AIDAcara Grönland

Mit der AIDAcara nach
Schottland, Island und Grönland


Der Bericht ist lang. Darum gibt es hier eine Übersicht.
Sie wollen zuverlässig Eisberge sehen? Lesen Sie diese Hinweise.


Wir haben uns wieder für eine Kreuzfahrt abseits der Standardrouten entschieden: lesen Sie hier den Erfahrungsbericht. In 21 Tagen von Hamburg über Schottland, Island, Grönland, die Shetland-Inseln nach Hamburg. Der Kurs ist trotz der Ferne beliebt. Die AIDAcara absolviert den Kurs dreimal hintereinander. Wir haben die letzte Runde im September gebucht.

Informationen im Vorfeld

Auf der AIDAcara gibt es eine Webcam. Ihre Bilder sind zusammen mit dem aktuellen Wetterbericht online abrufbar. Wir stimmen uns schon mal ein und begleiten die AIDAcara auf ihrer 3-Länder-Tour. So erfahren wir, auf welche Temperaturen und Wetterverhältnisse wir uns einstellen müssen. Und wir erfahren, welche Schiffe gleichzeitig mit der AIDAcara im jeweiligen Hafen liegen. Besuche auf Seiten mit Wetter-Cams liefern weitere Informationen über Wetter und Landschaft.

Es wirkt alles sehr kommod aus. Die See sieht meistens aus wie ein friedlicher Ententeich. Sogar die Temperaturen in Grönland muten angesichts der sommerlichen Temperaturen in Hamburg wie ein Sehnsuchtsort an.

Die AIDAcara ist nicht alleine

Ein Schock ereilt uns, als wir sehen, dass zeitgleich mit AIDAcara in Invergorden die MSC Meraviglia anlegt: über 5.000 Passagiere und mehr als 1.500 Mann Besatzung in einem Ort, der knapp 4.000 Einwohner hat! Wer macht denn so was?! Zum Glück wiederholt sich solche Situation in den folgenden Häfen nicht.

Dieser Klinkerbau am Hauptbahnhof beherbergt u.a. die Zentralbibliothek. Im Keller ist der Flohmarkt Grönland

Dieser Klinkerbau am Hauptbahnhof beherbergt u.a. die Zentralbibliothek. Im Keller ist der Flohmarkt

Die Webcam zeichnet ein sehr entschleunigtes Bild, man kann auch sagen: Küsten, Häfen und See wirken sehr langweilig. Gut zu wissen: wir decken uns mit einigen Büchern aus dem Keller der Zentralbibliothek der Hamburger Öffentlichen Bücherhallen (HÖB) ein.

Dort, in dem prächtigen Klinkerbau (dem Hühnerposten) am Hauptbahnhof, kann man jede Menge Bücher für je einen Euro kaufen. Was man während der Reise durchgelesen hat, bleibt als Spende in der Bordbibliothek.

Kreuzfahrtterminal Steinwerder

Die AIDAcara legt am neuen Kreuzfahrtterminal in Steinwerder an. Das ist j.w.d., am verlängerten Rücken des Hafens. Er ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht zu erreichen. Taxen und Shuttle-Busse übernehmen den Transport.

Von einem lauschigen Spaziergang von den Landungsbrücken durch den Alten Elbtunnel zum Terminal rate ich ausdrücklich ab. Auch wer nur leichtes Gepäck mit sich führt, ist urlaubsreif, wenn er das Terminal schließlich erreicht. Steinwerder ist die Pest und eine der unglücklichsten Entscheidungen des ansonsten hochwohlweisen Senats der Freien und Hansestadt Hamburg.

Tipp am Rande: wer nervige Wartezeiten und Verzögerungen nach der Ankunft des Schiffes vermeiden will, reserviert sich telefonisch ein Taxi. Schon ein paar Stunden vor dem Anlegen kann man zum normalen Tarif telefonieren. Andernfalls wartet man ein paar Stunden auf ein Taxi. Auf der Heimreise wird die AIDAcara am Kreuzfahrtterminal in der Hafencity anlegen. Aber das wussten wir noch nicht.

Heute an Bord …

Es ist 8:00 Uhr. Die Koffer sind gepackt. In 10 Stunden legt die AIDAcara ab. Das Thermometer zeigt sommerliche 8°C. Da ist es Grönland gerade wärmer. Grönland als Karibik des Nordens, wer hätte das gedacht?

Heute an Bord,
morgen sind wir fort.

Die Anreise ist ein Familienausflug: Kind und Kegel bringen uns zum Terminal und winken uns zu, bis wir die Brücke zum Schiff betreten und uns aus den Augen verlieren.

Unsere Kabine ist noch nicht klar. Wir suchen uns ein schattiges und windstilles Plätzchen auf dem Pooldeck. Nach und nach trudeln mehr und mehr Gäste ein. Wir beobachten eine lange Reihe von Barkassen. Sie zeigen ihren Passagieren zuerst die „MS Europa„, die am Kreuzfahrtterminal Altona festgemacht hat. Dann fahren sie weiter zur AIDAcara. Reedereien oder Hafenverwaltung können sich das als Vorbild nehmen: wenn die Rundfahrtkapitäne die Kreuzfahrtschiffe besuchen können, warum dann nicht auch ein Shuttle-Schiff von den Landungsbrücken?

Sicherheit und Survival-Kit

Das Sicherheitstraining findet bei angenehmen Temperaturen statt. Die Aussicht auf die Containerbrücken ist mäßig aufregend. Während die Passagiere das Deck in ein orangenes Meer verwandeln, läuft das selbe Band, mit dem selben Text, den jeder AIDA-Gast schon einmal gehört hat.

Von dem Überlebenspaket ist da nicht die Rede. Ich entdecke es, als ich den Schrank für unsere Sachen freiräume und Bademantel, Prospekte und so weiter in entlegene Schubladen verlade.

Das Survival-Kit enthält warme Sachen und eine Notration Wasser und Lebensmittel. Es ist wohl für Reisen in die Arktis vorgeschrieben. Ein Hinweis, zusätzlich zu den Rettungswesten auch das Überlebenspaket zur Übung mitzubringen, wäre sicher angebracht gewesen.

Steinwerder hat für Kreuzfahrtgäste wenig zu bieten. Voraus gibt es auf einem hochwassersicheren Hügel einen „Stromspeicher“ zu sehen. Dort werden alte Akkus aus Elektroautos  weiterverwendet.

Die Kreuzfahrtgäste werden mit Sekt und Organgensaft begrüßt.

Die Kreuzfahrtgäste werden mit Sekt und Organgensaft begrüßt.

Aus dem Pooldeck baut die Besatzung die Bar für den Begrüßungssekt auf. In einige Gläser werden auch alkoholfreie Inhalte ausgeschenkt. Im Hintergrund ist ein Mitarbeiter damit beschäftigt, Sektflasche um Sektflasche zu öffnen. Es ist wohl für alle 1.000 Gäste ein Glas vorgesehen.

Der Tisch mit den Gläsern wäre ein sehr schönes Motiv für den Workshop „Fotografieren an Bord“. Aber der ist erst für einen der folgenden Seetage vorgesehen.

Hell die Gläser klingen,
ein frohes Lied wir singen.
Mädel schenke ein
Es lebe Lieb und Wein
Leb‘ wohl, auf Wiedersehn

Was für eine Nacht!

Von wegen „Ententeich“! Gleich hinter Helgoland zeigte die Nordsee, was man anständigerweise von einem Randmeer des Nordatlantik im Herbst erwarten darf. Schon auf der Elbe hatten die Wolken erst einen herbstlichen Anstrich bekommen, um sich dann zu einer schlichten grauen Decke zusammenzuschließen.

Vor Brunsbüttel schaut ein knallroter Vollmond kurz am Horizont hervor. Aber schon nach 10 Minuten ist von dem Blutmond nur ein heller Fleck auf der Wolkendecke geblieben.

Über der Elbe geht ein glutroter Vollmond auf. Ein Blutmond, wie er im Buche steht.

Über der Elbe geht ein glutroter Vollmond auf. Ein Blutmond, wie er im Buche steht.

Die See beginnt schon bei Cuxhaven kabbelig zu werden. Der Bug der AIDAcara taucht tief in die Wogen ein. Wir werden mal sanft mal nicht so sanft auf die Matratze gedrückt. Manchmal kracht das Schiff gegen eine Wasserwand, verharrt wie ein angeschlagener Boxer kurz, um dann doch ihren Weg fortzusetzen. Unsere Mägen sind wohlerzogen und nehmen das Geschaukel gelassen. Die Nordsee zeigt sich bockig und widerspenstig. Unser Schiff stampft und rollt in der rauen See.

Wir lieben die Stürme…

Irgendetwas macht Krach. aber was? Auf der Suche nach störenden Lärmquellen taste ich durch die Kabine und werfe einen Blick nach draußen. Auf dem Wasser tanzen weiße Gischtkronen. Die  AIDAcara zaubert einen leuchtenden weißen Teppich. Die Gischt sprüht bis zu unserem Balkon hoch. Ein zauberhaftes Bild, das von den vielen Lampen an Bord herrlich beleuchtet wird.

Der Seegang kommt zur Unzeit. Ich bin noch nicht an die unsicheren Gegebenheiten eines schwankenden Schiffes gewohnt und bin froh, dass ich die Freuden der Berg- und Talfahrt wieder in der Horizontalen genießen kann.

Wir lieben die Stürme, die brausenden Wogen,
der eiskalten Winde raues Gesicht.
Wir sind schon der Meere so viele gefahren,
und dennoch sank unsere Fahne nicht.

Mit dem Küchenpersonal, das jetzt am frühen Morgen sein Tagwerk beginnt, möchte ich nicht tauschen.

Gegen Morgen wird die See ruhiger und wir fassen noch eine ordentliche Mütze Schlaf.

Zu Beginn des Seetages spinnt der Kapitän eine Rolle Seemannsgarn: Die Nacht sei ruhig verlaufen und hätte keinen Grund zur Klage oder Beunruhigung geboten: vertell, vertell

Über Tag zeigen sich See und Wetter versöhnlich. Die AIDAcara schaukelt nicht mehr als ein ICE. Und die Sonne findet immer wieder ein Wolkenloch. Der Wind weht stramm und zaubert kleine Schaumkronen auf die Wellen.

Der erste Seetag bleibt ereignisarm: kein Schiff, keine Vögel und schon gar keine große Wassertiere. Die Crew versucht die Langeweile totzuschlagen und bietet unter anderem einen Vortrag: Der Norden Schottlands. Er dämpft die Erwartungen: aufregend und interessant wird es wohl nicht.

Schiff auf hoher See
Rings um uns her
nur Wellen und Meer
ist alles, was ich seh.

Invergordon

Wer bei „grauer Stadt am grauen Meer“ an Husum denkt, war noch nicht in Invergordon, eine Stadt, die der Gründer nach sich selbst genannt hat. Wir erreichen die Pier pünktlich. Kleine Häuser kuscheln sich um eine Kirche. Ihr Turm wird überragt von mehreren Bohrinseln.
Sehen Sie hier Bilder von Bohrinseln in Invergordon.

In Invergordon findet eine Gesichtskontrolle statt: jeder Gast muss sich mit Pass und Bordkarte den Behörden vorstellen, bevor er auch nur zum Frühstück geht. Na gut – die Regeln sind hier so. Hintergrund, fama dicit, ist die Tatsache, dass Sachsen kein sicheres Herkunftsland ist. Darum müssen die Sachsen bis zum Auslaufen der AIDAcara im Ankerzentrum Krabben pulen. Und Sachsen sind eine Menge an Bord 🙁

Invergordon ist ein wichtiger Stützpunkt für die Wartung und Versorgung der vielen Plattformen für die Öl- und Gasförderung in der Nordsee. Allerdings werden hier keine Bohrinseln gebaut. Die aufragenden Masten der Bohrinseln künden nicht vom Aufbau der stählernen Insekten, sondern von deren Abriss. Invergordon ist ein bekannter Ort für das Abwracken aurangierter Bohr- und Förderinseln.

Und es mittlerweile eine bekannter Hafen für Kreuzfahrtschiffe. Der örtliche Dudelsackverein begrüßt und verabschiedet die Kreuzfahrtschiffe. Bis Ende August hat der Hafen bereits über 100 Anläufe von kleinen, großen und sehr großen Kreuzfahrtschiffen verzeichnet. Entsprechend routiniert ist die Organisation der Ausflüge.

Ausflug „Highlights von Invergordon“

Wir haben den Ausflug „INV09 Highlights von Invergordon“ gebucht. Der Ausflug dauert 8 Stunden. An drei Orten gibt es eine längere Pause. Wer seine Gewichtszunahme nicht unterbrechen will, sollte folgendes wissen. Es gibt weder auf der Fahrt eine Mahlzeit, noch bekommt der Ausflügler ein Lunchpaket.

Wir nehmen uns zwei Brötchen vom Frühstück und eine Flasche Wasser mit. Die Zeit auf den Ausflügen ist zu kostbar, als dass wir sie mit Restaurantaufenthalten vertrödeln möchten. Wir wollen viel sehen. Viel und gut essen können wir auch an Bord.

Schottischer Guide

An Land begrüßt uns ein original schottischer Mann, der auf seinem Sack dudelt. Abends kommen noch ein paar seiner Freunde aus dem örtlichen Dudelsackverein dazu.

Der Ausflug steuert drei Sehenswürdigkeiten an: Inverness, die selbsterklärte Hauptstadt der Highlands, Cawdor Castle, mit einem sehenswerten Garten und Urquhart Castle am Loch Ness.

Unser Guide ist Schotte und tut das durch entsprechende Kleidung auch kund. Sein gutes Deutsch verdankt er einem 9 Jährigen Aufenthalt in Deutschland. Auf den Weg zu den Sehenswürdigkeiten erfahren wir viele Einzelheiten über Land, Leute und Geschichte des Landes. Sein Wissen und seine Bereitschaft, uns daran teilhaben zu lassen, überfordert mich nach einer Weile. Die Geschichte der Schotten ist mir weniger geläufig als die des alten Persiens oder Ägyptens. Ich nehme einige Eckpunkte mit und werde wohl zu Hause meine Wissenslücken ein bisschen schließen.

Landschaft und Dörfer

Nach und nach überwiegt das Interesse an Orten und Landschaften meinen Wissensdurst. Beeindruckend ist das saftige Grün und die großen Getreidefelder. Klar, wo Whisky gebrannt wird, braucht es Getreide.

Ich sehe keinen Mais. Die Häuser sind klein und selten höher als 1 Stockwerk, gebaut aus Steinen, die aus den umliegenden Äckern zu stammen scheinen. Auch die Neubauten, von denen sehr viele entstehen, nehmen die Formensprache der alten Häuser auf. Und die Landschaftsgärtner setzen um die Gärten die gleichen Steinmauern mit dem selben komplizierten Mustern wie ihre Vorfahren. Alles in allem vermittelt die Fahrt den Eindruck einer sehr fruchtbaren und lieblich sanften Landschaft.

Urquhart Castle

Der erste Halt ist Urquhart Castle am Loch Ness. Das Schloss wurde von der eigenen Besatzung gesprengt. Der Feind sollte keinen Nutzen aus einer Eroberung ziehen. Die Überreste sind besucherfreundlich aufbereitet. Die Wege auf dem bemerkenswert großen Gelände sind hervorragend: Der Belag ist rutschfest, die Treppen bieten keine Stolperfallen.

Informationstafeln geben auf englisch und gälisch Auskunft über den einstigen Zweck der Gebäude. Die eher künstlerische Interpretation wird ergänzt durch Fotos von archäologischen Funden.

Beeindruckend ist die Nachbildung einer Steinschleuder, wie sie im Mittelalter bei der Belagerung von Burgen, Festungen und Städten eingesetzt wurde. Andere Bezeichnungen sind „Trebuchet“ oder Bilde.

Bilder vom Besuch von Urquhart Castle

Viele Gebäude und Flächen sind den Besuchern zugänglich. Selbst an einem Dienstag Ende August herrscht dort ein ziemliches Gedränge. Die engen Wendeltreppen erfordern Rücksichtnahme und Absprachen. Zwei Besucher mit Rucksäcke haben sehr große Schwierigkeiten, aneinander vorbei zu kommen.

Auf dem Loch Ness tuckert ein Museumsschiff namens „VIC 32„. Schiffe dieses Typs wurden von sehr einfachen Dampfmaschinen angetrieben und waren vor allem in der Flußschiffahrt eingesetzt. Der Spitzname für Schiffe dieses Typs „Clyde Puffer“ leitet sich von dem typischen Geräusch der Dampfmaschine ab.

Der Große Turm von Urquhart Castle Grönland

Der Große Turm von Urquhart Castle

Inverness

Auf der Fahrt nach Inverness erfahren wir einige Daten (Länge, Tiefe, Temperatur u.s.w.) über das Loch Ness. Freundlicherweise streift unser Guide das „Ungeheuer“ nur am Rande.

In Inverness hält unser Bus neben der Kathedrale. Wir werfen einen kurzen Blick hinein. Uns fallen ein optisch sehr dominanter Lettner auf, sowie das hölzerne Tonnengewölbe. Es ist schlicht und weist keine Malereien auf. Für einen Stadtrundgang ist der Aufenthalt von 60 Minuten zu kurz. Darum streifen wir ohne rechtes Ziel an dem Caledonian Kanal entlang, der den Schiffen einst den gefährlichen Weg um den Norden Schottlands erspart hat und vom Loch Ness zur Westküste Schottlands führt. Am seinem Ufer reiht sich Hotel an Gästehaus an Hotel. In der Einkaufsstraße preist sich die Royal Army als unterhaltsamer Arbeitgeber an. Das Rathaus steht mit gehöriger Luftverdrängung im Stadtbild. Über allem thront eine Burg. Es gibt viele Blumenampeln, die dem Stadtbild eine freundliche Leichtigkeit verleihen.

Cawdor Castle

Von Inverness fahren wir zum Cawdor Castle. Es sieht aus, wie man sich ein Schloss vorstellt. Ein Palast, ein wuchtiger Turm mit kleinen Ecktürmchen und etwas, was man in einer Anlage, die ihre Besucher mit einer Kanone begrüßt, nicht erwartet. Ein Naturgarten zum Niederknien.

Besucher von Cawdor Castle warten vor dem Schloss Grönland

Besucher von Cawdor Castle warten vor dem Schloss

Wir folgen der Wegweisung und gehen zunächst durch die Räumlichkeiten. Die Ausstattung sieht aus, als hätte der Besitzer sich von den Nachlässen seiner Altvorderen nicht trennen können, macht aber einen gemütlichen, typisch englischen Landadel-Eindruck. Viele Gobelins, Sitz- und Liegemöbel aus verschiedenen Epochen und Gemälde von vorherigen Bewohnern. Es waren erstaunlich wenig weibliche darunter.

Dennoch ist der Besuch von Cawdor Castle mein persönliches Highlight, und zwar wegen der Gartenanlagen. Meine Empfehlung: sparen Sie sich das Schloss und gehen gleich in den Garten.

Garten von Cawdor Castle

Wildblumen im Garten von Cawdor Castle

Wildblumen im Garten von Castor Castle

Blumen in einer Pracht und Komposition, wie man sie bestenfalls in gelungenen Gartenschauen sieht. Dazwischen weite, offene Flächen, wie sie klassischer englischen Gartenarchitektur entsprechen. Wir sehen Kaskaden von Blumen, Beete mit kontrastierenden Blüten. Koniferen und Bäume bilden überraschende Blickachsen auf Beete und – natürlich das Schloss.

Unter uralten Ahorn-Bäumen laden zwei dekorativ-rote Bänke zum Verweilen ein. Wir können der Versuchung leider nicht folgen, weil wir schon jetzt unserem Zeitplan hinterher hinken. Bleibt also nur dieses stimmungsvolle Bild.

Cawdor Castle Zwei Bänke unter einem großen Ahorn laden zur Rast

Cawdor Castle Zwei Bänke unter einem großen Ahorn laden zur Rast

Unser Bus erreicht das Schiff darum mit ein paar Minuten Verspätung. Hinter mir baut die Crew die Gangway ab: uff, nochmal Glück gehabt 🙂

Beim Abschied gibt der örtliche Dudelsackverein ein kleines Abschiedskonzert. Die AIDAcara legt ab und gleitet durch den Moray Firth hinaus zur Nordsee. Die untergehende Sonne taucht die – bescheidene – Steilküste in stimmungsvolles Orange.

Wir gehen zum Abendessen und lauschen der Ansage des Kapitäns, der für die kommende Nacht starken Seegang ankündigt.

2. Seetag Färöer Inseln

Ich habe es gewusst: der erste Schluck an Bord gehört Neptun! Ich stand allerdings beim ersten Schluck an der Bar und konnte nicht gut einen Schluck in die See spucken. Und was is‘? Neptuns Rache folgt auf den Fuß: Sturm, Schaukeln, Rollen und Stampfen!
Hier sehen sie die spektakuläre Küste der Färöer.
Eine kräftige Brise und entsprechende Wellengang begleiten uns durch die Nacht. Über Tag wird der Wind stärker. Der Kapitän fährt die Stabilisatoren aus, um das Rollen des Schiffes zu verringern. Dennoch knabbern einige Gäste beim Mittagessen an Pillen gegen Seekrankheit. Das Einerlei von Wolken und Wasser wird heute durch die Vorbeifahrt an der Inselgruppe der Färöer unterbrochen. Wir haben Glück und nähern uns der Inselgruppe auf 10km, während Sonne und Wolken abwechslungsreiche Muster auf die Flächen zaubern. Einige Stellen sind sehr steil und abweisend. An einer Stelle, mitten im karstigen Umfeld entdecke ich eine kleine Siedlung mit einem Kirchturm. Im Norden gibt es ein sehr hohes Kap. Es ist Kap Enniberg und mit 754m das höchste senkrecht abfallende Kliff der Welt. Es ist so hoch, dass es im oberen Drittel von Wolken umkränzt ist.

Ostküste der Färöer-Inseln

Ostküste der Färöer-Inseln

Der steife Wind vertreibt, nachdem wir die Inseln passiert haben, die meisten Gäste unter Deck. Ich schließe mich da an. Das gleißende Nichts des Wassers und die ewig gleichen Wolken zu fotografieren, verliert dann doch an Reiz, obwohl manchmal sogar ein schöner Regenbogen dabei war.

Island – Seydisfjordur

Nach gewohnt ruppiger Fahrt erreichen wir mit Seydisfjordur unseren ersten Hafen in Island.

Die Kirche von Seydisfjordur in Island ist hellblau gestrichen.

Die Kirche von Seydisfjordur in Island ist hellblau gestrichen.

Mit uns liegt ein weiteres Kreuzfahrtschiff in Hafen von Seydisfjördur. Die „Pacific Princess“ liegt auf Reede. Darum müssen die Passagiere mit Tenderbooten an Land gebracht werden. Die AIDAcara liegt direkt am Pier. Wir müssen zwar die klapprige Hühnerleiter der Gangway hinunterwackeln. Aber das ist unterm Strich bequemer als auf ein Boot zu warten, überzusetzen und dann bei der Rückkehr wieder auf das Boot zu warten.

Seydisfjördur – Rundgang

Unser Ausflug „Sey01: Naturreservat Skálanes beginnt erst gegen Mittag. Darum nutzen wir die Zeit, und machen eine kleine Erkundungstour durch den Ort.

An Bord findet eine Brandschutzübung für die Besatzung statt. Die Durchsagen schallen über den ganzen Ort und begleiten uns auf unserem Rundgang. Sehen Sie hier die Bilder aus Seydisfjördur.

Es ist ein frommer Irrtum der Kreuzfahrtgäste, dass die Besatzung im Hafen Freizeit hat.

Seydisfjördur ist ein wirklich kleines Städtchen, eigentlich eher ein Dorf. Aber es hat mit der Seydisfjardakirkja eine markante, hellblaue Kirche, eine Schule, eine Jugendherberge, eine Kunstgalerie und eine Vielzahl von Hotels, Gästehäuser und Restaurants.

Ein provokant in Regenbogen gestrichener Weg führt geradewegs zur Kirche. Wir sehen Fabriken zur Fischverarbeitung und für Fischmehl.

Regenbogen zur Kirche in Seydisfjordur Island Grönland

Regenbogen zur Kirche in Seydisfjordur

Und in der Bischofsstraße gehen wir an sehr schön symmetrisch gebauten einstöckigen Bürogebäude aus Holz vorbei. Es beherbergt so ziemlich alle Dienste, die man als Bürger nachfragt: Sozialstation, Arbeitsamt, Kindergarten, Polizeiwache und Wahllokal. Selbstverständlich findet der Bewohner von Seydisfjördur einen Supermarkt und eine Möglichkeit, alkoholische Getränke einzukaufen.

Ausflug Naturreservat Skálanes

Der Bus sieht merkwürdig aus: hochbeinig und robust. Es befindet sich zwar vorne das Markenzeichen eines bekannten Herstellers, aber ich habe den Eindruck, dass das Gefährt in Handarbeit aus Beutepanzern zusammengeschraubt wurde.

Hier geht es direkt zu den Bildern vom Ausflug zum Naturreservat.

Der Guide ist Isländer und erklärt uns die Welt auf englisch. Eine AIDA-Mitarbeiterin übersetzt – sehr zum Leidwesen vieler Gäste.

Als erstes erklärt uns der Guide, warum der Bus erstens keine wirksame Klimaanlage hat (Ich vergaß zu erwähnen, dass die Temperaturen bei knackigen 15°C liegen, am Fenster natürlich mehr.) und zweitens deswegen so hochbeinig ist, weil es auf dem Weg zum Naturreservat Skálanes zwar einige Wasserläufe gibt aber keine Brücken. Unser Bus muss also die Hosenbeine hochkrempeln und auf eigenen Rädern durch.

Lupinen und Ausgrabungen

Wir verlassen Seydisfjordur und kommen auf dem Weg zum Naturreservat Skálanes an weiten Feldern mit Lupinen vorbei. Der Guide erklärt, dass die Aussaat der Kanadischen Lupine der Versuch war, die Bodenerosion zu stoppen. Hintergrund der Erosion ist vor allem der starke Wind und das Fehlen von Vegetation. Die ersten Siedler, die kulturlosen Schlagetots aus Norwegen (Wikinger) trieben ihr Vieh in die Wälder. Dort verbissen die Schafe und Ziegen die Schösslinge, was, so unser Guide, infolge Nachwuchs zum Absterben der ursprünglich wohl mal sehr dichten Bewaldung geführt hat.

Wie immer, wenn Menschen versuchen, die Fehler vorheriger Generationen zu heilen, ging auch die Aussaat der Lupine schief. Die Pflanzen erwiesen sich als sehr aggressiv und verdrängten die mancherorts noch vorhandene heimische Vegetation.

Es gibt einen kurzen Halt an einer Ausgrabungsstätte. Zu sehen ist wenig bis nichts. Wir sind auf die Worte des Guides angewiesen. Wenig später quert der Bus dann, wie angekündigt, ein paar sehr steinige Wasserläufe. An einem kleinen Häuschen, vor dem zwei dekorative Hütten stehen, steigen wir aus und machen Platz für die vorherige Gruppe. Sie fährt jetzt wieder zurück zum Schiff. Die Hütte ist der Ausgangspunkt für die Wanderung durch das Naturreservat. Es ist eher ein kurzer Spaziergang. Nach knapp 300 Metern erreichen wir das Ziel: eine Plattform vor einem steilen Kliff, einem idealen Vogelfelsen. Auch hier sind wir auf die Erklärungen des Guides angewiesen. Es gibt keine Tafeln mit Bildern und Texten. Im Grunde genommen müsste es die Plattform gar nicht geben. Man sieht auf ihr auch nicht mehr als ohne sie.

Am Vogelfelsen

Trotz der abgelaufenen Brutsaison sind noch viele Vögel auf den Felsvorsprüngen zu sehen, die sich immer wieder aufs Meer begeben. Die meisten Vögel sind jetzt aber bei den Kreuzfahrtschiffen. Von Deck aus habe ich mehr dieser schnellen Segler gesehen als beim Vogelfelsen. Auf dem Rückweg zum Ausgangspunkt des kurzen Spaziergangs begegnet uns die nächste Gruppe erlebnishungriger Ausflügler. Im Gänsemarsch trotten wir aneinander vorbei.

In der Hütte warten wir auf unseren Bus. Während der Wartezeit bekommen wir Kaffee sowie süßes und herzhaftes Fingerfood.

Der Ausflug ist eine einzige Enttäuschung. Die Höhepunkte sind die Offroad-Bachquerungen. Man sieht nichts, was man ohne diesen Ausflug nicht auch gesehen hätte.

Akureyri

Über Nacht fahren wir um Island herum und erreichen nach gewohnt stürmischer Fahrt den Hafen. Ich werde das Schaukeln zu hause vermissen. Akureyri begrüßt uns kämpferisch. Ein Info-stand an der Pier erläutert dem ankommenden Kreuzfahrtgast über den Kampf gegen die Klima-Katastrophe und die Aufforstungen in der Stadt und auf der Insel. Außerdem, und das ist mindestens ebenso wichtig, hat Vodafon auf der Pier einen freien Wifi-Hotspot eingerichtet. Nach Eingabe einer (irgendeiner) eMail-Adresse, kann man 4 Stunden surfen.

Stadtbild von Akureyri

Stadtbild von Akureyri

Akureyri ist eine kleine, aber quirlige Stadt. Ich sehe bemerkenswert viel Bäume, aber es gibt auch viel Gewerbe und Industrie. Es gibt eine Werft und eine Anzahl moderner Häuser. Natürlich thront eine Kirche über der Stadt. Schon von Bord aus sehe ich Architektur, die ich eher in Neubaugebieten in Hamburg erwartet hätte.

Auch in Akureyri sind wir nicht alleine. Neben der AIDAcara liegen hier: die „MS Zuiderdam“, die „MS Serenade of the Sea“ und die „MS Pacific Princess“, die uns seit Seydisfjordur begleitet. Meine Sorge, dass die Gäste sich bei den Sehenswürdigkeiten auf den Füßen stehen, erweist sich als unzutreffend. Unser Ausflug ist eng getaktet, aber ich fühle mich von den anderen Touristen nicht bedrängt oder behindert.

Ausflug Godafoss & Myvatn

Kreuzfahrt ohne Ausflug ist nur eine halbe Sache. Wir entscheiden uns für den Ausflug „AKU01 Godafoss & Myvatn. Wir haben Glück mit unserem Guide. Sie weiß die Zeit zwischen den Haltepunkten mit vielen Informationen zu Land und Leuten zu überbrücken. Darum weiß ich jetzt auch, warum der Godafoss Godafoss heißt.

Hexenküche

Der spannendste und eindrucksvollste Stopp ist in einem vulkanisch aktiven Feld. Es befindet sich auf einer Hochebene zwischen karstigen Vulkanresten. Es dampft und brodelt, es blubbert und raucht. Und es stinkt, und zwar nach Schwefel. Eine rechte Hexenküche, für Fotografen ein Traum, für die Tour nur ein Zwischenstopp. Schade, nach 25 Minuten sitzen wir wieder im Bus und steuern ein weiteres vulkanisch geprägtes Ausflugsziel an.

Ausflug in Akureyri zur vulkanschen Hexenküche auf dem weg nach Grönland

Hexenküche

Hier haben wir auch nur einen knapp bemessenen Aufenthalt, der für die Damen beim Toilettenbesuch draufgeht. Besichtigt wird ein Lavafeld, das vor ca. tausend Jahren erkaltete und überraschende Lavaformationen gebildet hat.

Pseudokrater

Auch der nächste Stopp gilt einem vulkanischen Überbleibsel. Es handelt sich um Pseudokrater, die entstanden sind, als die heiße Lava auf sumpfiges Gebiet und Wasser traf, dieses einschloss und als dann das Ganze zu kochen anfing und explodierte. Dieses ergab dann die Krater.

Ich hätte auf die beiden zuletzt genannten Stopps gut verzichten können. Wer hingegen Striche auf seiner POI-Liste macht, wird es zufrieden sein.

Der letzte Halt gilt dem unvermeidlichen Godafoss. Wir haben Glück, weil die Nachmittagssonne den Wasserfall wie im Bilderbuch beleuchtet. Ansonsten ein Wasserfall halt, dessen Höhe und Ausdehnung unspektakulär ist. Seinen Namen hat der Wasserfall aus der Sage, dass ein ortsansässige Häuptling alle heidnische Symbole dort hineingeworfen hat, bevor er den christlichen Glauben angenommen hat. Sehenswert – wenigsten in der Nachmittagssonne sind die Auswaschungen an den Felsen. Das Wasser hat eingelagertes weiches Gestein heraus gewaschen. So sind filigrane Reliefs entstanden.

Mücken, vor denen wir gewarnt wurden und denen der Myvatn seinen Namen hat, haben wir keine einzige gesehen.

Ein kleiner Konvoi aus vier Kreuzfahrtschiffen verlässt Akureyri. Die „MS Zuiderdam“ startet als erstes Schiff, lässt uns aber aus Gründen, die ich nicht kenne, den Vortritt. Direkt hinter uns fährt die „Serenade of the Sea“. Sie wird uns eine Weile begleiten. Die beiden anderen Schiffe verliere ich aus den Augen.

Voll die 12!

Der Kapitän warnt per Durchsage vor stürmischer See in der kommenden Nacht. Nur die kommende? Macht er Witze? Seitdem wir Helgoland hinter uns gelassen haben, singen die Tellerspender in den Restaurants ihr Klagelied. Windstärke 7 ist unser ständiger Begleiter. Windstärke 8 beschäftigt die AIDAcara an vielen Tagen, 9 und 10 haben uns auch schon in die Polster gedrückt.

Der Wetterbericht scheint heute aber mehr Wind und mehr Wellen als bisher vorherzusagen. Schlimmer geht immer. Darum bittet uns der Kapitän, lose herumliegende Sachen auf Regalen und Tischen gegen Herunterfallen zu sichern. Auch erinnert er uns an die alte Seemannsregel: „Eine Hand fürs Schiff, eine Hand für den Mann!“ Das kann ja heiter werden.

Polarkreis-Party

Kurz nachdem wir den Hafen von Akureyri verlassen, überquert die AIDAcara planmäßig den Polarkreis. Das bietet Anlass zu einem besonderen Gaudium. Auf dem Pooldeck versammeln sich die Passagiere hinter der Außenlinie des Basketball-Feldes. Das soll der Polarkreis sein. Vielleicht 300 Gäste haben sich trotz der späten Stunde und ungeachtet des auffrischenden Windes hinter der Linie eingefunden. Ein Mitglied der Bespaßungsgruppe zählt von 10 herunter. Bei „Null“ springen und laufen die Passagiere über den imaginären Polarkreis und erobern im Nu das Buffet und die Bar. Der Kapitän begleitet diesen Moment mit ein paar Fanfaren aus dem Typhon.

Polarlicht

Kurz hinter dem Polarkreis gibt es das erste Nordlicht

Kurz hinter dem Polarkreis gibt es das erste Nordlicht

Wer noch nicht oder nur ganz leicht schläft, kann auf den Fluren eine Durchsage des Kapitäns hören. Es gehört zu den Rätseln der AIDAcara, warum es nicht möglich ist, reisebegleitende Ansagen in die Kabine zu übertragen, ohne den Fernseher laufen zu lassen. Wir wissen zwar nicht, um was es geht: Schiffsuntergang, Nordlichtalarm oder Walsichtung?

Wir gucken einfach mal raus und haben mal wieder Glück. Die Wolkendecke ist aufgerissen, das Mondlicht taucht die Wolkenfetzen und Wogen in schaurig-schönes Licht. Und da ist noch was: ein blasser Schimmer, der nicht zum Mondlicht passen will. Ein Blick durch den Sucher der Kamera offenbart die Lösung: Nordlicht! Und zwar nicht nur das fotografische Nordlicht! Nein: auch mit bloßem Auge ist der Zauber der grünen Elfen deutlich zu sehen. Das ist mehr, als wir erwartet haben: Es ist immerhin erst Ende August.

Wasser und Balken

„Wasser hat keine Balken!“ Da haben wir andere Erfahrungen gemacht. Neptun wirft unserem Schiff unermüdlich Knüppel und Balken in großer Zahl vor den Bug. Die AIDAcara stemmt sich dann hoch, stürzt sich auf sie und zermalmt die Hindernisse zu Millionen Wassertropfen, die sich als gleißender Teppich um das Schiff verbreiten. Die Gischt steigt dann bis zu unserem Balkon auf Deck 7 hoch. Das markerschütternden Krachen und Scheppern durchdringt das ganze Schiff und schüttelt Gäste und Besatzung heftig durch.

Es stehen jetzt 3 Seetage bevor. Ein Seetag ist als „Prinz-Christian-Sund-Passage“ verkleidet. Das Hotelmanagement der AIDAcara empfiehlt, dieses Ereignis mit einer Flasche Prickelwein zu begleiten: „Wir servieren Ihnen Ihre Bestellung zwischen 14:00 und 15:00 Uhr auf Ihre Kabine.“ Ob die Gäste in den Innenkabinen bei diesem Text wohl gegrinst oder nur verständnislos den Kopf geschüttelt haben?

Prinz-Christian-Sund-Passage

Wir erwachen nach einer gewohnt atlantischen Nacht. Um uns her, nur Wellen und Meer. Nach dem Frühstück werfen wir einen Blick auf unseren Fernseher. Hier kann man Kurs und Position der AIDAcara erkennen. Eigentlich müsste an Steuerbord jetzt die Südküste Grönland auftauchen. Gemessen an unserem letzten Hafen Akureyri sind wir deutlich weiter südlich und befinden uns ungefähr auf der Höhe des norwegischen Bergen. Wir haben also am vergangenen Seetag mal wieder den Polarkreis überquert, allerdings von Nord nach Süd.

Jetzt ackert sich unser Schiff wieder nordwärts in Richtung Grönland. Es ist die weltgrößte Insel und mit der Disko Bucht und Ilulissat das eigentliche Ziel der meisten Gäste.

Die Sonne lugt verschlafen hinter einer Wolkenwand hervor. Und da ist sie: das schüchterne Sonnenlicht beleuchtet die Südküste Grönlands. Sie ist zwar noch gute 110km entfernt. Aber die verschneite Steilküste ist mit entsprechender Optik klar zu erkennen. Die Wassertemperatur fällt rapide auf 4°C. Willkommen in Grönland!

Eisberg voraus!

Wenig später begegnet uns auch der erste Eisberg. Der Kapitän schätzt den Brocken auf 40m Höhe. Wir passieren ihn unter kundiger Führung eines Eislotsen in einem sichern Abstand von 2km.

Kreuzfahrtgäste bewundern ihren ersten Eisberg. Grönland

Kreuzfahrtgäste bewundern ihren ersten Eisberg.

Wie man sich täuschen kann: ich hatte den Eisberg auf 8m Höhe und unseren Abstand auf 500m geschätzt. Der Eisberg ist dicht mit Seevögeln besetzt und nicht der einzige seiner Familie. In kurzer Entfernung schaukelt eine Eisscholle.

Eisberge kommen in vielfältiger Form vor und reizen zu Betrachtungen, was dieser oder jener Brocken wohl darstellen könnte. Ich sehe einen kleinen Eisberg in Form einer Kirche vorbeigleiten. Ein anderer erinnert an einen Tisch mit vier Stühlen drumherum. Natürlich verändert sich sich die Deutungsmöglichkeit mit dem Blickwinkel. So zerfällt die Kirche beim Weiterfahren in zwei formlose Brocken – fast wie im wirklichen Leben. Und die Sitzgruppe mutiert zu einer modernen Obstschale.

Einfahrt in den Prinz-Christian-Sund

Wenig später öffnet sich steuerbords die Küste zur Prinz-Christian-Sund-Passage. Sie finden für diesen Sund auch die Bezeichnung „Prins-Christian-Sund“. Ich verwende meistens die deutsche Schreibweise.

Damit beginnt der nächste Seetag, der ein Sehtag wird. Ein Sund ist eine Wasserstraße, die von mehr oder weniger hohen und mehr oder weniger schroffen Bergen gesäumt wird. Das unterscheidet ihn von einem Fjord, der gleichfalls von Bergen gesäumt ist, aber als maritime Sackgasse endet.

Ein Eisberg vor der Südküste Grönlands Grönland

Ein Eisberg vor der Südküste Grönlands

An der Einfahrt schwimmt ein Eisberg, der in der Antike als Galeere mit Rammsporn durchgegangen wäre. Wir erkennen weit oben auf einem Berg einige Sendemasten. Diese Anlagen stammen noch aus den unseligen Zeiten des Zweiten Weltkrieges, als sich deutsche und amerikanische Meteorologen ein Wettrennen um die besten Vorhersagepositionen lieferten. Der Blick schweift den Berg weiter runter.

Sehen Sie hier die spannenden Bilder von der Passage durch den Prins-Christian-Sund

Man erkennt eine längliche Holzhütte, die über eine wackelige Hängebrücke erreichbar ist. Diese Brücke führt zu einer Hubschrauberplattform.

Blick über das leere Pooldeck bei der Einfahrt in den Prinz Christian Sund Grönland

Blick über das leere Pooldeck bei der Einfahrt in den Prinz Christian Sund

Die vielen in Reih‘ und Glied aufgestellten Sonnenliegen auf dem Pooldeck bleiben leer. Die Gäste stehen in die wärmenden gelben AIDA-Decken gehüllt auf beiden Seiten des Schiffes und bewundern schweigend die bizarren Felsen und die vielen Gletscherzungen.

Eine Schule Orcas begleitet die AIDAcara. Der „Premium-Lektor“ (Was für ein doofes Wort!) verkauft sie dem staunenden Publikum als Schweinswale. Eine Robbe, die gemächlich auf einer Scholle auf dem Sund treibt und sich ungeniert mit der Flosse den Bauch kratzt, geht als Seehund durch.

Grönland – Felsen, die Geschichten erzählen

Die Felswände sind ehrfurchtsheischend. Auch der Lektor schweigt nach einer Weile. Die AIDAcara schiebt sich im Schritttempo durch die enge Lücke zwischen den Wänden. Die See im Sund ist glatt wie ein Ententeich. Die Felsen sind mal glatt geschliffen, mal mit Geröll überzogen. Sie spiegeln sich im Wasser und bilden mit ihrem Spiegelbild sehenswerte Symmetrien. Ich sehe rote Felsen, schwarze, bunte: wer die Passage mit einer Aquarell-Zeichnung begleiten wollte, käme kaum mit der Auswahl und dem Mischen der Farben nach.

Vielleicht finde ich zu Hause heraus, welche Gesteine hier zu sehen sind. In einigen Wänden sind dunkle Adern eingezogen, viele andere weisen Schleif- und Erosionsspuren auf, die zu lustigem Gesichter-Raten Anlass geben.

Die Wände kommen näher und näher, ich hoffe, der Kapitän weiß, er tut. Selbst die Schiffe der Hurtigruten fahren nur selten durch so enge und verwinkelte Sunde. Und verwinkelt ist der Prinz-Christian-Sund allemal. 90°-Kurven sind nicht ungewöhnlich. Auf dem Fernseher in der Kabine verfolgen wir die Manöver in Echtzeit. Auf der Brücke arbeiten – wie beruhigend – Profis, die diese Passage wahrscheinlich mit verbundenen Augen sicher hinter sich bringen.

Felsen, Eis und Wasserfälle

Der Kulissenwechsel der Felswände ist spektakulär. Wasserfälle in allen Höhen und Breiten stürzen oder plätschern in Rinnen herab und krönen die Aussicht.

Aber getoppt wird diese Erfahrung von den Gletscherzungen, die steuerbords an vier oder fünf Stellen zu sehen sind. Da ist zunächst einmal das Blau, dieses leuchtende Blau! Je weiter der Gletscher dem Sund kommt, desto zerklüfteter wird die Oberfläche. Risse brechen das Eis in Spalten und Zapfen auf. Im Wasser schwimmen gekalbte Brocken, auch in leuchtendem Hellbau. Hier und da auf dem Gletscher siedeln Algen, die das Blau mit verwaschenem Rot kontrastieren.

Ein Gletscher vor dem Prinz Christian Sund Grönland

Ein Gletscher im Prinz Christian Sund

Die Passage durch den Prinz-Christian-Sund ist schon einen Teil des Reisepreises Wert.

Zauber von Wolken und Nebel

An dieser Einschätzung ändert sich auch nichts, als die See kabbeliger und der Wind auffrischt und Wolken und Regen heranführt. Auf den Scheiben vermehren sich die Regenwürmer der verwehten Tropfen. Zum Abendessen ist der Sund ein magisches Theater aus Nebelschwaden und Regenvorhängen.

Die Wolken senken sich, wir sehen die Gipfel der Berge um uns herum nicht mehr. Die Felsen sind jetzt pitschnass und wirken furchteinflößend. Es sind Momente der Magie und des stillen Gleichklangs. Die meisten Gäste sind vorm Regen und den niedrigen Temperaturen ins Restaurant geflüchtet und verpassen so die märchenhaften Eindrücke einer Phantasiewelt. Ein paar Saunagäste treten sittsam verhüllt auf das Deck und betrachtet schweigend das Zusammenspiel von schroffen Felsen, Wolken, Wind, Wellen und Regen. Die majestätische Szene zwingt zum andächtigen Staunen und weihevoller Stille.

Wer sagt denn, dass unvergessliche Eindrücke nur mit Sonnenschein verbunden sind?

Blick zurück in den nebeligen Prinz Christian Sund Grönland

Blick zurück in den nebeligen Prinz Christian Sund

Nachtrag zu Wind und Wellen

Heute ist der dritte Seetag in Folge, und ich habe den Eindruck, die Gäste haben es satt: „Also, lieber Neptun, du hast deinen Spaß gehabt. Nun lass‘ auch mal gut sein!“ Gänge und Treppenhäuser sind leer, sogar von den begehrten Plätze mit Blick auf die See in der Bibliothek sind noch einige frei. Die Sitzplätze in den öffentlichen Bereichen sind ausgedünnt besetzt. Und in den Restaurants sieht man viele Männer, die in kleinen Schüsseln Kleinigkeiten für die Angetraute in der Kabine zusammentragen. Für morgen und die kommenden Tage verspricht uns die Wettervorhersage sonniges, windstilles Wetter bei Temperaturen um die 6°C bis 9°C.

Mögen die Wetterfrösche richtig quaken!

Nuuk

In Nuuk betreten wir endlich nach drei langen Seetagen grönländischen Boden. Der Morgen ist wolkenverhangen, grau und überzieht die Hauptstadt der Insel mit einem depressiven Schleier. Wolken verhängen die umliegenden Berge. In die Spannung, endlich die Hauptstadt Grönlands kennenzulernen, mischt sich Mißmut über das trübsinnige Wetter bei der Ankunft.

Grönland Nuuk Containerhafen im Nebel

Grönland Nuuk Containerhafen im Nebel

Zum Glück bewahrheiten sich die Vorhersagen der Meteorologen, und die Sonne verdrängt den Grauschleier. Auf dem Pier putzt die Crew mit langen Besen die Steuerbordseite der AIDAcara. Hafenaufenthalte sind durchaus keine Freizeit für die Besatzung.

Tourist-Information und Freies Internet

Gleich beim Verlassen des Schiffs empfängt uns die Tourist Information mit Stadtplänen und einem freien Internet. Das ist auf Grönland ein Geschenk des Himmels!

Wir streifen durch die Stadt, folgen teilweise dem Strom der anderen AIDA-Gäste oder bummeln in Nebenstraßen. Die Erinnerung an den Stadtgründer, Hans Poulsen Egede, wird durch ein Denkmal neben der Kirche und einem Gedenkstein auf dem Weg zum Hafen hochgehalten.

Ein Drittel der grönländischen Bevölkerung wohnt in Nuuk. Die Stadt bietet also alles, was eine große Stadt ihren Einwohnern bieten muss: Einkaufsmöglichkeiten, Arbeitsplätze in Dienstleistung, Handwerk und Fischerei, Energieversorgung, Schulen und so weiter.

Schon bei der Anfahrt habe ich etwas vermisst, was in Deutschland allgegenwärtig ist: Windräder! Warum lassen die Grönländer den eigentlich immer strammen Wind ungenutzt übers Land ziehen? Statt dessen gibt es am Hafen riesige Tanks für Mineralölprodukte und Erdgas.

Um ehrlich zu sein: Das Stadtbild von Nuuk ist langweilig. Nur mit Wissen um die lebensfeindliche Umwelt, in der sich das Gemeinwesen gegründet und entwickelt hat, lässt Interesse aufkeimen.

Friedhöfe und Fernheizung

Auf dem Weg zur Altstadt komme ich an einem Friedhof vorbei. Er fällt mir durch seinen schlichten weißen Lattenzaun auf und durch die stereotypen weißen Holzkreuze. Ich öffne das Tor und entdecke, dass keine der Grabstellen mit einem Namen gekennzeichnet ist. Auch ist keine Grabstätte mit Blumen oder Kränzen geschmückt.

Ob’s am Wetter liegt oder an besonderen Ritualen?? In Punta Areana, in Patagonien gelegen mit den Verhältnissen in Grönland vergleichbar, schmücken die Bewohner die zumeist aufwendig gestalteten Gräber ihrer Ahnen mit Plastikblumen.

Der Friedhof an der Erlöserkirche in der Altstadt, die wie alle anderen besuchten Kirchen in Grönland verschlossen ist, umfriedet der Lattenzaun übringens gar kein Grab, sondern nur ein großes weißes Kreuz.

Viele der hölzernen Fertighäuser aus Norwegen sind zwar farblich gegeneinander abgesetzt. Aber im wesentlichen prägt Grau den Eindruck. Die wenigsten Häuser haben Schornsteine: den Grund dafür entdecke ich mit einem Blick in eine Baustelle: es gibt ein Fernheizwerk, das weite Teile der Stadt mit Wärme versorgt.

Einkaufszentrum, Kunst und Bank

Damit sind die wesentlichen Elemente aufgezählt, die das Erscheinungsbild der folgenden Häfen in Grönland prägen: farbige Holzhäuser auf einem Felsen, ein Flughafen, Tanks und eine Werft im Hafen. In Nuuk kommt noch ein veritables kommunales Zentrum hinzu, ein großes Krankenhaus und eine ziemlich neue Einkaufsstraße, die von einem monumentalen, natürlich: grauen Bankgebäude dominiert wird. Es gibt auch ein paar sehenswerte Wandbilder und Statuen. Kunst am Bau kennt man hier auch.

Die Abfahrt verzögert sich um eine Stunde, weil ein Gast die AIDAcara aus gesundheitlichen Gründen verlassen muss. Wir verlassen Nuuk am frühen Abend bei strahlend blauen Himmel und der Gewissheit, dass wir in der kommenden Nacht Nordlicht sehen werden.

Bis es soweit ist, stellen wir uns auf vertraute Naturgewalten ein: Wind und Wellen. Die zerfetzten Gischtkämme und das Heulen am Balkongitter legen die Latte bei Windstärke 9 bis 10.

Dabei tut das Toben der Elemente der Blue Hour keinen Abbruch. Aus Gründen, die ich nicht kenne, stampft das Schiff sehr wenig. Dabei fährt der Kapitän mit 17kn genau gegen den Sturm. wegen der einstündigen Verspätung beim Verlassen von Nuuk legt der Kapitän eine Schippe drauf, um Illulissat planmäßig zu erreichen. Die Eisberge warten!

(Natur-) Gewaltig schönes Schauspiel

Es hätte der Durchsage des Kapitäns gar nicht bedurft: Gegen 22:00 beginnt ein Lichtertanz und Formenzauber, wie wir ihn noch nie gesehen haben:

Grüne Hexenküche um Mitternacht

Das ist ein Drehen, Wabern, Wirbeln, Glühen! Auch ohne fotografische Hilfsmittel bestaunen die Gäste, wie sich grüne Vorhänge heben und senken, sich zu Kreisen und Spiralen verändern, mal schwächer werdend, mal ganz intensiv sich verdichtend. Das Schauspiel findet über dem ganzen Himmel statt, direkt über dem Schiff und auf beiden Seiten. Wir blicken in eine wahre Hexenküche. Trotz der späten Stunde – inzwischen ist es fast Mitternacht – ist das Deck 11 voll von staunenden Menschen.

Nordlicht vor Grönland um Mitternacht

Nordlicht vor Grönland um Mitternacht

Ich lasse die Kamera sinken und bewundere das Treiben über uns und kann die ganze Vielfalt gar nicht fassen.

Gegen Mitternacht schließt die Hexenküche ihre Pforten und wir gehen mit unvergesslichen Eindrücken (und klammen Fingern) zu Bett.

Morgens um 6:00, die AIDAcara liegt wie Brett, luscher ich vorsichtig durch die Vorgänge. Bleibt uns Petrus hold und beschert uns Eisbergwetter?

Ganz weit hinten am Horizont sehe ich einen zarten rosa Streifen. Die Sonne ist da und wird durch keine Wolken und keinen Dunst behindert. Sie steht noch so tief, dass die Berge an der Westküste Grönlands als Schattenriss zu erkennen sind.

Und ansonsten: nur blauer Himmel, zum Tag hin ziehen zarte Schleierwolken auf, die auch von einem Dekorateur an ihre Position geschoben sein könnten. Wenn wir auf Eisberge treffen sollten, werden sie sicher von der Sonne ansprechend beleuchtet.

Wir freuen uns drauf. Bis zur Ankunft in Illulissat sind es noch 8 Stunden.

Kurs Ilulissat

Schon die Fahrt durch die Disko-Bucht nach Ilulissat (ehemals Jakobshavn, dieser alte dänische Name ist heute noch in der internationalen Flughafenkennung JAV erhalten) ist eine Augenweide: kleine, große und sehr große Eisberge treiben an uns vorbei. Vielleicht liegen sie auch nur ‚rum, und die AIDAcara schleicht sich nur vorsichtig vorbei. Immerhin sieht man nur knappe 10% der Masse. Bei einer sichtbaren Höhe von 40m liegen noch 360m unter Wasser.

Die AIDAcara hat die Eisklasse E1 (Germanischer LLoyd) und darf bis zu 40cm Eisflächen durchfahren. Im Streitfall mit einem Eisberg nutzt das natürlich auch nicht viel.

Eisfeld und Eisberge

Einige Brocken erreichen Höhen von 40m und mehr. Ein Eisberg dieser Größe hat vor ein paar Jahrzehnten die Jungfernfahrt eines bekannten Kreuzfahrtschiffes beendet. Ich kann verstehen, dass der Kapitän, unterstützt von einem kundigen Eislotsen, den weißen Riesen mit gehörigem Respekt begegnet.
Hier sehen Sie die spannende Bildergalerie von der Fahrt durch die Disko-Bucht nach Ilulissat

Ich verbringe den Anlauf von Ilulissat auf Deck und fange meine Eindrücke fotografisch ein. Der Wind zerrt an der Optik. Zwei Passagiere geben sich gegenseitig Windschatten, damit der Wind ihnen nicht die Kamera verreißt.

Ein Genuss: die Eisberge verändern mit ihre Konturen beim Vorbeifahren und mit der Sonneneinstrahlung. Die Gäste stehen in dichten Trauben – nicht an der Reling: dort ist es zu windig, sondern im Windschatten der Aufbauten.

Eisberge warten auf den Startschuss. Grönland

Eisberge warten auf den Startschuss.

Für sturmfeste Fotografen ist das natürlich eine günstige Situation für ungestörte Ausblicke auf das Eisfeld, wenn man davon absieht, dass Sturm und Fahrtwind ganz eigene Vorstellungen haben, was als nächstes fotografiert werden soll. Die großen Eisberge ragen wie Flaggschiffe aus den Schollen und Mini-Eisbergen.

Ein Eisberg ist rund und glatt wie ein Baby-Popo und schimmert in der Sonne. Vor Ilulissat kommen wir dann an den aufgestauten, großen und schneeweißen Eisbergen vorbei, die vom Gletscher abgebrochen sind und nun auf die Weiterreise warten. Besonders am Übergang vom Gletscher zur Disko-Bucht gibt es eine Untiefe. Hier laufen die Eisberge regelmäßig auf Grund und können erst weiter, wenn sie genügend abgeschmolzen sind oder von den nachfolgenden Eisbergen über die Schwelle gekippt werden. Dann gibt es immer eine ordentliche Welle.

Verantwortlich für die vielen Eisberge ist der Jakobshavn Isbræ, das ist der dänische Name für den „Südlichen Gletscher“, der auf grönländisch Sermeq Kujalleq heißt.

Der Gletscher schiebt täglich rund 40m Eis in die Bucht. Das ist eine große Menge Süßwasser: die deutschen Versorger pumpen jährlich 3,5 Mrd Tonnen Trinkwasser in die Haushalte. Der Gletscher entlässt jedes Jahr 35 Milliarden Tonnen Trinkwasser ins Meer, damit könnte der Trinkwasserverbrauch Deutschlands für 10 Jahre gedeckt werden.

Eisberg wie ein Schwertfisch in Blau Grönland

Eisberg wie ein Schwertfisch in Blau

Vom Winde verweht

Das prächtige Wetter mit makellosem Himmel, praller Sonne, klarer Luft und angenehmen 2°C darf uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Wetter hier keine Konstante ist. Der Kapitän sagt die neuesten Daten der Wettervorhersage an. Demnach ist im Laufe der kommenden Nacht mit starken Winden aus Süden zu rechnen. Damit sei, so die Durchsage, die Gefahr verbunden, dass sich das dekorative Eisfeld zu einer Barriere aufbaue, die unser Schiff am Verlassen der Disko-Bucht hindere. Darum verlässt die AIDAcara ihren Liegeplatz in Ilulissat abweichend vom Programm bereits am Abend. Alle Ausflüge , auch unser Ausflug „Per Boot zu den Eisbergen; JAV01) für den zweiten Tag fallen damit aus.

Na, toll!

Wir werden die prächtigen weißen Riesen leider nicht am Fuß kitzeln können. 24 Stunden später ist man dann schlauer: in Ilulissat herrschen, so die Online-Abfrage, 11°C bei leicht bewölktem Himmel. Der Wind weht schwach aus – Ost. Mein Vertrauen in die Meteorologen ist rapide auf Null gesunken. Und der Glauben an die Unfehlbarkeit des Kapitäns auch. Wenn man schon bei schwachen Winden die Gäste nicht in die Boote bringt, wie soll das dann im Notfall bei Sturm, Seegang und Feuer an Bord funktionieren?

Später erfahren wir, dass schon die beiden vorigen Anläufe gescheitert waren. In diesem Jahr wird in der Anlaufstatistik von Ilulissat der Name AIDAcara fehlen. Und noch später erfahren wir, dass der Wind nicht stark aus Süden, sondern schwach aus Osten wehte. Auf Nachfrage bei den örtlichen Veranstaltern erfahre ich, dass alle geplanten Ausflugsfahrten bei ruhiger See und sonnigem Wetter stattgefunden haben (mit Ausnahme natürlich der Boote, die von AIDA gebucht waren).

Von Reede und Tendern

Ilulissat hat zwar einen „richtigen“ Hafen. Es gibt eine Marina mit geschätzt 200 Sport- und Fischerbooten. Aber die Pier ist nur knapp 140m lang, so dass trotz genügender Wassertiefe keine großen Schiffe wie die AIDAcara anlegen könnten. Die Gäste der Kreuzfahrtschiffe (neben unserem Schiff liegt die Silver Cloud, ein wirklicher Luxuseimer, gegen den die AIDAcara zur Holzklasse schrumpft) ankern darum auch vor der Stadt und bringen die Gäste mit kleinen Booten (Tenderbooten) an Land.
Sehen Sie hier Bilder von der MS Silver Cloud und dem Tendern.

Das Kreuzfahrtschiff "Silver Cloud" hinter einem Eisberg auf Reede in Ilulissat. Grnland

Kreuzfahrtschiff „Silver Cloud“ hinter einem Eisberg in Ilulissat.

Die Kapazität dieser Boote, es sind einige der Rettungsboote, ist begrenzt. Darum werden Nummern ausgegeben.

Auf Deck 3, ganz unten im Schiff, gleich neben dem Hospital, ist die Luke, an der die Tenderboote anlegen. Es dauert um die 20 Minuten, bis ein Boot voll besetzt ist und dem nächsten Platz macht. Die AIDAcara liegt (nicht am Anker, sondern frei schwebend) 2km vom Ufer entfernt. Der Kurs des Tenderbootes führt an einigen kleinen Eisbergen vorbei, die von Nahem betrachtet gar nicht so klein sind. Einer ist filigran ausgewaschen und sieht aus wie ein springendes Pferd.

Immerhin erleben wir auf diese Weise wenigstens ein bisschen von der Faszination, sich den Majestäten hautnah zu nähern.

Ilulissat

Ilulissat wirkt mit seinen bunten Häusern, die sich auf an dem Berg angesiedelt haben, wie eine gewachsene Stadt. Anders als Nuuk, das wie eine Retortenstadt aussieht, bei deren Planung die Architekten alle Bausünden herausgekramt haben, die das Leben dort öde machen.

Nein, Ilulissat wirkt dagegen sympathisch. Am Hafen, neben dem Ponton für die Tenderboote, gibt es eine Reparaturwerft, weiter hinten sehe ich eine Werft für Neubauten. Die klassischen, bunten Holzhäusern stehen auf Plattformen, die auf Stelzen oder Betonsockeln über dem Felsen errichtet wurden. Es gibt moderne Bauten für Hotels und Kultur, die sich harmonisch in das gewachsene Stadtbild einfügen. Linkerhand auf einer Bergkuppe entstehen neue Häuser. Die Fundamente und die Gräben für Infrastruktur werden in den Felsen gesprengt. Schwere Matten verhindern, dass die Gäste von herumfliegenden Brocken verletzt werden.

Und mache einen zweiten Plan …

Unser Plan sieht vor, vom alten Heliport zum Gletscher zu gehen und dem Knistern und Knacken des Eises zu lauschen und das Kalben zu beobachten. Wo hat man schon die Gelegenheit, der Geburt von Eisbergen zuzusehen?

Der Weg dorthin ist vielfach beschrieben und soll keine besonderen Anforderungen stellen.

Allerdings liegt der alte Heliport 30 Minuten vom Anlegeponton der Tenderboote entfernt. Der Weg zu dem Aussichtspunkt auf den Gletscher wird mit 1,5h bis 2,5h angegeben. Ich beginne zu rechnen und komme zu dem Schluss, dass beim Blick auf den Gletscher wohl nicht mehr als ein Schnappschuss möglich sein wird. Also: Beine in die Hand und über die wackeligen Treppen und staubigen Straßen los.

Wir teilen uns die Straßen mit den ausladenden Pickups in allen Zuständen des Zerfalls. Genauer gesagt, die Pickups teilen sich die Straße nicht mit uns. Augenscheinlich wissen die Fahrer mit den kamerabehängten Zweibeinern in Arktiskleidung nichts anzufangen. Jedenfalls verringern sie das Tempo beim Vorbeifahren nicht und vermeiden Ausweichbewegungen.

Das verdrießt mich. Mir vergeht die Vorfreude auf Gletscherblick rapide, auch weil die Motoren der Fahrzeuge wohl aus der Zeit des Alexanderzuges stammen. Es stinkt. Es ist laut. Ich will nur noch kurz schauen, was es im Souvenir-Laden zu kaufen gibt. Ich kann wählen zwischen verbotenen oder politisch nicht korrekten Dingen aus Walfischknochen, Elfenbein, Robbenfell oder Kitsch.

Das gibt mir den Rest und ich kehre um.

Eisberge in Rosarot

Vielleicht habe ich die Geburt eines Eisberges verpasst, aber zur Blauen Stunde werde ich für fast alles entschädigt: Hinter der Eiswand des Gletschers leuchtet der Himmel im zarten Himbeer-Rosa. Die hoch aufragenden Eisberge stehen wie gemeißelt davor. Ein halbes Dutzend kleiner Boote suchen sich vorsichtig einen Weg durch das Labyrinth der weißen Wände. Man muss schon genau gucken, um die Nussschalen vor den Kolossen überhaupt zu entdecken.

Ein Ausflugsboot fährt mit seinen Gästen am Fuße eines großen Eisberges. Grönland Ilulissat

Kleines Boot am großen Eisberg in Ilulissat

Es ist ein Bild, dass die Gäste an Deck schweigend genießen. Wir fahren an zwei großen Eisbergen vorbei. Sie überragen das Deck der AIDAcara deutlich. Beim Passieren später zeigt sich, dass die zwei Eisberge über einen Steg zusammenhängen, in dem ein Tor ist, groß genug, um eines der Ausflugsboote hindurch zu lassen.

Da knistert es und grummelt und knackt! Und während unser Schiff auf gleicher Höhe mit dem Doppelberg ist, platzt eine große Eismuschel ab und fällt mit deutlichem Platschen in den Fjord. Klasse, nun haben wir auch das Kalben gesehen.

Der Eindruck prägt sich tief ein und wird wohl lange mit Grönland und Ilulissat verbunden sein.

Kurz vor Toresschluß des „Alle Mann an Bord“ streben die Nussschalen fächerförmig auf die AIDAcara zu, um ihre Gäste rechtzeitig abzuliefern.

Traumhafte Eindrücke: Ausflugsboote vor Eisbergen im Abendlicht Grönland

Traumhafte Eindrücke: Ausflugsboote vor Eisbergen im Abendlicht

Mit dem Ablegen des letzten Ausflugsbootes starten die Maschinen unseres Schiffes und die AIDAcara verlässt Ilulissat in Richtung Sisimiut. Das ist zwar nur eine kleine Ortschaft, aber doch die drittgrößte Stadt Grönlands. Die Reederei hat uns Sisimiut als Ersatz für den verpassten zweiten Tag in Ilulissat angeboten. Wir hätten uns diesen Ausweichhafen sparen können, wenn auf der Brücke und in der AIDA-Zentrale in Hamburg nicht solche Schisser säßen.

Sisimiut

In Sisimiut gibt es eine Pier, an der die „MS Silver Cloud“ festgemacht hat. Die Ankunft der AIDAcara kommt wohl für die Hafenverwaltung überraschend, weil es weder eine Urkunde noch eine Medaille zum Erstanlauf gibt. Tatsächlich, die AIDAcara legt heute zum ersten mal in Sisimut an.

Das Wetter ist prächtig, kein Wind, kein Wellengang.

Grönland Bergwelt bei Sisimut im Morgenlicht

Bergwelt bei Sisimut im Morgenlicht

Warum in aller Welt hat die AIDAcara den Hafen Ilulissat bloß Hals über Kopf verlassen? Diese Entscheidung hat viele Gäste enttäuscht. Es wachsen Verschwörungstheorien: Warum hat AIDA so schnell ausführliche Hafeninfos zu Sisimiut parat? Und sind vielleicht die Liegegebühren in Ilulissat der wirkliche Grund für die Abreise? Wind und Wetter waren es jedenfalls nicht.

Die AIDAcara liegt wieder auf Reede. Es ist Tendern angesagt. Neben uns liegt die „Akademik Sergey Vavilov“, ein Expeditionsschiff mit dem Charme eines Containerfrachters.  Dort legen die Tenderboote nicht an einer Luke an, durch die Gäste halbwegs bequem ein- und aussteigen können, sondern am Fuß einer zierlichen Treppe, die außenbords auf Deck führt.

Wer’s verpasst hat, hat nichts verpasst.

Wie in den anderen Häfen wird die Einfahrt von Sisimiut von großen Tanks dominiert. Man sieht dem Ort nicht an, dass hier über 5.000 Menschen wohnen und arbeiten. Die Aussicht, dass sich in den wenigen Straßen jetzt 900 Gäste der AIDAcara tummeln und das kleine Museum besetzen, hält uns davon ab, an Land zu gehen. Wir gehen an Deck und erleben, wie es ist, wenn man die AIDAcara (fast) für sich alleine hat.

Sisimut in Grönland

Sisimut in Grönland

Die Abfahrt verzögert sich um insgesamt eine knappe Stunde. Die AIDAcara hat mit dem Anker ein Seil erwischt. Es verhindert, dass der Anker reibungslos in das Spill gehaspelt werden kann. Der Platz auf der Trommel ist knapp. Und wenn sich dann die Kette verdreht, passt sie nicht mehr auf das Spill. So bringt der Kapitän einen Teil der Zeit damit zu, das Seil wieder los zu werden. Ich hoffe, da hängt nicht der Stöpsel dran und der Fjord läuft aus. Nachdem er das Seil glücklich losgeworden ist, muss jetzt die Kette wieder zurechtgerückt werden. Das dauert auch eine Weile.

In der Zwischenzeit sichten einige Gäste beim Abendessen ein paar Wale. Sie entpuppen sich aber schnell als Schären, um die Wellen und Wogen tanzen.

Über das Tendern

Morgen legen wir in Qaqortoq an, unserem letzten Hafen auf Grönland. Wie in den letzten beiden Häfen befindet sich auch in Qaqortoq zwischen dem Schiff und dem Land keine Gangway, sondern eine Bootsverbindung.

Die Gäste bekommen am Ticket-Schalter Nummern. Die Tickets sind kostenlos. In der Reihenfolge der Nummern dürfen die Gäste auf Deck 3 in die Tenderboote einsteigen. So weit der Plan.

Schlange stehen für ein den Landgang

Um 16:30 Uhr des Vortages werden die Nummern ausgegeben. Schon gegen 15:00 Uhr stehen die ersten Gäste vor dem Ticket-Schalter. Um 16:00 Uhr ist die Schlange in 2er und 3er-Reihe gute 50m lang und reicht vom Ticket-Schalter bis weit in das Theater. Insgesamt, so erfahre ich auf Nachfrage, halten fast 1.000 Gäste ein Ticket in Händen. Was sollen die Gäste auch anderes machen: Ausflüge werden für diesen Hafen mit Ausnahme der Radler, nicht angeboten.

Das bedeutet im Hafen von Qaqortoq ein leeres Schiff. Fast alle Gäste sind an Land oder in Bereitschaft zum Einsteigen ins Tender-Boot. Wunderbar!

Aber halt, da stimmt was nicht:

Die Letzten werden die Ersten sein

Tenderboote eines Kreuzfahrtschiffs

Tenderboote

In Qaqortoq legt die AIDAcara gegen 8:00 Uhr morgens an, um gegen 14:00 Uhr wieder abzulegen. Letztes Tenderboot ab Hafen ist eine halbe Stunde vorher. Gegen 9:00 Uhr legen die ersten Tenderboot mit 50 – 80 Gästen ab. Das Besteigen, Übersetzen und Aussteigen dauert gute 45 Minuten. Bei durchschnittlich 65 Gästen pro Tenderboot sind 16 Bootsfahrten notwendig.

Wenn alle gaaanz schnell einsteigen und das An- und Ablegen reibungslos klappt, sagen wir mal innerhalb 15 Minuten, legt das letzte Tenderboot nach 4 Stunden ab.

Es ist dann 13:00 🙁

Was bedeutet das für für das AIDA Selection Motto „Land & Leute erleben“?

Die Gäste im letzten Tenderboot können gleich sitzenbleiben. Dann haben sie wenigstens den Platz für die Rückkehr zum Schiff sicher.

Die Letzten werden die Ersten sein.

Vom Tendern II

Lernen bedeutet, so der zweite Hauptsatz der Pädagogik, Verhaltensänderung. Und da ich nicht der einzige an Bord bin, der eins und eins zusammenzählen kann, ging das Tendern in Qaqortoq sehr viel schneller als in den vorhergehenden Häfen: Statt eine Tür zum Tendern zu öffnen, gab es jetzt auch am Heck noch eine Tür. Nach 90 Minuten waren alle Nummern durch, und es konnte zum Tendern kommen, wer wollte.

So hatte ich nicht nur beim Frühstück das Restaurant fast für mich alleine (auch irgendwie langweilig), sondern auch das Tenderboot.

Auf Nachfrage erfuhr ich den Grund dafür, dass in den vorherigen Häfen nur eine Tür zum Tendern benutzt wurde. Zum einen der Seegang (Liegt die AIDAcara hinten tiefer im Wasser?) und zum anderen der Vorrang der Ausflugsboote, die an der Hecktür angelegt hatten.

Die Fahrt nach Qaqortoq war sehr ruhig: die angezeigten 4 bis 6 Windstärken waren wohl der eigene Fahrtwind der AIDAcara.

Die See war ruhig wie ein Ententeich, der Ausblick bot drei Grade von Grau: grau, hellgrau und dunkelgrau. Nur ab und an brachte die Sonne mehr zustande als einen hellen Fleck auf der Wolkendecke. Die Temperatur fiel zwar nur selten unter 7°C. Aber abgesehen von ein, zwei Rundgängen an Deck, verbrachten wir den Seetag von Sisimiut nach Qaqortoq entspannt beim Lesen und Schreiben in unserer Kabine.

Qaqortoq

Grönland-Qaqortoq

Grönland-Qaqortoq

Unser Schiff erreicht Qaqortoq pünktlich. Aus dem Fjord nebenan blinzelt ein kleiner verirrter Eisberg. Die Wolken hängen tief und verhüllen die höher gelegenen Häuser von Qaqortoq. In den Tälern im Hinterland leuchtet es strahlend Weiß. Die Sonne beleuchtet den Nebel dort und setzt ihn ins rechte Licht.

Qaqortoq ist unser letzter Hafen auf Grönland. Er bietet die gleiche Ansicht wie Ilulissat oder Sisimiut. Große Tanks am Hafen, viele bunte Häuser, wohl meist Fertighäuser aus Norwegen, eine Reparaturwerft und eine Kirche. Qaqortoq ist ein wichtiges Zentrum in Südgrönland. Es gibt darum ein bisschen mehr Infrastruktur.

Eine Hochschule für Touristik, ein prominent über dem Hafen thronendes Hotel, natürlich ein Verwaltungsgebäude und eine große, aufdringlich rot bemalte Diskothek. Selbst für aufkommendes Fernweh gibt es Abhilfe. Ein Reisebüro bietet kleine Fluchten in den Süden an. Einen Flughafen habe ich nicht entdeckt, wohl aber einen Hubschrauberlandeplatz. Gleich neben dem Anleger gibt es kleines Museum, das über die Geschichte von Qaqortoq informiert. Eigentlich hat es sonnabends geschlossen. Aber weil ein Kreuzfahrtschiff anlegt, öffnet es die Türen.

Am Hafen gibt es einen winzigen Sandstrand, auf dem einheimische Jugendliche barfuß und mit kurzen Hosen herumtoben: 7°C zeichnen hier noch den Spätsommer aus.

Für alle Häuser musste der Bauplatz aufwendig hergestellt werden. Entweder stehen die Holzhäuser auf Stelzen, oder es gibt ein gemauertes oder gegossenes Untergeschoss. Verbunden sind die Häuser über Treppen, über Treppen und über Treppen.

Fällt noch etwas besonders auf?

Kunst am Fels

Ja, es sind die vielen kleinen und großen Kunstwerke, die man in Felswänden oder Felsbrocken entdecken kann. Ein Relief im Stile von Steinzeitmalereien prägt 2 Dutzend Wale auf die Wand. An den Kanten eines Felsbrocken räkelt sich ein nacktes Paar. Auf der Vorderseite hat der Künstler drei Sitzmulden in den Fels geschlagen. Drei Menschen im Lotussitz halten die dazugehörigen Fußrasten.

Besonders beeindruckt hat mich ein kleiner Brocken, auf dem Inuit und ein Wal schwimmen.

Grönland Qaqortoq Walfischrelief

Grönland Qaqortoq Walfischrelief

Ach ja, natürlich, den einzigen Springbrunnen Grönland gibt es auch in Qaqortoq, und zwar auf dem Fischmarkt, 3 Minuten vom Anleger der Tenderboote entfernt. Wenn wir länger im Hafen geblieben wären, hätte uns ein „Food Festival“ erfreuen können, das mit vielen Zelten und Kochstellen gerade aufgebaut wurde.

Aber statt „Food Festival“ in Qaqortoq wartet auf uns Hausmannskost auf der AIDAcara. Unser Schiff hebt pünktlich um 14:00 Uhr den Anker. Und mit der bekannten Auslaufmelodie verlassen wir den entferntesten Teil Europas. Vieles habe ich gesehen, gelernt und bestaunt.

Aber viele Geheimnisse hat diese merkwürdige Insel zwischen Amerika und Europa noch für sich behalten.

Auf dem Weg nach Reykjavik

Friedensangebote

Zwischen Qaqortoq und Reykjavik liegen zwei Seetage. Eine Phalanx von großen Eisbergen begleitet uns westlich in sicherer Entfernung. Es mögen vielleicht 15km sein. Aber sie sind wegen ihrer Größe nicht zu übersehen. Besonders gilt das, wenn ein paar Sonnenstrahlen den Weg finden und die Eisbrocken theatralisch vor dem grauen Horizont aus dem Meer stanzen.

Die AIDAcara dreht nach Osten ab, während unsere eisigen Begleiter weiter nach Süden treiben, um unvorsichtigen Skippern den Weg zum Meeresboden zu erklären.

Seegang und Wind sind wie ein Friedensangebot der Natur.

Milde und sanft wiegt uns die Dünung in den Schlaf.

Am anderen Morgen haben wir uns Hamburg schon bis auf zwei Zeitzonen genähert und steuern entspannt ein zweites Mal Island an.

Unser Ziel ist Reykjavik. Wir werden den Hafen wegen des freundlichen Wetters eine Stunde eher als geplant erreichen. Deswegen bleibt der Tag trotzdem ein See- und kein Hafentag.

Die sanfte Dünung und das kontemplative Rauschen, die milden Temperaturen von 12°C und die Verlockungen unseres Zentralgestirns genießen wir auf dem Balkon im Windschatten.

Gegen das Heimweh

Nach 14 Tagen regt sich in der Verkleidung von Nachrichtendurst so etwas wie Heimweh. Ich klicke auf der Fernbedienung und finde auf dem Fernseher auch richtig heimische Nachrichtensender.

Mal sehen.

Ich sehe fassungslos einen Verfassungsschützer, der eine Verfassung schützt, die wir hoffentlich nie bekommen werden.

Ich sehe einen politischen Stuhlgangansauger vom Typ „Portokassenjüngling“, der von linksextremistischer Nachrichtenfälschung fabuliert.

Ich höre von einer Rangelei zwischen vier Männern, von denen einer an einem Herzschlag stirbt. Zwei der Männer sind Afghanen, einer ist ausreisepflichtig. Der Tote ist Deutscher.

Ich sehe Bilder von einem Trauermarsch, wobei der Marsch das Traurigste ist.

Ich sehe einen Innenminister, der stammelnd auf die Erklärung eines Untergebenen wartet, statt sie ultimativ zu fordern.

Bayern München führt die Bundesligatabelle an.

Früher war nichts anders. Heute ist auch nichts besser. Ich schalte wieder auf die Anzeige der nautischen Daten um und beschließe, auch die letzte Woche zu genießen.

Kreuzfahrten sind perfekt für Eskapisten.

Reykjavik

Das Streben von AIDA, möglichst viele Häfen vorzuweisen, hat fatale Folgen. Sie werden in Reykjavik besonders deutlich.

Wir erreichen die Hauptstadt Islands tatsächlich 1 Stunde vor dem Plan und können auch richtig an der Pier anlegen, weil die „Norwegian Jade“ den Platz räumt. Dort stehen 6 Container, aus deren Inhalt die AIDAcara ihre Vorräte auffüllt. Auf der Pier hält die Hafenverwaltung von Reykjavik zwei Gangways bereit. Der Versuch, sie mit mit AIDAcara zu verbinden, scheitert nach 25 Minuten. Schlussendlich können wir das Schiff über das Deck 3 verlassen.

Taxi statt Shuttle

Ich erkundige mich an der Rezeption nach Shuttle-Bussen. Der Liegeplatz der AIDA ist ca. 5km von der Stadt entfernt. Ich werde ziemlich knapp abgebügelt: die Sache mit den Bussen sei ja wohl nicht Sache von AIDA und ob die Kommune welche bereitstelle und zu welchen Preisen, könne man nicht sagen, weil dann die Leute (also Menschen wie ich) sich beschweren, weil doch kein Bus da sei. Im Nachherein erfahre ich, dass ein Zettel an der Rezeption auf diesen Shuttle-Bus hingewiesen hat. Ich sah keinen, und der mündliche Hinweis darauf fehlte.

Ich erwäge einen Hinweis auf die modernen Kommunikationswege wie das Telefon, über die man allerlei Informationen zuverlässig einholen oder Taxen bestellen kann, lasse es dann zugunsten des Landganges bleiben.

Stadtbesichtigung

Reykjavik zeigt sich eine veritable Hauptstadt mit einer eindrucksvollen Silhouette und der Verheißung einer sehenswerten Altstadt. Schon beim Anlaufen hat uns die Hallgrímskirkja-Kathedrale mit ihrer auffälligen Betonfassade zu einem Besuch eingeladen.

Hallgrímskirkja Kathedrale in Reykjavik

Hallgrímskirkja Kathedrale in Reykjavik

Also los! Anfangs zu Fuß. Dann hat es sich bei den Taxifahrern wohl herumgesprochen, dass Kundschaft am Hafen wartet. Uns begegnet eine lange Kolonne von Fahrzeugen, und ich winke einen Fahrer heraus. Der lässt uns nach einem bemerkenswerten Wendemanöver einsteigen und kachelt mit unerschrockenen 80km/h zur Kathedrale. Gezahlt wird bargeldlos mit der Kreditkarte.

Uff, wir erreichen gerade noch den letzten Aufzug nach oben. Das kostet genauso viel wie die Taxifahrt und geht wieder auf das Plastikkonto.

Der Blick von oben ist die einzige Möglichkeit, von Reykjavik mehr zu sehen als Lagerhallen und Container. Der Sonnenuntergang zaubert sehr hübsche rosa Ränder auf die wenigen Wolken,. Allerdings markiert der Sonnenuntergang auch das Ende der Stadtbesichtigung von oben.

Immerhin: 30 Minuten.

Alt und Neu

Nach einem kurzen Aufenthalt in der Hallgrímskirkja-Kathedrale, die einen längeren Aufenthalt verdient hätte, beschließen wir, den Rückweg per pedes zurückzulegen und dabei einen Blick auf die engen Straßen der Altstadt zu erhaschen. Einige Geschäfte haben noch offen. Wir kommen an ein paar Restaurants und Kneipen vorbei, die bereits offen haben und in denen das Publikum für die Nacht vorglühen kann. Wir erfreuen uns an dem Blick auf alte, teils sehr farbige Holzhäuser. Sie liegen zwischen Baustellen und modernen Appartmenthäusern. Hier und da erkennt man Heizschlangen auf den aufgegrabenen Wegen und Straßen. Hier wird das auf Island reichlich vorhandene warme Wasser durchgeleitet, um Straßen und Wege eis- und schneefrei zu halten

Zum Wasser hin werden die Häuser moderner. Wir überqueren eine nur noch schwach befahrene vierspurige Schnellstraße und gelangen auf eine gut ausgebaute Promenade. Noch hinten ragen viele variantenreiche Hochhäuser in den Abendhimmel. Vielleicht sind es Wohnhäuser. Ihre Fenster sind dunkel.

Rechterhand haben einige bekannte Unternehmensberatungsfirmen und Banken ihre Bürohäuser eingepflanzt. In fast allen Fenstern deutet heller Schein Betriebsamkeit an – oder das Fehlen eines Ausschalters. Wir kommen an einer Plastik vorbei, ein metallenes U, dessen Schenkel als Pfeile ausgebildet sind. Es kommt nachts besonders gut zur Geltung, weil es effektvoll beleuchtet wird und erinnert an die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Island und den Vereinigten Staaten.

Treffpunkt von Gorbatschow und Reagan

Klein und verloren steht ein unscheinbares weißes Haus zwischen den beleuchteten Glaskästen. Es handelt sich um das ehemalige französische Konsulat und dient jetzt als Höfði (Gästehaus) der isländischen Regierung. Das wäre nicht er Erwähnung wert, hätten sich hier nicht im Oktober 1986 Ronald Reagan und Michael Gorbatschow in fast privatem Rahmen getroffen und das Ende des Kalten Krieges begründet. Ein Zustand, der 22 Jahre später durch große Militärmanöver in Ost und West beendet wird.

Treffpunkt von Reagan und Gorbatschow Grönland

Treffpunkt von Reagan und Gorbatschow

Damit ist unser Besuch in Reykjavik beendet.

Wir finden in der Dunkelheit unseren Weg an Betriebshöfen, Lagerhallen und Gewerbebetrieben vorbei zurück zur AIDAcara.

Weil AIDA Cruises mehr Wert legt auf viele Häfen, legt die AIDAcara am kommenden Tag bereits um 17:00 Uhr wieder ab. Darum beginnt mein Ausflug zur Gletscherwanderung bereits um 7:00 Uhr. Das bedeutet 5:30 raus aus den Federn und fertigmachen zum Aufbruch:

Im Frühtau zu Berge, wir zieh’n fallera

Ausflug Gletscherwanderung

Das frühe Aufstehen für den Ausflug „REY23 Wasserfälle und Gletscherwanderung“ stört mich nicht. Aber mich verärgert, dass uns AIDA in Reykjavik keinen ganzen Tag zum Erkunden der Stadt einräumt und schon am frühen Nachmittag wieder ablegt. Statt dessen haben wir in ermüdender Wiederholung des Immergleichen bei vier Häfen in Grönland einen Haken gemacht und in Island mit Seydisfjordur einen Tag vertan, der uns in Reykjavik gut getan hätte.

Vom Balkon aus sehe ich, dass die Busse bereitgestellt werden. Der frühe Fotograf fängt den besten Fensterplatz.

Ich checke aus, gehe hinüber zu den Bussen und finde auch den richtigen. Der Guide ist ein älterer Isländer, der augenscheinlich noch ein paar Jahre mehr auf der Uhr hat als ich. „So schlimm wird die Wanderung schon nicht werden,“ denke ich.

Unsere Gruppe ist pünktlich vollzählig an Bord. Im Bus gibt es dennoch einige leere Plätze. So kann ich meinen Rucksack mit den Wechselobjektiven bequem auf den leeren Platz neben mir ablegen.

Der Himmel ist zugezogen. Die Wolken hängen tief und hüllen Berge und Täler in geheimnisvolles Grau. Hier und da findet die Sonne ein Wolkenloch und beleuchtet die Landschaft mit einem schnellen Lichtfleck.

Island-Nebel über dem land

Island-Nebel über dem Land

Der Guide ist gut informiert und berichtet sehr ausführlich und sachkundig über Natur, Gesellschaft und Wirtschaft Islands. Auch über Geschichte, Gesellschaft Sagen und Mythen Islands weiß er viel und anschaulich zu berichten. Von dem großen Banken-Crash berichtet er nicht. Es hätte an Bord wohl auch außer mir niemanden interessiert.

Seljalandfoss

Die Nebelflocken wabern um die Spitzen der Bergketten. Die Sonne zerreißt den Grauschleier immer häufiger. Und dann sehen wir in einiger Entfernung auch schon unser erstes Ziel: der Seljalandfoss-Wasserfall. Er ist nicht besonders hoch und auch nicht besonders eindrucksvoll. Aber es gibt einen befestigten Parkplatz davor, eine Toilette und – rechterhand eine Treppe, die zu einem steinigen Weg führt, über den der Wanderer hinter dem Wasserfall entlang gehen kann.

Den Seljalandfoss kann der Besucher auch von hinten erschließen

Den Seljalandfoss kann der Besucher auch von hinten erschließen

Viel Zeit bleibt nicht, um dem Pfad zu folgen, der Zeitplan ist eng. Auf der anderen Seite führt eine bequeme Treppe wieder zurück zum Parkplatz. Bis man aber von dem steinigen Pfad dorthin gelangt muss man schon auf allen Vieren über ein paar nasse und rutschige Felsen klettern.

Alle Teilnehmer kommen rechtzeitig zum Bus. Die Fahrt geht weiter und führt vorbei an steil aufragenden Felsen und über stetig plätschernde Gletscherbäche.

Einer dieser Gletscher ist unser nächstes Ziel. Er liegt etwas abseits von der Straße, und der Bus rumpelt schwankend auf den Parkplatz.

Solheimajökull-Gletscher

Von dem Gletscher ist noch nichts zu sehen. Wir steigen aus und werden von drei Guides in Empfang genommen. Und meine Hoffnung auf eine gemütliche Altherren-Tour schwindet schlagartig, als ich die durchtrainierten beiden Männer und die nicht minder durchtrainierte Frau sehe, die als unsere Gletscher-Guides vorgestellt werden.

Aus einem Anhänger kramt das Team eine Menge Gurte, Steigeisen, Und Eispickel hervor. „Das kann ja heiter werden.“

Als erstes legen wir die Gurte an, in die auf der Wanderung das Sicherungsseil eingehakt wird. Das dauert gute 20 Minuten – und ist ziemlich sinnlos: „Nein“, erklärt mir mein Guide, „Sicherungsseile werden nur nach Schneefall verwendet, wenn man die Spalten und Löcher im Gletscher nicht erkennen kann.“ Aber vielleicht ist das Anlegen der Gurte ein ähnliches Ritual wie die Sicherungsübung vor Beginn jeder Kreuzfahrt.

Uns gehen allerdings 20 Minuten von unserer knappen Zeit verloren.

Nachdem alle Teilnehmer in die Sicherungsgurte gestiegen sind, erklärt uns der Guide das Anlegen der Steigeisen. Bis wir diese sperrigen Steighilfen benötigen, müssen wir aber noch 2km laufen. Die Teilnehmer teilen sich in drei Gruppen auf, die jeweils von einem Guide angeführt werden.

Endlich, nach einer Biegung kommt die (ehemalige) Lagune des Gletschers in Sicht und dann auch der Gletscher selber.

Schwarzes Eis

Dieser Gletscher ist schwarz.

Das Eis ist mit einer dicken Ruß- und Ascheschicht überzogen. Das ganze sieht aus wie eine verschneite Kohlenhalde.

Ich verhehle meine Enttäuschung nicht. Gletscher erwarte ich in unschuldigem Weiß, vielleicht mit ein paar eingeschlossenen Geröllbrocken. Und natürlich mit dem typischen blauen Schimmer.

Aber dieser Gletscher hier ist schwarz.

Island ist nun mal eine sehr vulkanisch geprägte Insel. Und einer der Vulkane ist direkt unter dem Gletscher.

Gletscherwanderung auf dem Solheimajökull.

Gletscherwanderung auf dem Solheimajökull.

Ich bin froh, dass die Sonne ihren Streit mit den Wolken für sich entscheiden konnte. Das lässt uns die Wanderung schlussendlich frohgemut beginnen.

Wir legen unsere Steigeisen nicht nur bei trockenem Wetter, sondern sogar bei mildem Sonnenschein und angenehmen Temperaturen von 8°C an.

Der Guide legt uns nahe, beim Gehen auf unsere Füße zu achten. Der Gebrauch der Steigeisen ist nicht ohne Tücke und kann bei Ungeübten (also Menschen wie ich) zu bösen Verletzungen und Stürzen führen.

Also: wenn es was zu sehen oder zu fotografieren gibt, muss man anhalten.

Der erste Halt gilt einem kleinen weißen Kasten am Wegesrand.

Vor Vulkanen wird gewarnt

Hier ist, er erfahre ich, seismisches Messgerät untergebracht. Es registriert, ob der Vulkan unter dem Gletscher von Unwohlsein geplagt wird. In solchen Fällen schlägt das System Alarm und informiert die Guides auf dem Gletscher vom drohenden Ausbruch.

Es bleiben uns dann, so der Guide, ungefähr 45 Minuten, um den Gletscher zu verlassen und höheres Gelände zu erreichen. Die Gefahr sind nicht Lava oder ausgeworfenes Gestein, sondern Schmelzwasser, das den unwissenden Wanderer spontan und grußlos in den Atlantik spült.

Wandergruppe auf dem Solheimajökull-Gletscher.

Wandergruppe auf dem Solheimajökull-Gletscher.

Die Wanderung ist perfekt geführt. Der Guide gibt auf Nachfrage bereitwillig sein umfangreiches Wissen über Gletscher preis. Der Weg führt manchmal durchaus dicht an Spalten und Löchern vorbei. Trotz der wohl obligaten Steigeisen haben vorausschauende Hände an besonders steilen Strecken Stufen ins Eis geschlagen. Die notwendigen Spitzhacken liegen neben den Treppen und können gegebenenfalls wieder zum Einsatz kommen, wenn die Stufen von Neuschnee eingeebnet werden.

Technisches

Der Solheimajökull-Gletscher ist Teil eines größeren Gletschers, nämlich des Mýrdalsjökull. Das Eis ist etwa 700 Jahre alt und wird pro Jahr ca 150m herausgeschoben. Unter dem Gletscher ruht der Vulkan Katla. Er ist Teil eines 100km² großen Vulkansystems und gilt als einer der aggressivsten und aktivsten Vulkane. Er ist unter 200m bis 700m dickem Eis verborgen, das er im Falle eines Ausbruchs schnell schmilzt und so eine Art Vulkan-Tsunami verursacht. Soweit ein paar technische Daten.

Der Guide erklärt uns auch, wie es zu den Aschekegeln kommt und warum eine dicke Ascheschicht den Gletscher vor dem Abschmelzen schützt, eine dünne das Abschmelzen aber beschleunigt.

Die Uhr ist für die Teilnehmer des Ausfluges das wichtigste Utensil. Der Ausflug ist zwar schon gegenüber den angekündigten 3 Stunden deutlich gekürzt. Aber den Zeitgewinn verspielen wir wieder, weil die Guides uns Trockenfisch und Aquavit reichen. Sie ahnen ja nicht, dass die AIDA-Ausflüge in enge Zeitfenster gepresst werden.

Skogafoss

Dieser Wasserfall kommt auf dem Ausflug eindeutig zu kurz.

Er ist wirklich perfekt. Das Sonne beleuchtet den Skogafoss effektvoll. Es entsteht ein Regenbogen, der an Intensität seines gleichen sucht. Leider mahnt der Guide zur Eile. Auch die Einkehr im Hotel Anna findet ein schnelles Ende. Die Bedienung ist sichtlich überrascht, dass wir so wenig Zeit zum Essen mitgebracht haben: Schnellimbiss eben.

Regenbogen am Skogafoss in Island Grönland

Regenbogen am Skogafoss in Island

Auf der Rückfahrt kommen wir an einigen eindrucksvollen schneeweißen Rauchsäulen vorbei. Hier wurde gerade eine neue Quelle für die thermische Versorgung von Reykjavik erschlossen. Die Insel ist perfekt darin, die in rauen Mengen vorhandene Erdwärme für alles zu nutzen, was man mit Wärme machen kann.

So ist Island zum Beispiel trotz der nördlichen Lage und den manchmal lichtarmen Zeiten in Sachen Gemüse Selbstversorger. Weniger als ein Drittel des Energiebedarfs wird noch aus fossilen Quellen gedeckt.

Dampfende Erde in Island, Geothermie Grönland

Dampfende Erde in Island, Geothermie

All das berichtet der Guide auf der Rückfahrt zum Schiff. Dort werden wir schon ungeduldig erwartet. Obwohl die Gletscherwanderer immer pünktlich am Bus erschienen, die einzelnen Punkte gekürzt wurden und unser Bus von keinen Pannen oder Staus ausgebremst wurde, verspäten wir uns um über eine halbe Stunde. Das bedeutet: das Zeitfenster der AIDAcara ist zu klein für die angebotenen Ausflüge.

Das selbst gesteckte Ziel von AIDA Selection: Gäste könnten Land und Leute kennenlernen, wird meilenweit verfehlt.

Kurs Shetland-Inseln

Wir verlassen Reykjavik gegen Abend. Die Sonne taucht gegenüber das Viðeyjarstofa Restaurant in einladendes Abendlicht. Die AIDAcara legt ab und verlässt mit drei Signalen aus dem Typhon und mit der Auslaufmelodie den Pier von Reykjavik.

Der nächste Hafen ist Lerwick auf den Shetland-Inseln. Bis dahin liegt noch ein Seetag vor uns. Schon kurz nachdem wir die offene See gewonnen haben, wird die See bewegter, und am Himmel ziehen in mehr oder weniger großen Abständen schaurige Regenwolken vorüber.

Eisberg oder was?

Aber was ist das? Es sieht aus wie ein Eisberg, der mit Ruß und Asche bedeckt ist. Aber südwestlich von Island erwarte ich keine Eisberge mehr.

Nach einigem Suchen löst sich das Rätsel. Es handelt sich um die kleine Insel Eldey. Und das Weiße ist kein Eis, sondern Guano. Der kleine Felsen, den wir in gut 10km an Steuerbord passieren, ist dicht an dicht von Seevögeln bewohnt. Die Insel (sie ist knapp 20.000m² groß) besteht aus vulkanischem Gestein und ist bei einem Vulkanausbruch im 13. Jahrhundert entstanden.

Felseninsel Eldey Grönland

Die kleine Felseninsel Eldey

Dänische Seeleute nannten den Brocken wegen der Flecken „Mehlsack“. Wenn sie gewusst hätten, dass man mit Vogeldreck viel Geld verdienen kann, hätten sie ihn wahrscheinlich „Geldbeutel“ genannt. Heute steht die Insel unter Schutz und darf nicht betreten werden. Für den letzten Riesenalk kommt diese Maßnahme zu spät: das letzte Brutpaar dieses flugunfähigen Vogels wurde hier 1844 erschlagen.

Kurs Lerwick

Die Nacht ist atlantisch; wem schwankende Planken nicht zusagen, sollte diese Reise nicht buchen.

Auch der folgende Tag – ein Seetag – bietet eher fotografisch interessante Motive als Anlässe, das Pooldeck zu frequentieren. Regenschauer verdunkeln die hier und da erkennbare Sonne und überziehen die wogende Gischt mit streifigen Mustern. Ab und an fegt ein Guss auch über das Schiff und prasselt an die Balkontür. Die Dichtung ist dieser Herausforderung nicht gewachsen, so dass ich beim Herantreten in einen sumpfigen Teppich tapse.

Auch die Nacht vor dem Erreichen der Shetland-Inseln ist ruppig. Lerwick begrüßt uns bei Windstärke 8 mit fegender Gischt, die der Sturm von den Wogen wegreißt: rau aber herzlich 🙂

Windstärke 8 reißt viel Gischt von den wellenköpfen

Windstärke 8

Bressay-Sund

Lerwick liegt auf der größten der Shetlandinseln. Wir gleiten, von einem Lotsen sachkundig beraten, auf unser heutiges Ziel zu. Die AIDAcara nähert sich Lerwick auf dem Bressay-Sund: er führt uns zwischen zwei Inseln hindurch zur Haupt-Insel, die Mains mit ihrer Verwaltungssitz Lerwick. Wir sehen sehr viel Grün – und trotz idealer Bedingungen keine Windräder. Wer Erdöl im Garten hat, pflanzt sich wohl keine solche Spargel vors Haus. Und vor den Shetlands beuten die Konzerne seit 50 Jahren eine schier unerschöpfliches Erdölvorkommen aus. Eine unübersehbare Ansammlung von Tanks zerstreut alle Zweifel über die Präferenzen bei der Energiegewinnung.

Lerwick empfängt uns rau aber herzlich schottland Schettland-Inseln

Lerwick empfängt uns rau aber herzlich

An Backbord passieren wir einen bemerkenswert großen Friedhof, dem augenscheinlich keine Kirche zugeordnet ist. Es gibt viele Neubauten, der alte Stadtkern am Hafen wird aber optisch von Häusern beherrscht, die aus den Steinen der Umgebung gebaut wurden. Über allem thront das Fort Charlotte. Es ist eine Festung, deren Ausdehnung sie zu einem Riesenbauwerk machen. Es will, trotz der farblichen Anpassung an die Altstadt, so gar nicht zu den kleinteiligen Häusern der Stadt passen. Es wäre ein Akt der Architekturhygiene, diesen Koloss zu schleifen. Aber das Fort steht unter Denkmalschutz und wird darum wohl bis ans Ende aller Tage über Lerwick und den Bressay-Sund herrschen.

Blick auf Lerwick

Der Hafen von Lerwick ist groß: über 3km Kailänge mit einer Wassertiefe von über 12m. Allerdings muss man erst mal hinkommen. Die AIDAcara hat einiges mit der Deutschen Bahn gemeinsam: Wind mag sie nicht. Sie kommt nicht in den Hafen. Die Schrauben werden über starre Wellen angetrieben und die Seitenstrahlruder sind zu schwach, um bei Wind das Schiff sicher in den Hafen zu manövrieren. Lange Rede, kurzer Sinn: die AIDAcara scheitert ein weiteres Mal beim Versuch, einen Hafen planmäßig zu erreichen und rettet sich auf einen Liegeplatz auf Reede. Wir müssen darum per Tenderboot zu unserem Ausflug.

Immerhin müssen die Teilnehmer der Ausflüge nicht für ein Tenderticket anstehen, sondern können gleich in ein Boot steigen und zum Anleger übersetzen.

Wir haben den Ausflug „LER01 Inselfahrt&Jarlshof“ gebucht, der uns zu der Ausgrabungsstätte Jarlshof und zum Sumburgh-Head führt.

Die Fahrt folgt dem Weg der AIDAcara, nur entgegengesetzt zur Südspitze der Shetlandinseln.

Jarlshof

Die Landschaft hinterlässt keine Eindrücke. Gelegentlich erhascht man einen Blick auf die Gischt des Meeres, hier und da wird Torf gestochen. Es ist wohl dem besonderen Verhältnis der Bewohner zur Tradition zuzuschreiben, dass sie trotz des Überangebots an Energie noch immer Torf stechen und verheizen. Ich entdecke auf einem kleinen Hügel immerhin drei unscheinbare Windräder. Viele Schafe, wenige Kühe und noch weniger Pferde grasen uf den weitläufigen Weiden.

Das Spannendste ist die Querung des Flughafens. Die Straße führt über die Landebahn und wird nur bei anstehenden Flugbewegungen mit einer Schranke gesperrt.

Der Jarlshof ist eine sehr alte Siedlungsstätte, seit der Bronzezeit ist der Ort dauernd besiedelt. Die Häuser wurden jeweils auf den Trümmern der vorigen Gebäuden errichtet, vielfach werden die Bauherren gar nicht gewußt haben, auf welche alten Fundamenten die Mauern ihrer Häuser errichteten.

Jarlshof und Literatur

Dem schottischen Schriftsteller Walter Scott ist es zu danken, dass der Name dieses Siedlungsortes vor dem vergessen bewahrt wurde. In seinem Roman „Der Pirat“ finden wir eingangs nicht nur die Herleitung des Namens, sondern auch ein treffliche Landschaftsbeschreibung.

Die lange, schmale, unregelmäßige Insel, gewöhnlich als weitgrößte der ganzen Inselflur, Festland von Shetland genannt, endigt, wie den Seeleuten in diesem das Thule des Altertums umflutenden stürmischen Meeren sattsam bekannt ist, in einer Klippe von furchtbarer Höhe, Sumburgh-Head genannt, die, von wilder Brandung umtost, gegen Süd-Osten die äußerste Spitze der Insel, den Roost von Sumburgh bildet.

Auf der Landseite ist das Vorgebirge mit kurzem Grase bedeckt und läuft steil in eine schmale, von vielen kleinen Buchten zerrissene Landzunge aus. Ein norwegischer Häuptling oder nach andern Nachrichten, wie der Name Jarlshof schließen läßt, ein alter Graf von den Orkney-Inseln, hatte diese Landzunge zu seinem Wohnsitz gewählt, der aber schon lange verlassen ist. Trieb-Sand hat die Trümmer begraben. Zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts stand jedoch ein Teil des Grafenschlosses noch und war sogar in bewohnbarem Zustande; es war ein rohes Gebäude aus unbehauenen Steinen mit einigen kleinen, ohne alle Regelmäßigkeit eingefügten Fenstern. Die früher vorhanden gewesenen Wirtschaftsgebäude mit den Räumen für Gefolge und Dienerschaft waren aber verfallen, die Balken zu Brennholz oder anderen Zwecken verbraucht; die Mauern stellenweise eingestürzt.

Wandern durch die Jahrtausende

Der beschriebene Wohnsitz aus unbehauenen Steinen steht noch heute als Landmarke für eine weit größere Siedlung, die Archäologen dem Meer entrissen oder rund um die Ruine ausgegraben haben.

Der Besuch ist lohnenswert, jedenfalls wenn man eine so kenntnisreiche und auskunftsfreudige Führerin hat. Das Gelände ist perfekt für Besucher präpariert. An vielen Stellen kann der Besucher die Informationen des Guides nachlesen oder vertiefen. Die Wege sind eher das, was man als „Englischen Rasen“ kennt. Es gibt keine strikten Regeln oder Verbote, die dem Besucher seinen Weg durch die Ausstellung vorschreiben.

Kirkwall

Die AIDAcara lichtet pünktlich den Anker und verlässt die Shetlandinseln in Richtung Orkney-Inseln. Der nächste Hafen ist Kirkwall und liegt nur knappe 120 sm vom Lerwick entfernt. Die AIDAcara lässt es also ruhig angehen. Vielleicht zu ruhig: sie scheint eher irgendwo zu dümpeln, statt normale Fahrt aufzunehmen. Ohne wirksame (oder ausgeklappte) Stabilisatoren erleben wir eine der unangenehmsten Nächte. Es ist das erste Mal, dass der Seegang ein paar Gläser umwirft und unter markerschütterndem Klirren in Scherben verwandelt. Ich erwähnte schon, dass man einen robusten Magen haben sollte, wenn man diese Reise bucht.

In Kirkwall erwartet uns ein Bus-Shuttle, den die Stadt bereitstellt. Man ist gut gerüstet für Kreuzfahrtgäste. Wir erhalten einen Stadtplan und eine Übersicht über die Sehenswürdigkeiten der Stadt. Am Kai liegt die „Caledonian Vigilance“, ein merkwürdiger Kahn, dessen Aufbauten das Schiff kopflastig wirken lassen. Es ist in der Off-Shore-Industrie tätig.

Die Orkneys sind bekannt für unbeständiges Wetter. Kräftige Regenschauer wechseln sich schnell mit Sonne ab. Regenbögen gehören darum zu den ständigen Begrleitern beim Stadtrundgang.

Auf der Fahrt zum ZOB kommen wir an einem merkwürdigen Gerät vorbei: es hat die Größe iens kleinen PKW und zeichnet sich durch einige Propeller aus. Es ist aber keine Unterwasserdrohne, sondern ein Generator, der den Tidenhub zur Stromerzeugung ausnutzt. Viel kann das aber bei einem Tidenhub von weniger als 3m nicht sein.

St. Magnus Kathedrale

Mein Weg führt durch einen heftigen Regenschauer zur St. Magnus Kathedrale in der Ortsmitte. Ihr Name leitet sich ab von Magnus Erlendsson. Er war  um 1100 Herrscher auf den Orkney-Inseln. Er hatte Streit mit seinem Vetter, der durch einen Axthieb auf das Haupt des Grafen zugunsten des Vetters entschieden wurde.

Kirkwall-St-Magnus-Kathedrale

St-Magnus-Kathedrale

Wundergläubig wie die katholische Kirche war und ist (Erst im Oktober 2018 hat Chef der Katholiḱen eine paar Verstorbene als „Heilige“ in den klerikalen Himmel gepflanzt: Willkommen im Mittelalter!) schrieb man dem hinterrücks Gemeuchelten Wundertaten zu. Und ein Neffe von Magnus Erlendsson namens Rognvald, legte das Fundament für die St. Magnus Kathedrale, damit die wundersame Leiche eine angemessenen Wirkungsstätte erhalte. Auch dem Neffen war kein naürlicher Tod beschieden. Die sterblichen Überreste der Beiden liegen heute im Chor der Kathedrale, die damals von von einem Popen in Trondheim verwalten wurde.

Um die Kathedrale gibt einen Friedhof mit zum Teil eindrucksvollen Grabmälern. Viele sind aber auch umgekippt, neigen sich bedenklich oder sind mit Flechten und Moosen überzogen.

Friedhof St-Magnus-Kathedrale

Friedhof St-Magnus-Kathedrale

Das Innere der Kathedrale ist bemerkenswert schlicht. Es fehlt jeglicher Klerikalkitsch. An den Seiten stehen einige Grabmäler vergangener Zeiten. Es gibt jeweils eine Übersetzung der zum Teil doch undeutlichen Schrift. Die Glocke der Royal Oak, im Zweiten Weltkrieg im Heimathafen von einem U-Boot versenkt, erinnert an den Tod vieler Matrosen. Ich habe allerdings noch keine Schiffsglocke gesehen, die nicht den Namen des Schiffes getragen hätte.

Gegenüber befindet sich die Ruine des Bischofssitzes. Sie ist nur gegen Gebühr zu besichtigen. Ich bleibe also draußen und betrachte die gut erhaltene und perfekt gesicherte Fassade. Direkt vor dem Eingang der Kathedrale gibt es ein Kommunales Zentrum. Hier kann man heiraten oder das freie Internet nutzen. Lecker und unbedingt zu empfehlen ist das lecke Eis in dem Laden nebenan. Geld eintauschen müssen Sie nicht, weil hier jeder ohne Murren Plastik-Geld akzeptziert

Nach Hamburg

Zum Abschied bläst uns die örtliche Dudelsacktruppe den Marsch. Wir verlassen die Orkneys beim typischen Mix aus Regen und Abendsonne. An Backbord gleitet in kurzer Entfernung das „Balfour Castle“ vorbei. Kurz darauf ein sehenswertes Ensemble von Wohnhaus und Leuchtturm.

Der kommende Regen kündigt sich durch atemberaubendes Abendrot an. Über den schwarzen Wolkenbergen steht strahlend ein zunehmender Mond im ersten Viertel. An den Steilküsten erkennt man Dutzende Möwen und vielleicht auch andere Seevögel, die sich ihr Abendessen aus dem Meer fischen oder schon einen Verdauungsflug um die Felsen machen.

Am Morgen unseres letzten Seetages lacht die Sonne, als wäre sie nie von Regen und Sturm behindert worden. Wir überqueren das Gasfeld A6 im sogenannten „Entenschnabel„. Hier steht u.a. die „Bohrinsel A6 A“ und fördert für deutsche Haushalte seit vielen Jahren Erdgas. An Steuerbord passieren wir den Flüssiggastanker Fedor Litke. Ob die Bohrinsel das Gas verflüssigt und in Tanker pumpt, weiß ich nicht. Aber möglich wär’s.

Wir genießen die milde Herbstluft, die eher an Sommer erinnert, auf unserem Balkon. Die Überwachungskamera über unserem Balkon gibt ein paar sehr große Wermutstropfen in den Genuss.

Die Nordsee zeigt sich den ganzen Tag versöhnlich. Kaum ein Hauch, nur eine unbedeutende Dünung.

Abends laufen wir dann langsam in die Elbmündung ein. Die Lichter der Nordseeküste künden von baldiger Heimkehr, die verwirrenden Signale der vielen Leuchttürme weisen unserem Schiff den Weg.

Heimkehr

Die AIDAcara läuft bei morgendlicher „Blue Hour“ in den Hamburger Hafen an. Still schiebt sich die vertraute Kulisse des Elbufers an unserem Balkon vorbei. Die dicht bebauten Hügel von Blankenese und das markante Dockland am Kreuzfahrtterminal Altona lassen keinen Zweifel: wir sind zu hause. Weil die AIDAcara am alten Kreuzfahrtterminal in der Hafencity anlegt, passieren wir auch die Landungsbrücken mit ihrem kecken Pegelturm. Kaum jemand winkt: es noch viel zu früh für die „Seeleute“.

Und wer es noch selbst gesehen hat, kann sich jetzt mit eigenen Augen überzeugen: die Elbphilharmonie ist fertig, und die Plaza wartet auf Besuch.

Wer sein Fahrzeug am Kreuzfahrtterminal Steinwerder abgestellt hat, wird mit Shuttle-Bussen zu seinem Auto gebracht.

Sofort nach dem Festmachen beginnen zwei große Autokräne das beliebte 3D-Puzzle, bei dem aus zwei Treppen und einem Container ein stabiler Aufgang zum Eingang auf Deck 6 der AIDAcara entsteht.Ja: das Terminal in der hafencity war 2004 als Provisorium geplant und aus Containern erreichtet worden. Und es ist ein liebevolles Relikt des „Nicht-so-perfekten“ geblieben.

Man weiß gar nicht, wo man zuerst hingucken soll: zur prächtig von der aufgehenden Sonne beleuchteten Elbphilharmonie oder zu dem minutiös eingeübten Durcheinander von Gabelstaplern, Tankwagen, Containern und Kühllastern. Fast alles, was in den Restaurants angeboten wird, ist Tiefkühlkost. Für Gemüse, Salat oder Obst gibt es große Kühlräume, die alles tagelang frisch halten. Auf unserer Reise haben wir z. B. erst in Reykjavik Nachschub an Bord genommen.

Hamburg: die Elbphilharmonie mit dem Westin-Hotel in der Morgensonne

Morgensonne auf der Elbphilharmonie

Ballett für 6 Stapler und 3.000 Koffern

Besonders das Ballett der Gabelstapler, die sich um das Ausladen des Gepäcks kümmern, ist sehenswert. Ein fahrbarere Kran hebt zwei hochbeladene Gepäckwagen in einem Käfig aus den unsichtbaren Innereien der AIDAcara auf den Kai. Ein Gabelstapler nimmt den Käfig und dreht ihn so, dass ein anderer die beiden Gepäckwagen aufnehmen und in die Halle tragen kann. Dort wird er von einem anderen Stpler übernommen und zum Ausladen ins Terminal gebracht. Bald hat der Fahrer gut zu tun, weil auch von hinten Gepäck ausgeladen wird.

Ganz verstanden habe ich nicht, warum die Gäste ihr Gepäck nicht einfach selbst von Bord tragen. Man spart sich eine Stunde Wartezeit.

Nach 11.200km Seereise, die uns in die Häfen vieler Länder geführt hat, auf der wir unvergesslich schöne Nordlichter gesehen und eine unüberschaubare Vielfalt von Eisbergen bestaunen konnten, kommen wir jetzt langsam buchstäblich wieder runter: nämlich von Bord und von der Erlebniswolke aus Wolken, Sturm, Felsen, Vulkanen, Gletschern, Eisbergen und …und …

Sie haben’s ja gerade gelesen.