süßes und herzhaftes Fingerfood.

Der Ausflug ist eine einzige Enttäuschung. Die Höhepunkte sind die Offroad-Bachquerungen. Man sieht nichts, was man ohne diesen Ausflug nicht auch gesehen hätte.

Akureyi

Über Nacht fahren wir um Island herum und erreichen nach gewohnt stürmischer Fahrt den Hafen. Ich werde das Schaukeln zu hause vermissen. Akureyi begrüßt uns kämpferisch. Ein Info-stand an der Pier erläutert dem ankommenden Kreuzfahrtgast über die Aufforstungen in der Stadt und auf der Insel. Außerdem, und das ist mindestens ebenso wichtig, hat Vodafon auf der Pier einen freien Wifi-Hotspot eingerichtet. Nach Eingabe einer (irgendeiner) eMail-Adresse, kann man 4 Stunden surfen.

Stadtbild von Akureyri

Stadtbild von Akureyri

Akureyi ist eine kleine, aber quirlige Stadt. Ich sehe bemerkenswert viel Bäume, aber es gibt auch viel Gewerbe und Industrie. Es gibt eine Werft und eine Anzahl moderner Häuser. Natürlich thront eine Kirche über der Stadt. Schon von Bord aus sehe ich Architektur, die ich eher in Neubaugebieten in Hamburg erwartet hätte.

In Akureyi sind wir nicht alleine. Neben der AIDAcara liegen hier: die „MS Zuiderdam“, die „MS Serenade of the Sea“ und die „MS Pacific Princess“, die uns seit Seydisfjordur begleitet. Meine Sorge, dass die Gäste sich bei den Sehenswürdigkeiten auf den Füßen stehen, erweist sich als unzutreffend. Unser Ausflug ist eng getaktet, aber ich fühle mich von den anderen Touristen nicht bedrängt oder behindert.

Ausflug Godafoss & Myvatn

Kreuzfahrt ohne Ausflug ist nur eine halbe Sache. Wir entscheiden uns für den Ausflug AKU01: Godafoss & Myvatn. Wir haben Glück mit unserem Guide. Sie weiß die die Zeit zwischen den Haltepunkten mit vielen Informationen zu Land und Leuten zu überbrücken. Darum weiß ich jetzt auch, warum der Godafoss Godafoss heißt.

Der spannendste und eindrucksvollste Stopp ist in einem vulkanisch aktiven Feld. Es befindet sich auf einer Hochebene zwischen karstigen Vulkanresten. Es dampft und brodelt, es blubbert und raucht. Und es stinkt, und zwar nach Schwefel. Eine rechte Hexenküche, für Fotografen ein Traum, für die Tour nur ein Zwischenstopp. Schade, nach 25 Minuten sitzen wir wieder im Bus und steuern ein weiteres vulkanisch geprägtes Ausflugsziel an.

Ausflug in Akureyri zur vulkanschen Hexenküche auf dem weg nach Grönland

Hexenküche

Hier haben wir auch nur einen knapp bemessenen Aufenthalt, der für die Damen beim Toilettenbesuch draufgeht. Besichtigt wird ein Lavafeld, das vor ca. tausend Jahren erkaltete und überraschende Lavaformationen gebildet hat.

Auch der nächste Stopp gilt einem vulkanischen Überbleibsel. Es handelt sich um Pseudokrater, die entstanden sind, als die heiße Lava auf sumpfiges Gebiet und Wasser traf, dieses einschloss und als dann das Ganze zu kochen anfing und explodierte. Dieses ergab dann die Krater.

Ich hätte auf die beiden letzt genannten Stopps gut verzichten können. Wer hingegen Striche auf seiner POI-Liste macht, wird es zufrieden sein.

Der letzte Halt gilt dem unvermeidlichen Godafoss. Wir haben Glück, weil die Nachmittagssonne den Wasserfall wie im Bilderbuch beleuchtet.

Wir begegnen unserem Eisberg an der Südküste von Grönland

Wir begegnen unserem Eisberg an der Südküste von Grönland

 

 

Ein kleiner Konvoi aus vier Kreuzfahrtschiffen verlässt Akureyi. Die „MS Zuiderdam“ startet als erstes Schiff, lässt uns aber aus Gründen, die ich nicht kenne, den Vortritt. Direkt hinter uns fährt die „Serenade of the Sea“. Sie wird uns eine Weile begleiten. Die beiden anderen Schiffe verliere ich aus den Augen.

Voll die 12!

Der Kapitän warnt per Durchsage vor stürmischer See in der kommenden Nacht. Nur die kommende? Macht er Witze? Seitdem wir Helgoland hinter uns gelassen haben, singen die Tellerspender in den Restaurants ihr Klagelied. Windstärke 7 ist unser ständiger Begleiter. Windstärke 8 beschäftigt die AIDAcara an vielen Tagen, 9 und 10 haben uns auch schon in die Polster gedrückt.

Der Wetterbericht scheint heute aber mehr Wind und mehr Wellen als bisher vorherzusagen. Schlimmer geht immer. Darum bittet uns der Kapitän, lose herumliegende Sachen auf Regalen und Tischen gegen Herunterfallen zu sichern. Auch erinnert er uns an die alte Seemansregel: „Eine Hand fürs Schiff, eine Hand für den Mann!“ Das kann ja heiter werden,

Polarkreis-Party

Kurz nachdem wir den Hafen von Akureyi verlassen, überquert die AIDAcara planmäßig den Polarkreis. Das bietet Anlass zu einem besonderen Gaudium. Auf dem Pooldeck versammeln sich die Passagiere hinter der Außenlinie des Basketball-Feldes. Das soll der Polarkreis sein. Vielleicht 300 Gäste haben sich trotz der späten Stunde und ungeachtet des auffrischenden Windes hinter der Linie eingefunden. Ein Mitglied der Bespaßungsgruppe zählt von 10 herunter. Bei „Null“ springen und laufen die Passagiere über den imaginären Polarkreis und erobern im Nu das Buffet und die Bar. Der Kapitän begleitet diesen Moment mit ein paar Fanfaren aus dem Typhon.

Polarlicht

Kurz hinter dem Polarkreis gibt es das erste Nordlicht

Kurz hinter dem Polarkreis gibt es das erste Nordlicht

Wer noch nicht oder nur ganz leicht schläft, kann auf den Fluren eine Durchsage des Kapitäns hören. Es gehört zu den Rätseln der AIDAcara, warum es nicht möglich ist, reisebegleitende Ansagen in die Kabine zu übertragen, ohne den Fernseher laufen zu lassen. Wir wissen zwar nicht, um was es geht: Schiffsuntergang, Nordlichtalarm oder Walsichtung?

Wir gucken einfach mal raus und haben mal wieder Glück. Die Wolkendecke ist aufgerissen, das Mondlicht taucht die Wolkenfetzen und Wogen in schaurig-schönes Licht. Und da ist noch was: ein blasser Schimmer, der nicht zum Mondlicht passen will. Ein Blick durch den Sucher der Kamera offenbart die Lösung: Nordlicht! Zwar nur das fotografische, aber immerhin mehr, als wir überhaupt erwartet hatten. Es ist immerhin erst Ende August.

Wasser und Balken

„Wasser hat keine Balken!“ Da haben wir andere Erfahrungen gemacht. Neptun wirft unserem Schiff unermüdlich Knüppel und Balken in großer Zahl vor den Bug. Die AIDAcara stemmt sich dann hoch, stürzt sich auf sie und zermalmt die Hindernisse zu Millionen Wassertropfen, die sich als gleißender Teppich um das Schiff verbreiten. Die Gischt steigt dann bis zu unserem Balkon auf Deck 7 hoch. Das markerschütternden Krachen und Scheppern durchdringt das ganze Schiff und schüttelt Gäste und Besatzung heftig durch.

Es stehen jetzt 3 Seetage bevor. Ein Seetag ist als „Prinz-Christian-Sund-Passage“ verkleidet. Das Hotelmanagement der AIDAcara empfiehlt, dieses Ereignis mit einer Flasche Prickelwein zu begleiten: „Wir servieren Ihnen Ihre Bestellung zwischen 14:00 und 15:00 Uhr auf Ihre Kabine.“ Ob die Gäste in den Innenkabinen bei diesem Text wohl gegrinst oder nur verständnislos den Kopf geschüttelt haben?

Prinz-Christian-Sund-Passage

Wir erwachen nach einer gewohnt atlantischen Nacht. Um uns her, nur Wellen und Mehr. Nach dem Frühstück werfen wir einen Blick auf unseren Fernseher. Hier kann man Kurs und Position der AIDAcara erkennen. Eigentlich müsste an Steuerbord jetzt die Südküste Grönland auftauchen. Gemessen an unserem letzten Hafen Akureyi sind wir deutlich weiter südlich und befinden uns ungefähr auf der Höhe des norwegischen Bergen. Wir haben also am vergangenen Seetag mal wieder den Polarkreis überquert, allerdings von Nord nach Süd.

Jetzt ackert sich unser Schiff wieder nordwärts in Richtung der größten Insel, dem eigentlichen Ziel der meisten Gäste.

Die Sonne lugt verschlafen hinter einer Wolkenwand hervor. Und da ist sie: das schüchterne Sonnenlicht beleuchtet die Südküste Grönlands. Sie ist zwar noch geschätzte 15km entfernt. Aber die verschneite Steilküste ist klar zu erkennen. Die Wassertemperatur fällt rapide auf 4°C. Willkommen in Grönland!

Eisberg voraus!

Wenig später begegnet uns auch der erste Eisberg. Der Kapitän schätzt den Brocken auf 40m Höhe. Wir passieren ihn unter kundiger Führung eines Eislotsenin einem sichern Abstand von 2km.

Kreuzfahrtgäste bewundern ihren ersten Eisberg. Grönland

Kreuzfahrtgäste bewundern ihren ersten Eisberg.

Wie man sich täuschen kann: ich hatte den Eisberg auf 8m Höhe und unseren Abstand auf 500m geschätzt. Der Eisberg ist dicht mit Seevögeln besetzt und nicht der einzige seiner Familie. In kurzer Entfernung schaukelt eine Eisscholle.

Eisberge kommen in vielfältiger Form vor und reizen zu Betrachtungen, was dieser oder jener Brocken wohl darstellen könnte. Ich sehe einen kleinen Eisberg in Form einer Kirche vorbeigleiten. Ein anderer erinnert an einen Tisch mit vier Stühlen drumherum. Natürlich verändert sich sich die Deutungsmöglichkeit mit dem Blickwinkel. So zerfällt die Kirche beim Weiterfahren in zwei formlose Brocken. Und die Sitzgruppe mutiert zu einer modernen Obstschale.

Einfahrt in den Prinz-Christian-Sund

Wenig später öffnet sich steuerbords die Küste zur Prinz-Christian-Sund-Passage. Damit beginnt der nächste Seetag, der ein Sehtag wird. Ein Sund ist eine Wasserstraße, die von mehr oder weniger hohen und mehr oder weniger schroffen Bergen gesäumt wird. Das unterscheidet ihn von einem Fjord, der gleichfalls von Bergen gesäumt ist, aber als maritime Sackgasse endet.

Ein Eisberg vor der Südküste Grönlands Grönland

Ein Eisberg vor der Südküste Grönlands

An der Einfahrt schwimmt ein Eisberg, der in der Antike als Galeere mit Rammsporn durchgegangen wäre. Wir erkennen wir weit oben auf einem Berg einige Sendemasten. Diese Anlagen stammen noch aus den unseligen Zeiten des Zweiten Weltkrieges, als sich deutsche und amerikanische Meteorologen ein Wettrennen um die besten Vorhersagepositionen lieferten. Der Blick schweift den Berg weiter runter.

Man erkennt eine längliche Holzhütte, die über eine wackelige Hängebrücke erreichbar ist. Diese Brücke führt zu einer Hubschrauberplattform.

Blick über das leere Pooldeck bei der Einfahrt in den Prinz Christian Sund Grönland

Blick über das leere Pooldeck bei der Einfahrt in den Prinz Christian Sund

Die vielen in Reih‘ und Glied aufgestellten Sonnenliegen auf dem Pooldeck bleiben leer. Die Gäste stehen in die wärmenden gelben AIDA-Decken gehüllt auf beiden Seiten des Schiffes und bewundern schweigend die bizarren Felsen und die vielen Gletscherzungen.

Eine Schule Orcas begleitet die AIDAcara. Der „Premium-Lektor“ (Was für ein doofes Wort!) verkauft sie dem staunenden Publikum als Schweinswale. Eine Robbe, die gemächlich auf einer Scholle auf dem Sund treibt, geht als Seehund durch.

Grönland – Felsen, die Geschichten erzählen

Die Felswände sind ehrfurchtsheischend. Auch der Lektor schweigt nach einer Weile. Die AIDAcara schiebt sich im Schritttempo durch die enge Lücke, die die Wände lassen. Die See im Sund ist glatt wie ein Ententeich. Die Felsen sind mal glatt geschliffen, mal mit Geröll überzogen. Ich sehe rote Felsen, schwarze, bunte: wer die Passage mit einer Aquarell-Zeichnung begleiten wollte, käme kaum mit der Auswahl und dem Mischen der Farben nach.

Vielleicht finde ich zu Hause heraus, welche Gesteine hier zu sehen sind. In einigen Wänden sind dunkle Adern eingezogen, viele andere weisen Schleif- und Erosionsspuren auf, die zu lustigem Gesichter-Raten Anlass geben.

Die Wände kommen näher und näher, ich hoffe, der Kapitän weiß, er tut. Selbst die Schiffe der Hurtigruten fahren nur selten durch so enge und verwinkelte Sunde. Und verwinkelt ist der Prinz-Christian-Sund allemal. 90°-Kurven sind nicht ungewöhnlich. Auf dem Fernseher in der Kabine verfolgen wir die Manöver in Echtzeit. Auf der Brücke arbeiten – wie beruhigend – Profis, die diese Passage wahrscheinlich mit verbundenen Augen sicher hinter sich bringen.

Felsen, Eis und Wasserfälle

Der Kulissenwechsel der Felswände ist spektakulär. Wasserfälle in allen Höhen und Breiten stürzen oder plätschern in Rinnen herab und krönen die Aussicht.

Aber getoppt wird diese Erfahrung von den Gletscherzungen, die steuerbords an vier oder fünf Stellen zu sehen sind. Da ist zunächst einmal das Blau, dieses leuchtende Blau! Je weiter der Gletscher dem Sund kommt, desto zerklüfteter wird die Oberfläche. Risse brechen das Eis in Spalten und Zapfen auf. Im Wasser schwimmen gekalbte Brocken, auch in leuchtendem Hellbau. Hier und da auf dem Gletscher siedeln Algen, die das Blau mit verwaschenem Rot kontrastieren.

Ein Gletscher vor dem Prinz Christian Sund Grönland

Ein Gletscher vor dem Prinz Christian Sund

Die Passage durch den Prinz-Christian-Sund ist schon einen Teil des Reisepreises Wert.

An dieser Einschätzung ändert sich auch nichts, als die See kabbeliger und der Wind auffrischt und Wolken und Regen heranführt. Auf den Scheiben vermehren sich die Regenwürmer der verwehten Tropfen. Zum Abendessen ist der Sund ein magisches Theater aus Nebelschwaden und Regenvorhängen.

Wer sagt denn, dass unvergessliche Eindrücke nur mit Sonnenschein verbunden sind?

Mystische Momente im verregneten Prinz Christian Sund Grönland

Mystische Momente im verregneten Prinz Christian Sund

Nachtrag zu Wind und Wellen

Heute ist der dritte Seetag in Folge, und ich habe den Eindruck, die Gäste haben es satt: „Also, lieber Neptun, du hast deinen Spaß gehabt. Nun lass‘ auch mal gut sein!“ Gänge und Treppenhäuser sind leer, sogar von den begehrten Plätze mit Blick auf die See in der Bibliothek sind noch einige frei. Die Sitzplätze in den öffentlichen Bereichen sind ausgedünnt besetzt. Und in den Restaurants sieht man viele Männer, die in kleinen Schüsseln Kleinigkeiten für die Angetraute in der Kabine zusammentragen. Für morgen und die kommenden Tage verspricht uns die Wettervorhersage sonniges, windstilles Wetter bei Temperaturen um die 6°C bis 9°C.

Mögen die Wetterfrösche richtig quaken!

(Natur-) Gewaltig schönes Schauspiel

In Nuuk betreten wir nach drei langen Seetagen grönländischen Boden. Der Morgen ist wolkenverhangen, grau und überzieht die Stadt mit einem depressiven Schleier.

Zum Glück bewahrheiten sich die Vorhersagen der Meteorologen, und die Sonne verdrängt den Grauschleier.

Wir verlassen Nuuk am frühen Abend bei strahlend blauen Himmel und der Gewissheit, dass wir in der kommenden Nacht Nordlicht sehen werden.

Bis es soweit ist, stellen wir uns auf vertraute Naturgewalten ein: Wind und Wellen. Die zerfetzten Gischtkämme und das Heulen am Balkongitter legen die Latte bei Windstärke 9 bis 10.

Dabei tut das Toben der Elemente der Blue Hour keinen Abbruch. Aus Gründen die ich nicht kenne, stampft das Schiff sehr wenig. Dabei fährt der Kapitän mit 17kn genau gegen den Sturm. Wir hatten Nuuk mit einstündiger Verspätung verlassen. Darum legt er eine Schippe drauf, um Illulissat planmäßig zu erreichen. Die Eisberge warten!

Es hätte der Durchsage des Kapitäns gar nicht bedurft: Gegen 22:00 beginnt ein Lichtertanz und Formenzauber, wie wier ihn noch nie gesehen haben:

Grüne Hexenküche um Mitternacht

Das ist ein Drehen, Wabern, Wirbeln, Glühen! Auch ohne fotografische Hilfsmittel bestaunen die Gäste, wie sich grüne Vorhänge heben und senken, sich zu Kreisen und Spiralen verändern, mal schwächer werdend, mal ganz intensiv sich verdichtend. Das Schauspiel findet über dem ganzen Himmel statt, direkt über dem Schiff und auf beiden Seiten. Wir blicken in eine wahre Hexenküche. Trotz der späten Stunde – inzwischen ist es fast Mitternacht – ist das Deck 11 voll von staunenden Menschen.

Nordlicht vor Grönland um Mitternacht

Nordlicht vor Grönland um Mitternacht

Ich lasse die Kamera sinken und bewundere das Treiben über uns und kann die ganze Vielfalt gar nicht fassen.

Gegen Mitternacht schließt die Hexenküche ihre Pforten und wir gehen mit unvergesslichen Eindrücken (und klammen Fingern) zu Bett.

Morgens um 6:00, die AIDAcara liegt wie Brett, luscher ich vorsichtig durch die Vorgänge. Bleibt uns Petrus hold und beschert uns Eisbergwetter?

Ganz weit hinten am Horizont sehe ich einen zarten rosa Streifen. Die Sonne ist da und wird durch keine Wolken und keinen Dunst behindert. Sie steht noch so tief, dass die Berge an der Westküste Grönlands als Schattenriss zu erkennen sind.

Und ansonsten: nur blauer Himmel, zum Tag hin ziehen zarte Schleierwolken auf, die auch von einem Dekorateur an ihre Position geschoben sein könnten. Wenn wir auf Eisberge treffen sollten, werden sie sicher von der Sonne ansprechend beleuchtet.

Wir freuen uns drauf. Bis zur Ankunft in Illulissat sind es noch 8 Stunden.

Eisfeld und Eisberge

Schon die Fahrt durch den Fjord nach Ilulissat ist eine Augenweide: kleine, große und sehr große Eisberge treiben an uns vorbei. Vielleicht liegen sie auch nur ‚rum, und die AIDAcara schleicht sich nur vorsichtig vorbei.

Einige Brocken erreichen Höhen von 40m und mehr. Ein Eisberg dieser Größe hat vor ein paar Jahrzehnten die Jungfernfahrt eines bekannten Kreuzfahrtschiffes beendet. Ich kann Verstehen, dass der Kapitän, unterstützt von einem kundigen Eislotsen, den weißen Riesen mit gehörigem Respekt begegnet.

Ich verbringe den Anlauf von Ilulissat auf Deck und fange meine Eindrücke fotografisch ein.

Ein Genuss: die Eisberge verändern mit ihre Konturen beim Vorbeifahren und mit der Sonneneinstrahlung. Die Gäste stehen in dichten Trauben – nicht an der Reling: dort ist es zu windig, sondern im Windschatten der Aufbauten.

Eisberge warten auf den Startschuss. Grönland

Eisberge warten auf den Startschuss.

Für sturmfeste Fotografen ist das natürlich eine günstige Situation für ungestörte Ausblicke auf das Eisfeld, wenn man davon absieht, dass Sturm und Fahrtwind an der Optik zerren. Die großen Eisberge ragen wie Flaggschiffe aus den Schollen und Mini-Eisbergen.

Eisberg wie ein Schwertfisch in Blau Grönland

Eisberg wie ein Schwertfisch in Blau

Vom Winde verweht

Das prächtige Wetter mit makellosem Himmel, praller Sonne, klarer Luft und angenehmen 2°C darf uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Wetter hier keine Konstante ist. Der Kapitän sagt die neuesten Daten der Wettervorhersage an. Demnach ist im Laufe der kommenden Nacht mit starken Winden aus Süden zu rechnen. Damit sei, so die Durchsage, die Gefahr verbunden, dass sich das dekorative Eisfeld zu einer Barriere aufbaue, die unser Schiff am Verlassen des Fjords hindere. Darum verlässt die AIDAcara ihren Liegeplatz in Ilulissat abweichend vom Programm bereits am Abend. Alle Ausflüge für den zweiten Tag fallen damit aus.

Na, toll!

Wir werden die prächtigen weißen Riesen leider nicht am Fuß kitzeln können. 24 Stunden später ist man dann schlauer: in Ilulissat herrschen, so die Online-Abfrage, 11°C bei leicht bewölktem Himmel. Der Wind weht schwach aus – Ost. Mein Vertrauen in die Meteorologen ist rapide auf Null gesunken.

Von Reede und Tendern

Ilulissat hat keinen „richtigen“ Hafen. Es gibt zwar eine Marina mit geschätzt 200 Sport- und Fischerbooten, aber keine Pier,an der große Schiffe anlegen könnten. Die Gäste der Kreuzfahrtschiffe (neben unserem Schiff liegt die Silver Cloud) ankern im Fjord und bringen die Gäste mit kleinen Booten (Tenderbooten) an Land.

Das Kreuzfahrtschiff "Silver Cloud" hinter einem Eisberg auf Reede in Ilulissat. Grnland

Kreuzfahrtschiff „Silver Cloud“ hinter einem Eisberg in Ilulissat.

Die Kapazität dieser Boote, es sind einige der Rettungsboote, ist begrenzt. Darum werden Nummern ausgegeben.

Auf Deck 3, ganz unten im Schiff, gleich neben dem Hospital, ist die Luke, an der die Tenderboote anlegen. Es dauert um die 20 Minuten, bis ein Boot voll besetzt ist und dem nächsten Platz macht. Die AIDAcara liegt (nicht am Anker, sondern frei schwebend) ziemlich weit vom Ufer entfernt. Der Kurs des Tenderbootes führt an einigen kleinen Eisbergen vorbei, die von Nahem betrachtet gar nicht so klein sind. Einer ist filigran ausgewaschen und sieht aus wie ein springendes Pferd.

Immerhin erleben wir auf diese Weise wenigstens ein bisschen von der Faszination, sich den Majestäten hautnah zu nähern.

Ilulissat

Ilulissat wirkt mit seinen bunten Häusern, die sich auf an dem Berg angesiedelt haben, wie eine gewachsene Stadt. Anders als Nuuk, das wie eine Retortenstadt aussieht, bei deren Planung die Architekten alle Bausünden herausgekramt haben, die das Leben dort öde machen.

Nein, Ilulissat wirkt dagegen sympathisch. Am Hafen, neben dem Ponton für die Tenderboote, gibt es eine Reparaturwerft, weiter hinten sehe ich eine Werft für Neubauten. Die klassischen, bunten Holzhäusern stehen auf Plattformen, die auf Stelzen oder Betonsockeln über dem Felsen errichtet wurden. Es gibt moderne Bauten für Hotels und Kultur, die sich harmonisch in das gewachsene Stadtbild einfügen. Linkerhand auf einer Bergkuppe entstehen neue Häuser. Die Fundamente und die Gräben für Infrastruktur werden in den Felsen gesprengt. Schwere Matten verhindern, dass die Gäste von herumfliegenden Brocken verletzt werden.

Und mache einen zweiten Plan …

Unser Plan sieht vor, vom alten Heliport zum Gletscher zu gehen und dem Knistern und Knacken des Eises zu lauschen und das Kalben zu beobachten. Wo hat man schon die Gelegenheit, der Geburt von Eisbergen zuzusehen?

Der Weg dorthin ist vielfach beschrieben und soll keine besonderen Anforderungen stellen.

Allerdings liegt der alte Heliport 30 Minuten vom Anlegeponton der Tenderboote entfernt. Der Weg zu dem Aussichtspunkt auf den Gletscher wird mit 1,5h bis 2,5h angegeben. Ich beginne zu rechnen und komme zu dem Schluss, dass beim Blick auf den Gletscher wohl nicht mehr als ein Schnappschuss möglich sein wird. Also: Beine in die Hand und über die wackeligen Treppen und staubigen Straßen los.

Wir teilen uns die Straßen mit den ausladenden Pickups in allen Zuständen des Zerfalls. Genauer gesagt, die Pickups teilen sich die Straße nicht mit uns. Augenscheinlich wissen die Fahrer mit den kamerabehängten Zweibeinern in Arktiskleidung nichts anzufangen. Jedenfalls verringern sie das Tempo beim Vorbeifahren nicht und vermeiden Ausweichbewegungen.

Das verdrießt mich. Mir vergeht die Vorfreude auf Gletscherblick rapide, auch weil die Motoren der Fahrzeuge wohl aus der Zeit des Alexanderzuges stammen. Es stinkt. Es ist laut. Ich will nur noch kurz schauen, was im Souvenir-Laden zu kaufen gibt. Ich kann wählen zwischen verbotenen oder politisch nicht korrekten Dingen aus Walfischknochen, Elfenbein, Robbenfell oder Kitsch.

Das gibt mir den Rest und ich kehre um.

Eisberge in Rosarot

Vielleicht habe ich die Geburt eines Eisberges verpasst, aber zur Blauen Stunde werde ich für fast alles entschädigt: Hinter der Eiswand des Gletschers leuchtet der Himmel im zarten Himbeer-Rosa. Die hoch aufragenden Eisberge stehen wie gemeißelt davor. Ein halbes Dutzend kleiner Boote suchen sich vorsichtig einen Weg durch das Labyrinth der weißen Wände. Man muss schon genau gucken, um die Nussschalen vor den Kolossen überhaupt zu entdecken.

Ein Ausflugsboot fährt mit seinen Gästen am Fuße eines großen Eisberges. Grönland Ilulissat

Kleines Boot am großen Eisberg in Ilulissat

Es ist ein Bild, dass die Gäste an Deck schweigend genießen. Wir fahren an zwei großen Eisbergen vorbei. Sie überragen das Deck der AIDAcara deutlich. Beim Passieren später zeigt sich, dass die zwei Eisberge über einen Steg zusammenhängen, in dem ein Tor ist, groß genug, um eines der Ausflugsboote hindurch zu lassen.

Da knistert es und grummelt und knackt! Und während unser Schiff auf gleicher Höhe mit dem Doppelberg ist, platzt eine große Eismuschel ab und fällt mit deutlichem Platschen in den Fjord. Klasse, nun haben wir auch das Kalben gesehen.

Der Eindruck prägt sich tief ein und wird wohl lange mit Grönland und Ilulissat verbunden sein.

Kurz vor Toresschluß des „Alle Mann an Bord“ streben die Nussschalen fächerförmig auf die AIDAcara zu, um ihre Gäste rechtzeitig abzuliefern.

Ein Ausflugsboot fährt mit seinen Gästen am Fuße eines großen Eisberges. Grönland Ilulissat

Kleines Boot am großen Eisberg in Ilulissat

Mit dem Ablegen des letzten Ausflugsbootes starten die Maschinen unseres Schiffes und die AIDAcara verlässt Ilulissat in Richtung Sisimiut. Das ist zwar eine kleine Ortschaft, aber die drittgrößte Stadt Grönlands. Die Reederei hat uns Sisimiut als Ersatz für den verpassten zweiten Tag in Ilulissat angeboten. Wir hätten uns diesen Ausweichhafen sparen können, wenn auf der Brücke und in der AIDA-Zentrale in Hamburg nicht solche Schisser säßen.

Sisimiut

In Sisimiut gibt es eine Pier, an der die „Silver Cloud“ festgemacht hat. Die AIDAcara liegt darum wieder auf Reede. Es ist Tendern angesagt. Neben uns liegt die „Akademik Sergey Vavilov“, ein Expeditionsschiff mit dem Charme eines Containerfrachters. Auch sie hat den Weg in den Fjord von Sisimiut gefunden. Dort legen die Tenderboote nicht an einer Luke an, durch die Gäste halbwegs bequem ein- und aussteigen können, sondern am Fuß einer zierlichen Treppe, die außenbords auf Deck führt.

Wie in den anderen Häfen wird die Einfahrt von Sisimiut von großen Tanks dominiert. Man sieht dem Ort nicht an, dass hier über 5.000 Menschen wohnen und arbeiten. Die Aussicht, dass sich in den wenigen Straßen jetzt 900 Gäste der AIDAcara tummeln und das kleine Museum besetzen, hält uns davon ab, an Land zu gehen. Wir gehen an Deck und erleben, wie es ist, wenn man die AIDAcara (fast) für sich alleine hat.

Über das Tendern

Morgen legen wir in Qaqortoq an, unserem letzten Hafen auf Grönland. Wie in den letzten beiden Häfen befindet sich auch in Qaqortoq zwischen dem Schiff und dem Land keine Gangway, sondern eine Bootsverbindung.

Die Gäste bekommen am Ticket-Schalter Nummern. Die Tickets sind kostenlos. In der Reihenfolge der Nummern dürfen die Gäste auf Deck 3 in die Tenderboote einsteigen. So weit der Plan.

Schlange stehen für ein den Landgang

Um 16:30 Uhr des Vortages werden die Nummern ausgegeben. Schon gegen 15:00 Uhr stehen die ersten Gäste vor dem Ticket-Schalter. Um 16:00 Uhr ist die Schlange in 2er und 3er-Reihe gute 50m lang und reicht vom Ticket-Schalter bis weit in das Theater. Insgesamt, so erfahre ich auf Nachfrage, halten fast 1.000 Gäste ein Ticket in Händen. Was sollen die Gäste auch anderes machen: Ausflüge werden für diesen Hafen mit Ausnahme der Radler, nicht angeboten.

Das bedeutet im Hafen von Qaqortoq ein leeres Schiff. Fast alle Gäste sind an Land oder in Bereitschaft zum Einsteigen ins Tender-Boot. Wunderbar!

Aber halt, da stimmt was nicht:

Die Letzten werden die Ersten sein

Tenderboote eines Kreuzfahrtschiffs

Tenderboote

In Qaqortoq legt die AIDAcara gegen 8:00 Uhr morgens an, um gegen 14:00 Uhr wieder abzulegen. Letztes Tenderboot ab Hafen ist eine halbe Stunde vorher. Gegen 9:00 Uhr legen die ersten Tenderboot mit 50 – 80 Gästen ab. Das Besteigen, Übersetzen und Aussteigen dauert gute 45 Minuten. Bei durchschnittlich 65 Gästen pro Tenderboot sind 16 Bootsfahrten notwendig.

Wenn alle gaaanz schnell einsteigen und das An- und Ablegen reibungslos klappt, sagen wir mal innerhalb 15 Minuten, legt das letzte Tenderboot nach 4 Stunden ab.

Es ist dann 13:00 🙁

Was bedeutet das für für das AIDA Selection Motto „Land & Leute erleben“?

Die Gäste im letzten Tenderboot können gleich sitzenbleiben. Dann haben sie wenigstens den Platz für die Rückkehr zum Schiff sicher.

Die Letzten werden die Ersten sein.

Vom Tendern II

Lernen bedeutet, so der zweite Hauptsatz der Pädagogik, Verhaltensänderung. Und da ich nicht der einzige an Bord bin, der eins und eins zusammenzählen kann, ging das Tendern in Qaqortoq sehr viel schneller als in den vorhergehenden Häfen: Statt eine Tür zum Tendern zu öffnen, gab es jetzt auch am Heck noch eine Tür. Nach 90 Minuten waren alle Nummern durch, und es konnte zum Tendern kommen, wer wollte.

So hatte ich nicht nur beim Frühstück das Restaurant fast für mich alleine (angenehm war das nicht), sondern auch das Tenderboot.

Auf Nachfrage erfuhr ich den Grund dafür, dass in den vorherigen Häfen nur eine Tür zum Tendern benutzt wurde. Zum einen der Seegang (Liegt die AIDAcara hinten tiefer im Wasser?) und zum anderen der Vorrang der Ausflugsboote, die an der Hecktür angelegt hatten.

Die Fahrt nach Qaqortoq war sehr ruhig: die angezeigten 4 bis 6 Windstärken waren wohl der eigene Fahrtwind der AIDAcara.

Die See war ruhig wie ein Ententeich, der Ausblick bot drei Grade von Grau: grau, hellgrau und dunkelgrau. Nur ab und an brachte die Sonne mehr zustande als einen hellen Fleck auf der Wolkendecke. Die Temperatur fiel zwar nur selten unter 7°C. Aber abgesehen von ein, zwei Rundgängen an Deck, verbrachten wir den Seetag von Sisimiut nach Qaqortoq entspannt beim Lesen und Schreiben in unserer Kabine.

Qaqortoq

Grönland-Qaqortoq

Grönland-Qaqortoq

Unser Schiff erreicht Qaqortoq pünktlich. Aus dem Fjord nebenan blinzelt ein kleiner verirrter Eisberg. Die Wolken hängen tief und verhüllen die höher gelegenen Häuser von Qaqortoq. In den Tälern im Hinterland leuchtet es strahlend Weiß. Die Sonne beleuchtet den Nebel dort und setzt ihn ins rechte Licht.

Qaqortoq ist unser letzter Hafen auf Grönland. Er bietet die gleiche Ansicht wie Ilulissat oder Sisimiut. Große Tanks am Hafen, viele bunte Häuser, wohl meist Fertighäuser aus Norwegen, eine Reparaturwerft und eine Kirche. Qaqortoq ist ein wichtigesZentrum in Südgrönland. Es gibt darum ein bisschen mehr Infrastruktur.

Eine Hochschule für Touristik, ein prominent über dem Hafen thronendes Hotel, natürlich ein Verwaltungsgebäude und eine große, aufdringlich rot bemalte Diskothek. Selbst für aufkommendes Fernweh gibt es Abhilfe. Ein Reisebüro bietet kleine Fluchten in den Süden an. Einen Flughafen habe ich nicht entdeckt, wohl aber einen Hubschrauberlandeplatz. Gleich neben dem Anleger gibt es kleines Musem, das über die Geschichte von Qaqortoq informiert. Eigentlich hat es sonnabends geschlossen. Aber weil ein Kreuzfahrtschiff anlegt, öffnet es die Türen.

Am Hafen gibt es einen winzigen Sandstrand, auf dem einheimische Jugendliche barfuß und mit kurzen Hosen herumtoben: 7°C zeichnen hier noch den Spätsommer aus.

Für alle Häuser musste der Bauplatz aufwendig hergestellt werden. Entweder stehen die Holzhäuser auf Stelzen, oder es gibt ein gemauertes oder gegossenes Untergeschoss. Verbunden sind die Häuser über Treppen, über Treppen und Treppen.

Fällt noch etwas besonders auf?

Kunst am Fels

Ja, es sind die vielen kleinen und großen Kunstwerke, die man in Felswänden oder Felsbrocken entdecken kann. Ein Relief im Stiele von Steinzeitmalereien prägt 2 Dutzend Wale auf die Wand. An den Kanten eines Felsbrocken räkelt sich ein nacktes Paar. Auf der Vorderseite hat der Künstler drei Sitzmulden in den Fels geschlagen. Drei Menschen im Lotussitz halten die dazugehörigen Fußrasten.

Besonders beeindruckt hat mich ein kleiner Brocken, auf dem Inuit und ein Wal schwimmen.

Grönland Qaqortoq Walfischrelief

Grönland Qaqortoq Walfischrelief

Ach ja, natürlich, den einzigen Springbrunnen Grönland gibt es auch in Qaqortoq, und zwar auf dem Fischmarkt, 3 Minuten vom Anleger der Tenderboote entfernt. Wenn wir länger im Hafen geblieben wären, hätte uns ein „Food Festival“ erfreuen können, das mit vielen Zelten und Kochstellen gerade aufgebaut wurde.

Aber statt „Food Festival“ in Qaqortoq wartet auf uns Hausmannskost auf der AIDAcara. Unser Schiff hebt pünktlich um 14:00 Uhr den Anker. Und mit der bekannten Auslaufmelodie verlassen wir den entferntesten Teil Europas. Vieles habe ich gesehen, gelernt und bestaunt.

Aber viele Geheimnisse hat diese merkwürdige Insel zwischen Amerika und Europa noch für sich behalten.

Auf dem Weg nach Reykjavik

Friedensangebote

Zwischen Qaqortoq und Reykjavik liegen zwei Seetage. Eine Phalanx von großen Eisbergen begleitet uns westlich in sicherer Entfernung. Es mögen vielleicht 15km sein. Aber sie sind wegen ihrer Größe nicht zu übersehen. Besonders gilt das, wenn ein paar Sonnenstrahlen den Weg finden und die Eisbrocken theatralisch vor dem grauen Horizont aus dem Meer stanzen.

Die AIDAcara dreht nach Osten ab, während unsere eisigen Begleiter weiter nach Süden treiben, um unvorsichtigen Skippern den Weg zum Meeresboden zu erklären.

Seegang und Wind sind wie ein Friedensangebot der Natur.

Milde und sanft wiegt uns die Dünung in den Schlaf.

Am anderen Morgen haben wir uns Hamburg schon bis auf zwei Zeitzonen genähert und steuern entspannt ein zweites Mal Island an.

Unser Ziel ist Reykjavik. Wir werden den Hafen wegen des freundlichen Wetters eine Stunde eher als geplant erreichen. Deswegen bleibt der Tag trotzdem ein See- und kein Hafentag.

Die sanfte Dünung und das kontemplative Rauschen, die milden Temperaturen von 12°C und die Verlockungen unseres Zentralgestirns genießen wir auf dem Balkon im Windschatten.

Gegen das Heimweh

Nach 14 Tagen regt sich in der Verkleidung von Nachrichtendurst so etwas wie Heimweh. Ich klicke auf der Fernbedienung und finde auf dem Fernseher auch richtig heimische Nachrichtensender.

Mal sehen.

Ich sehe fassungslos einen Verfassungsschützer, der eine Verfassung schützt, die wir hoffentlich nie bekommen werden.

Ich sehe einen politischen Stuhlgangansauger vom Typ „Portokassenjüngling“, der von linksextremistischer Nachrichtenfälschung fabuliert.

Ich höre von einer Rangelei zwischen vier Männern, von denen einer an einem Herzschlag stirbt. Zwei der Männer sind Afghanen, einer ist ausreisepflichtig. Der Tote ist Deutscher.

Ich sehe Bilder von einem Trauermarsch, wobei der Marsch das Traurigste ist.

Ich sehe einen Innenminister, der stammelnd auf die Erklärung eines Untergebenen wartet, statt sie ultimativ zu fordern.

Bayern München führt die Bundesligatabelle an.

Früher war nichts anders. Heute ist auch nichts besser. Ich schalte wieder auf die Anzeige der nautischen Daten um und beschließe, auch die letzte Woche zu genießen.

Kreuzfahrten sind perfekt für Eskapisten.

 

Montag, den 10. September 2018